Paulas Törnberichte nicolas thon: fotografie -schreiben - segeln
home fotos
texte
segeln über mich kontakt & impressum




zurück zur Übersicht

Wasser marsch! Zum Glück Glücksburg

Ein erster Flottillentörn in Zeiten des Virus - mir war vorher völlig unklar, was uns in fremden Häfen erwarten und wie es sich anfühlen würde. Ziele in Dänemark kamen nicht in Frage, also blieben wir in einem Umkreis, der sich auch per Fahrrad hätte erreichen lassen. Wir waren uns einig: Es konnte nur darum gehen, trotz der ungewohnten Begleitumstände schöne Segeltage zu verbringen.

Juni 2020

Vollauf gelungen, würde ich sagen: Es gab anspruchsvolle Segeltage (von der Großen Breite bis Schleimünde die Schlei aufgekreuzt, einschließlich der Missunder Enge mit vier Booten im Pulk), eine tolle neue Idee (was machen wir bei schwach umlaufend und nachmittäglicher Seebrise? Schleimünde-Schleimünde mit unbeschwerter Tour bis Höhe Damp und zurück), aber auch die Häfen, die wir sonst nie im Leben angelaufen wären, lohnten den Aufenthalt: Pure Idylle in Fleckeby. Folkeboot-Anarchie in Schleimünde. Köstliche Speisen beim Restaurantbesuch in Gelting Mole. Und zum Glück gibt es Glücksburg - dort freuten wir uns zunächst über einen geräumigen Hafen mit vielen, vielen für kleine Boote passenden Boxen, danach über einen phantastischen Waldweg, der uns um das sehenswerte Schloss herum ins kleine Städtchen führte. Eine wirklich schöne Gegend!

Zur Belohnung für die gute Planung durfte Paula zwanzig Minuten in der Geltinger Bucht mit zwei Delphinen (!) spielen. Und der Rückweg bot eine kurzweilige Kreuz schleieinwärts, Grundberührung für Oli, die aber aus eigener Kraft freikam, und allgemein glückliche Gesichter und neue, unerwartet tolle Eindrücke. Ich freute mich besonders darüber, dass wir vom ersten Tag an dicht zusammenblieben und Paula und ich uns wirklich Mühe geben mussten, um die anderen zu überholen. Das ist bei unerfahrenen Crews echt nicht die Regel, aber diesmal hatten wir es mit bekannten Gesichtern zu tun.

Mit dabei waren: Paula und ich, erstmals seit fünf Jahren jenseits der Lindaunis Brücke, erstmals dieses Jahr auf der Ostsee, zum ersten Mal überhaupt in Glücksburg und Gelting, zum ersten Mal Zeugen der Ostsee-Delphine, von denen wir bisher nur gehört und gelesen hatten. Wir segelten routiniert, konstant und glücklich, meistens - aber nicht immer - vorneweg. Martha und Okko, zum mittlerweile fünften Mal ein tolles Gespann, und schon wieder ist es uns gelungen, unserem Gast neue Häfen und eine perfekte Woche zu bieten. Salty und Rolf - für den Drachen-Segler aus dem Voralpenland schon wieder ein neues Folkeboot, die beiden schienen ganz zufrieden miteinander, was auch am neuerdings herausnehmbaren Reitbalken lag. Oliese segelte mit Feuerwehrmann Joe und diesmal seinem anderen Sohn - auch ein tolles Team. Wenn man bedenkt, dass Joe letztes Jahr sagte, er habe vor drei Jahren den Jollenschein gemacht und sei seitdem nur Motorboot gefahren, ist es bemerkenswert, wie gut er es draufhat - da hat einer richtig Bock aufs Segeln, bildet sich theoretisch weiter, kann jede Anregung dank guten technischen Verständnisses gleich umsetzen, und ist manchmal kaum einzuholen. Und dann begleiteten uns noch Erik und Pommery aus Eckernförde. Erik ist eine Bereicherung für jede Gruppe, die "Wildgänse" haben Pommery längst als Schwester adoptiert.

*

SAMSTAG UND SONNTAG -Idylle mit Flecken: Fleckeby

Ob wir reserviert hätten, will der Typ wissen. In den Händen hält er fünf gekühlte Flaschen Bier, sein Gesicht kündet von wenig Motivation, sich so spät am Tag noch mit irgendwelchen Gastliegern zu befassen. Es ist ja auch schon kurz nach fünf...

Die Schilder sind auf grün, wir dürfen anlegen. Haben wir ja längst getan. "Ihr wisst ja, dass ihr autark stehen müsst?" Ich unterdrücke einen Seufzer und lächele aufmunternd - dass die Toiletten inzwischen wieder auch nachts geöffnet sein dürfen, hat sich bis Fleckeby wohl noch nicht herumgesprochen. Selbstverständlich haben wir unsere imaginären Bordtoiletten dabei. Das ist vor allem deshalb gut so, weil ich jetzt unmissverständlich erfahre, das Hafenbüro sei längst geschlossen: "Man kann ja nicht rund um die Uhr arbeiten, irgendwann muss ja mal Schluss sein. Wir haben schließlich auch noch acht Hektar Land zu bewirtschaften." Strom und Klozugang gibt es nur mit Magnetkarte, zu erwerben bei der dreißigjährigen Gattin des sechzigjährigen Bierträgers. Zu den Öffnungszeiten: Dreißig Minuten morgens gegen zehn, dreißig Minuten abends gegen vier. Nee, ist richtig charmant hier, vielen Dank dafür!

In der Missunder Enge gilt es ein mehrfaches Dilemma zu bewältigen. Ich brauche volle Konzentration für die Navigation. Habe ich aber nicht, denn unser Zielhafen ist noch ungeklärt: Auf Schleswig haben wir spontan keine Lust. Stexwig wäre mal lustig, aber unser Hafenhandbuch liegt in der Wohnung, und ohne es scheint mir die Einfahrt gewagt. Paula redet von Fleckeby, doch dort gibt es zwei Häfen. In einem davon habe ich sie vor dreizehn Jahren abgeholt, und ihre ehemaligen Liegeplätze sind heute tabu - das respektiere ich, vielleicht ist es auch nur mein eigener Spleen, doch in Struer am Limfjord habe ich es ziemlich eindeutig gespürt, dass sie dort nicht sein wollte. Dummerweise erinnere ich nicht mehr, welcher Hafen der falsche wäre. Mit zwei Stunden Rückstand folgt uns Pommery, von Maasholm kommend, und möchte wissen, wo wir uns treffen. Auch mit den Charterern sollte ich mich allmählich verständigen...

Wir segeln erstmal eine kleine Regatta aus der Enge. Oli bleibt zurück, Martha übernimmt die Führung, Salty bleibt in Sichtweite. Gegen Idylle am Südufer der Große Breite hat niemand etwas einzuwenden. Schließlich überholen wir Martha und entscheiden uns für den östlichen der beiden Häfen. Jetzt müsste ich nur noch herausfinden, von welcher Richtung aus die betonnte Rinne, die beide verbindet, anzusteuern ist. Aha, ziemliche Abdeckung, bei langsamer Fahrt können wir uns per Echolot vortasten. Und das Gerät sagt mir, dass es bei unserem Tiefgang komplett egal ist, dass wir uns der Rinne von der falschen Seite nähern.

Wir kreuzen souverän in den Hafen. Ich berge die Segel, wir wriggen an einen von drei grün markierten Liegeplätzen. Ein älterer Herr schickt sich an, Vorleinen zu empfangen und vom Steg aus das Kommando zu übernehmen: "Jetzt stoß dich mal ab an dem Pfahl!"

Jaja, schon, er kann nichts wissen von zwanzigtausend Seemeilen einhand. Aber wie ein Oberklookschieter auf die Idee kommt, jemandem, der gerade in den Hafen gekreuzt ist, zu erklären, wie man bei null Wind ein Boot in die Box fährt - das ist mir nicht einfach nur ein Rätsel. Sondern ein Rätsel, das zu lösen ich absolut keine Lust habe. Es macht mich wütend. Ich verabscheue diese Freizeitkapitäne, die ihre eigenen Dampfer nicht im Griff haben, aber mir mit dämlichen Ratschlägen die Laune verderben und letztlich doch nur im Weg stehen.

Es geht gerade nochmal gut, ich behalte meinen Wutanfall im Griff. Martha, Oli und Salty legen an, in unterschiedlicher Souveränität. Für Pommery haben wir auch noch ein Plätzchen frei, wie ich Erik per Telefon durchgebe. Dann steht der unmotivierte Bierflaschenträger vor mir.

Die junge Hafenmeisterin entpuppt sich letztlich als supernett, wir bekommen die Chipkarten ohne Pfand, weil wir ja schon so früh wieder auslaufen wollen. Allerdings erst am Montag - am Sonntag pfeifen beständig achter Böen über die grandiose Kulisse der Großen Breite, da bleiben wir lieber hier. Das Wetter ist prächtig und sommerlich warm, die Landschaft lädt ein zum Verweilen, bevor sie bei dem stetig steigenden Pegel allmählich absäuft, und ein arbeitsscheues Hafenmeisterpaar kann uns nicht davon abhalten, nach einem grandiosen ersten Segeltag erstmal auszuspannen und den Alltag zu vergessen. Die "Crews" lernen sich kennen, und wir bereiten uns gedanklich darauf vor, am Montag bei ein bis zwei Windstärken weniger, aber immer noch ruppigen Thermikböen aus Nordost, die komplette Schlei aufzukreuzen.

Die Große Breite ist eine perfekte Kulisse. Allzu gerne hätte ich den Nachmittag dazu genutzt, hier ein bisschen spielen zu gehen, auf und ab zu segeln, vielleicht ein bisschen Regatta oder ein Einkaufsbummel in Schleswig, womöglich sogar ein Ausflug zu einem lieblichen Ankerplatz. Geht jetzt nicht, aber für den weiteren Verlauf der Saison nehmen wir uns das durchaus vor.


MONTAG UND DIENSTAG - "Ich bin nicht enttäuscht. Ich bin entsetzt!"

"Gehen Sie auf die sechzehn!", befiehlt die Hafenmeisterin in Olpenitz. Sie kann oder will nicht verstehen, dass wir nicht einen Liegeplatz brauchen, sondern fünf. "Aber nicht in die große Box", brummelt sie. Wir drehen ab und kreuzen raus aus dem unsäglichen ehemaligen Marinestützpunkt.

Joe hat einen besonderen Grund, sich das hier genau anzusehen: Seinen Ruhestand möchte der Pfälzer im Norden verbringen, hat sich schon diverse Häuser in Dänemark und Schleswig-Holstein angesehen. Von Port Olpenitz hat er sich Prospekte schicken lassen, in denen das Projekt schnuckelig und verlockend aussieht. "Wenn die unfreundlich sind, wollen wir hier gar nicht hin", bestätigt er über Funk. Da hat er ohnehin schon genug gesehen.

Wir sind hier, weil man auch bei wenig Wind so eine schöne Hafenrundfahrt segeln kann, weil wir eigentlich einen Einkaufsbummel bei Edeka vorhatten, der jetzt an der Liegeplatzsituation und dem Auftritt der Hafenmeisterin scheitert - und weil Olpenitz ein Musterbeispiel dafür ist, wie man es nicht machen sollte. Die erste Bebauung auf der Nordmole ist kunterbunt ohne Bebauungsplan - Louisiana steht neben Lappland, angrenzend ein futuristischer Bungalow, alles dicht an dicht (und bei Ostwind gesandstrahlt, dass die Fenster blind werden). Danach ging der erste Investor pleite, seine Nachfolger haben das Chaos überkompensiert durch identische Doppelhäuser in langen, eintönigen Reihen. Die Substanz des Marinehafens ist kein bisschen integriert, Backstein-Kasernengebäude und robuste Schwimmstege wurden abgerissen, der Rest steht wie archaische Fremdkörper zwischen dem postmodernen Mist. Was die Gäste nicht sehen können, ist die Anreise auf dem Landweg: Da fühlt es sich an, als führe man ins Industriegebiet. Was man wasserseitig durchaus spürt, sind weite Wege über Brachland und auf Jahre Baustellenlärm. Welcher gut Situierte würde hier eine kostspielige Immobilie erwerben? Sind die wirklich so dumm, oder haben sie sich nicht informiert? Joe jedenfalls hat alles gesehen. "Ich bin gar nicht enttäuscht", sagt er hinterher, "ich bin entsetzt."

Für unsere Segeltage gilt das explizit nicht! Brav werfen wir in Fleckeby unsere Klokarten in den Briefkasten und legen ab. Vor uns liegen zwanzig Meilen gegenan. Aus dem Hafen herauszukommen, ist auch bei sechser Böen nicht ganz trivial, aber es gelingt. Auf der Großen Breite ist Hack-Trimm angesagt, in der Abdeckung Missunder Enge kommt uns der viele Wind recht gelegen. Wir kreuzen sie auf, mit vier Booten im Pulk, nur Salty hält sich zurück. Eine Stunde früher hätten wir noch nicht diese Böigkeit gehabt, aber zumindest gibt es so früh am Tag noch keinerlei sonstigen Verkehr. Sieht gut aus, was wir da machen - bis Oli im Wind steht und Martha gerade noch ausweichen und ihre Schwester in Lee passieren kann. Paula überholt in Luv. Martha lassen wir auch bald hinter uns, Pommery segelt vorneweg. "War ja schon anspruchsvoll", kommentiert abends ein glücklicher Joe.

Bis Lindaunis haben wir diesen tüchtigen Wind. Ich kann nicht widerstehen: Für uns ist es an der Brücke eine Punktlandung, Segel runter, Motor an und durch. Heißt natürlich: Die Charterboote kommen um zwei, drei Minuten zu spät und bekommen eine Stunde drauf zu. Ich zögere, sie allein zu lassen. Naja, allein sind sie ja nicht, sondern passen zu dritt aufeinander auf. Pommery hingegen nimmt kurz den Motor dazu, rauscht mit schlagenden Segeln durch dir Brücke, fängt dahinter gleich wieder an zu kreuzen - und bleibt auf einer Sandbank hängen, die Paula und ich sehr gut kennen...

Jetzt ist klar: Jenseits der Brücke werden wir dringender gebraucht. Wobei ich wenig geneigt bin, ein Boot gleichen Tiefgangs freizuschleppen. Wem wäre geholfen, wenn wir beide auf Grund säßen? Eine Motoryacht behebt das Problem, aber bis es soweit ist, ist schon eine halbe Stunde vergangen. Ergebnis: In Kappeln müssen wir warten, Oli und Martha gehen durch die gleiche Brücke, nur Salty kommt auch hier ein wenig zu spät. Da ist aber schon erheblich weniger Wind, und ausgangs Rabelsund ist fast gar nichts mehr vorhanden - die restliche Kreuz ist entspannt und erholsam. In Schleimünde erwartet uns gegen sechzehn Uhr ein coronamäßig voller Hafen (Liegen in zweiter Reihe ist dieses Jahr nicht) mit einer komplett leeren Folkeboot-Ecke. Wir puzzeln uns rein, Pommery folgt, die anderen kriegen wir auch noch mühelos unter.

Schleimünde ist ein besonderer Ort. Für mich alleine kein lohnenswertes Ziel - hier muss ich in Begleitung hin, sonst macht es keinen Spaß. Heute ist es großartig. Ein echtes Zuhause. Keine Verbotsschilder und Toilettenschließungen wie in Fleckeby, stattdessen freie Sicht auf Schlei und Ostsee. Erik und ich gehen mehrfach zum Leuchtturm. Dazwischen sitzt ex-Folkebooteigner Holger auf dem Achterdeck. Holger ist immer eine Garantie für lustige Geschichten, grandios vorgetragen und unübertrefflich unterhaltsam.

Während wir uns vor Lachen die Bäuche halten und uns die Tränen aus den Augen wischen, beginnt mich die Frage umzutreiben, was wir am Dienstag machen. Schwacher Ostwind, keine Chance für einen längeren Schlag. Aber durchaus Hoffnung auf eine stetige Seebrise am Nachmittag. Außerdem hier und da der Wunsch nach einem Supermarkt, wo sich Proviant aufstocken lässt. Da ist die Tagesplanung doch ganz einfach: Wir laufen kurz nach Mittag aus. Segeln mindestens nach Olpenitz, wo es einen Edeka gibt, gucken aber draußen erstmal, wie es läuft.

"Das war wirklich anspruchsvoll", hat Joe über die Missunder Enge gesagt und es gut zusammengefasst. Auch jetzt stimme ich ihm zu, als er am Funk sagt: "Einfach nur segeln." Es ist leicht und unbeschwert, wie wir uns zur Südecke des Sperrgebiets bewegen und dort umkehren. Wir verlieren Schleimünde nie aus den Augen, die Entfernung bleibt gering, es ist eine wunderbare Idee auch für künftige Flautentage: Einfach einen entspannten Tagesausflug segeln.

Im Sperrgebiet hat die Küstenwache eine Charteryacht längsseits. Dort wird sicher kein Kaffee serviert. Sondern kräftig Strafe kassiert. Entsprechend geknickt motort die Crew anschließend an uns vorbei: Sie traut sich kaum, schneller zu fahren, als fünf Folkeboote bei ein bis zwei Windstärken segeln. Eine andere Yacht treibt angelnd vor uns durch. "Ist ein echter Hingucker, wenn ihr so zusammen fahrt", lautet der Kommentar.

Dann also Olpenitz. Mit einem knappen Knoten in den Vorhafen. Im Binnenhafen deutliches Gekräusel und wieder richtig Fahrt. Paula und ich segeln eine Platzrunde. Hinterm Retter wäre Platz zum Längsseitsliegen. Aber die anderen ins Päckchen zu nehmen, ist in Corona-Zeiten vielleicht eine schlechte Idee. Die Boxen auf dieser Seite des einsamen Schwimmsteges sind voll bis auf eine - hier hat sich ein Motorbootverleih ausgebreitet. Eine so unfreundlich und unerträglich grunzende Hafenmeisterin habe ich noch nirgendwo erlebt. Ich sage nur noch ein einziges Wort, nämlich: "Tschüß."

Auch den anderen fällt jetzt auf, dass sie eigentlich noch genügend Proviant an Bord haben für eine weitere Nacht in Schleimünde. Dort ist die Folkeboot-Ecke erneut frei. Allerdings müssen wir die Achterleine einer Yacht, die diese fünf Liegeplätze damit blockiert, entfernen und ihr Schlauchboot zur Seite drücken. Macht ja nix, ist sogar ganz lustig. Es gibt dann noch einen kleinen Disput mit dem Eigner der Schlauchboot-Yacht: Wir hätten Bescheid sagen müssen, wenn wir die Achterleine lösen, sie hätten ja schließlich dort am Tisch gesessen. Äh, ja. Von dort haben sie aber auch zweifellos gesehen, wie wir angelegt haben, und konnten selbst erraten, dass wir dazu die dusselige Leine wegnehmen mussten. Letztlich diskutieren wir über nichts, und am nächsten Morgen um halb acht helfen uns die Nachbarn gerne aus unserer Ecke.

MITTWOCH UND DONNERSTAG- Zum Glück Glücksburg

Ungewöhnlich frühes Auslaufen bedarf einer Begründung - die Gäste haben schließlich Urlaub. Besser ist es noch, wenn die Begründung dann auch zutrifft. Heute passt alles hervorragend.

Zunächst puzzeln wir uns bei Windstille aus unserer Ecke - bei einer guten Bootsbreite Abstand zwischen Yacht und Pfahl möchte man nicht von einer Bö verpustet werden. Dann kreuzen wir entspannt ohne Welle aus der Schlei, die schöne Morgenbrise bringt uns zügig bis Falshöft. Vorübergehend wird es dümpelig, dann frischt der Wind auf. Platt vorm Laken sausen wir in die Förde. T-Shirt-Wetter und schnelle Fahrt - so soll es sein. Doch die Hochdrucklage endet, nachmittags sind Schauer zu erwarten.

Um Holnis herum sind es dann schon fünf Windstärken. Salty hat sich lange wacker gehalten - eine Halse mit Fockausbaumermanöver bei Kalkgrund wurde Rolf dann bei der internen Regatta zum Verhängnis. Oliese haben wir zweimal überholt, sie bleibt uns auf den Fersen. Martha ist nicht einzuholen. Pommery hat den Vormittag gemütlich angehen lassen. Erik ist gehandicapt: Die Batterie ist hinüber, die neue wurde nicht rechtzeitig geliefert, das Boot macht Wasser. Und Lenzen von Hand kostet jedes Mal ein paar Sekunden.

Gehandicapt bin auch ich: Keine Erinnerungen an den Glücksburger Hafen, kein Hafenhandbuch an Bord. Wie soll ich ahnen, dass er unendlich geräumig ist und bei Ost perfekte Abdeckung bietet? Zu Eriks Erstaunen gehen wir es defensiv unter Motor an. Beim Segelbergen fallen als erstem Okko die Quellwolken auf - perfektes Timing. Die meinen das hier ernst mit dem Segelsport: Die Hamburger Yachtschule gegenüber ist bekannt für ihre Ausbildung, obwohl die meiner Meinung nach nicht besser oder kompetenter ist als anderswo. Beim Flensburger Yachtclub riecht es nach Segel-Bundesliga, schon die Jüngsten segeln Laser statt Opti, zur Mittwochsregatta kreuzen schnittige Regattaboote aus dem Hafen, obwohl sie abgesagt ist. Und an einem unendlich langen, sichelförmigen Steg, dessen Boxen die perfekte Größe haben, liegen mit uns zwanzig Folkeboote. Vor Jahren sollen es dreißig oder vierzig (ohne uns) gewesen sein.

Wir begeben uns auf Landgang. Was in Olpenitz misslang, ein kleiner Einkaufsbummel, gestaltet sich auch hier schwierig: Erik führt uns durch den falschen Wald und erstmal an einen hübschen See, aber in die Stadt kommen wir hier nicht. Die Landschaft ist jedenfalls traumhaft, und irgendwann finden wir auch den richtigen Weg. Am Schlossteich können wir uns nicht entscheiden, ob rechts oder linksherum - völlig egal, die Strecke ist identisch lang, die Landschaft gleichermaßen sehenswert. Interessant finde ich, dass hier Graugänse in besiedelter Umgebung Station machen. Ihnen gefallen die umgestürzten Bäume am Ufer, da machen sie sich zu Dutzenden breit. Eisladen, Supermarkt, dann kehren wir zurück.

Glücksburg ist gut geschützt bei allen Winden ohne Nordkomponente. Zum Beispiel bei dem Ostsüdost am Donnerstag. Die Quersumme der Wetterberichte legt die Vermutung nahe, ab mittags sei es weniger böig. Im Hafen ist nix los, die Förde ist nicht gerade von Schaumkronen überzogen. Irgendwann legen wir ab, Ziel Gelting Mole, damit es am Freitag nicht so ein langes Ende ist.

Es wird ein spannender Tag. Bis Holnis bekommen wir bei Mittelwind drei bis vier ordentliche Drücker ab, aber da ist ja kaum Welle. An der Schwiegermutter wendet Pommery zu früh und stampft sich fest. Oli, Martha und Salty fahren den Schlag zu weit aus. Paula kommt auf. In der Außenförde ist der Wind eine stetige fünf, dafür steht hier volles Programm Welle. Und dummerweise, wenngleich nicht erstaunlich, folgt sie nicht dem Wind, sondern den Ufern. Mit anderen Worten: Auf Backbordbug kommt sie fast frontal von vorne. Zweimal werden wir angehoben und krachen im freien Fall ins Wellental, dann fallen wir zwanzig Grad ab und haben es wieder gut. Die Lenzpumpe läuft minütlich. Paula ist noch längst nicht trockengesegelt nach dem langen, warmen April, den sie an Land verbringen musste. Und ich denke, sie müsste mal nachvernietet werden, wenn ich möchte, dass sie wirklich dicht ist.

Wasser marsch: Als der angekündigte Dauerregen einsetzt, werden wir nass von allen Seiten. Oder werden wir? Längst trage ich Ölzeug und Gummistiefel, Paula ist es egal, von wo das Wasser kommt, zumindest spült der Regen mal wieder das Salz vom Deck. Der Seekartensatz ist eh nicht mehr zu retten. Der Wind lässt merklich nach. In der Geltinger Bucht schläft er bisweilen komplett ein, wechselt die Richtung. Ich baue eilig den Hack-Trimm zurück - plötzlich sind wir eine halbe Meile voraus. Segeln mit Südwest 2 auf den Hafen zu.

Der Südwest verabschiedet sich. Paula spielt zwanzig Minuten lang mit zwei Delphinen (!), von deren Auftauchen in der Ostsee ich zwar schon oft gehört habe, aber kennenlernen darf ich sie erst jetzt. Als die beiden eine Lust mehr haben, bringt uns ein hübscher Nordost mit fünf Knoten in den Hafen.

Der Kartensatz ist aufgeweicht. Alles ist nass. Rolf sagt: "Das Schlimmste war der Regen." Ich finde: "Bei Regen kann man gar nichts besseres tun als segeln." Joe antwortet: "Ich bin ganz bei dir." Erik baut die Kuchenbude auf und lenzt. Unsere bleibt unter Deck, wir gehen Essen. Das Hafenrestaurant in Gelting ist mein erster Ausflug in die Gastronomie seit Corona. Schräge Sache: Mit Maske die drei Meter vom Eingang zum Tisch, dann dürfen wir sie absetzen und unsere Namen und Adressen auf die Liste schreiben. Das Essen ist überaus lecker, kann ich wirklich empfehlen!


FREITAG: Homerun

Eben nur schnell nach Hause segeln und abreisen? Nicht bei uns. Bei uns ist jeder Tag ein Abenteuer. Es beginnt mit der Überquerung des Kalkgrund - von Gelting zur Schlei macht es wirklich keinen Sinn, um den Leuchtturm zu segeln, aber die Lücke zwischen den Steinen soll man schon treffen.

Dann geht es zügig unter Land südwärts. Paula holt Martha ein. Aber dann kommen wir nicht weiter. Ich probiere alles: Schot dichter. Schot weiter auf. Traveller ein Stück nach Luv. Ein Stück nach Lee. Achterstag fieren, holen, fieren, holen. Es ist großartig, wie unmittelbar sich der Effekt zeigt - bevor der Wind sich wieder ändert. Meter um Meter arbeiten wir uns heran. Als Marthas Segel einfallen, braucht Okko nicht zu reagieren: Das ist unser Windschatten.

In der Schlei können wir bis Maasholm auf einem Bug segeln, dann setzen die typischen Winddreher ein. Es ist eine anspruchsvolle Kreuz, bei der Oli im Rabelsund fest- und aus eigener Kraft wieder freikommt. Die Gäste sind begeistert - und ich vermute, vor drei Jahren noch hätte Okko das gar nicht erst versucht, sondern den Außenborder angeworfen.

Pommery fährt gleich weiter nach Eckernförde. Eriks Kommentar, als ich ihm unseren Tag schildere: "Da habt ihr ja noch richtig was erlebt."

Ja, das haben wir. Und ich weiß jetzt, was ich bisher nur hoffte: Nachdem es im März so aussah, als würden wir dieses Jahr überhaupt nicht segeln, kann es noch eine traumhafte Saison werden.