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"Wir hatten Zustände an Bord" - Chaos, Sturmtief und gemütlicher Ausklang

Donnerstagabend: Wir stehen zu dritt unter Dach, während es um uns herum mächtig donnert und in Strömen regnet, und betrachten die Blitze am Nachthimmel: Heide, Silvia und ich. Wir reden übers Segeln, die zurückliegende Woche, die Wahrscheinlichkeit, auf See vom Blitz getroffen zu werden. Ich berichte davon, wie wir in Schweden ins Gewitter kamen und erzähle noch manche Anekdote. Während ich rede, wird mir bewusst, wieviel Begeisterung aus jedem meiner Sätze quillt. Die beiden Frauen werden merklich infiziert. 

August
2018

Heide und Silvia sind eindeutig nicht die treibende Kraft hinter dem jeweiligen Projekt Folkebootsegeln – das sind eher ihre Männer. Sie stürzen sich nicht gierig auf jede neue Erfahrung – da sind eher Respekt, Anspannung und Nervosität im Spiel. Später im Hafen: Erleichterung! Noch mal gut gegangen. Ach, wenn wir bloß nicht morgen wieder ablegen müssten...

Doch jetzt merkt man ihnen an, dass unser Gespräch etwas bewirkt. Es löst die Bereitschaft aus, die schönen Erlebnisse zu genießen, die schwierigen Situationen als wohltuend lehrreich zu betrachten und lebendigen Anteil zu haben an dem grandiosen Abenteuer, mit Paula und mir auf Törn zu gehen. Als wir Svendborg verlassen, um in der zweiten Reisewoche an die Schlei zurückzukehren, sind Heides und Silvias Begeisterung, Faszination und Optimismus unverkennbar gewachsen.

Das liegt sicher nur zum Teil an unserem Gewitterabend. Natürlich kommt auch die allmählich sich einstellende Routine zum Tragen, die Vertrautheit mit der eigenen Crew und der Gesamtgruppe. Und auch unser kleines Intermezzo hier trägt dazu bei. Als Kontrast zum Fahrtensegeln sind wir zur Svendborg Classic Regatta angereist. Dieser Programmpunkt war meine Vorgabe – ich möchte unbedingt wieder teilnehmen, also müssen die Charterboote mit. Und die Charterer erhalten die seltene Gelegenheit, bei einer gemütlichen, unverkrampften Veranstaltung mit dabei zu sein.

Sturmtief Johanna trübt gleichwohl den Regattaspaß. Statt insgesamt sechs Wettfahrten werden nur zwei gestartet, eine am späten Freitagnachmittag, die andere früh am Samstagmorgen, in einem Zeitfenster, für das die Regattaleitung drei bis vier Windstärken verspricht, bevor wieder siebener Schauerböen durchziehen. Es sind letztlich eher fünf bis sechs in dem Zeitfenster, und höchstens die Hälfte der gemeldeten Boote läuft überhaupt aus. Doch an beiden Wettfahrten nimmt eines der Charterboote teil: Mal ist es Oliese mit kombinierter Oliese-Salty-Crew, dann Frieda mit kombinierter Frieda-Martha-Crew. Alle Wünsche werden erfüllt: Wer es möchte, bekommt so viel Regattaerlebnis, wie unter den Umständen möglich. Wer das nicht möchte, wie Heide und Silvia, wird auch nicht gezwungen. Im Hafen obliegt ihnen die Aufgabe, die nicht auslaufenden Boote zu verholen, damit die Innenlieger rauskönnen – sie gehören also in jedem Fall dazu. Noch offenkundiger wird das am Samstagabend bei der Siegerehrung und dem anschließenden Fest im historischen Pakhus. Es ist ein unvergessliches Erlebnis, von die Gäste vorher nicht ahnten, wie gut es ihnen gefallen würde. Wir gehören zu den Letzten, die in die Koje gehen.

Für die anfängliche Skepsis, Nervosität und Anspannung gibt es – jenseits geringer Erfahrung oder genereller Segelleidenschaft – gute Gründe. Denn am Beginn der Reise stand: Das Chaos!

Diese dritte Etappe unserer Sommerreise beginnt in Odense. Odense ist die drittgrößte Stadt Dänemarks. Kaum ein Segler kennt sie, und dafür gibt es Gründe. Wir sind mit der Gruppe, die in Marstrand aufgestiegen ist, hierhergefahren. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Eben noch ankerten wir im Päckchen in der Idylle Korshavns, nun tuckerten wir, ohne die Segel an diesem letzten Tag der Abenteuerreise überhaupt auszupacken, durch eine schmale Baggerrinne, die sich von Industrieanlage zu Industrieanlage im Zickzack durch den nur siebzig Zentimeter flachen Fjord schlängelt. Drei Frachtschiffe sind uns schon begegnet, bevor wir den Odense Kanal erreichen. Die Landschaft ist mal lieblich und beschaulich, mal monströs-industriell. Dazwischen bahnen sich fünf tapfere Folkeboote ihren Weg. Das Timing für die Drehbrücke Odins Bro gelingt, eine halbe Stunde müssen wir an einem dafür vorgesehenen Anleger warten. Ich funke den Brückenwärter an, er ist ausgesprochen freundlich und gut gelaunt und verspricht eine möglichst pünktliche Öffnung um dreizehn Uhr dreißig. Nicht extra unseretwegen: Es kommt uns ein weiterer Kümo entgegen.

Eine Viertelstunde nach der Brückenpassage erreichten wir den weitgehend ausgedienten Handelshafen im Norden der Stadt und fanden ein Plätzchen – an improvisierte Liegeplatzsituationen waren wir inzwischen gewöhnt. Bis hierher war es ein schöner Kontrast und ein letztes Abenteuer, durchaus sehenswert, aber bestimmt nicht jede Woche: Der Odense Fjord ist kein günstiges Segelrevier. Deswegen verirrt sich kaum jemand hierher – wir wurden sogar gefragt, was wir dort denn bloß wollten. Und weil keine Gastlieger kommen, ist der Hafen in keiner Form darauf eingestellt. Immerhin, in Liegeplatznähe fanden wir eine öffentliche Toilette. Eine Tankstelle war zu Fuß zu erreichen, so dass die neuen Gäste vollgetankte Boote vorfinden, allerdings ohne aufgefüllten Trinkwasservorrat. Hafenduschen gab es keine, dafür aber ein öffentliches Schwimmbad mit freiem Eintritt und schön heißen Duschen. Die Wahl fiel ja auf Odense, weil es gut zu erreichen ist, und das hat sich bestätigt. Mit etwas Improvisation lässt es sich gut aushalten.

Nun reisen nach und nach die neuen Gäste an, erwartungsvoll und mit leuchtenden Augen, während die bisherige Gruppe in Etappen abreist – müde, aber voller Eindrücke. Ich werde sie vermissen. Die neue Gruppe muss sich erst eingewöhnen und einspielen, an die Handgriffe an Bord und das Miteinander gewöhnen. Auch an mich und meine Rolle als Törnplaner etc. müssen sich alle gewöhnen. Und ich muss mir bewusst machen, dass ich von den „Neuen“ nicht die gleiche Sicherheit erwarten kann wie von den Abreisenden.

Der ideale erste Reisetag hätte so aussehen können: Stauen von Gepäck, Anreise des Nachzüglers der Salty-Crew. Olieses Crew, Vater und zehnjähriger Sohn, die schon nach einer Woche in Svendborg absteigen wird, parkt dort das Auto und kehrt gemütlich mit der Bahn zurück. Wir machen in Ruhe Einweisung und nutzen den Rest des Tages dazu, im geräumigen Hafenbecken ein paar Manöver zu segeln. Danach laufen wir gemeinsam aus und suchen uns einen kleinen Hafen im Odense Fjord, um die Nacht im Grünen zu verbringen. Nach einem gemütlichen ersten Abend im Cockpit erreichen wir am Sonntag den einzigartigen Naturhafen Korshavn – früh genug für den unverzichtbaren Landgang.

So wäre es ideal gewesen, doch die Bedingungen sind anderer Meinung: Von Samstagabend bis Montagmorgen wird es mit sieben Windstärken pusten. Den unvermeidlichen Liegetag in Odense zu verbringen, ist für niemanden eine Option. Wir müssen also das Kunststück vollbringen, noch am Samstag nach Korshavn zu kommen, und zwar vor der Dämmerung und dem Aufbrisen. Wesentliches Nadelöhr ist die Brücke – sie öffnet um 13 Uhr 30 und dann wieder um 16 Uhr 30. Also entweder zu früh für Nachzügler Jonas, oder zu spät für Korshavn.

Ich bin bester Laune, als wir eine Lösung des Dilemmas finden: Wir nehmen die frühere Brücke und legen im nächsten Hafen entlang des Kanals wieder an. Jonas bekommt Order, sich dorthin ein Taxi zu nehmen. Ich erwarte dort entspanntes Anlegen längsseits an der Außenmole, das sollten alle auch aus dem Stehgreif ohne Weiteres schaffen. Dort werden wir Wasser bunkern und danach Einweisung und Briefing erledigen. Ich melde uns frohen Mutes bei der Brücke an.

Guter Plan? Dachte ich auch. Dachten alle. Das erste Problem tritt auf, als Jan und Linus in Svendborg den Zug verpassen und erst kurz vor eins wieder in Odense sein können. Um ein Uhr sollen wir ablegen. Ein Blick auf Paula und Oliese verrät mir die Lösung: Sie liegen ohnehin nebeneinander innen im Päckchen. Zwei zusätzliche Springs, dann können wir ablegen. Zwei Folkeboote mit einem Ruderblatt und einem Außenborder zu manövrieren, ist nicht ganz einfach, aber es klappt. Gerade haben wir Fahrt aufgenommen, da kommt Olieses Crew die Pier entlanggeschlendert. Prima, Zug war pünktlich – wir legen kurz nochmal an und nehmen sie mit. Auf der Fahrt zur Brücke erledigen wir die Motoreinweisung, dann lösen wir den Schleppverband auf. In Stige erkenne ich, dass wir an der Außenmole bei dem auflandigen Wind nicht liegen können. Stattdessen müssen wir uns im engen Hafen freie Boxen suchen.

Und damit beginnt das Chaos.

Ich bin es gewöhnt, in Ruhe selbst anzulegen und dann einem Charterboot nach dem anderen einen Platz zu suchen und Leinen anzunehmen. Zwar sind Jan und Linus die einzigen, die noch nie bei mir ein Boot gechartert haben, doch für alle ist es die erste Flottille. Wie sollten sie die Anlegeroutine kennen? Das Briefing, bei dem ich stets eindringlich betone, dass wir nacheinander in den Hafen einlaufen müssen, um uns nicht gegenseitig in die Quere zu kommen – dieses Briefing hat noch nicht stattgefunden. Es ist für nach diesem Anlegen vorgesehen. Ihr ahnt schon, was passiert: Ich bin noch mit Paulas Leinen beschäftigt, da rauschen schon die Charterboote in den Hafen, überstürzt und hektisch, alle gleichzeitig und bunt durcheinander, teilweise aus verschiedenen Richtungen denselben Liegeplatz ansteuernd. Ich raufe mir die Haare.

Immerhin ist es nun anschaulich, was ich zu sagen habe: Ich helfe gerne beim Anlegen („Ihr habt Vollservice gebucht!“), wenn ich die Chance dazu erhalte. Und wir haben Funkgeräte, um uns anzusprechen. Immer nur ein Boot zur Zeit! Und so weiter. Als das geklärt ist, fahren wir weiter. Tuckern bis zum Ende des Kanals. Von dort können wir segeln. Bei böigem West fünf wird das unvermeidlich sportlich. Aber ach! Die Haare raufen darf ich in lockerer Folge weiterhin ausgiebig.

Frieda verliert ihre Baumschere. Sammelt sie gleich wieder ein, aber ich hatte so sehr gehofft, es sei klar, dass man die vor dem Segelsetzen rausnehmen muss. Salty geht zum Segelsetzen in den Wind, doch das Manöver dauert beim ersten Mal notgedrungen lange. Zu lange. Bevor das Segel oben ist, sitzt das Boot auf Grund. Ein vorbeikommendes Motorbötchen schleppt sie nach mehreren Anläufen wieder frei, wir können weiter. Es sind die normalen Tücken eines ersten Segeltages in unvertrautem Revier. Aber das alles hat Zeit gekostet, die wir nicht unbedingt haben.

Bis Korshavn ist es schönes Segeln bei voller Schräglage. Der bange Blick in den Hafen offenbart wenige, aber ausreichend viele freie Stegplätze - Ankern bei sieben Windstärken hätte ich nicht unbedingt gewollt. Der Wind pfeift jetzt aber doch schon ganz ordentlich durch den kleinen Hafen. Abdeckung gibt es hier keine. Drei Plätze sind von der Bucht aus gegen den Wind anzusteuern – das ist relativ simpel. Die anderen beiden Plätze sind um den Steg herum mit Anlegen bei Wind von hinten. Ein Spaß wäre das selbst für eine erfahrene, eingespielte Crew nicht, schon wieder ein Grund zum Haare raufen, aber erstmal muss Paula fest. Wir fahren an den Heckpfahl einer freien Box. Ich binde sie mit einer Vorleine fest. Lege die Achterleine über. Ziehe uns an der Achterleine des Nachbarn rein, gebe eine Vorleine über, den Rest erledigen die hilfsbereiten Menschen auf dem Steg – bestimmt zu zehnt haben sie sich versammelt, weil jedem klar ist, dass das Anlegen hier eine Herausforderung sein wird. Einer bietet Unterstützung per Dinghi mit Außenborder an.

Martha gelingt die Aufgabe in der Box neben uns souverän. Der Wind legt nochmal mächtig zu. Funkspruch von Frieda: Motor verhakt, geht nicht runter. Salty trifft ein – letztes Jahr war für die Crew noch ein harmloser Schlei-Törn ein großes Abenteuer. Die werden jetzt Unterstützung brauchen. Das hier wird länger dauern – ich bitte Jan, mit Vorleine am Heckpfahl der letzten freien Außenbox festzumachen und erstmal abzuwarten, damit er nicht die ganze Zeit hin und her fahren muss. Er missversteht mich und kurvt um den Steg herum aufs Ufer zu. Dann, davon bin ich überzeugt, kümmert Oliese sich um die Schadensbegrenzung. Linus am Funk: „Wir sitzen fest – was sollen wir machen?“ Ich sage: „Bleibt mal ganz ruhig da sitzen, dann könnt ihr schon nix kaputtmachen.“ Dann wende ich mich an den freundlichen Helfer: „Ich würde jetzt gerne auf das Angebot mit dem Schlauchboot zurückkommen...“

Später wird er sagen: „Ich hab das gerne gemacht. Und außerdem hatte ich selbst mal ein Folkeboot.“ Ich schenke ihm zum Dank ein Buch, könnte mir vorstellen, dass ihm das Freude macht. Doch das Geschenk muss er sich wacker erarbeiten. Zunächst setzt er mich zu Frieda über. Ich entriegele den Außenborder, übernehme das Ruder, steuere die freie Außenbox an. Der Plan ist der gleiche wie eben bei Paula und Martha: Vorleine um den Pfahl, in Ruhe die Achterleine, dann langsam ranziehen. Wenn man das Manöver kennt und versteht, kann es nicht schiefgehen. Obwohl die Crew von selbst vielleicht in der verständlichen Nervosität nicht auf den richtigen Ablauf gekommen wäre, kann es eigentlich auch jetzt nicht schiefgehen, denn ich bin ja dabei und sage Schritt für Schritt, was zu tun ist.

Wir sind auf gutem Wege, als sich der Liegeplatznachbar einmischt. Er ruft uns zu, auf welchen Pfahl wir die Achterleine legen sollen – er will verhindern, dass wir seine eigene Achterleine übersehen und uns darin verheddern. Aber wie das nunmal so ist, wenn von allen Seiten Kommandos gebrüllt werden, geht die Reihenfolge der Ausführung durcheinander. Ergebnis: Wir erreichen den Pfahl, ich atme durch, Frieda treibt ab und hängt ziemlich schlau mit dem Heck zum Liegeplatz an ihrer einen Leine. Unser Schlauchboot-Freund muss wieder ran. Irgendwann liegt Frieda ruhig und sicher auf ihrem Platz. Ich steige zurück ins Dinghi.

Auf der Salty klarieren wir erstmal den Heckanker – wir könnten ihn als Bremse gebrauchen. Den beiden Teenagern drücke ich die Achterleinen in die Hand und schärfe ihnen ein: „Wenn ihr irgendwie an einen Pfahl kommt, legt ihr das Auge drauf.“ Wir tuckern um den Steg herum und lassen uns vor Topp und Takel zum angepeilten Liegeplatz treiben. Johannes hält erwartungsvoll den Anker. Ich beschließe es ohne Anker zu wagen. Ein Fehler: Eine Bö schiebt uns, Salty wird rasend schnell, doch für den Anker scheint es nun zu spät. Ich gebe Rückwärts. Der Motor bremst ein wenig, doch der Radeffekt stellt Salty quer. Gang raus, Kurs korrigieren – Salty schießt auf den Steg zu. Miriam legt die Achterleine auf den Pfahl. Wirft geistesgegenwärtig dem Nachbarn in Luv eine Vorleine zu. Johannes stemmt sich in die Leine, Salty stoppt mustergültig auf. Knappe Kiste, aber hat funktioniert...

Nun wenden wir uns Oliese zu. Der Schlauchbootfahrer krängt sie mit dem Fockfall, sie kommt frei. Und nimmt natürlich sofort Fahrt auf. Ich manövriere uns erstmal weg vom Hafen, damit Ruhe reinkommt in das wilde Manöver. Dann begeben wir uns zu Salty. Diesmal mit Anker: „Schmeiß weg!“ brülle ich, und dann „Zieh! Halt gegen!“ Danach nehme ich dem verdutzten Jan die Ankerleine aus der Hand und kann Oli nun ganz ruhig aus der Hand treiben lassen. Linus übergibt Leinen, Oliese legt an.

Wir haben mal eben zwei Stunden lang den ganzen Hafen in Atem gehalten – respektable Leistung. Dafür aber auch ohne einen Kratzer. Als ich das alles später Björn schildere, wird der sagen, ich hätte an einem Abend mehr erlebt als er während seiner ganzen, zweimonatigen Reise. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt, aber es fühlt sich so an. Müde schlurfe ich zurück zu Paula. Kochen ist nicht, Stulle muss reichen. Und ich bin froh über den anstehenden Liegetag bei strahlendem Sonnenschein und umgeben von schönster Natur.

Am Montag ist das Gepuste vorbei. Ablegen und Segelsetzen gelingt nicht völlig reibungslos, mit Verzögerungen, die wir hier lieber unterschlagen wollen. Bei drei Windstärken segeln wir über den Großen Belt nach Reersø – ein gemütlicher Tag, wie wir ihn verdient haben. Der Wind schläft irgendwann ein, dann kommt eine frische Seebrise aus Südost auf. Schon wieder Anlegen bei fünf – die machen uns das wirklich nicht leicht! Aber diesmal gelingt es allen souverän und kontrolliert, ohne Gebrüll und Schlauchbootmanöver. Reersø ist in meinen Augen okay, aber unspektakulär. Die Gruppe ist begeistert – ein schöner Kontrast zu Korshavn und Odense ist der kleine Ort allemal, und das Fischgeschäft im Hafen ist wirklich toll. Und wir haben eine gute Ausgangsposition für den nächsten Tag.

Es gilt noch einen Konflikt auszufechten: Das Hafengeld wird per Briefumschlag am Hafenmeisterbüro bezahlt. Auf dem Umschlag soll man Bootsnamen und Liegeplatznummer eintragen. Wir liegen im Päckchen längsseits an Platz 76 und 77, aber das weiß natürlich keiner von uns, als wir die Umschläge ausfüllen. Also lassen wir das Feld frei. Im Umschlag finden wir die Schnipsel, die am Want zu befestigen sind. Dann kommt die Hafenmeisterin und beginnt ihre Kontrollrunde. „Das geht aber nicht dass wir nur für ein Boot bezahlen“, raunzt sie mich in Landessprache an. Unbeholfen versuche ich ihr in gebrochenem Dänisch zu verstehen zu geben, dass wir alle bezahlt haben: Eins, zwei, drei, vier, fünf, jeder hat bezahlt, jeder hat einen Schnipsel am Want, alles ist in Ordnung.

Sie versteht nicht. Nun begehe ich den Fehler, zu fragen, ob wir uns auf Englisch oder gar Deutsch unterhalten können. Davon will sie absolut nichts wissen, bekommt einen ähnlichen Wutanfall wie ich am Morgen in Korshavn. Dann stellt sich aber heraus, dass sie die Umschläge in ihrer Tasche dabeihat. Wir zählen nach. Paula, Frieda, aha, das sind ja schonmal zwei. Und hier Martha. Und da ist ja Johanna. Nein, Johanna liegt gegenüber und gehört nicht dazu. Also nochmal von vorn – sie steckt die Umschläge unsortiert zurück und blättert erneut alle durch. Paula, Frieda, Martha. Hm. Johanna. Nein, die nicht. Aber hier Salty. „Aber da fehlt trotzdem noch eine!“, insistiert sie, und tatsächlich findet sich kein Umschlag für Oliese.

Wir rufen Jan. Ob er bezahlt hätte. Oh ja, und zwar direkt bei der Hafenmeisterin. Wir reden inzwischen zu fünft auf sie ein, was sie nicht glücklicher macht – bis Jan vor ihr steht. Sie erkennt ihn wieder, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie findet den Umschlag, den sie selbst ausgefüllt hat: Statt eines ihr unverständlichen Bootsnamens steht da „Tysk“. Der Tag klingt aus, indem die ganze Gruppe bei Bier und Rotwein am Grillplatz zusammensitzt und Linus uns die Krebsrennbahn vorführt.

Nächster Tag: Südost drei ist die Vorhersage, damit sollen wir es über Weg T und durch die Brücke nach Nyborg schaffen. Wir verständigen uns darauf, zwischen Musholm und der vorgelagerten Fischzucht durchzusegeln – das ist die direkteste Strecke zu unserem Treffpunkt vor der gemeinsamen Querung des Tiefwasserwegs. Ablegen, Segelsetzen – das klappt inzwischen. Doch wir finden uns umgeben von Flautenlöchern und kleinen Windfeldern. Scheiß-Thermik! Schnell wird ersichtlich: Je weiter draußen, desto mehr Wind. Motoren gilt nicht, also hangeln wir uns von Gekräusel zu Gekräusel. Es bietet sich an, ganz außenrum an der Fischzucht vorbei zu fahren, um schneller die stetige Brise zu erreichen, die am Seegangsbild schon gut erkennbar ist.

Eine Crew meldet sich über Funk: Sie würden gerne östlich an Musholm vorbeifahren. Mit anderen Worten: Dichter an Seeland vorbei, und damit viel länger in der Flaute. „Na dann mach mal“, sage ich nur. Das Ergebnis ist absehbar: Am Treffpunkt warten wir eine halbe Stunde. Und nun tritt Murphy’s Law in Kraft: Die ganze Zeit war null Verkehr, jetzt kommt von Norden her ein Frachter auf. Wir warten. Und verlieren nochmal eine halbe Stunde.

Die Anderen murren: „Eine Stunde Beiliegen geübt – wirklich toll...“ Ich beschließe, mich nicht zu äußern. Auch die Anderen sagen nichts – ist ja auch nicht nötig, die Betreffenden haben selbst gemerkt, dass dieser Alleingang nicht sinnvoll war.

Die Großer-Belt-Brücke ist wie immer spannend. Auf Am-Wind-Kurs durchzusegeln, hat den Vorteil, dass Abdeckung und Turbulenzen einsetzen, bevor man die mächtigen Pfeiler erreicht – wir hätten notfalls genügend Platz, um wieder abzudrehen. Aber wir kommen durch. Südlich der Brücke ist wie ausnahmslos immer ganz anderer Wind. Zunächst ein bisschen flautig bei nerviger Dünung und Dampferschwell. Auf dem Weg nach Nyborg setzt ein ordentlicher Südwind ein. Und ich nähere mich der Gelegenheit, mich erneut furchtbar aufzuregen, zur Abwechslung aber diesmal nicht über die inzwischen vertrauten, liebgewonnen, seglerisch gut eingespielten Charterer.

Wir segeln, Paula vorneweg, in den alten Handelshafen, der inzwischen von Appartmentblocks umbaut und hübsch hergerichtet ist: Längsseitsliegen, als Gruppe zusammen, Liegeplatz garantiert – es ist sogar leerer, als erwartet. Beinahe komplett leer. Könnte daran liegen, dass es ein bisschen kabbelig ist bei dem Wind. Aber es ist allemal ruhiger als in den zwei schaukeligen Nächten in Korshavn, und der Wind wird abends abflauen und auf West drehen. Alternative wäre die Marina, aber die finde ich eher bedrückend, und es gibt nur verstreute Gastliegeplätze – das ist nix für eine Flottille. Ich berge die Fock. In der Mitte der westlichen Pier ist ein Holzdreieck gebaut, dessen Sinn ich noch nicht begriffen habe, das mir nun aber gelegen kommt: Bei Wind parallel zur Pier können wir hier, und nur hier, unseren Aufschießer fahren.

Das Groß schlägt, Paula baut ein bisschen Fahrt ab, die Vorleine liegt klar, ich konzentriere mich. An Land ein älteres Ehepaar – wollen die mir Leinen annehmen? Wollen sie nicht: Er raunzt mich an. „Wo willst du denn anlegen?“ Ich zucke die Schultern – wonach sieht’s denn aus? Da brüllt er in völlig empörtem Tonfall: „Mensch! Hier liegt man doch viel zu unruhig, Mensch! Warum gehst du denn nicht in den anderen Hafen, Mensch!“

Ich staune. Wie bitte? Passiert das gerade wirklich? Der Aufschießer ist längst vermasselt. Vor der Extrarunde sage ich: „Willst du mir jetzt sagen, wo ich anzulegen habe, oder was?“ Jetzt mischt die Gattin sich ein: Sie sieht wohl ein Szenario kommen, in dem ich an Land springe, und dann gibt’s auf Maul - eilig zieht sie Männe am Arm: „Komm, lass uns gehen.“

Der folgende Tag liefert unser Streichresultat: Erst ist kein Wind, dann kommt die Flaute dazu. Wir schaffen es bis Lundeborg, stolze elf Meilen, deren zweite Hälfte der Außenborder bewältigt. Der Tag ist dennoch bemerkenswert: Wir liegen im Innenhafen, zu fünft nebeneinander in Boxen, und auf den Platz daneben legt sich Folkeboot Drossel aus Arnis – wie wir auf dem Weg zur Regatta. Beim Abendessen sitzt die ganze Gruppe auf dem Steg zusammen. Fühlt sich inzwischen wirklich wie eine Gruppe an, auch wenn das definitiv zwei, drei Tage gedauert hat. Schade, dass Marcel, Jan und Linus schon in zwei Tagen abreisen. Uta macht einhand weiter. Und zwar ziemlich souverän, nachdem die aufregende Kreuz aus dem Svendborg Sund bewältigt ist.

DMit vier Booten – Oliese geht mit neuer Besatzung eigener Wege - setzen wir den Flottillentörn fort. Korshavn auf Avernakø, Stagodde am Eingang des Haderslev Fjords, Mjels Vig, Sottrupskov – landschaftlich absolute Highlights, und trotz Kuchenbudenwetter ist die Stimmung prächtig. Wir hatten genug Abenteuer, jetzt machen wir es uns gemütlich mit kleinen Schlägen. Der kürzeste, popelige sechs Meilen, ist mein persönlicher Favorit. Denn wir wagen ein Experiment: Bei Westsüdwest kreuzen wir aus der Dyvig. Genau in der engsten Engstelle kommt der Wind geradewegs von vorne – als wir uns ihr nähern, sind wir uns einig: „Es ist unmöglich. Also machen wir das.“

Paula darf mal wieder ihre Zauberkräfte unter Beweis stellen. Ich als Normalsterblicher muss mich ins Zeug legen, um ihr ein adäquater Assistent zu sein. Volle Konzentration, wir müssen jede Winddrehung ausfahren, jede Bö ausnutzen, jede Wende muss sitzen. Derer werden es zehn auf achtzig Metern, dann sind wir durch. Und ich bin bereits hochzufrieden mit unserer Tagesleistung.

Im Als Fjord kommt von hinten ein Schauer auf. Langsam, uns die Hoffnung lassen, er werde vorbeiziehen, aber schließlich doch mit der vollen, beeindruckenden Kraft seiner enormen Regentropfen, deren Einschlag die Wasseroberfläche in eine magische Landschaft verwandeln, die Emil Nolde und Caspar David Friedrich selbst dann nicht in dieser Perfektion hätten malen können, wenn sie sich zusammengetan hätten. Ein Schauer auf See ist ein grandioses Geschenk. Vor allem, wenn angenehm wenig Wind drinsteckt.

Ein bisschen Wind gibt es schon, und der flaut nach dem Durchzug der Wolke schlagartig ab. Es ist klar, was los ist: Die Schauerwolke ist ein eigenständiges Druckgebilde und erzeugt ihren eigenen Wind – auf ihrer Rückseite klaut sie uns sozusagen den Gradientwind. Alles, was wir tun müssen, ist ein Weilchen warten, bis sie sich ausreichend weit entfernt hat. Aber wie lange wird das dauern? Sie zieht quälend langsam. Sottrupskov ist eine knappe Meile entfernt. Der ursprüngliche Plan beinhaltete einen Abstecher nach Augustenborg, um dort Vorräte zu ergänzen, bevor wir hier anlegen. Jetzt möchte niemand riskieren, womöglich die sechs Seemeilen hin und zurück motoren zu müssen, und das Einkaufen ist plötzlich auch nicht mehr so dringend.

Als wir anlegen, weht uns eine stramme fünf entgegen. Nur Uta ist enttäuscht, dass niemand mehr segeln möchte. Als Alternativprogramm unternehmen wir einen schönen Waldspaziergang – das ist auch mal ein schöner Kontrast zum Segeln.

Für mich gilt es, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass wir nach sechs ereignisreichen Wochen Dienstreise nun wieder ins kleine, vertraute Arnis zurückkehren. In den Alltag von Bootsübergaben, Skippertrainings und Büroarbeit. Es hat mir trotz aller Aufreger und Stresssituationen ausgesprochen gut gefallen, doch allmählich setzt ein bisschen Verschleiß nicht nur bei den Booten ein – es ist schon ganz gut, dass die Reise nicht endlos ist.

Den letzten Abend verbringen wir in Maasholm am Restauranttisch. Auf dem Weg zur Schlei müssen wir bei fünf Beaufort reichlich Höhe laufen – das ist nicht weniger wild und ruppig als am ersten Tag. Aber Heide und Silvia strahlen und schwärmen von dem schönen Segeltag. Morgens packen wir die Segel gar nicht erst aus – eben nur nach Hause, aufklaren und abreisen. Letztes Jahr fühlten sich diese vier Meilen für die Salty-Crew noch wie eine Weltreise an. Fazit: Es hat sich Einiges getan in diesen zwei Wochen...

weiter: Die doppelte Paula
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