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"Ich hab mich nicht eine Sekunde unsicher gefühlt" - Ein wildes Abenteuer, Teil eins

Die Sommerreise beginnt mit einem Paket. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, die Boote segelklar. Paula liegt tief im Wasser, bestückt mit Reservesegeln, Ersatzaußenborder, Werkzeug und Proviant. Ich habe mir – die Reise verspricht aufregend und spannend, aber auch anstrengend zu werden – eine Mittagsstunde gegönnt. Wenig erholt von wirren Träumen, rappele ich mich aus der Koje und blinzele gegen die Nachmittagssonne. Auf der Kranplatte steht auf einer Palette dieser riesige Karton.

Juli 2018

Er kommt mir eigentümlich vertraut vor. Wo könnte ich ihn schonmal gesehen haben? Ah, richtig, auf einem Foto: Peter, eine Hälfte der mit der Bahn anreisenden Oliese-Crew, hat es mir gemailt, damit ich es gleich wiedererkenne, wenn seine persönliche Ausrüstung und der komplette Proviant eintreffen. Das Mobiltelefon meldet bereits eine Vielzahl zunehmend nervöser Nachfragen: Ob das Paket endlich angekommen sei. Ob es auch sicher das richtige Paket sei. Und so weiter.

Ich trenne das Klebeband auf und werfe einen Blick ins Innere. In der Wärme schwitzen unter Anderem bergeweise Kekspackungen und Milchtüten. Peter muss jetzt noch ein bisschen warten auf die ersehnte Empfangsbestätigung – erstmal muss das Zeug aus der Sonne. Ich hole Oliese an die Kranpier. Schlure den schweren Karton an den Liegeplatz, was nur mit der Hilfe eines freundlichen Nachbarn gelingt. Fange an, den Paketinhalt in die Kojen umzuladen.

Als das Schwerste raus ist, gelingt es mir, den Karton auf die Seite zu kippen. Nun kann ich vom Cockpit aus reingreifen, anstatt jedes Mal an Land zu klettern. Es ist tückisch: „Halt! Oh nein! Das Dosenbier!“ Reaktionsschnell fange ich alles auf, was mir entgegenrollt. Interessant finde ich die kleinen Plastiktüten mit einem braunen Pulver, das eine Backmischung sein könnte, nur dass nichts von Dr. Oetker zu lesen ist. Die ersten Schaulustigen erkundigen sich neugierig, was ich da mache, und werfen schmunzelnd einen Blick in den Karton. „Das gehört jetzt bei uns zum Service“, brummele ich schwitzend. Nach einer Stunde liegt Oli wieder in ihrer Box, Karton und Palette warten im vorher schon vollen Auto auf die Fahrt zum Recyclinghof, und ich schreibe Peter eine Mail: „Das Paket ist da. Und auch schon wieder weg. Dazwischen habe ich den Inhalt an Bord gepackt.“

Freitagabend. Eben sind die letzten Gäste eingetroffen, nun essen wir gemeinsam bei Specht’s zu Abend: Vier einander bisher fremde Crews, die – so viel ist sicher – morgen oder übermorgen bereits den Eindruck erwecken werden, sie segelten schon ewig gemeinsam. Ansonsten scheint gar nichts sicher: Die Vorfreude ist gewaltig, die Erwartungen sind hoch, aber diffus, die Nervosität ist spürbar. Wer gedacht hat, bei Windstärke 5-6 würden wir gar nicht erst auslaufen, hat sich getäuscht: „Lieber wäre ich bei halbem Wind 3-4 gemütlich das kleine Stück bis Marstal gesegelt, um am Sonntag richtig durchzustarten. Aber Sonntag ist Flaute, Montag Starkwind, da sind knapp dreißig Meilen am ersten Tag nicht genug." An Segelerfahrung mangelt es nicht - Ernst war bei der Schwedenreise vor zwei Jahren schon dabei, und außer seinem Vorschoter Peter sind alle schon Folkeboot gesegelt. Trotzdem müssen sie sich erst "einsegeln", da ist der pustige Beginn wenig hilfreich. Oder doch? Wenn die Segel erstmal stehen, erwarte ich keine gravierenden Schwierigkeiten, und danach wird die Gäste während der restlichen Reise nichts mehr schocken können.

Einzig Martha hat ein Problem: Zuerst findet die Einweisung notgedrungen in der Dunkelheit statt. Dann erweist sich die Schiene, die Marthas Baum am Mast hält, als zu schwach ausgeführt. Zwei Saisons lang ging das gut, jetzt ist sie auseinandergebogen und spuckt gelegentlich den Lümmelbeschlag aus. Das unerwartete Ärgernis hat ausgerechnet beim ersten Segelsetzen dieser langen Reise seine Premiere.

Als wir die Schlei verlassen, funktioniert vorerst alles einwandfrei, und wir segeln raumschots nach Marstal, kreuzen durch die enge Rinne, lassen den Hafen links liegen und sausen mit Rauschefahrt weiter. Am frühen Abend fällt Paulas Anker nach ordentlichen 42 Seemeilen in der Lunke Bugt. Die Anderen legen sich ins Päckchen, nach und nach bringen wir ihre Anker aus – wir bauen unsere eigene Insel. Auf Oliese müssen wir zwei Stündchen warten – eine vermasselte Wende vor Marstal genügte, damit die Crew dort auf Schlepphilfe warten musste, um wieder frei zu kommen.

Diese Verzögerung hält Peter aber nicht davon ab, das Geheimnis der keinen Plastiktüten zu lüften: Der gelernte Koch reicht zur Nachspeise frisch gebackenen Rotweinkuchen von Boot zu Boot. Nicht nur deswegen ist die Stimmung prächtig: Der erste Tag war schon ein ausgewachsenes, kontrastreiches Abenteuer. Wir haben gut Strecke geschafft. Und ich bin über den vielen Wind gar nicht mehr so böse – nach diesem Auftakt ist der Alltag aus den Köpfen, und nichts wird die Gäste mehr schocken können.

Auch nicht die fünfzig Meilen von Lundeborg nach Sejerø an Tag drei– ungerefft hoch am Wind bei zeitweise 6-7. Der Tag hat es in sich: Das Monstrum Großer-Belt-Brücke wäre beinahe schon Nervenkitzel genug. Gegen Wind und Strömung haben wir den Vorteil, dass wir in die Abdeckung und Turbulenzen der Brückenpfeiler geraten, bevor wir die Durchfahrt erreichen. Es ist also Platz für eine Wende, es wäre auch Platz, abzudrehen und einen zweiten Anlauf zu unternehmen oder den Motor zu Hilfe zu nehmen. Ist aber nicht nötig.

Nördlich der Brücke weht eine ausgewachsene 5, aber es rollt uns eine wirklich unangenehme See frontal entgegen. Es handelt sich unverkennbar um eine Dünung von weiter nördlich, wo der Wind stärker ist und erst noch auf West drehen muss. Die Welle lässt sich nicht aussteuern, Paulas Bug kracht wieder und wieder unsanft ins Wellental. Eine gute Stunde geht das so, dann brist es auf, was sich mit Gegenbauch im Groß und unter Akzeptanz des einen oder anderen Schluck Wasser über die Kante gut aushalten lässt, und die Welle fällt nun passend zum Wind seitlich ein. Und wie erwartet hat sich der Wind, als wir den Großen Belt verlassen und auf Ostkurs gehen, weitgehend ausgetobt. Friedlich und ruhig segeln wir in den geräumigen Inselhafen.

Zwar machen mich die widersprüchlichen schlauen Tipps anderer Hafenlieger fast wahnsinnig, bis klar ist, dass wir im leeren Fischerhafen tatsächlich liegen dürfen. Zwar scheitert der Versuch, Frieda unter Segeln anzulegen, wieder und wieder daran, dass der Aufschießer in der Abdeckung der Außenmole misslingt und ich das viel zu schnelle Boot zu einem erneuten Versuch wegschicke. Zwar kommt Paula beim Verholen von dort zur Fischerpier – unter Fock, ich fange doch auf die letzten fünfzig Meter nicht an zu motoren – beinahe Salty in die Quere. Doch ich rege mich nicht auf, sondern beauftrage sie, Oliese freizuschleppen, die beim Warten zuerst mit schlagenden Segeln der ablegenden Fähre im Weg stand und dann im Vorhafen schon wieder in den Schlick geraten ist. Zwar verlangt Martha nun danach, die blöde Schiene abzumontieren, sie mit Schraubzwingen, so gut es geht, zusammen zu biegen und zu hoffen, dass sie danach für den Rest der Reise keinen Ärger mehr macht. Zwar haben alle lahme Arme vom Ruderdruck und auch sonst erschöpfte Glieder von der erheblichen Mühsal, sich bei vierzig Grad Schräglage und fast zwei Metern Welle einigermaßen in Position zu halten. Zwar ist einiges an Seekarten und Kojenpolstern mehr als nur ein bisschen nass geworden.

Doch auf müden, wettergegerbten Gesichtern sehe ich mindestens ein Lächeln, wenn nicht gar ein breites Grinsen, und der Tenor lautet: „Ich habe ich nicht eine Sekunde lang unsicher gefühlt auf diesem Boot.“ Meine Boote – sie werden eifrig bestaunt ob ihrer Schönheit – sind vielleicht ein bisschen gerupft, aber sie wirken mächtig stolz und glücklich, ihre Tapferkeit und ihre unerschütterliche Seetauglichkeit mal wieder richtig unter Beweis gestellt zu haben.

Für die schöne Insel haben wir leider keine Zeit. Nach flautigem Beginn wird es endlich das ersehnte Schönwettersegeln bei halbem Wind aus Ost 3-4, und das bringt uns nach Grenaa. Nach vier strammen Segeltagen können wir einen Tag Pause gut gebrauchen, und da trifft es sich gut, dass es bei Nordost vorerst nicht wirklich weiter geht.

Es ist eine Reise der Kontraste: Das mulmige Gefühl zu Beginn einer Abenteuerreise ins Unbekannte, die inzwischen entstandene Vertrautheit mit dem Boot, dem zuvor ungewohnten Päckchenliegen, der Gruppe. Flautengedümpel und Starkwind. Knifflige Engstellen offenes Wasser – als nächster Programmpunkt liegt vor uns die Weite des Kattegats. Quirlige, volle Häfen, bald jedoch die Ruhe und Einsamkeit in den Schären. Und immer wieder die überwältigende Schönheit der Natur in all ihren Facetten.

In dieser Hinsicht fällt Grenaa zweifellos aus dem Rahmen. Hier ist es nicht im eigentlichen Sinne schön. Dass man immer und immer wieder hier landet, hat einen anderen Grund: Von Süden, von Samsø oder Sejerø kommend, gibt es auf gut dreißig Meilen keinen Hafen. Nördlich biegt die Küste nach Westen ab, an Grenaa vorbei weiterzusegeln bedeutet also eine erheblich längere Strecke. Von Grenaa haben wir die kürzeste Überfahrt zur schwedischen Küste, und wir werden sie sogar mit einem Zwischenstopp auf Anholt halbieren. Doch zuvor gilt es unseren Liegetag zu genießen, und dazu bietet der Ort genügend Möglichkeiten: Es gibt ein ausgezeichnetes Fischgeschäft, und das passt ausgezeichnet zu den im Hafen reichlich vorhandenen Grills. Profi Peter und die ambitionierten Hobbyköche wetteifern um die kreativste Zubereitung. Zuvor begebe ich mich zur Abwrackwerft und sehe staunend zu, wie ein Bagger mit einem Werkzeug, dass einer riesigen Rohrzange ähnelt, aber auch die Silhouette und den Charme eines Tyrannosaurus Rex trägt, einen ausgedienten Fischkutter in handliche Brocken zerknabbert.

Die ausgelassene Stimmung beim Grillen erhält mit dem Update des dänischen Seewetterberichts einen Dämpfer: „Auslaufen um fünf Uhr“, gebe ich zu Protokoll, „Wind ist nur bis mittags. Bis dahin sollten wir Anholt erreichen.“ Erschwerend hinzu kommt, dass der folgende Tag, an dem wir im Idealfall die ersten Schären, zumindest aber die schwedische Küste schaffen müssen, auch nicht gerade stürmisch zu werden verspricht. Also erneut Auslaufen um fünf.

Thorsten auf der Frieda sagt: „Ich fühle mich unter Segeln sicherer als mit Motor.“ Paula und ich haben schon länger den Ehrgeiz, alles seglerisch zu lösen, wo immer es geht. So sehen es bald auch die Crews von Martha und Salty. Peter auf der Oliese widerspricht beharrlich: Er habe gelernt, das erste, das angeht, sei der Motor, und das letzte, das ausgeht, ebenfalls der Motor. Das hat er allerdings auf einer Vierzig-Fuß-Yacht gelernt, und da würde ich ihm bedenkenlos zustimmen. An diesem frühen Morgen in Grenaa legen alle unter Segeln ab. Und wenn es nur dazu dient, den Hafen schlafen zu lassen. Größte Ironie: Peter sitzt am Ruder der Königin der Morgensonne.

Bis wir endlich unterwegs sind, ist es doch eher sechs Uhr, und als der Wind einschläft, sind wir gerade am Windpark vorbei, Anholt ist eben so zu erkennen. Der Windpark ist klasse, denn seit es ihn gibt, kann man die ganzen 27 Meilen nach Sicht fahren. Es erweist sich aber als gewisser Fehler, ihn in Lee zu passieren: Eine ganze Reihe von Windgeneratoren nimmt dem Wind erhebliche Kraft, und das kostet uns wertvolle Zeit. Ist ja auch viel spannender, zwischen den riesigen Windrädern durchzusegeln, anstatt in sicherem Abstand zu bleiben - also weiche ich vom ursprünglichen Plan ein bisschen ab: Wir kämpfen uns eine Windradreihe nach Luv.

Anholt erreichen Oliese und Paula schließlich unter Motor, und das ist gut so, denn der Hafen ist erwartungsgemäß brechend voll, aber wir ergattern noch einen Platz an der Zwischenmole, wo wir mit Vorleinen vor Heckanker liegen – Trainingslager für die Schären. Die anderen drei Boote segeln wacker mit jeder noch so kleinen Brise, doch als sie ankommen, sind wir mit dem Anlegen auch eben erst fertig geworden, und ich konnte noch mit dem Hafenkapitän aushandeln, dass wir tatsächlich so liegen dürfen. Es ist wunderschön, wieder einmal unsere eigene, ruhige, kleine Insel, diesmal mit Landausstieg, und der Irrsinn des Hafens liegt unsichtbar jenseits der Mole.

Anholt ist eine wunderschöne, vielfältige, große Insel – wir würden ihr auch nicht gerecht, wenn wir einen Tag bleiben würden. Ich fasse den Plan, einen Flottillentörn im Juni hierhin anzubieten, und gebe bei der Besprechung mit Seekarte einen unscheinbaren Satz von mir, der Eindruck macht: „Das letzte Boot legt um fünf ab.“ Als ich gegen drei Uhr aufwache, ist etwas anders als sonst. Bisher habe ich mich, den ersten Kaffee in der Hand, skeptisch umgeschaut und wohlwollend festgestellt, dass sich zumindest hier und da schon jemand regt, also wenigstens nicht die komplette Gruppe verschlafen hat. Jetzt umgibt mich geschäftiges Gewusel, Persenninge und Segel rascheln, Fallen werden angeschlagen, Tatendrang erfüllt den Ort.

Und das ist ja auch ganz richtig so, denn immerhin geht es nun nach Schweden, von dem bisher immer nur als fernes Ziel die Rede war. Zwar schaffen wir tatsächlich nur Varberg, und auch das nur, weil wir, nachdem wir unter Motor den Tiefwasserweg T gequert haben, eine schöne Seebrise nutzen können, die sich schon von Weitem durch üppige Cumuluswolken angekündigt hat. Aber von Varberg aus geht es anderntags direkt nach Hästholmen am Eingang des Kungsbacka Fjords: Der südlichsten Schäre, an der man anlegen kann.

Das Groß ist geborgen, Heckanker, Bootshaken, Stechpaddel liegen im Cockpit bereit, Hammer und Schärenhaken auf dem Vorschiff. Die Anderen segeln mit der Fock in der großen Bucht auf und ab und warten, was Paula und ich zaubern werden. Wir haben einen Plan: Ohne Motor an die Schäre. Mit Mut, Entschlossenheit, der griffbereiten Ausrüstung und voller Konzentration sollte es gelingen – der Felsen ist hoch und bietet bestmögliche Abdeckung, der Wind kommt zudem genau ablandig, Paulas Heck wird also nicht auswehen. Nervige Strömung gibt es auch keine. Ich berge die Fock. Werfe den Anker – zu früh, wie sich herausstellt, die Leine ist zu Ende, bevor wir das Ufer erreichen.

Also Anker wieder auf, Fock wieder hoch, neuer Anlauf. Diesmal widerstehe ich tunlichst dem Impuls, den Anker erneut zu früh zu werfen. Schätze den Abstand ein, zwei Bootslängen sollen es sein, nicht länger. Der Anker fällt, das Segel ist unten, Paula treibt mit nichtmal einem halben Knoten sauber auf den Felsen zu. Ein leises Klacken verrät den Kontakt einer Tonne Gusseisen mit durch Seegras gepolstertem Granit – zu flach! Wir wiederholen das Manöver hundert Meter südlich. Und diesmal gelingt es: Ich steige auf einen flachen Vorsprung, halte Paulas Bug an, belege eine Vorleine. Steige zurück an Bord, hole den Heckanker durch und winke die Anderen herbei.

Sie haben es einfacher, müssen nur langsam an Paulas Heck herantreiben und vorher auf mein Zeichen hin den Heckanker fallen lassen. Dann nehmen wir das jeweilige Boot ins Päckchen und machen eine Vorleine an Land fest. Als alle da sind, fast zwei Stunden sind vergangen, macht Ernst mich auf das Wunder aufmerksam, das mir vor Anspannung und Konzentration entgangen ist: Unsere erste Schäre, und niemand hat den Außenborder benutzt! Augenzwinkernd fügt er hinzu:  „Wenn ich das hier Peter erzähle, wird er behaupten: ‚Das geht doch gar nicht.‘“ Peter ist in Varberg abgereist, Ernsts Sohn Christoph hat seinen Platz eingenommen. Segeln hin, Motor her - nicht nur den beständigen Kuchennachschub werden wir vermissen.

Die erste Schäre also. Das ersehnte Ziel erreicht – nach Monaten des Hoffens und Bangens, ob die Reise überhaupt zustande kommt; nach anstrengender Vorbereitung und der gehörigen Anspannung der ersten Tage, als die Crews sich erst einruckeln mussten; nach einer strapaziösen Segelwoche nebst kleinen Reparaturen, täglicher Törnplanung und wenig Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Jetzt liegen meine geliebten Boote Seite an Seite am Felsen, die Crews sind fleißig beim Aufklaren, doch allmählich zeigt sich ihre Begeisterung über den traumhaften Ort, den wir erreich haben. Ich halte mich wacker. Erst beim Segelpacken spüre ich Frieda hinter mir sagen: „Was heulst n du?“ Ich drehe mich zu ihr um, wische mir Tränchen der Freude und Rührung aus den Augen und sage: „Du weißt doch ganz genau, was mir das hier bedeutet.“ Die salzige Paula bekommt ein weiteres Küsschen. Dann krabbele ich den Hang hinauf, um in der nach Wachholder duftenden, steinigen Wunderwelt herumzutoben.

Etwas ist anders in diesem Sommer. Auch in Schweden hat es seit Wochen oder gar Monaten nicht geregnet. Später werden wir von Waldbränden hören und feststellen, dass im ganzen Land das Grillen verboten ist. Jetzt fällt auf, dass die kleinen Tümpel in den Senken der Felsen komplett ausgetrocknet sind. Das durstige Torfmoos klingt bei Berührung kratzig wie Sandpapier. Die Gräser sind braun und wirken traurig. Wir bewegen uns am Rand einer ökologischen Katastrophe Was wir als Traumwetter genießen, ist für die Natur zweifellos großer Stress. Doch die spärliche Vegetation dürfte Kummer gewohnt sein: Der Boden ist so flachgründig, dass vermutlich schon wenige Tage ohne Regen dazu führen, dass die Wurzeln kein Wasser mehr finden. Der schroffen Schönheit der Landschaft tut das keinen Abbruch: Über der endlosen Weite des Wassers und der geduldigen Unendlichkeit der Felslandschaft kommt nach einen Tag mit bedeckten Himmel sogar noch eine goldene Abendsonne heraus.

Der nächste Tag beginnt mit wenig Wind und reichlich Gestampfe beim Verlassen der Bucht. Oliese scheint darauf keine Lust zu haben, sie fährt beinahe überhaupt nicht los – schlechte Voraussetzungen für 40 Seemeilen. Irgendwann läuft es mit um die vier Knoten einigermaßen. Es ist der Tag, an dem wir das Fahrwasser nach Göteborg queren und tiefer eintauchen sollen in die Schärenwelt: Am Anfang sind es nur einzelne Felsen hier und da, dann stehen sie immer dichter, bis unsere Konzentration und unser navigatorisches Geschick vor höchste Ansprüche gestellt werden. Von Süden her sich anzunähern, ist didaktisch günstig – die Gäste können allmählich einen Blick dafür entwickeln, worauf es hier ankommt. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn es dabei etwas langsamer vorangeht.

Gerade beginne ich, denn mäßig tollen Segeltag zu genießen, als mich ein Funkspruch von Salty in größte Unruhe versetzt: Die Bilgepumpe läuft ununterbrochen! Salty hat seit Tagen schon verstärkt Wasser gemacht. Außer einem Vermerk für die Winterarbeit sah ich keinen akuten Handlungsbedarf – doch jetzt klingt das anders: nach einem ernsthaften, die weitere Reise gefährdenden Problem. Ich vergewissere mich, dass vorläufig die Situation unter Kontrolle ist. Blättere fieberhaft im Hafenhandbuch auf der Suche nach einem Kran, mit dessen Hilfe ich Salty aus dem Wasser holen und Kielnähte und Plankenstöße nachkalfaten kann. Die Wahl fällt auf Björkö, die eigentlich geplante Schäre fällt aus. „Vernünftige Entscheidung“, sagen alle. Außer einem Kran hat Björkö in meinen Augen nichts zu bieten, ich bin sogar ziemlich genervt: In dem großen geräumigen Hafen kurven wir eine Stunde herum, bis wir schließlich am Kurzzeitsteg direkt an der Einfahrt, Motorbootschwell vom Fahrwasser inklusive, anlegen dürfen. Der winzige Gästehafen ist brechend voll, der Rest ist als Bootsparkplatz der Einheimischen nicht auf Gastlieger eingestellt. Dutzende von Boxen sind frei, aber es gibt keine Rot/Grün-Schilder, und niemand kann sagen, ob wir irgendwo liegen können. Kran und Mastenkran befinden sich im Gästehafen und sind unzugänglich, bis sich die dort liegende Meute auf den Weg macht.

Zum Glück ist das Problem viel einfacher zu lösen – die Bilgepumpe ist einfach nur verstopft. Björkö hat sich trotzdem gelohnt, denn es gibt auch einen Bootsausrüster, und dort bekomme ich morgens eine neue Pumpe. Auch die Gäste wirken zufrieden: Wir befinden uns mehr oder weniger in den Vororten Göteborgs, mit einem eigenen Charakter, markant anders als in den bisherigen Häfen. „Es ist gut, einen Eindruck davon zu bekommen“, findet Boris stellvertretend. Als Salty wieder eifrig lenzt und ein hübscher Wind aufkommt, segeln wir weiter.

So leicht und locker das Anlegen in Hästholmen war, so knifflig und unelegant wird es auf Ussholmen: Der frische Wind weht schräg zum Ufer. Wir brauchen den Heckanker mit passend belegter Leine, damit das Heck nicht an den Felsen treibt, während ich an Land mit der Vorleine hantiere. Wir brauchen auch den Motor, um uns einigermaßen im Wind zu halten und uns kontrolliert dem Ufer zu nähern. Im Grunde brauchen wir auch jemanden an Land. Leute sind genügend da, doch niemand macht Anstalten, mir zu helfen. Ich ziehe in Erwägung, Oliese vorzuschicken – Ernst und Christoph haben schon Erfahrung im Schärenankern, und sie sind eben zu zweit. Aber einen Versuch will ich doch unternehmen.

Er geht einigermaßen schief. Die Ankerleine gerät in den Propeller. Der Wind stoppt uns auf, Paula beginnt zu vertreiben. Ich renne nach vorne – nur ein beherzter Satz an Land kann das Manöver noch retten. Doch der Fels ist glatt und abschüssig – ich lange, Vorleine in der Hand, im Wasser. Auf dem Seegras rutsche ich immer wieder ab. Paulas Kiel steht inzwischen auf einem Stein, was zunächst ziemlich gut ist, weil sie so immerhin nicht vertreibt. Endlich kommt jemand, nimmt mir die Leine ab und belegt sie auf einem Ring, so dass ich mich daran hochziehen kann.

Nun ist das nächste Problem: Wie komme ich zurück an Bord? Die Anderen warten geduldig draußen vor der Schäre, bis ich über Funk die Nächsten reinrufe. Ich versuche es mit Winken. Dann mit Brüllen. Endlich kommt Salty und legt an. Von ihr kann ich auf Paula übersteigen und sie erstmal wieder von dem Stein runterziehen. Als auch Frieda angelegt hat, versuchen wir Paula gemeinsam ins Päckchen zu ziehen. Doch zwischen Ruderblatt und Achtersteven hängt die Ankerleine eines benachbarten Motorbootes fest. Paula kommt nicht von der Stelle, das Motorboot auch nicht – und die Leute wollen eigentlich gerade ablegen.

Annia taucht. Zerrt und stochert. Findet schließlich die entscheidende Information: Die Leine hat sich nicht etwa von unten eingefädelt, sondern zwischen dem untersten und dem mittleren Scharnier. Mit anderen Worten: Ich muss sie nur mit dem Bootshaken aufholen, schon kann ich sie mit einem kräftigen Ruck lösen. Die Motorboot-Crew sieht amüsiert und geduldig zu: Die wollten eigentlich gerade ablegen. Was sie mit zehn Minuten Verzögerung ja auch können. Paula ist frei. Und auch dieses Abenteuer nimmt einen glücklichen Ausgang.

Ussholmen ist eine Außenschäre. Schroff, karg, kaum bewachsen und wunderschön, dazu mit freiem Blick aufs offene Wasser. Boris und Katrin laden zum Sundowner auf dem höchsten Punkt der Insel ein. Wir freuen uns darauf – doch es gibt ein Problem: Wolken ziehen auf, über dem Festland beginnt es zu donnern. „Ich fürchte, aus dem Sundowner wird nichts“, unke ich. Was ich viel eher kommen sehe, sind fünf Crews die im strömenden Regen ihr Boot vom Felsen abhalten, weil die Bö von hinten einfällt und die Heckanker das nicht halten. Doch die Bucht ist schmal genug, um per Schlauchboot eine Achterleine zum anderen Ufer auszubringen – Katrin erledigt das souverän, und nun liegen wir nach meinem Gefühl bei allen Windrichtungen sicher. Weil das Gewitter über dem Festland bleibt, ist der Sundowner gerettet.

Und er beschert uns ein echtes Schauspiel. Die Abendsonne glitzert spektakulär zwischen bizarren Wolkenformationen hindurch. Auf der anderen Seite blitzt es, und die benachbarten Schären hüllen sich in einen gruseligen Schleier aus Dunkelheit und Regen. Dazwischen sitzen wir und genießen dieses 360°-Kino in vollen Zügen. Spätestens jetzt kann sich niemand mehr der Faszination entziehen, auf eigenem Kiel in diese Wunderwelt gelangt zu sein, sich die Belohnung erarbeitet und bisweilen erkämpft zu haben, begleitet von einem Skipper und Törnplaner, der für jedes Problem eine Lösung findet und Tag für Tag ein Ziel auswählt, das ganz anders ist als alle bisherigen.

Am nächsten Tag wollen wir nach Åstol. Das ist diese Insel im Marstrands Fjord, die aus der Ferne nur aus Häusern zu bestehen scheint. Wir brauchen einen Hafen, denn wieder sind Gewitter angekündigt, und diesmal sind Auffrischen und Drehen des Windes sogar dem Seewetterbericht zu entnehmen. Eine Schäre, wo wir dabei sicher liegen könnten, finde ich nicht. Dafür lockt mein Versprechen von Kaffee und Kuchen in einem netten Café. Ich schlage vor, statt den sechs Meilen außenrum einen Abstecher von elf Meilen durchs Innenfahrwasser zu machen.

Doch mein Timing geht diesmal komplett schief. Als das letzte Boot abgelegt und die Segel gesetzt hat, schläft der Wind ein. Wir treiben in absoluter Flaute, nehmen ab und zu, wenn uns die Strömung zu dicht an einen Felsen bringt, das Stechpaddel, und vertreiben uns mit Badespaß und Schwimmen von Boot zu Boot die Zeit. Nach zwei Stunden verliert das seinen Reiz, wir wählen die kürzere Strecke und den Außenborder. Kurz vorm Hafen kommt wieder Wind auf. Und als am vom Hafenkapitän angewiesenen Liegeplatz - wir alle längsseits an einer winzigen Motoryacht - das letzte Boot angelegt hat, was passiert da? Genau: Der Innenlieger möchte auslaufen.

Die Insel Åstol gliedert sich in zwei schmalen Hälften um die langgezogene Bucht, die heute der Hafen ist. An der Westspitze der Insel ist eine hübsche Badestelle. Das ganze Ensemble ist schnuckelig und gepflegt wie aus dem Reiseführer. Auf der Ostseite befindet sich die Hafeneinfahrt, dann kommt der Fähranleger. Vorsicht, Schraubenwasser: In dieser Gegend gibt es zahlreiche kleine Personenfähren, die nicht eigentlich anlegen, sondern in eine Gummiwulst am Bug eindampfen. Obwohl die Fähre also im Hafen liegt, erzeugt sie stetig Schraubenwasser – wer unvorbereitet daran vorbeituckert, fährt zwei abrupte Schlenker. Das Schraubenwasser sehe ich frühzeitig – und reagiere dennoch viel zu spät.

Das Café haben wir mit unserem Liegeplatz fast genau getroffen. Für das abendliche Grillen ergibt sich zwanglos ein Spaziergang um die halbe Insel zur Nordseite des Hafens, wo wir vor zwei Jahren gelegen haben. Der freundliche Hafenkapitän erinnert sich daran. Als das Fleisch fertig ist, haben wir es ein bisschen eilig: Das Gewitter zieht auf. Doch wir bleiben ruhig sitzen. Boris und ich unterhalten uns stoisch weiter, als die ersten Tropfen die Anderen unter Deck treiben. Es kommt ein bisschen Wind auf, wir schlendern zurück, ziehen Ölzeug über und korrigieren die Festmacher. Vorwiegend die des Nachbarpäckchens, das als Block einen Satz auf uns zu gemacht hat – Paulas Ruderkopf kratzt am Gelcoat eines modernen Heckspiegels, ihre Bugspitze an dem Schlängel, an dem unsere Vorleinen hängen. Ich wende mich eindringlich an die fröhlich im Cockpit sitzenden Nachbarn: „You need to go forward!“ Als alle Boote wieder an ihrem Platz liegen, hört der Regen schon wieder auf, und wir leeren zu dritt noch eine Flasche Portwein.

"Wildgänse" im Formationsflug: Von Åstol aus begeben wir uns in den engsten, navigatorisch anspruchsvollsten, aber auch schönsten und vielfältigsten Teil des Reviers. Und zwar bei bedecktem Himmel, ein neuerliches Gewitter über dem Festland kritisch beäugend. Hinter Paula segeln die Anderen dicht zusammen und teilweise nebeneinander. Das sieht ungemein schön aus, das Fotografieren ist aber gar nicht einfach, weil außer uns noch weitere Boote unterwegs sind, denen wir gelegentlich auch mal ausweichen müssen. Und denen die fünf beharrlich segelnden Folkeboote vermutlich ziemlich nervig im Weg sind.

Wir erreichen die „Jungfrauenloch“ genannte Schikane am Südeingang des Hjärterösundes. Dass man hier nicht nebeneinander durchfahren kann, habe ich nicht extra erwähnt – ich ging davon aus, die Formulierung „richtig, richtig eng und knifflig“ sei ausreichend, zumal zur Ergänzung eines Blicks in die Seekarte und schließlich auf die Felsformation selbst. Paula schlüpft gekonnt hindurch. Im anschließenden Becken drehen wir ein paar Runden, und ich nutze die Gelegenheit für weitere Fotos. Dann aber segeln Oliese und Salty wahrhaftig parallel in die Engstelle. Heraus kommt vorerst nur Oli – Salty bleibt auf einem Stein hängen. „Wir wollten Oliese mehr Platz geben“, jammert die Crew, „aber wir sind mindestens zwei Meter von der Bake weggeblieben.“

Das wird künftig Bestandteil meiner Einweisung sein: Eine Bake steht, anders als eine schwimmende, auf dem Grund verankerte Tonne, auf einem Stein. Und der hat eine Ausdehnung, größer null und größer als der Umfang der Bake. Salty kommt aber aus eigener Kraft schnell wieder frei. Die Crew ist beeindruckt, aber nicht allzu verstört, und so kann die Reise weitergehen: durch den nördlichen Ausgang des Hjärterösundes, und der hat es kaum weniger in sich, jedenfalls bei Westnordwest. Fünf Wenden auf fünfzig Metern, vorbei an mehreren Fahrwassertonnen in unmittelbarer Nähe bedrohlichen Granits – soll man keiner sagen, Folkeboote seien nicht wendig.

Segeltrimm bei Leichtwind. Überleben bei Starkwind. An- und Ablegen in der Box und im Päckchen. Segelmanöver auf engstem Raum. Navigation in den Schären und auf dem Kattegat. Funkverkehr. Umgang mit ausgeklinkten Großbäumen und ausgefallenen Bilgepumpen. Mit Grundberührungen auf Sand und Granit. Die Reise bedeutet ständiges Lernen. Ohne dass wir einander wirklich konkret helfen könnten, wenn wirklich etwas schiefginge, gibt die Gruppe unglaubliche Sicherheit. Und das tägliche Nachbesprechen des Erlebten, das Vorbesprechen des Kommenden, unterstützt die Fortschritte. Am nahenden Ende der Reise werden diese vier Crews mehr zu erzählen haben, als sie vermutlich in Worte fassen können. Und ich sollte ihnen ein Diplom ausstellen: „Mit dem Folkeboot in die Schären – Europas letztes großes Abenteuer.“

Wir hangeln uns noch ein Stündchen durch enge Sunde, einschließlich der phantastischen Passage des Kråksundsgap mit seiner Brandung und den zwei Leuchttürmen. Um Kyrkesund fahren wir lieber außenrum. Und dann sind wir auch schon am nördlichen Punkt der ersten zwei Wochen: Skaboholmen. Wie Ussholmen ist es eine neue Schäre für Paula und mich. Wir segeln zunächst das westliche Becken ab – mit dem Erfolg, dass es unter uns knirscht und ich einsehe, dass das hier eher ein Platz für Motorboote ist. Im schmalen östlichen Becken finden wir hingegen, inzwischen unter Motor, einen traumhaften Platz. Und wir legen einen Anleger hin, der vom Nachbarfelsen mit Beifall bedacht wird. „Nicht erschrecken, wir werden insgesamt fünf“, warne ich die Nachbarn vor. Die sitzen später in Olieses Cockpit, weil der eine selbst lange ein Folkeboot hatte und nochmal das romantische Gefühl an Bord erleben möchte. Es ist ein sehr nettes Gespräch über Boote und übers Segeln in den Schären. Er zeigt uns auf der Karte die Stelle – sie liegt weit draußen, umgeben von tiefem Wasser – wo er sich neulich zum ersten Mal in seinem Leben festgesegelt hat. Und wieder kommt zum Abend hin die Sonne raus.

Es ist der vorletzte Tag vor dem Crewwechsel. Allzu weit nach Norden dürfen wir nicht vordringen, also ist Hjärterö das geplante Ziel. Wie immer sprechen wir eine oder zwei Alternativen durch, denn es gibt eine Einschränkung: Wir segeln bei Westwind, doch abends und nachts soll er auf Süd drehen und auffrischen. Ich blättere also lange im Ankerplatzführer auf der Suche nach Schären, wo wir bei Westwind sicher anlegen und bei Südwind ruhig liegen können. Für Hjärterö gilt: Wir brauchen es für uns allein. Denn wir müssen in die kleine, dreieckige Bucht hinein und uns dann mit Leinen zum anderen Ufer sichern. Zwar könnte man auch außerhalb der Bucht vor Heckanker liegen, aber bei Südwind wird das unruhig, und wenn die Heckanker nicht halten, bekommen wir ein gravierendes Problem. Das Timing ist entscheidend, denn wir dürfen nicht zu spät kommen, wenn da schon Andere sich aufs Übernachten eingerichtet haben, aber auch nicht zu früh, wenn noch Tagesausflügler mit ihren Motoryachten die Sonne und Ruhe genießen.

Die Strecke ist kurz, also segeln wir noch bis Härön nordwärts durch die Schären und dann, inklusive einer kleinen Kreuz, außenrum zurück nach Süden. Bei Kyrkesund fädeln wir uns ins Innenfahrwasser ein, denn den kleinen, über beide Ufer eines wahrhaft schmalen Sundes verteilten Ort haben wir gestern ausgelassen. Heute bin ich guter Dinge, diese engste aller Engen bei Westwind auf Südkurs durchsegeln zu können.

Als wir sie erreichen, sind Oliese, Frieda und Paula beinahe gleichauf, und eine weitere Yacht kämpft sich neben uns mit Abdeckung, Winddrehern, gegenläufiger Strömung und überholenden Ausflugsdampfern ab. Wir nehmen uns gegenseitig den Wind. Frieda versucht, am Leeufer mehr Wind einzufangen, gerät dadurch aber zwangsläufig dem Gegenverkehr in die Quere. Als auch noch die Fähre zu ihrer fünfzig Meter weiten Reise aufbricht, startet Oliese den Motor. Ich mache das Gleiche – er läuft neunzig Sekunden, bis wir alle Hürden hinter uns und wieder Wind in den Segeln haben. In diesem Fall fühlt sich das Motoren nicht wie eine Niederlage an, sondern wie gute Seemannschaft. Frieda zeigt, dass es geht (glaube ich, vielleicht sind die auch ein Stück motort). Längst hat Thorsten uns plastisch geschildert, dass das, was von außen immer nach eingespielter, an einem Strang ziehender Crew aussieht, intern keineswegs immer so harmonisch ist: „Ihr müsstet mal hören, was bei uns immer los ist!“ Wenn er darauf beharrt, sich unter Segeln sicherer zu fühlen und dem Motor nicht zu trauen, heißt das von Frau und Tochter bisweilen: „Nimm die Segel runter! Mach den Motor an!“ Wie auch immer sie es diesmal anstellen, sie passieren Kyrkesund, und wir erreichen Hjärterö.

Ein einziges kleines Motorboot liegt in der Bucht, an Land toben Kinder – die werden wohl kaum übernachten. Ich wittere die Chance. Frage die Anderen gar nicht erst, ob sie Lust hätten, zur nächsten Alternative zu segeln – besser können wir es nicht treffen. Paula und ich fahren erneut einen fluffigen Anleger, allerdings wieder unter Motor. Für einen Versuch unter Segeln ist es mit zu windig. Dann begutachte ich die Südseite der kleinen Bucht. Und was stelle ich fest? Der Fels geht senkrecht tief nach unten – hier können wir längsseits liegen! Und zwar so weit innen, dass der bei frischem Südwind zu erwartende Schwell uns nicht wird durchschütteln können.

Ich winke Oliese heran. Es braucht ein bisschen Gekletter, bis sie mit drei Leinen fest ist, aber dann können die Anderen kommen. Paula sammelt noch ihren Heckanker ein und lässt sich dann an ihren Platz ziehen: Außen im Päckchen. Nachdem das Motorboot wie erwartet abgereist ist, bringen wir zwei Leinen zum Nordufer aus, die das Päckchen auseinanderziehen wie ein Akkordeon und Oliese von der Last ihrer Schwestern befreien.

Die Badefreunde der Gruppe erkennen sofort, dass Paulas Achterleine eine prime Slackline abgibt, und studieren eine kleine Choreographie ein. Ist vielleicht nicht perfekt synchron und ganz bestimmt nicht olympiareif, aber sie ist ein gutes Beispiel für den Riesenspaß auch abseits des Segelns, den die Gruppe hatte. Ich sehe mir das eine Weile mit Freude an, dann breche ich auf zum Landgang. Hjärterö ist nämlich meine liebste Lieblingsschäre. 2011 waren wir zum ersten Mal hier – da stand über unserem Liegeplatz ein Stuhl, der mich zu einem ziemlich einzigartigen Foto inspirierte. Von den Schafen abgesehen, hatte ich die Insel für mich allein, und es entstanden auch eine Menge unveröffentlichter Selbstportraits im Stil griechischer Heldendarstellungen. 2016 lagen wir hier mit der Rückweggruppe und Mitsegler Björn, behütet und geschützt, während es vom Skagerrak her gewaltig pustete und eine spektakuläre Brandung auf die Felsen und Klüfte eindrosch. Björns Kommentar: „Der Westenwind ist ein Schaumschläger.“ Hjärterö ist ziemlich hoch, über vierzig Meter, und die Aussicht ist dementsprechend beeindruckend. Das finden auch die diesjährigen Gäste, die ich, so eindringlich ich kann, rauf auf den Felsen schicke.

Paula als Außenliegerin - das ist neu und bedeutet, dass wir als Erste ablegen. Bisher habe ich immer die letzte Leine gehalten, dem Schiffchen – oft unbemerkt von der Crew - eine kleine Drehung oder ein bisschen Schwung verpasst. Nach zwei Wochen traue ich den Gästen – jedenfalls diesen Gästen – ohne Bedenken zu, dass sie ohne meine Hilfestellung und klugen Ratschläge vom Felsen loskommen. Paula und ich setzen Segel und legen ab. Beobachten noch, wie Salty uns folgt, dann räumen wir die Bucht und segeln unsere Warteschleifen im angrenzenden nördlichen Becken. Nördlich, weil wir bei Südwind nicht durch das inzwischen gefürchtete „Jungfrauenloch“ segeln können, aber auch nicht motoren wollen. Und wir haben es nicht eilig – im chronisch vollen Marstrand habe ich Liegeplätze reserviert, und alle werden bis Samstag bleiben. Aus der Wunderwelt der Felsen nähern wir uns langsam – im Marstrands Fjord müssen wir kreuzen, und der Wind schwächelt – aber unaufhaltsam dem quirligen Treiben im Hafen und auf der Promenade. Erste Vorzeichen sind die grimmige Festung, eine belebte Badestelle, die ersten Häuser – und schließlich die vollen Stege und Dutzende von Yachten auf der Suche nach freien Liegeplätzen.

„Marstrand ist wirklich ein toller Ort für den Crewwechsel“, findet Annia. Und sie meint nicht, dass es per Bus von Göteborg gut erreichbar ist und alle nötigen Möglichkeiten der Versorgung bietet. Sie meint vor allem, dass ihr angesichts des pulsierenden Lebens hier schlagartig bewusst wird, dass die tolle Reise hier endet. Und dass das auch gut und stimmig ist. Unser erster Weg nach dem Aufklaren führt uns zum traumhaften Konditor, um uns durch schwedische Köstlichkeiten aus Blätterteig zu knabbern. Unterwegs sammeln wir die Crew von Folkeboot Lotte auf, mit der ich mich locker hier verabredet habe. Special Agent Oliese setzt uns über zur Tankstelle – die neue Gruppe erwartet mit Recht vollgetankte Boote. Der Verbrauch begeistert mich: Was noch in den Kanistern ist, reicht, um die Tanks randvoll zu machen. Wir sind wahrhaft wenig motort.

Abends – ich sitze gerade mit Björn und Robert zusammen und empfehle ihnen Schären für die nächsten Tage – kommt Oliver Berking im Tuckerboot vorbei und interessiert sich brennend für meine Flotte und das, was wir hier machen. Und ob wir seine Werft in Flensburg kennen. Ich speise ihn einigermaßen knapp ab, denn die Gäste sitzen in einer Kneipe und haben mir schon ein Bier bestellt. Es ist unser letzter gemeinsamer Abend, und sie waren so großartig, dass es das Mindeste ist, jetzt endlich im Galopp dort aufzuschlagen.

Als ich eintreffe, bin ich einigermaßen gerührt: Als Dankeschön für die Organisation, meinen Eifer, bisweilen meine Geduld, und überhaupt für den unglaublichen Urlaub bekomme ich ein üppiges Trinkgeld, mit Bordmitteln zu einem Orden umgestaltet. Und meine Getränke gehen selbstverständlich auf Kosten der Gruppe. Nicht erst jetzt weiß ich, dass ich sie alle vermissen werde, sobald sie im Laufe des Vormittags abgereist sind. Aber es wird keine Zeit sein, darüber nachzudenken: Mit den neuen Gästen kommt die Herausforderung, sie fit zu machen für die Schären. Bei Windstärke 6...

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