Folkeboote im Winterlager nicolas thon: fotografie -schreiben - segeln
Winterarbeit früherer Jahre Paula
Salty
Martha
Frieda Oliese



Fit für die nächsten zwanzig Jahre - Winterarbeit 2018-19
Der Sommer endete am 21. September um 11 Uhr vormittags. Da kam nämlich die Kaltfront eines Sturmtiefs. Als sich die acht bis neun Windstärken verzogen, fiel das Wasser um einen Meter und die Temperatur um 10 Grad. Und ich dachte ernsthaft an ein baldiges Saisonende. 

Der Plan lautet: Ein Boot - nämlich Martha - ist das Hauptprojekt, an den anderen wird nur das Nötigste gemacht. Wird sich nicht durchhalten lassen, nötig ist jede Menge. Nicht zuletzt hat der lange Zeit extrem trockene und heiße Sommer unschöne Spuren an Lukendeckeln und Schotts hinterlassen. Oliese und Frieda sollen endlich die ungeliebten Mastrutscherschienen loswerden, also werde ich mich den Oktober über mit ihren Masten beschäftigen. Oli und Martha wünschen sich Reitbalken mit vernünftigem Traveller, und das Material steht schon bereit. Bei Martha wählen wir gleichwohl insgesamt die große Lösung...

 




Die ersten Arbeiten für den soften Einstieg: Die Reitbalken. Dabei habe ich delaminierte bzw. perforierte Schlingen entdeckt und in Olieses Fall sofort ausgebessert. In Marthas Fall jedenfalls ausgebaut und Ersatz vorbereitet - ich kam dann nicht mehr weiter, als das Seitenteil des Hauptschotts im Wege war. Das ist mit der Außenhaut verschraubt bis unter die Wasserlinie. Als es damit also nicht weiterging, habe ich mich wieder den Masten zugewandt: Hülsen für die durchgebogenen Bolzen am Jumpbock, Metallrahmen für die ausgeschlagenen Scheibenkästen, hier und da ein bisschen Holz - und demnächst kommt die Fichte für die neue Göhl. Am meisten nach Baustelle sieht unterdessen Paula aus. Sie trägt noch ein paar stählerne, ziemlich rostige Stevenbolzen mit sich herum, und ich konnte nicht widerstehen, am ersten davon gleich herumzufummeln. Sein oberer Teil steckt nun in der ausgebauten Bodenwrange, der untere Teil schlängelt sich durch Stevenknie, Holzkiel und Achtersteven. Da kommt demnächst der Rohrbohrer, und wir spielen mal wieder Rauchende Colts...

Winterarbeit früherer Jahre

Paula 


Kielnaht neu kalfaten, die letzten vier alten Stevenbolzen ersetzen, Unterwasseranstrich erneuern - das klingt danach, dass ich Paula diesmal vorwiegend von unten sehe. Bzw. von oben kopfüber in die Bilge. Das mit den Bolzen hat sich als nötig erwiesen, da war nicht mehr viel von nach. Die hinterste verbolzte Bodenwrange ließ sich ziemlich leicht entfernen, mit dem Stevenbolzen drin. Das war aber ein Blindbolzen, der einfach stramm in einem Loch im Stevenknie steckte. Zunächst schien es mir so, als sei er mitten im Stevenknie einfach abgerissen, doch die Suche nach dem Rest war erfolglos.  Weil ich dabei aber den Holzkiel ein Stück aufgeprokelt hatte, gibt es dort nun einen Spalt unterhalb der betreffenden Bodenwrange, und mit dem langen Bohrer traf ich gekonnt genau diesen Spalt, so dass ich dort dem künftigen V4A-Bolzen eine schöne Mutter nebst U-Scheibe verpassen werde - so bekommt das Gesamtwerk deutlich mehr halt.

Ein besonderes Abenteuer war die alte Mastspur. Sie bestand im Wesentlichen aus einem zwanzig Zentimeter hohen Kantholz auf dem Vorsteven. Das ist eine ziemlich unzulängliche Konstruktion, wir wollen ja die Riggkräfte in den Rumpf einleiten und nicht in den Steven, und eine solche Erhöhung sorgt auch noch für einen zusätzlichen Hebelarm. Im Zusammenhang mit dem Mastbruch damals habe ich Paula eine ordentliche Mastspur über die beiden benachbarten Bodenwrangen hinweg gebaut. Das ergab sich so, weil der neue Mast kürzer war. Die alte Konstruktion habe ich einfach gelassen, wie sie war, und seitdem nicht mehr angeguckt.

Nun interessierte mich aber doch die Herkunft des rostigen Wassers in der Bilge, also warf ich mal wieder einen Blick dorthin - und entdeckte vier rostige Bolzenenden. Es hätte mir genügt, die einfach zu entfernen, doch in diesem Zusammenhang hat das Wort "einfach" definitiv nichts verloren. Ausbohren? Der Rohrbohrer wühlt sich irgendwann in nassem Holz fest, wird die Späne nicht mehr los, sondern verstopft vom entstehenden Schlamm und kommt nicht mehr weiter. Nach diversen Experimenten war ein Stecheisen das Mittel der Wahl. Es sieht jetzt nicht mehr ganz so gut aus, nachdem es die Hälfte des Kantholzes in tausend Brocken zerlegen musste, bis die Blindbolzen freigelegt waren. Die andere Hälfte der alten Mastspur konnte ich dann einfach rausnehmen.

Doch die Bolzen blieben im Vorsteven stecken. Dessen Holz sah erstaunlich gesund aus, wenn man bedenkt, wie viel nasser Gammelkram jahrelang auf ihm gelegen hat, und so soll das auch bleiben, weswegen der rostige Stahl wegmusste. Nochmal überbohren, so weit es ging, danach habe ich zum dritten Mal die Hydraulikpumpe an Bord geschleppt und auf die Bolzen - oder sollte ich sie Rundstahl nennen? - erstmal schöne Gewinde geschnitten, auf die eine Augmutter passte, an der die Hydraulik dann ansetzen konnte. Hub für Hub, "Krrk Krrk Krrk", löste sich der ganze Mist.

Ich war: er-leich-tert!!!! Paula sagte: "Schön, wenn der Schmerz nachlässt." Friedas Kommentar: "Also, diesen Juckreiz kenne ich auch..."

Wir wollen aber ja nicht nur Alteisen entfernen und Eichenholz retten, sondern auch ein bisschen Leckagebeseitigung betreiben. Deshalb sind Dichtmasse und Kalfatbaumwolle aus Kielnaht und Sponungen komplett entfernt. Was darunter zum Vorschein kam, darf bis Weihnachten noch ein bisschen trocknen, und wenn es gut läuft, denke ich rechtzeitig vor den Feiertagen daran, mir aus der Werft Kalfateisen auszuleihen. Zwei Spindeln Baumwolle und vier Kartuschen Tikalflex liegen schon bereit, die wird sich Paula mit Salty teilen.

Wie das ja so ist mit der jahrzehntelangen Interaktion rostigen Eisens mit Eichenholz: Ganz ohne Blessuren blieb das nicht, aber für richtig große Schäden waren wir noch rechtzeitig. Das unterste Stück des Achterstevens wirkte ziemlich geschunden und war beim Entfernen des Bolzens im Weg. Da ist jetzt ein neues Stück angeschäftet, und verkleben ließ es sich nur mit einer undurchschaubaren Hilfskonstruktion. Kreative Lösungen aus herumliegenden Brettern und Schraubzwingen habe ich echt liebgewonnen.





Salty

Salty macht ein bisschen viel Wasser. Unschätzbarer Vorteil des trockenen Wetters: Es ließ sich, unverfälscht von überall auf den Landungen stehendem Regenwasser, gut lokalisieren, wo das herkommt. Wir sollen also jetzt sämtliche Plankenstöße nachkalfaten und am besten auch die Kielnaht. Das sind die dringenden Dinge.

Auf der Wunschliste steht unter Anderem eine Tür, die abwechselnd Schapp und Niedergang schließt und das nervige dreiteilige Steckschott überflüssig macht. Ich fürchte aber, da wird Salty noch ein Jahr warten müssen.




Oliese


Die Überarbeitung des Mastes ist nicht das Einzige. Größere Arbeiten wünscht sich Oliese dieses Jahr nicht, sondern hat sich bereits für nächsten Winter als Hauptprojekt angemeldet. Es gibt aber einiges auszubessern, zum Beispiel Backskisten und Lukendeckel. Da hat uns hauptsächlich die Trockenheit einen Streich gespielt. Das Vorluk ließ sich ohne großen Aufwand ausleisten und wird noch einige Jahre halten. Das Schiebeluk habe ich mir genau angesehen - und kurzerhand ein neues gebaut. Mit etwas Übung (dank Frieda) ging das schneller, als das alte, aus allen Leimungen reißende Teil provisorisch aufzuarbeiten. Oli wirkte bei der Anprobe hochzufrieden, und jetzt verlässt sich sich darauf, dass ich es fein schleife und hübsch lackiere. Das müsste ich nur bald auch mal wirklich in Angriff nehmen...


Frieda


Wie bei Oliese ist es auch hier der Mast, der uns am meisten beschäftigen wird. Darüber hinaus ging es wie immer um diverse Kleinigkeiten. Der Cocpitboden ist ausgebesser mit frischem Kambala. Eine letzte weiche Stelle an der Außenhaut ist geflickt. Im Auto liegt noch der Motorträgerschlitten, dem ich gerne ein neues, dickeres, besser passendes Brett verpassen würde. Aber ansonsten wartet Frieda aufs Lackieren, und ich warte auf astarme, langsam gewachsene Fichte für den Mast. Liegt nicht gerade überall herum.








Martha


Ihren Wellnessaufenthalt in der Bootswerft Grödersby hat Martha schon vor Monaten gebucht. Sie bekommt neue Kielbolzen! Nicht weil es akuten Handlungsbedarf gäbe - bisher hat sie ihren Ballast immer wieder mitgebracht, und nichs erweckt den Eindruck, das könne demnächst anders ausgehen. Aber latenten Handlungsbedarf gibt es bei über fünfzig Jahre alten Bolzen allemal, und an Marthas sahen die Muttern, die ich als Einziges sehen konnte, von allen Booten am rostigsten aus. Also gehen wir das mal an - damit ist sie fit für mindestens fünfundzwanzig Jahre. Wir fangen gar nicht erst an, einzelne Bolzen probehalber auszubauen: Alle kommen neu, der Ballast ist gesandstrahlt, und die eine oder andere Bodenwrange war auch fällig.

Im Grunde müsste ich mich erneut auch den Proppen und den Fugen des Teakdecks zuwenden. Einige Beschläge müssen neu, zum Beispiel die unsägliche Lümmelbeschlagschiene von unzureichender Materialstärke. Und ein paar kleine Schönheitsfehler gibt es auch. Mal sehen, wozu noch Zeit ist.




Der Kielbolzentausch setzte voraus, dass wir Martha anheben. Also musste sie vorübergehend in der Werkstatt unter den Kettenzügen stehen. Und weil die beim Tor hängen, musste sie zunächst im Hafen zwei Wochen darauf warten, dass all die anderen Boote hinter ihr eingezogen waren. Irgendjemand hat dort unterdessen tüchtig Antifouling geschliffen, Martha sieht aus wie Hulle. Aber das war unser kleinstes Problem. Als sie endlich angereist kam, dachte sie schon, wir hätten sie vergessen - aber inzwischen denkt sie das nicht mehr, so sehr steht sie im Mittelpunkt sämtlichen Bemühens.

Zunächst war ich an der Reihe: Cockpit- und Salonboden, Handlenzpumpe und andere Dinge ausbauen. Muttern lösen bzw. abflexen (50/50). Proppen aus Vor- und Achtersteven bohren. Vorstevenbolzen austreiben (ging super). Achterstevenbolzen vergeblich versuchen auszutreiben (war nicht anders zu erwarten, der Weg durch die Bodenwrangen etc. ist lang und festgerostet). Bodenwrangen der Achterstevenbolzen ausbauen (hat allein fast zwei Tage gedauert).

Dann trat das Werftteam in Aktion, und mit ihm die Kettenzüge. Durch gezielte Hammerschläge gelang es, dass sich zwischen Holzkiel und Ballast vorne ein kleiner Spalt auftat. Multimaster, Keile und Elektrofuchsschwanz hatten etwas zu fassen, worauf sie sich gierig stürzten. Von Kielbolzen zu Kielbolzen arbeiteten Andreas und ich uns vor, bis es beim letzten Bolzen ordentlich knirschte und der Ballast frei auf den Trailer sackte.

Das Gusseinen mit den prall in ihm steckenden unteren Teilen der Kielbolzen, also die halbe Martha, reiste ab - in eine Schlosserei, die hoffentlich eine Idee hat, wie man den Kram da rauskriegt. Die andere halbe Martha setzten wir sanft auf Böcke. Und dann begann das Gepuzzel. Grundidee: Ein paar Hammerschläge abwechselnd von oben und unten, um den stramm im Holz sitzenden Bolzen ansatzweise zu lösen. Dann von unten ein Gewinde in den bündig abgeschnittenen Bolzen schneiden, einen Augbolzen reindrehen, daran mit der Hydraulik ziehen und gleichzeitig von oben mit Hammerschlägen nachhelfen. Beim ersten Kielbolzen ging das supergut. Und er sah auch insgesamt so aus, als hätte er locker noch dreißig Jahre überstanden.

Aus dem zweiten Kielbolzen flog der Augbolzen sofort wieder raus. Er war so vergammelt, dass um unser Gewinde herum nicht mehr viel Substanz war. Endlich also ein handfester Grund für die ganze Operation! Wir versuchten es von oben, unter Deck, wo ja noch die volle Materialstärke in Form eines inzwischen etwas pilzförmig gehauenen Gewindes vorhanden war: Bohren, Gewindeschneiden, Hydraulik, von unten lösende Hammerschläge. Ging phantastisch! Flutschte mehr oder weniger einfach so raus.

Kielbolzen Nummer drei: Auf die gleiche Weise, nicht nur, weil es ja eben so gut ging, sondern auch, weil von unten ein abgebrochener Bohrer drinsteckte. Ergebnis: Fünf Millimeter rauf und runter, knirschende Bodenwrange, aber kein erkennbarer Fortschritt. Dann war erstmal Feierabend. Martha sieht das Ganze gelassen - sie weiß ja, dass nach und nach alles gut wird, auch das, was unterwegs zu Bruch geht. Lene ("Folkeboot Lene hatte sich den Wellness-Urlaub im Sanatorium Grödersby anders vogestellt...") machte vor zwei Jahren einen unglücklicheren Eindruck. Trotzdem war mir wohler, als das ganze Alteisen endlich raus war aus dem Boot.

Fünf neue Bodenwrangen sind es geworden. Die anzufertigen, ist mit freiem Zugang zu Bandsäge und Hobelbank kein großes Problem. Das bestand eher schon im Bohren der Löcher für die Kielbolzen. Die Lösung, mit der ich am besten zurechtkam, bestand in der Verwendung der Ständerbohrmaschine. Deren zu geringem Hub ließ sich dadurch beikommen, den Bohrer nicht etwa rauszuziehen, sondern in der Wrange stecken zu lassen, sie mit anzuheben und mit weiteren Pallhölzern zu unterfüttern. Ein in allen Dimensionen gerades Loch schafft man nur mit Hilfe einer aufwändigen Hilfskonstruktion, aber nach einigem Ausprobieren und Üben ging es besser als urpsrünglich gedacht. Ein einziges Stück habe ich verbohrt, aber es war noch ein bisschen Eiche da, um es schnell neu zu sägen.

Zwischendurch haben wir noch ein paar andere Sachen erledigt: Die Schlinge im Cockpitbereich an Steuerbord ist neu, und auch die Befestitung des Reitbalkens steckt schon drin. Am Hauptschott sind die aufgerissenen Leimungen ausgeleistet, das Eichenstück an Steuerbord ist komplett neu und bereits eingebaut, die Schwelle am Niedergang hat durch einen zusätzlichen Balken Festigkeit und Torsionsstabilität. Die Rüsteisenspanten - die waren genagelt! - sind ausgebaut und aufgearbeitet und kommen dann mit ordentlichen V4A-Schrauben wieder rein. Für diese Arbeiten musste Martha nach und nach völlig geleert werden: Vorpiek, Salonkojen, Schwalbennester, Salon- und Cockpitboden, Wegerungen - alles ist raus, bis auf die Schapps. Das wird noch ein Riesenspaß, den ganzen Kram wieder einzubauen.

Doch vorher möchte der inzwischen gesandstrahlte Ballast geprimert und geprimert und geprimert und gespachtelt, geschliffen und noch dreimal geprimert werden. Parallel dazu kommen aus verschiedenen Himmelsrichtungen die ganzen Bolzen und der Teerfilz, so dass wir Anfang Januar zwei Tonnen Bootsgewicht wieder zu einer einzigen Martha zusammensetzen können.


Die erträgt die Prozedur nicht nur mit der gleichen stoischen Gelassenheit, mit der sie segelt, wie ich anfangs den Eindruck hatte. Sie hat einfach komplett abgeschaltet und entspannt sich. Gelegentlich, wenn ich sie um Hilfe bei der Suche nach einem Werkzeug bitte, kommt sie zu sich, aber dann muss sich sich wirklich erst aufrappeln und einen Überblick verschaffen, bevor sie mir sagen kann, wo es liegt. Dieses kaum ermessliche Vertrauen in die Qualität meiner Arbeit ist wirklich rührend - und ich werde es nicht enttäuschen!