Folkeboote im Winterlager nicolas thon: fotografie -schreiben - segeln
  Paula
Salty
Martha
Frieda Oliese



"Hör auf, besser wird es nicht mehr" - Winterarbeit 2019-20

Reparaturen von Schäden der Saison. Maßnahmen gegen den altersbedingten Verschleiß. Verbesserungen der Lebensqualität von Crew und Eigner. Wie immer machen wir von allem etwas, und zwar reichlich. Ich glaube, wir haben uns noch nie so viel vorgenommen wie diesmal. Deshalb beginnt die Berichterstattung darüber auch mit weihnachtlichen Fotomotiven, und online gehen sie Anfang Januar: Zeit und Muße dafür hatte ich bisher null.

Die ersten Upgrades haben wir im Oktober aufgespielt, während die Boote noch schwammen, und nein, Urlaub oder richtig Pause war seitdem nicht. Wir segeln im Juni nach Schweden - warum soll ich jetzt Urlaub machen?

 




Zwischen den Booten in der Halle ist es eigentümlich still. Staubige Einsamkeit dominiert die Holzwerkstatt. Im ausgekühlten Pausenraum finden keine Pausen statt. Das Farbenraum genannte Materiallager wirkt auf den ersten Blick ausgedünnt und unausgewogen: Ein ganzer Karton Mundspatel, aber nur fünf Paar Nitrilhandschuhe; Schleifpapier, von der Rolle und für die Maschine, nur noch 100er Körnung und feiner. Staubbindetücher gibt es zum Abwinken. In dem "Abreißgewebe" beschrifteten Karton tummeln sich zerfetzte Glasfasergewebereste. Abreißgewebe gibt es auch, aber nur auf einer 12cm breiten Rolle. Immerhin, Epoxi nebst Füllstoffen ist genug da für einen einzigen Kunden...

Oli findet es, kaum hat sie sich ein bisschen eingewöhnt und zurechtgefunden im Sanatorium Grödersby, großartig: Eine eigene Werkstatt ganz für sie allein. Sie strahlt so viel Selbstbewusstsein aus, dass ich mich beinahe entschuldigen möchte, wenn ich zwischendurch etwas für ihre Schwestern anfertige. Damit hat sie gar kein Problem, sie ist ja nun schon unser Hauptprojekt, und von Martha weiß sie genau, wie das dann läuft.

Es stimmt ja auch nicht ganz: Hinter ihr stehen ganz viele Boote, das Winterlager ist voll, und die Werkstatt gehört weder ihr noch mir. Doch Stephan hat den Betrieb in den letzten Jahren kontinuierlich verkleinert und macht jetzt nur noch Winterlager und überhaupt nicht mehr Bootswerft. Als Paula und ich hier kleinlaut, unerfahren und planlos ankamen, sprangen fünf oder sechs Gesellen herum, dazu der Meister und ein Auszubildender, gelegentlich eine Praktikantin und außerdem ein verlässlicher Anteil von Bootseignern, die in jeder freien Minute ihres Rentnerdaseins selbst Hand anlegten. Vom Zugucken, von Gesprächen in den Pausen, vom Ausprobieren und Tipps Beherzigen habe ich hier Bootsbau gelernt. Jetzt muss und darf ich allein klarkommen und beweisen, dass ich das kann.

Irgendwann wird es ganz vorbei sein. Wahrscheinlich darf Salty nächsten Winter noch als unser Hauptprojekt an dieser Decke hängen und sich den Ballast abnehmen lassen. Stephan und ich werden es genießen, haben wir uns doch inzwischen eine gewisse Routine erarbeitet. Bis Weihnachten ist er drei Tage die Woche in Hamburg und wirkt am neuen Toplicht-Katalog mit. Dann sind Oli und ich ganz für uns und können ungestört werkeln.

Komplett ungestört sind wir nicht. Eines Montags öffnet sich das große Schiebtor. Burkhard, der von sich sagt: "Jetzt such ich meine Gasmaske" und Peter, der über Burkhard sagt: "Das ist ein zerstreuter Professor!", wollen Koralles Mast lackieren. Burkhard hat heute ein anderes Thema, alle drei Minuten sagt er die Temperatur durch: "Immer noch sieben Komma zwei Grad." Ich verziehe mich in die Holzwerkstatt. Ich brauche bestimmt noch einen Riegel 10er Teakproppen...

*

Weihnachten - Zeit für die Familie. Meine besteht aus lauter Booten, und Ende Dezember sind wir nicht nur wirklich ungestört in den Hallen, es gibt auch erste fertige Ergebnisse, die sich prima als Geschenke eignen. Diesmal sogar mit Keksen dazu. Ach ja, die ersten Upgrades im Herbst: Die klassischen Hebel zum Durchsetzen des Großfalls sind wieder dran. Statt Stolperfallen auf dem Vorschiff sitzen die Positionslaternen nun seitlich am Aufbausüll. Die Steckverbindung des Landstromkabels ist in die Backskiste gewandert, und statt der schmutzempfindlichen Impellerpumpen schlürfen nun 12V-Membranpumpen die Bilge leer.


Winterarbeit früherer Jahre

Paula 

geplant:
- Beseitigung Leckage am Achtersteven / Heckspiegel
- Wegerungsleiste im Cockpit ersetzen
- wenn Zeit ist: Dachhimmel neu lackieren
sowie diverse Kleinigkeiten

Bootsbau ist oft wie ein spannender Krimi. Was ist hier geschehen, wer ist der Täter, wer das Opfer? Eine Leckage zum Beispiel erfordert eine gründliche Tatortanalyse. Systematisches Vorgehen, viel Erfahrung und reichlich Phantasie sind gefragt. Außen Sikaflex hinzuschmieren, wo sich innen das Wasser sammelt, ist immer die falsche Antwort - denn das Wasser sammelt sich, wenn nicht am tiefsten Punkt der Bilge, dann am tiefsten Punkt des Plankenganges. Und das ist dort, wo das Schiff am breitesten ist. Aber dort dringt es nicht ein.

Wenn ich die Bilgepumpe unnormal häufig höre, denke ich als erstes an die Sponung am Vorsteven, unterhalb der Mastspur. Paulas habe ich letzten Winter kalfatet. Ohne die Kielplanke nachzuverschrauben - ich hatte großes Vertrauen in die soliden Kreuzschlitzschrauben zweifellos neueren Datums, diesen Job hatte also schon jemand erledigt. Ergebnis im Verlauf der Saison: Paula machte Wasser.

Also doch nachverschrauben, dachte ich. Womöglich erneut kalfaten. Oder sonstwie. Bis ich mir unterwegs einen Blick in die Bilge gönnte und erkannte, womit ich wirklich nicht gerechnet hatte: Das Wasser kam von achtern!

Jetzt haben wir also einen neuen Punkt auf der Liste, der nach und nach bei allen Booten abzuarbeiten sein wird: Der Heckspiegel. Es geht vornehmlich um den kritischen Bereich unterhalb der Wasserlinie, wo de Spiegel herzförmig zusammen- und dann in den Steven ausläuft. Paulas zum Beispiel entpuppt sich als überaus mulchig - ein Fall für Stecheisen und Oberfräse. Dann aber die spannende Frage: Wie kriege ich hier neues Holz rein, ohne den ganzen Spiegel auszubauen? Die Planken umgeben ihn ja so, dass man nicht einfach einen Schnitt machen und ein Stück rausnehmen kann. Oder das vielleicht doch bei dem rotten Zustand des Holzes - aber frisches Holz bekommt man nicht hinein.

Ein Gespräch mit Bootsbaumeister Andreas. Eine Runde Gehirnschmalz. Dann entsteht in meinem Kopf ein fünfteiliges Puzzle mit gewagten Schäftungen und komplizierten Schmiegen. Für die Puzzleteile benutzen wir diverse Pappschablonen und viel Geduld, dazu einen Schwung Mahagonireste aus der Werft. Bei den Schmiegen hilft ein Geradschleifer, noch mehr Geduld und zuletzt die Erkenntnis: Besser wird es jetzt nicht mehr, den Rest erledigt das Wunderdicht. Bevor der ganze Kram mit Epoxi und amtlichen Schrauben eingebaut werden kann, muss aber erstmal der Steven trocknen. Das Holz ist noch fest, immerhin, aber triefend nass. Vielleicht soll ich da noch einen kräftigen Schluck Imp reinkippen, damit es unter der Reparaturstelle nicht gleich wieder losmuckelt...

Ansonsten ist Paula wie immer die gute Seele: Morgens und abends ein Küsschen, sie erinnert mich an die nötige Disziplin, begrüßt mich wohlwollend früh um sieben und veranschiedet mich gerne abends kurz vor. Bevor ich mit trockenem Mund zu krächzen beginne, offeriert sie mir ein alkoholfreies Flens, wovon sie einen unerschöpflichen Vorrat in der Bilge zu haben scheint, und lockt mich damit sogar, wenn sie und Salty beschlossen haben, es sei ausnahmsweise an der Zeit für einen Arbeitssonntag.

*


Huah, was für ein Kampf! Das fünfteilige Heckspiegelpuzzle ist die erwartete Herausforderung. Die begann ja schon damit, die Teile einzupassen mit all den unerhörten Schmiegen. Einmal habe ich so lange dran rumgefiedelt, bis das Stück zu klein war und ich von vorne beginnen musste. Seit alles passt, habe ich den Kram wochenlang nicht angefasst, während Paula ihren Achtersteven ein bisschen trocknen ließ. Doch jetzt, kurz vor Weihnachten, ist es endlich so weit.

Bestmögliche Vorbereitung? Haha, ich werde improvisieren müssen. Um vier Uhr konnte ich nicht mehr schlafen, um fünf bin ich schließlich aufgestanden - das hat den Vorteil, jetzt richtig früh am Tag loszulegen. Alles hinters Heck holen, was wir brauchen. Tikal zwischen Puzzlestücke und Planken. Ordentlich Epoxi zwischen das Puzzle. Vorsichtig reindrücken. Dann in Position hämmern - sitzt ja stramm, wie es sich gehört. Die neuen Spiegelstücke bohren und mit dem Steven verschrauben. Oh ja, das schafft was - Harz drückt aus den Fugen, kleckert herum wie sowieso schon die ganze Zeit, aber das sieht gut aus jetzt. Schnell Tape auf die Fugen, damit das Zeug nicht vollständig raussickert. Auf dem Boden türmen sich die Nitrilhandschuhe - um das Werkzeug nicht vollzusauen, nehme ich immer wieder ein frisches Paar.

Uha, das Meiste ist geschafft. Jetzt nur noch die Planken gegen den Spiegel verschrauben. Schafft auch was, sie ziehen sich schön ran, jetzt quillt Tikal aus den Fugen. Dass nicht alle Schrauben tief genug versenkt sind, um sie hinterher verspachteln zu können, ist mir jetzt egal. Ich werde sie einzeln herausdrehen, nachsenken und wieder einschrauben. Ganz in Ruhe, an einem anderen Tag. Jetzt nur schnell noch die rausgequollene Sauerei mit dem Mundspatel entfernen, dann darf Paula sich ums Aushärten kümmern.

Ich atme durch. Und dann schiebe ich die ganzen Sachen rüber zu Salty und wiederhole die ganze Aktion. Und als nächstes, noch immer im Januar, während Oli und ich mit schwindender Geduld auf die neuen Kielbolzen warten, widme ich mich mit Paula der Sommerkollektion 2020: Außenhaut gründlich schleifen - wir arbeiten uns durch alle Farbnuancen der letzten Jahrzehnte. Grundieren - für einen Tag ist sie wieder dunkelblau. Versuch eins - was der Hersteller "Creme" nennt, ist ein drastisches Gelb. Abends gibt es bei allen, die meiner Enttäuschung zustimmen, Pellkartoffeln mit Senfsauce. Nicht bei uns. Bei uns gibt es eine neue Mischung, ein Drittel Creme, zwei Drittel Weiß, und dann bin ich gut zufrieden mit dem Ergebnis. Es fehlt nur noch ein letzter Schliff und eine Endschicht bei günstiger Witterung.



 

Salty


geplant:
- Cockpitboden erneuern!
- schwarze Verfärbung StB achtern am Schergang beheben (Spund?!)
- neue Ruderbank nebst Auflager
- Deck unterhalb der Winschpodeste abdichten, dazu Winschpodeste abnehmen, Fuge zum Cockpitsüll öffnen.
sowie diverse Kleinigkeiten

bei Begutachtung hinzugekommen:
Aus dem kleinen Spund am Schergang wurde ein umfangreicher Eingriff am Heck, einschließlich Spiegel, Horizontalknie, Spiegelrahmen.


Eine kleine schwarze Verfärbung am hintersten Ende des Schergangs will bearbeitet werden. Seit Jahren schon will sie das, jetzt ist sie endlich an der Reihe. Da ist ein kleiner Riss in der Planke, verdeckt von der Scheuerleiste, aber vom Heck aus unverkennbar. Grummelnd denke ich: Da sind irgendwelche Charterer rückwärts gegen einen Dalben gesemmelt, muss mächtig gerappelt haben, aber natürlich haben sie nichts davon erwähnt. Egal, ist ja keine große Sache, ein Stück Scheuerleiste muss ab und später neu, und darunter gibt es einen kleinen Spund in der Lärche.

Als die Ecke abgetrennt ist, zeigt sich das Dahinter: Vermuckeltes Horizontalknie. Vermuckelter Heckspiegel. Was wird hier gespielt? Die Antwort erfahre ich nur, wenn ich das Deck aufmache.

Darunter offenbart sich eine Kniekonstruktion von ehemals übertriebener Stabilität - das kenne ich von anderen Folkebooten zierlicher. Das gilt aber nicht mehr, seit die Eiche ihren aktuellen Zustand angenommen hat. Da müssen wir bei. Da nehmen wir erstmal die Handkreissäge und fiedeln 30 mm Gemuckel raus zwischen Heckspiegel und gesundem Eichenholz. Da pauschal ein entsprechendes Brett reinzuprügeln, scheint mir der schnellste Weg zum gesunden Heck. Und während ich schon dabei bin, passendes Holz zu suchen, ist auch gleich noch ein schönes Stück Mahagoni dran für den oberen Teil des Heckspiegels. Die Leimung war dermaßen, dass sich das Brett mit einem sanften Ruck komplett abnehmen ließ.

Man muss wissen: Ich habe einen Rhythmus geplant. Montag bis Freitag bin ich in der Werft bei Hauptprojekt Oli. Freitags bereite ich nebenbei alles vor für den Samstag, den ich in der Halle mit Paula, Salty und den Kleinteilen verbringe. Sonntag ist Büro, Wohnung, Mittagsstunde und ein bisschen Pause. Zu tun gibt es immer genug, da ist ja auch noch der Lackierraum, der vorläufig so aussieht, als sei ein eingesperrtes Nashorn in Panik geraten. Irgendwann will ich hier lackieren - ohne etwas Vorbereitung wird das nicht gehen. Und das bisher allzu improvisierte Büro möchte in eine wohnliche Ikea-Wunderwelt verwandelt werden. Oder jedenfalls ich möchte das. Ein schönes Bastelprogramm für einen Sonntag. Ach, und mein selbstgebautes Sofa werde ich jetzt auch an die Gegebenheiten der neuen Wohnung anpassen, und das bedeutet, es zu zerlegen und spiegelverkehrt wieder zusammenzusetzen. Ich bin ja auch erst vor sieben Jahren eingezogen...

Saltys Heck passt in diesem Umfang nicht wirklich in die Planung. Wir haben ja eh schon einiges vor diesen Winter. Diesen Samstag zum Beispiel ist der neue Cockpitboden dran. Der alte hat sich im Laufe der Saison schon recht weitgehend zerlegt, das stand auch so der Ordnung halber in jedem Übergabeprotokoll, damit den Charterern nicht irgendwann der Boden unter den Füßen wegbröckelt und sie dann Angst bekommen, dafür aufkommen zu müssen. Statt nun 750 Euro für Teakholz auszugeben, habe ich mich, dem Tipp eines Freundes, Charterers und Tischlers folgend, für Robinie entschieden. Der Baum ist in Europa heimisch, das Holz ist vergleichsweise günstig, sensationell witterungsbeständig - und schwer zu bekommen.

Wenn man allerdings Andreas danach fragt, greift der sich nicht nur sofort zum Mobil-Klönkassn und telefoniert sämtliche darin gespeicherten Holzhändler ab, sondern redet auch mit seiner ebenfalls bootsbauernden Mitbewohnerin darüber, und so kam es, dass ich eines trüben Morgens in Flensburg die Nut-und-Feder-Reste vom Decksbau eines Traditionsseglers abholen konnte. Brettware statt Bohlen, ein bisschen feucht vom Außenlager, aber tauglich - für 50 Euro. Besäumt, geputzt und gehobelt habe ich das Zeug gestern. Nun geht das Puzzlespiel los.

Der Cockpitboden eines Folkebootes ist im Wesentlichen zweiteilig: Zwischen den Backskisten liegen parallel soundso viele Bretter, abhängig von der Brettbreite, und sind nach Bedarf mit Querleisten zu Einheiten verbunden. Das geht schnell und einfach, ist ja schon passend gesägt. Der achtere Teil ist von oben betrachtet ein fast dreieckiges Trapez. Parallele Bretter (so hatte Salty das bisher) sehen nicht gut aus - die Fugen müssen von der hintersten Bodenwrange strahlenförmig nach vorne auseinanderlaufen. Das wollen wir jetzt schaffen. Ist also mehr als mal eben anspaxen.

Ich klebe schnell aus Leisten ein grobes Modell zusammen, damit hocke ich mich unter Saltys Heck auf den Betonboden und scharre mit den Robinienbrettern. Zur Verfügung steht mir Vadderns Tischkreissäge, Modell Aldi, und unsere gebündelte Kreativität. Paula und Salty sind unerschöpfliche Inspirationsquellen, nicht nur, wenn es um Cockpitböden geht. Als ich langsam müde werde, lotst mich Paula unter Deck, wo in der Bilge noch reichlich alkoholfreies Flens steht. Nach einem kräftigen Schluck davon bin ich wieder fit.


*

Der Cockpitboden ist so weit fertig, muss nur noch vernünftig verschraubt werden, und sieht todschick aus. Die Spunde am Schergang sind angeklebt. Salty wirkt zufrieden. Was denn nun aber mit der neuen Ruderbank? Ja, da steht schon das Sperrholz...

Gerade die Hälfte des Geplanten habe ich geschafft. Dafür gründlich und gewissenhaft gearbeitet. Aber genügt das? Die Boote finden: Nein, du kommst mal schön am Sonntag auch nochmal hierhin. Ich kratze mich am Hinterkopf. Robinienstaub rieselt aus dem ungekämmten Haar. An Olis und Friedas kranken Backskisten fräse ich noch Nuten und Schäftungen, fürs Kleben wird es mir dann zu spät. Das Skylight für Olis Vorluk ist eingepasst und probeweise verschraubt, aber es muss ja noch eingedichtet werden. Die delaminierte Pinne ist auch noch nicht ganz fertig. Ich fahre erstmal nach Hause. Verabschiede mich mit einem fröhlichen, hochmotivierten "Bis morgen!!"

Sonntag. Ich bin um sechs Uhr wach. Ist jetzt so der Rhythmus. Als Erstes pflücke ich das Sofa halb auseinander, damit ich hinterher keine Ausrede habe - so kann es nicht auf Dauer bleiben. Dann fahre ich zur Halle. Aha, das Sperrholz. Die Ruderbank.

Saltys bisherige war eine auf den ersten Blick attraktive, aber höchst nervige und pflegeaufwändige Sache: Ein Mahagonibrett, darauf eine pseudoergonomisch geschwungene, figeliensche und gewagte Konstruktion aus formverleimten, S-förmigen Leisten, die jeden Winter mit Brüchen, offenen Leimungen oder sich lösenden Schrauben neuen Ärger bereitete. Die Unterkonstruktion ist ziemlich prekär in die Spanten geschraubt, und wenn die Ducht verrutscht, gelingt es keinem Charterer der Welt, sie wieder in Position zu bringen. Ich habe bereits Tatsachen geschaffen: Die Leistchen liegen unter Paula bei dem anderen Schrott. Das Brett habe ich schon verbaut, es sind daraus die Halbschotten für die neue Unterkonstruktion geworden - klassische Folkeboot-Bauweise mit Halbschotten und Nirorohren, auf denen die Ducht verschiebbar ist.

Ein Blick rüber zu Paula verrät mir: Der Clou an der Ruderbank ist der Strak. Man sitzt ja beim Segeln immer nur in einer Ecke. In der Mitte darf das gute Stück ruhig schmaler sein, dann hat man mehr Platz für die Beine. Und über Nacht habe ich mir auch überlegt, wie ich eine Führung für die Oberfräse konstuiere, um Paulas Strak auf Saltys Sperrholz zu übertragen. Umleimer ran, fertig. Für heute jedenfalls. Die Backskisten sind auch relativ zügig verleimt. Ich mache weiter mit diesem und mit jenem Kleinkram, bis mir wirklich nichts Dringendes mehr einfällt, dann fahre ich zurück nach Sörup. Im Hellen!!!

Bis ich das Sofa zerlegt und neu zusammengesetzt habe, ist es dann doch einigermaßen spät, dafür, dass ich noch nichts Richtiges gegessen habe. Aber es war ein erfolgreicher Tag. Und morgen geht es dann wieder zu Oli - die weiß auch sehr genau, was gut für uns beide ist...




*


"Salty, das macht keinen Spaß!" Ich muss jammern. Die ausgebauten Winschpodeste wollen aufgearbeitet werden. Sie waren vollflächig mit Deck und Süll verklebt mittels einer Gummipantsche, die ich jetzt mit dem Stecheisen runterschaben muss. Absolut lächerlich war die weitere Befestigung: Sechs-Millimeter-Bronzeschrauben durchs Süll, die dort, tief eingesenkt und verpfropft, so gut wie kein Fleisch hatten, dafür aber so endlos ins Winschpodest ragten, dass sie sich nach all den Jahrzehnten beim besten Willen nicht mehr drehen ließen und ausgebohrt werden mussten. Ist egal, da kommen überall Proppen rein. Aber dies blöde Geschabe an dem Gummi jetzt...

Also jammere ich. Salty ist auch nicht begeistert von den Bootsbaukünsten von...wem nochmal? Hat sie vergessen. Ist ja auch egal. Salty kann es nicht ändern. Sie möchte auch, dass ich die alten Winschpodeste aufarbeitem und wieder einbauen kann. Sie möchte es ganz sehr. Und auch, dass mir die Arbeit Spaß macht.

Liegt es an meinem Jammern oder ihrer Willenskraft? Plötzlich flutscht das Stecheisen übers Holz, schubbert dabei mühelos das Gummi ab, in langen Streifen und breiten Flatschen. Minuten später finde ich, den Rest könne der Schwingschleifer schaffen. Ja, das kann er, das geht gut - ich zeige Salty den Daumen nach oben.

Das Jammern hat neulich schon geholfen, als ich Olis Ballast spachtelte. Der Ballast war kalt, der Spachtel dementsprechend zäh, es dauerte ewig und war extrem nervig. Ich schickte Paula eine SMS dieses Inhalts in die Schule. Sie antwortete nichtmal - und doch lief es gleich wesentlich besser.

Als ich mich verabschiede, sage ich: "Das war ein guter Tag mit euch!" Die Winschpodeste sind eigentlich Plansollübererfüllung., wir haben schon einiges geschafft. Als ich morgens nach Grödersby fuhr, fühlte ich mich müde und war skeptisch. Erster Programmpunkt: Geliebte Oli begrüßen und eine Schicht Epoxiprimer auf den Ballast. Zweiter Programmpunkt: Saltys Achterdeck laminieren.

Ich machte es langsam, gründlich, ordentlich, in Ruhe. Und vor allem: Total entspannt. Normalerweise stresst es mich, mit Kiloweise Epoxi rumzuschmieren, ich fühle mich unter Zeitdruck, bin mir allzu bewusst, dass mir im Laminieren Routine fehlt, die ich auch gar nicht anstrebe, denn dazu müsste ich das öfter machen, und wer reißt schon gerne Decks nur zum Üben auseinander?

Jetzt trage ich üppig auf, wickele das Gewebe von der Rolle, ziehe es in Position, tränke es bei Bedarf nach, wickele Abreißgewebe hinterher. Ich arbeite mich viertelmeterweise voran, immer von Markierung zu Markierung, die ich vorher noch schnell mit dem Edding gemacht habe, weil das Glaszeug dazu neigt, sich beim Auflegen zusammenzuziehen und dann die vorher abgeschnittene Länge nicht mehr passt.

Irgendwann ist alles hübsch glasig ohne weiße Stellen, das Abreißgewebe versieht seinen Job und saugt überschüssiges Harz auf. Überhaupt, alles saugt und saugt, und dann wird es aushärten, und ich beschließe, meine Griffel davon zu lassen, weil es, wie Oli mir immer einschärft, jetzt nicht mehr besser wird.

Was steht auf dem Zettel? Ach - mein Bedürfnis ist es, erstmal aufzuräumen und sauberzumachen. Zwischen den Booten und auf der Werkbank. Ich mache es gründlich wie selten, wühle sämtliche Werkzeug- und Sammelsuriumskisten durch, sortiere sie neu und beschrifte sie. Packe Müll und Späne in Tüten. Fege und sauge. Zwei Stunden bin ich damit beschäftigt. Und habe am Ende des Tages alles, was auf der Liste steht, gründlich und ordentlich erledigt.

*

Mitte Januar. Oli wartet auf die Kielbolzen. Restarbeiten stehen noch auf der Liste. Naturgemäß sind das Sachen, die nicht so wichtig schienen, zu denen ich zunächst keine rechte Lust hatte, die notfalls verschoben werden könnten. Das galt, als ich mich voller Motivation ins Gewühl stürzte. Und jetzt, wo ich schon darüber nachdenke, wie ich das Lackieren organisiere? In Saltys Spalte steht da was von Pantry / Schlingerleiste / Scharniere / Klappen. Also gut. Sehe ich mir mal an.

Saltys Pantry war bisher dermaßen: Obenauf steht der Kocher. Darunter verbirgt sich hinter einer Klappe das Besteckfach, ganz unten lagern hinter einer Tür die Töpfe.

Das Besteck lag bisher in einem Einsatz, der zum Normmaß der heimischen Küchenschublade passen würde. Hier rutschte er bei jeder Wende hin und her zwischen der Klappe und einer Schlingerleiste auf halber Schapptiefe. Hin und wieder hüpfte ein Besteckteil über die Leiste rüber, verkroch sich in den Tiefen des Schapps und begab sich auf den schwerfälligen Abstieg Richtung Bilge. Wenn sich Gäste über zu wenig Besteck beklagten, zauberte ich das Fehlende wieder hervor. Zwischen Hauptschott und Außenhaut steckt seit einem Jahr unerreichbar ein Messer. Prädikat: Unpraktisch.

Im Herbst fand ich Abhilfe: Eine Plastikbox mit verschließbarem Deckel und Besteckeinsatz - das ist toll, das ist ordentlich, das ist zwar ein bisschen verpönt, Kunststoff ist momentan nicht gerade in Mode, aber jedenfalls langlebig und deshalb in meinen Augen leicht zu rechtfertigen. Problem aber: Die Box ist größer als die bisherige Lösung, die Schlingerleiste musste weg, woraufhin die neue Box natürlich erstmal sehr, sehr weit in ihre Höhle krabbeln konnte. Deshalb soll jetzt wieder eine Schlingerleiste ran, nur eben nicht in der alten Position, sondern so, dass die Box ihre Position hält.

Das wird keine große Aktion. Soll es ja auch nicht. Deckel ab, Leiste ran, fertig. Aber dann fallen wir die vielen Löcher und Unansehnlichkeiten auf, die von früheren Versuchen zeugen, auf die Schnelle die Pantry ein bisschen praktischer zu gestalten. Hier war mal ein blöder Kugelschnäpper angeschraubt, da saß mal dies, dort klebte mal das. Die Klappe des Besteckfachs lässt sich nicht vollständig öffnen - weil der Vorreiber der Tür im Wege wäre, wird sie von einer Fangleine aus Takelgarn gestoppt. Ich mache mich daran, den Vorreiber umzusetzen. Möglichst unter Verwendung bestehender Löcher, ich will den Rahmen nicht noch mehr perforieren. Doch die einzige mögliche neue Position würde den Vorreiber tief unten neben dem Niedergang verschwinden lassen - ich sehe vor meinem geistigen Auge schon die ersten Charterer mit Gewalt an der Tür reißen, weil sie den Verschluss nicht entdecken. Ach die Tür - sie klemmt! Da schafft der Simshobel Abhilfe, aber schöner ist sie davon nicht geworden. Ohnehin ist die Außenlage des Sperrholzes Stellenweise durchgeschliffen. Anderswo ist sie so dünn, dass sich eine Luft- oder Dampfblase darunter gebildet hat. Und schließlich wird mir auch bewusst, dass die Tür im Grunde zur völlig verkehrten Seite öffnet - wer kramt denn vom Cockpit aus nach Töpfen?

Also baue ich eine neue Tür. Passe den Rahmen mit Oberfräse und Mahagonileisten an, lasse all die alten Löcher verschwinden, ziehe das Teil ab. Gleiches wiederfährt der oberen Klappe, die unverkennbar seit Jahrzehnten keinen frischen Lack mehr gesehen hat. Und während der drei Tage, die ich damit immer mal wieder für zwei, drei Stunden beschäftigt bin, bis alles passt und geschliffen ist, frage ich mich nach der Quelle meiner erstaunlichen Motivation. Salty kichert.









Oliese



geplant:
- Alles.
Oder im Wesentlichen:
- Decksbelag Kajütdach erneuern
- Ballastkiel abnehmen, sandstrahlen, grundieren und spachteln
- sämtliche Kiel- und Stevenbolzen in V4A erneuern
- beim Austreiben der Bolzen zerstörte oder anderweitig erneuerungsbedürftige Bodenwrangen ersetzen, andere aufarbeiten
- Bilgelackierung bestmöglich entfernen, Bilge mit Imp tränken
- Weiche Spanten am Hauptschott, ggf. weitere, erneuern
- Verbindung zwischen seitlichem Cockpitsüll und Cockpitrückseite öffnen, neu verkleben und verschrauben
- verpilztes Stück Außenhaut an Bb ersetzen
- Loggengeber (ohne Funktion, undicht) ausbauen und Loch verschließen
- StB-Backskiste neu verleimen
- Holzklotz des Motorträgers erneuern
- Vorluk mit Skylight versehen
- fragwürdige Blende aus Mahagonifurnier vom Hauptschott hobeln, Bereich verschleifen, Löcher mit Querholzdübeln verschließen. Offene Fugen im Hauptschott, Resultat des trocken-heißen Frühlings 2018, ausleisten.
- Alten Landanschluss verdecken.

bei Begutachtung hinzugekommen:
- aus einem Spantenpaar wurden zwei
- (nur) eine Bodenwrange beim Bolzenausbau zerstört und erneuert
- drei Hilfswrangen im Cockpit ausgebaut, aufgearbeitet und wieder eingebaut
- Kielschwein der Mastspur war tiefgründig verfault und ins mulchige Holz mit Epoxi vergossen; nach Muster neue Mastspur angefertigt.
- Vorstevenlasche war tiefgründig verfault und mit Epoxi vergossen und modelliert; Stelle fachgerecht mit großzügigem Eichenspund repariert.
- Kojenschott (brach beim Festhalten während des Ausbaus der Stevenbolzen plötzlich beidseitig zusammen) ausgebaut, neu verleimt und wieder eingebaut.
- Flachen Spund, ca. 12 mm, achtern in Kielbohle eingebaut und Bolzenlöcher rekonstruiert
- beim Ausbau beschädigte Teile des Schiebeluksülls ausgebessert
- Türschwelle (Mittelteil des Haupschotts) nebst Auflagern für Salon- und Cockpitboden erneuert
- Ablaufschläuche beider Lenzpumpen erneuert

Langsam und stetig dreht sich der Bohrer in den rostigen Stahl. Ein Kranz von Spänen türmt sich um das Loch. Rauch steigt auf, es riecht nach heißem Öl. Noch ist der Bohrer scharf. Er darf nicht überhitzen.

"Hallo? Stephan?" ruft jemand in die Halle. Kratzend schraubt sich der Gewindeschneider in das Loch, immer drei Umdrehungen vor und eine zurück, damit er sich nicht festfrisst in den Spänen. "Krrk krrk krrk", einen zurück, wieder vor. "Stephan? Hallo?", ruft die Stimme. Das Gewinde ist tief genug, der Augbolzen wird halten. Pallhölzer unter, Hydraulik rauf (uuuuuff!), Schäkel ran. Dann langsam Druck geben. Oder besser gesagt Zug. 

Hub für Hub zerrt der Hydraulikheber am Kielbolzen. Ein Stück ist er schon rausgekommen aus seiner Bodenwrange, und sie ist nichtmal aufgerissen. Weitere Hübe, bis zum Anschlag, dann ein dickeres Pallholz als Unterlage. Und weiter, Hub für Hub. In der Halle ist Stephan aufgetaucht. Freudige Begrüßung, Smalltalk. Das letzte Stück Kielbolzen flutscht aus dem Holz. Der Heber kippt um. Längst ist die Gemütlichkeit der Kajüte staubigem Baustellenflair gewichen. Überall Pallhölzer, Keile, Werkzeug, Dreck. Alles rutscht und poltert in die Bilge, einschließlich mir - der Halt gebende Cockpitboden war im Weg und ist ausgebaut. Und jetzt ein weiterer Bolzen, ein weiteres Erfolgserlebnis!


*


Die Bodenwrange muss raus. Nicht nur, weil sich dann der Bolzen - er verbindet sie mit Stevenknie und Kielbohle - leichter ausbauen lässt. Vor allem wird der kurze Nachbarbolzen, dessen Mutter direkt auf dem Stevenknie sitzt, halb von der Bodenwrange verdeckt.

Die Schrauben und Nägel durch die Außenhaut sind entfernt. Ein paar Schläge mit dem Fäustel, vorsichtiges Unterschieben von Keilen, zuletzt ein Ruck mit dem Kuhfuß - das Oberteil fliegt mir entgegen. Hurra! Jetzt das Unterteil: Leichte Schläge mit dem Fäustel - hm, es bewegt sich nicht allzu frei. Unterteile von Bodenwrangen bekommt man normalerweise leicht rausgehebelt mit Hilfe des Kuhfußes, dessen eine Zinke abgebrochen ist. Die verbliebene Zinke passt neben dem Bolzen ins Nüstergatt und erzeugt dort Druck nach oben. Doch dieses Bodenwrangen-Unterteil rührt sich keinen Millimeter.

Zehnmal überprüfe ich, ob ich nicht doch noch irgenwelche Schrauben übersehen habe. Leiter rauf, Leiter runter, rauf, runter, gegen Ende des Arbeitstages werden die Beine schwer. Aber nein, da sind keine Schrauben und keine Nägel und kein sonstwas. Die Wrange muss kommen. Tut sie aber nicht.

Wie war das noch beim Überbohren des Stevenbolzens? Klebte da nicht jede Menge altes Sikaflex am Bohrer? Ich ahne Böses - das bisschen Kraft, das ich mit dem Kuhfuß ausüben kann, ist nicht stark und kontinuierlich genug, um den hartnäckigen Kleber zu lösen. "Oli, sag du", seufze ich. Und erhalte, zuverlässig wie immer, meine Intuition.

Ich bohre ein Loch durch die Wrange. So gut es geht, so tief kriege ich kaum die Bohrmaschine in die schmale Bilge. Stecke einen Tampen durch das Loch. Kreuzknoten drauf, ein paar Pallhölzer - die passenden habe ich von Bord geworfen, also nochmal Leiter runter und rauf - und bringe den Hydraulikheber in Stellung.

Krrk, Krrk, Hub um Hub strafft sich das Seil. Es reckt sich und reckt sich, spannt sich und spannt sich, wird dünner und dünner, der Knoten zieht sich zusammen. Ich achte auf meine Sitzposition: Wenn das Seil reißt, was jeden Moment passiert wird, möchte ich außerhalb der Schussrichtung sein. Ein weiterer Hub. Krrk. Noch einer. Krrk. Resigniert sehe ich auch diesen Versuch scheitern und habe keine Idee für den nächsten. Gedankenverloren drücke ich den Hebel. "Schrrrrrrrnkkkk!", sagt die Bodenwrange.

Ich halte inne. Und bin noch resignierter: Bestimmt ist das Loch ausgerissen, das ich für den Tampen gebohrt habe. Oder? Ja, bestimmt. Das Licht ist nicht besonders gut, ich verstelle die Lampe. Finde das Loch unversehrt. Dafür die Bodenwrange ein Stück hochgerutscht.

Noch ein Hub. Geht plötzlich ganz einfach. Wir klatschen uns ab, Oli und ich. Die Bodenwrange ist ausgebaut und heil geblieben. Bloß den supertighten, mit mehreren Tonnen Zug gespannten Kreuzknoten kriegt kein Mensch mehr auf...

Das Bodenwrangenunterteil ist aber auch wirklich witzig: Es besteht aus irgendeinem Tropenholz - keine Jahresringe - und ist aus zwei Teilen verleimt. Das kann man machen, wenn man keinen langen Bohrer hat, das Loch für den Bolzen also mit der Oberfräse macht. Aber üblicherweise baut man es dann so, dass die beiden Teile nach dem Verschleifen bündig sind. Hier passt immer nur ein Teil, deswegen auch das ganze Gummi - das sollte nämlich die entstandenen Lücken füllen. Naja. Ganz hinfällig ist diese Bodenwrange noch nicht. Sie wird hübsch aufgearbeitet und kommt wieder an ihren Platz. Und ich notiere mir, dass ich sie im Blick behalten werde. Dringender Rat an alle Hobbybastler: Baut eure reparierten Teile tunlichst so ein, dass man sie auch wieder ausbauen kann! Keine Verklebungen an unsinnigen Stellen!

*

Dritter Tag. Vier Bolzen noch. Nummer eins verbindet Stevenknie und Achtersteven. Keine Wrange. Ich versuche ihn auszutreiben. Er verbiegt. Verschwindet in der Eiche. Auch sitzt er extrem fest. Ich versuche ihn nach innen zu treiben. Der Kopf ist im Steven eingesenkt. Überbohren von innen ist die einzige Chance. Dazu muss ich ihn wieder gerade biegen. Dafür wiederum muss ich ihn überhaupt erst wiederfinden. Der Bohrer findet ihn tatsächlich, aber es kostet Zähne. Kostet Schärfe. Bedeutet dauerndes Festfressen. Ich bohre dann doch unterm Boot liegend den Kopf weg. Treibe ihn von außen nach innen. Treibe den Rest des Kopfs durch ein Loch, das zu klein für ihn ist. Erfolg nach zwei Stunden. Puh. Nummer zwei.

Stevenknie und Kielbohle. Keine Wrange. Schön senkrecht nach unten. Er kommt ein Stück, der Kopf taucht auf. Drehen mit dem Schraubenschlüssel würde ihn lösen. Der "Kopf" ist eine Sechskantmutter. Sie ist nicht schön festgerostet wie bei den anderen. Sie löst sich sofort. Überbohren, Treiben von unten - alles keine Option: Das Brett des Trailers ist im Weg. Also muss er weiter runter. Ich überbohre. Stecke ein Rohr in das Loch, das den Bolzen umringt, damit der Austreiber ihn zuverlässig trifft und ich ihn nicht ins Holz neben den Bolzen schlage. Endlich habe ich ihn weit genug raus. Gripzange, Kuhfuß, viel Geduld. Er kommt raus. Nach zwei Stunden. Dafür steckt oben das Rohr bombenfest...

Nummer drei. Gleiche Anordnung, nur etwas weiter vorne. Mist, genau an der Stelle ist Oli aufgepallt. Ich hebe sie an, verschiebe das Pallholz. Dann wieder Rohr und schwerer Hammer. Ganz vorsichtig, damit nicht wieder etwas feststeckt. Er kommt. Der Kopf hält dem Schraubenschlüssel stand. Ich finde einen Platz für den Kuhfuß. Zwanzig Minuten, dann ist er raus - so hätte ich mir das bei jedem Bolzen gewünscht.

Nummer vier. Hinterste Bodenwrange. Zum Glück kenne ich das Spiel schon: Beim Einbau wurde der Bolzen rechtwinklig durch den Achtersteven gesteckt, dann die Bodenwrange draufgestülpt, und beim Positionieren der Bodenwrange wurde der Bolzen um dreißig Grad geknickt. Bei den neuen V4A-Bolzen wird das nicht gehen. Das Material ist zu hart und spröde. Aber raus geht es ganz einfach, wenn man den Bolzenverlauf kennt. Und zuerst die Bodenwrange ausbaut. Nochmal einen Schwung Löcher in den Rumpf. Dann geht es ganz leicht. Und auch der Bolzen kommt beinahe freiwillig. Punkt 13 Uhr zwanzig sind alle r.a.u.s.!!

Der Rest des Tages vergeht damit, das Chaos zu ordnen. Im Cockpit und unterm Heck liegt Werkzeug jeglicher Größe zwischen Pallhölzern, Brocken, Bronzeschrauben, Stahlnägeln und verbogenen Bolzenresten. Dazu jede Menge Dreck und Krümelkram. Zum Feierabend ist die Baustelle so, dass man morgen hier weitermachen kann. Erfolg!!



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Die neuartige, universell einsetzbare Smart Machine für die Holzbearbeitung ist wirklich beeindruckend: Blitzend und leuchtend scannen Laser und Kameras das Werkstück aus allen Perspektiven. Die Software analysiert das Ergebnis, ermittelt selbständig in Sekunden bisherige und künftig gewünschte Form. Sensoren bestimmen Holzart, Faserverlauf und Feuchtegrad. Surrend huschen Anschlagschienen, Anlaufrollen, Klemmen und Saugnäpfe in Position.

Das Reservoir an Werkzeugen ist immens, die Auswahl erfolgt automatisch. Messer, Klingen, Sägeblätter und Walzen rasten klickend an die richtigen Hebel und Arme. Dann startet der kräftige Elektomotor, der auch große Schnitttiefen in Hartholz mühelos bewältigt. Mit einer Genauigkeit von fünfzig Mikrometern arbeiten sich die Werkzeuge am Werkstück entlang. Die eingebaute Absaugung sorgt für eine staubfreie Werkstatt. Minutenschnell sind selbst die komplexesten Gebilde fertiggestellt.

Schade ist nur die Sache mit Softwarefehler. Das Gerät erkennt sehr wohl ein Boot. Aber einen Spund im Vorsteven interpretiert es als Rohmaterial für ein Gewürzregal, Modell "Homer Simpson"...

Nein, da arbeite ich doch lieber von Hand. Tatsächlich sehe ich in dem hohen Anteil Handarbeit einen Vorteil in dem Job. Die eingesetzten Hilfsmittel sind handelsübliche Werkzeugmaschinen, deren Gebrauch oft Hilfskonstruktionen und entsprechendes Gehirnschmalz voraussetzt. Wo das nicht geht oder unglaublich aufwändig wäre, kommen seit Jahrhunderten bewährte Dinge zum Einsatz: Hammer, Hobel, Handsäge, Stecheisen. Und ich finde das gut so, auch wenn es manchmal heißt, den Spund im Vorsteven tatsächlich von Hand beihobeln zu müssen - leidlich über Kopf, und dann auch noch mit Arbeitsrichtung von oben nach unten. Ein erfahrenerer Handwerker hätte sich die Faserrichtung vor dem Anfertigen der Schäftungen angesehen, damit die schweißtreibende Arbeit zumindest ergonomisch erträglich bleibt. Aber nun ist das Ding eingeklebt, Oli erträgt geduldig mein Gejammer, und morgen oder übermorgen werde ich den letzten Rest verschleifen können. Das natürlich dann maschinell...


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"Tack!"

Man hört es, wenn eine Bodenwrange passt. Sie fällt dann mit diesem satten, dunklen Ton in Position, der nur entsteht, wenn alle Flächen komplett anliegen und im gleichen Moment einrasten. Passt sie nicht, stößt sie nur mit zwei Punkten irgendwo an, und es erklingt ein helles "Klock", woraufhin die Bodenwrange um diese beiden Punkte herum kippt. Die dreckige, alte Außenhaut hinterlässt auf der frischen Eiche ein bisschen Schmutz, dort muss dann Holz weggearbeitet werden, und die Chancen stehen gut, dass anschließend ein helles "Klock" und ein neues Bisschen Schmutz davon künden, wo die nächste Stelle ist, die es zu raspeln und zu schleifen gilt.

Man ahnt es schon: Der Weg zur neuen Bodenwrange ist langatmig und mühsam. Er beginnt mit einem Seufzer und der Diagnose: "Die is kaputt!" Niemand wechselt ohne Not eine Bodenwrange. Bei Oli war ich optimistisch: Drei habe ich selbst schon neu gebaut (die alten waren weich), eine weitere ist nicht original, also neueren Datums, wenngleich aus Sperrholz, das man typischerweise nicht unbedingt als Ersatz für solide, feste Eiche wählt. Überhaupt, die Materialauswahl bei einer früheren Großreparatur: Bodenwrange aus Sperrholz, Planken aus Mahagoni, die Brettlaschen statt mit Kupernieten mit Stahlnägeln befestigt - da hat jemand genommen, was im Regal lag. Nicht das, was guter Bootsbau verlangt hätte.

Gerne genommen löst sich eine Bodenwrange beim Ziehen des vom Rost aufgeblühten Kielbolzens auf. Das sieht aus, als würde man den Reißverschluss öffnen, man kann, während man den Hebel der Hydraulikpumpe bedient, beim Auseinanderfliegen resigniert und ernüchtert zugucken. Hier ist es anders: Es geht um die Wrange vorne an der Mastspur, durch die der "kleine" Kielbolzen geht. Sie hatte es schwer, weil die Mastspur eingelassen ist und wenig Holz übrig bleibt, um die Form zu halten. Sie war also schon Schrott, bevor der Bolzen auch noch die Mitte auseinandergefetzt hat.

Zweiter Schritt: Wir brauchen die alte Bodenwrange als Modell für die neue. In ihrer Postition mit einigen Sperrholzstreifen zusammengespaxt, wird sie diese letzte Aufgabe gut erfüllen können. Als nächstes brauchen wir Holz. Ich drücke Niels die alte Wrange in die Hand, er sagt mir, wann er wieder vor Ort ist, und zuverlässig wie ein Uhrwerk bringt er einen passenden Abschnitt einer ausreichend dicken Eichenbohle mit. Und nun kommen die Werkzeugmaschinen ins Spiel.

Der Dickenhobel ist eine Wahnsinnsmaschine. Er ist nicht an Ort und Stelle gebaut worden, doch man bekommt sofort Mitleid mit den Menschen, die ihn hierher transportieren mussten, und verwirft gleich die Frage nach einem künftigen Standort. Eine respekteinflößende Höllenmaschine. Aber auch ein Wunderwerk. Schritt für Schritt reduziert er eine von den Jahren des Lagerns schmuddelig gewordene, sägerauhe Bohle auf ein schönes, frisches, passgenaues Stück Holz. Was jetzt fehlt und vorher noch dran war, kann man nebenan im Spänesack der Absaugung betrachten.

Dieser Dickenhobel zieht einen enormen Anlaufstrom und verfügt, typisch für leistungsstarke, alte Elektromaschinen, über eine Stern-Dreieck-Schaltung. Das muss man nicht verstehen. Es genügt sich zu merken, dass man zuerst alle anderen Geräte ausschalten muss, dann kann man ihn auf die erste Stufe stellen. Und bevor er konstant auf höchster Drehzahl läuft, darf man auf keinen Fall weiterschalten auf Stufe zwei. Und erst, wenn er auf Stufe zwei konstant läuft, darf die Absaugung eingeschaltet werden. Weil: Wenn man diese Reihenfolge missachtet, fliegt die Sicherung.

Heute zieht er sich ein Stück Eiche durch. Nicht allzu oft, es ist ungehobelt kaum dicker als die alte Bodenwrange, zu deren Nachfolger es werden soll. Doch es hat sich ein wenig geworfen und ist außenrum durch Feuchtigkeit und Alterung nicht gerade ansehnlich. Das ließe sich rausschleifen - würde ungefähr drei Stunden dauern und dutzende Bögen Schleifpapier verbrauchen. Der Dickenhobel ist in einer Minute damit fertig.

Er läuft immer noch aus, in hellen, unangenehmen Tönen singend und wimmernd, während ich die Kontur der alten Wrange auf die neue Eiche übertrage. Den Bleistift hat schnell noch der Bandschleifer angespitzt. Jetzt kommt die Bandsäge zum Einsatz. Auch ein uraltes, grundsolides Modell, ebenfalls mit Stern-Dreieck-Schaltung, aber in Relation zur Stromversorgung und Sicherung lange nicht so kritisch.

Trotzdem habe ich Respekt. So ein Band fragt nicht danach, ob es weiches Modellbauholz, harte Eiche oder einen Finger zu fassen bekommt. Es kann auch mal reißen - und dann ist die Frage, ob man auf der richtigen Seite steht, oder ob der Arbeitstag abrupt beendet ist (und so schnell kein nächster möglich ist). Ich säge erstmal die Mallkante (das ist die Kontur ohne Schmiegen an der Seite der Bodenwrange, wo sie größer ist). Im zweiten Schritt halte ich die neue Wrange schräg und unterfüttere sie, entsprechend der von der alten abgenommenen und an der neuen angerissenen Schmiegen - so weit vorne im Schiff laufen die Bordwände schon ziemlich spitz aufeinander zu, also muss die Bodenwrange an ihrer Vorderseite wesentlich kleiner sein als achtern. Dann gilt es auch noch die Mastspur grob auszusägen.

Anders als grob kann es sowieso nicht sein - die Bandsäge zittert und erzeugt einen Schnitt, der auf jeden Fall noch verschliffen werden muss. Immerhin verzichte ich diesmal - Olis Selbstvertrauen ist ansteckend - auf eine gehörige Angstzugabe. Ich freue mich, dass das Sägen schonmal gut gelaufen ist, dann besinne ich mich darauf, dass der mühsame, zeitraubende, nervige Prozess des Einpassens erst jetzt ansteht. Gehorsam klettere ich die Leiter hinauf und begebe mich unter Deck.

Klock. Die Bodenwrange kippt um zwei Punkte. Ich greife zum Schwingschleifer, der neben mir liegt, weil ich eben noch damit Proppen verschliffen habe. Ein bisschen Schleifen hier, ein bisschen Fiedeln da - neuer Versuch. Klock. Also nochmal: Schleifen hier, fiedeln da. Ich denke noch, ich werde wohl zur Hobelbank gehen und die Raspel nehmen müssen.

"Tack!" Sitzt und passt. Rührt sich kein Stück. Absolut perfekt - in nichtmal dreißig Sekunden!!


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Ich höre das gerne, wenn Oli sagt: "Kannst aufhören. Wird nicht mehr besser." Dank ihrer beständigen Motivation bin ich offenbar gut in Form - sie sagt es ziemlich häufig. Was steht heute an? Ein Stück Planke. Ist ja erstmal nix besonderes. Nur dass es nur einen halben Meter lang ist, vom Heckspiegel nach vorne, und dort folgt unter einer krude vernagelten Brettlasche Mahagoni. Klarer Fall, im weiteren Verlauf nach vorne war die Originalplanke marode und ist erneuert worden. Oli hat an der Backbordseite mehrere so seltsam reparierte Plankengänge: Immer ein Stück Mahagoni. Waren die zu faul, sich die widerstandsfähige Lärche zu besorgen? Warum sind da drei Plankenstöße statisch ungünstig direkt übereinander? Warum sind die Laschen nicht mit Kupfernieten eingebaut, sondern mit inzwischen heftig rostenden Stahlnägeln, die wir nächstes Jahr ausbohren werden?

Und warum, zum Teufel, haben die dabei nicht gleich bis ganz zum Heckspiegel gearbeitet? Hier ist der Stoß, die Lasche, die Mahagoniplanke - dort muckelt das restliche Stück pilzbefallener Lärche wacker vor sich hin! Ich hatte das auf der Liste, bin nicht überrascht - es wird aber doch höchste Zeit für diese Reparatur.

Die hohe Kunst beim Bau eines Klinkerrumpfs besteht im Hobeln der Landungen. Also der Stellen, an denen die Planken überlappen. Wenn das nicht sauber und exakt gearbeitet ist, sind Leckagen sicher, schließlich ist dort kein Kleber und sonstwas dazwischen, nur Holz auf Holz. Zum Vorsteven und Heckspiegel hin geht die Landung in eine Falz über, die schließlich auf null ausläuft: Direkt am Steven und am Spiegel ist die Außenhaut innen wie außen glatt. Und in diesem Übergangsbereich befinden wir uns.

Gerne hätte ich das alte Stück vollständig erhalten als Vorlage. Doch das Holz war zu schlecht, es zerbröselte. Schlimmer noch: Ich brauchte den Multimaster, a.k.a Zittersäge, um es loszukriegen, und stellte mich beim Sägen, in Fehleinschätzung der Gegebenheiten, ungeschickt genug an, um auch gleich noch die Planke darüber zu beschädigen und ausspunden zu müssen. Dabei half die Oberfräse, keine große Sache, aber jetzt fand ich das Einpassen der neuen Lärche schon ein bisschen anspruchsvoll.

Oli war optimistisch. Sie war ja anfangs so skeptisch dem neuen Eigner gegenüber, aber inzwischen wirkt sie ziemlich begeistert. Sie ist überhaupt total bei der Sache. Genauso konzentriert wie ich. Das ist bemerkenswert - an diesem Platz nahe der Kettenzüge haben ja schon mehrere ballastlose Folkeboote gestanden. Jane habe ich nicht mitbekommen, aber der war damals wohl alles Recht, solange sie nicht ins ferne Holland musste, sondern ihre Mission erfüllen konnte. Lene hatte sich ihren Wellnessurlaub definitiv anders vorgestellt. Ihre Wärmebehandlung bekam sie später auch, aber erstmal kam der Zahnarzt an Bord und brachte den großen Bohrer mit, und das Boot wirkte panisch und verängstigt. Martha letztes Jahr entschied sich vertrauensvoll für den Winterschlaf und ließ die ganze Prozedur über sich ergehen, ohne mir auch nur ein einziges Mal bei der Suche nach Werkzeug zu helfen. Sie wachte erst wieder auf, als wir mit den neuen Kielbolzen jonglierten und der Tag näherrückte, an dem sie ihre Schwestern in der anderen Halle wiedertreffen sollte.

Mit Oli ist es nun so, dass wir gemeinsam an ihr arbeiten. Bisher hat sie zwar manchmal auf die Zähne gebissen, aber wirklich jeden Handgriff abgesegnet. Motiviert und selbstbewusst gehe ich mit der Lärche in die Holzwerkstatt und nehme den Falzhobel - eher aus Lust und Laune, so richtig geplant war das erst für den nächsten Tag. Mal kurz ranhalten, hier noch weiterhobeln, dann auch da anpassen, schließlich hierauf achten - eine halbe Stunde später wage ich es, das neue Plankenstück beherzt in Position zu hämmern, ohne zu befürchten, alles ringsum zu zertrümmern. Ein paar kleine Korrekturen noch, dann sagt Oli meinen Lieblingssatz. Eine Drehstütze zwängt es perfekt in Position.

Den endgültigen Einbau - noch mit Schrauben statt Kupfernieten, verschiebe ich auf den nächsten Morgen. Aber gut zu wissen, dass er unproblematisch sein wird. Zur Sicherheit, so genau wie die des großen, großartigen Thorkild Lind sind meine Hobelfähigkeiten zweifellos nicht, werde ich ordentlich Tikal ringsum schmieren. Und Oli hat ein Loch weniger in der Außenhaut.

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Stephan rief aus Hamburg an: Ob ich in der Halle sei und kurz Zeit hätte, ihm einen Gefallen zu tun. "Ich bin gerade auf der Leiter", sagte ich, "aber ich geh da auch gerne von runter, wenn du mir sagst, wo ich stattdessen hingehen soll." Er sprach von Gold. Ich schluckte. Und dass da im mittleren Schrank in der Schlosserei ein Kästchen mit Gold stünde.

In meiner Vorstellung war er der Mafia in die Hände gefallen und kam erst wieder frei, wenn er sein für den Ruhestand vorgesehenes Vermögen in Goldbarren ausgehändigt hätte, das ausgerechnet in der Werkstatt versteckt war, so dass ich nun in die Sache reingezogen wurde.

Es handelte sich natürlich um Blattgold. Deswegen war das Kästchen auch schwer zu finden: Das Gold war nicht als solches zu erkennen, und die ganzen Fläschchen und Tücher und sonstigen Sachen drumherum sagten mir überhaupt nichts. "Jonathan kommt gleich und holt das ab. Ich sag ihm Bescheid. Die sind nämlich am Vergolden und haben nicht mehr genug."

Endlich konnte ich mir zusammenreimen, worum es ging: Die Göhl einer A&R-Yacht. Nein, nicht die Mastgöhl. Deren Göhl ist eine rund ausgefräste Zierde kurz unter der Scheuerleiste. Und die wird nunmal vergoldet. Warum, interessiert mich nicht, und Oli hatte auch nichts Anderes als tiefe Missbilligung auf Lager.

Als Jonathan das Goldkästchen zurückbrachte, war Stephan zufällig selbst da. Oli wunderte sich, was man im Kontext Bootsbau für krasse Themen draufhaben kann: Es ging um die Entwicklung des Goldpreises. Und wieviel also so eine Göhl im Vergleich zu vor Jahren jetzt kostet. Olis Meinung: "Echte Segler brauchen sowas nicht."

Bei der letzten Schicht Epoxi-Primer habe ich nicht mehr viel Farbauswahl. Ich färbe nämlich jede zweite Schicht ein, um besser sehen zu können, das ich überall hingemalt habe. Grün und Rot ist alle, Blau will Oli nicht, es bleibt nur noch Ocker. Wie fast jedes Mal tappe ich in die gleiche Falle: Beim Durchrühren im Schummerlicht des Farbenlagers sieht man absolut keinen Unterschied zu vorher. Ich kippe also noch mehr rein. Und dann noch einen Spritzer extra. Beim Auftragen ist sofort klar, dass ich es wieder übertrieben habe. Doch nein - quietschgelb wird der Ballast nicht. Es ist eher die Farbe puren Goldes. Dass der Ballast bis zum Ansetzen ein paar Wochen so bleibt - damit kann Oli ausgezeichnet leben.

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Olis großer Tag beginnt mit Frieren bei leichten Minusgraden. Als die eben aufgegangene Sonne die Pfützen vor der Halle auftaut, hängt das Boot bereits in den Kettenzügen und kann, die Nase durchs Tor gesteckt, selbst begutachten, was für ein schöner Sonnentag es wird. Gestern haben wir vorbereitet, was vorzubereiten ging: Trecker rausgefahren, damit Platz ist. Ballast angehoben, abgesetzt, angehoben, abgesetzt - und dadurch um 180° gedreht, so dass er nun so steht, wie er angebaut wird. Die neuen Kielbolzen, vorgestern erst sind sie eingetroffen, reingesteckt. Dazu die Löcher saubergefiedelt, also von reingelaufenem Primer, Rost und sonstigem Mist befreit. Teerfilz angerissen, zugeschnitten und gelocht. Deck und Kajüte aufgeräumt, ebenso die Halle um Oli herum.

Die Bolzen sind nicht alle parallel, Nummer vier spreizt gewaltig. Ihn werden wir ganz zum Schluss erst einfädeln können - solange noch reichlich Abstand zwischen Kiel und Ballast ist, trifft er sein Loch nicht. Aber das wird nachher gut gehen. Wir sind im Begriff, den Teerfilz mit Wurzelteer zu tränken und den Kiel von unten mit Bitumenspachtel einzustreichen. Stephan fragt,  ob ich ausprobiert habe, wie gut die Bolzen durch die Löcher im Holz passen. Ging ja nicht: Erst waren keine Bolzen da, und dann stand Oli aufgepallt auf dem Trailer mit reichlich wenig Platz unter ihr. Alle Löcher sind gründlich nachgebohrt, mehr kann ich nicht sagen. Wir probieren es aus. Und sehen keine Chance, auch nur einen einzigen Kielbolzen einzutreiben - eher drücken wir Oli in die Höhe.

Wir versuchen alles, was zur Verfügung steht: Nachbohren mit einem zwanziger Bohrer - naja. So weit waren wir ja eh schon. Nachbohren mit einer 20er Lochsäge - das bringt zumindest die Erkenntnis, worin das Problem besteht. Ursprünglich war der Ballast ja ganz unklassisch mit Sikaflex angesetzt, davon hängt noch jede Menge in den Löchern. Jedes Mal Bohren fördert einen  Haufen Krümel davon zu Tage, ohne dass der Bolzen insgesamt wirklich fluffig liefe. Wir probieren einen langen Rohrbohrer mit auseinandergebogenen Zähnen - danach geht der Bolzen allzu leicht rein und rutscht beim Loslassen gleich wieder raus. Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben viel Lochdurchmesser. Der Trick ist ein auf einen etwas kleineren Bohrer geklebtes Stück Schleifpapier. Damit fiedeln wir Loch um Loch, Zentimeter um Zentimeter, sauber, bis jeder Bolzen mit akzeptablem Kraftaufwand in seine Öffnung wandert.

Wir senken Oli langsam ab, Schritt für Schritt, ein Stück vorne, ein Stück hinten, dann wieder vorne, dann hinten nochmal hoch, weil wir es übertrieben haben. Oli stürzt sich gierig auf ihre neuen Bolzen, aber wenn sie verkanten, sind sie eben verkantet. Und nachdem sie nicht mehr verkantet sind, rutschen sie wieder perfekt rein in den Bootsrumpf, der ihr neues Zuhause sein wird. Es läuft perfekt, bis Stephan eine Leiter anstellt, hochsteigt und einen Blick ins Cockpit wirft. Diagnose: Nummer fünf ist wesentlich zu lang, Nummer sechs erheblich zu kurz. Ich klettere selbst hoch und, welche Überraschung, sehe nichts Anderes.

Nachdenklich reibe ich mir das Kinn. Stephan ist überzeugt, ich hätte die hintersten beiden Bolzen vertauscht, aber das alleine löst das Rätsel nicht. Viel eher habe ich mich bei einem verrechnet und bei dem anderen vermessen, aber das hilft ja jetzt nicht weiter - tauschen oder neu anfertigen lassen sind keine Optionen. Die Bodenwrange von Nummer sechs wird ausgeklinkt - dauert fünf Minuten. Bolzen Nummer fünf stört zum Glück auch in seiner Überlänge nicht den Cockpitboden - ich werde die Bodenwrange ein Stück aufbauen, verwende jetzt erstmal ein provisorisches Eichenklötzchen mit eilig erledigter 22mm Bohrung, um ad hoc Druck aufbauen zu können, und bin letztlich mit dem Resultat nicht unzufrieden: Wenn ich das Füllstück ein bisschen breiter mache, kann ich die "Türschwelle" des Hauptschotts damit verschrauben. Daduch bekommt Oli an einer durchaus neuralgischen Folkebootschwachstelle erheblich mehr Stabilität. Sogar die Handlenzpumpe zerrt künftig nicht einfach nur an ein paar Schräubchen, sondern einem amtlichen 20mm-Kielbolzen.

Stephan macht erstmal Mittag, während ich mich mit gekränktem Stolz und kreativer Problembewältigung herumschlage. Oli sagt nichts. Sie weiß ja sowieso, dass am Ende alles gut wird, weil es ja alternativlos so kommen muss. Eine gute Stunde später sind alle Muttern kräftig angezogen, der Druck lässt den Wurzelteer den Ballast vollkleckern, und Stephan räumt erstmal auf - es ist erstaunlich, wieviel Werkzeug man bei so einer Aktion nach und nach aus allen Richtungen herbeischleppt. Ich rühre Epoxi an und klebe die vorbereiteten Holzfüllstückchen in die Taschen. Um siebzehn Uhr ist alles erledigt, was wir uns für diesen Tag vorgenommen haben - das darf wohl als Erfolg gelten.

Und gleichzeitig war es die letzte Großaktion des Winters. Der Rest sind, wie man so sagt, Restarbeiten: Bodenwrange Aufhöhen, Geklecker des herausquellenden Bitumens entfernen, und dann vorwiegend Schleifen und Lackieren. 



Frieda


geplant:
- Havarieschaden an der StB-Scheuerleiste beheben
- Bb-Backskiste neu verleimen
- alten Landstromanschluss verdecken
- provisorisch ausgebesserte Mastgöhl dauerhaft reparieren
sowie diverse Kleinigkeiten


Ich treffe mich mit Frieda zur Anprobe: Sie und Salty bekommen einen Bock! Niels hat wirklich schönes Holz dafür ausgegraben - ich traute kaum meinen Augen, was da aus dem Dickenhobel kam: Tiefstes Rot, feinstes Sipo-Mahagoni, sowas Gutes bekommt man heutzutage kaum noch, weil in den Plantagen immer nur Kaya wächst. Er muss dieses Brett ewig gelagert haben, jetzt hat es er es rausgerückt, weil ich auf 30 mm Stärke bestand.

Das Problem ist der Ablaufschlauch von Friedas Handlenzpumpe - er geht mitten durch die Bodenwrange, wo der Bock ransoll. Das erfordert eine üppige Aussparung, die ich jetzt mit groben Bleistiftstrichen anreiße. Immerhin, ansonsten passt "Modell Oliese" ziemlich gut in Friedas Bilge. Zufrieden kehre ich zurück in die Werkstatt, nicht ohne schnell noch die Eiche für Olis neue Bodenwrange einzupacken und auf dem Weg auch bei Salty Maß zu nehmen. Aber was ist überhaupt ein Bock?

Vor zwei Jahren wollte Björn unbedingt einen Reitbalken für Jane. Gleichzeitig wollten Jörg und Ralf dringend Heidis Reitbalken aus dem Cockpit schaffen. Beides sollte Niels möglich machen. Schmunzelnd schlug er einen Tausch vor, aber natürlich hätte kein Teil des einen Bootes auf dem anderen gepasst. Außerdem hat ja jeder Eigner so seine Sonderwünsche, abgerockte Altteile von Winterlagernachbarn gehören in der Regel nicht dazu.

Jedenfalls saß Niels auf Heidi und kritzelte in seinem Notizbuch - er sollte ein Angebot erstellen. Und er fragte mich, wie das eigentlich heißt, was Heidi bekommen soll. Ich sagte schulterzuckend: "Ich kenne das als Bock. Hab ich irgendwo aufgeschnappt." Niels war zufrieden: "Ich schreibe auf: Großschotbock." Seitdem heißt das so.

Nachdem jetzt alle meine Boote einen Reitbalken haben, möchte ich als nächste Eskalationsstufe, dass sie alle sowohl mit als auch ohne ihn gesegelt werden können. Salty hatte als Alternative ein Auge im Cockpitboden, wo man die Großschot hätte einschäkeln können - aber sich so tief zu bücken, um die Curryklemme zu erreichen, schien mir unpraktikabel. Frieda hatte: nix! Und jetzt kriegen beide also so richtig Bock. Und dann auch noch aus so schönem Holz - beinahe zu schade für ein Bauteil, das letzten Endes doch selten zum Einsatz kommen wird, denn der Traveller ist keine ganz unwichtige Trimmeinrichtung. Ich würde immer dazu raten, ihn zu benutzen. Aber immerhin bin ich nun an einem weiteren Punkt die Diskussion los, welches Boot für welche Bedürfnisse zu chartern ist: Mit und ohne Reitbalken ist fortan kein Entscheidungskriterium.

Der Bock bietet einen weiteren Vorteil, der mir neulich morgens in den Sinn kam, als ich an die lieben Feuerwehrleute aus der Pfalz dachte: Sie wünschen sich einen größeren Kochtopf - den ich zum Frühjahr besorgen werde, ist ja keine Mühe, und sie haben Recht - und einen vernünftigen Cockpittisch anstelle des jackeligen Modells "Paris" aus dem Baumarkt. Auch da haben sie Recht. Kann ich aber jetzt nicht anfertigen - ohne Reitbalken und Backskisten ist Probesitzen und Größe Bestimmen unmöglich, und wenn das alles wieder eingebaut ist, beginnt die Saison. Allenfalls kann ich dann ein Modell bauen für den nächsten Herbst.

Dafür habe ich aber schon die passende Idee, und sie beinhaltet, dass der Bock auch als Träger für den Cockpittisch dient. Unabhängig davon, ob der Reitbalken eingebaut oder entfernt ist. Unabhängig sogar davon, ob ein drittes oder gar viertes Crewmitglied auf der Ruderbank sitzt, wenn es Essen gibt. Die passende Sperrholzplatte und Leisten für die Umleimer habe ich auch schon gekauft. Ich fürchte nur, die Damen werden - morgens, wenn sie an die Feuerwehrleute oder sonstige Lieblingskunden und Fanclubmitglieder denken - ihre ganz eigenen Ideen entwickeln, was ich aus dem Material bauen könnte, und wenn dann die Zeit der neuen Cockpittische gekommen ist, werde ich mit leeren Händen dastehen. Hoffentlich nicht auch mit leerem Kopf.


*


Auf unserem Programm heute: "Blöde weiße Klappe weg."

Ich muss kurz etwas weiter ausholen: Oli und Frieda hatten ja noch diesen althergebrachten Landanschluss, den ihr Vorbesitzer eingebaut hatte, mit so einer Campingbus-Steckdose in der Ecke des Hauptschotts oberhalb der Backskiste. Totaler Scheiß: Man musste immer die kompletten dreißig Meter Kabel rausholen und zwei Stecker raufwürgen. Seit Oktober ist bei allen Booten die Steckverbindung in der Backskiste und bleibt immer zusammen, man muss also nur so viel Kabel ziehen, wie der aktuelle Liegeplatz erfordert.

Die Campingbus-Steckdosen, von denen man zunächst nur eine blöde, weiße Plastikklappe sieht, sind also endlich obsolet. Raus gingen sie - mit etwas brachialer Gewalt, weil Schrauben festsaßen und die Köpfe abrissen - relativ einfach. Aber so kann es ja nicht bleiben, da musste ein neues Stück Eiche sauber eingepasst werden, wo man niemals hätte ein solch gruseliges Loch prokeln dürfen.

Dann muss endlich mal erwähnt werden, dass ich ein Listenmensch bin. Nein, keiner, der gerne auf irgendwelchen Listen steht. Sondern einer, der Listen führt. Oder jedenfalls eine: Die Winterarbeitsliste. Da steht alles drauf, was ich an den Booten erledigen will oder muss. De facto ist das eine Word-Tabelle, sortiert nach Bootsnamen, Prioritäten und Zeitfenster. Es gibt also Zeilen für irgendwann mal, für diesen Winter, für brandaktuell, und dann für heute, morgen und übermorgen. Diese drei Zeilen aktualisiere ich jeden Abend und drucke sie dann aus, damit ich mich daran durch den Arbeitstag hangeln kann - und inzwischen habe ich genug Erfahrung für realistische Einschätzungen des Soll- und Kann-Bereichs.

Auf dieser Liste stand diese Woche beharrlich: Olis Bilge impen. Dienstag Abend war aber das Imp alle, die neue Lieferung für Freitag zu erwarten, und ich zog in Erwägung, Andreas um ein Gebinde oder wenigstens einen Schluck anzuschnorren. Oli fand, wir könnten mit dem Weiterimpen problemlos warten und inzwischen in Ruhe die restlichen Arbeiten erledigen. Also Baumscheren, Aufarbeiten des Schiebeluksülls, und.... äh.... Ich fand die Idee ja grandios, aber dann rutschte plötzlich die blöde weiße Klappe ins aktuelle Tagesprogramm. Die sonstigen Listeneinträge sind prägnant in Form von Fachausdrücken - hier fiel mir wirklich nichts Treffenderes ein als "Blöde weiße Klappe weg", und ich befürchtete eine unerfreuliche Tätigkeit: Wie verwandelt man ein unförmiges Loch in eine definierte Öffnung mit geraden Kanten, in die sich ein Füllstück exakt einpassen lässt? Nun konnte ich mich nicht länger drücken. Ich hielt die kleine Makita-Oberfräse ins Cockpit und stellte fest, dass es eine Chance gab. Widmete Mittwoch zwei Stunden dem Anfertigen einer Frässchablone.

Heute nun: Die Schablone passt und ist angespaxt. Die Dachleisten sind perfekt, Projekt Kajütdach kann von der Liste (markieren und beherzt auf Entfernen drücken). Die Baumscheren sind fertig gesägt, gefräst und geschliffen. Der Kaffee ist durchgelaufen und getrunken. Eine Tasse zumindest. "In Ruhe Kaffee trinken? Ich habe doch gar keine Ruhe", sage ich zu Oli, während ich sie aus der Höhe der Empore zufrieden betrachte.

Vor der zweiten Tasse klettere ich ins Cockpit, nehme die Fräse, lasse sie in der Schablone herumsausen. Um in die untere rechte Ecke zu kommen, muss ich die Zugentlastung ihres Netzkabels gehörig biegen, was echt nervig ist, aber letztlich kommt sie überall hin, und es entsteht eine schöne, rechteckige, exakt der Schablone entsprechende Öffnung, nur mit abgerundeten Ecken. Zum Einpassen des neuen Stücks Eiche hilft die abgenommene Frässchablone, darüber hinaus brauche ich viel Geduld, viel Gefühl am Bandschleifer und reichlich Kondition beim mehrmaligen Rauf-Runter auf der Leiter. Ich passe ein dickes Stück Eiche an, und als es mehrstenteils perfekt scheint, säge ich es hockant durch, damit Frieda auch gleich ihres passgenau überreicht bekommen kann. Ein Hub Epoxi, ein bisschen Geschmier, dann ist Oli quasi fertig mit ihrer weißen Klappe - nur noch nach dem Aushärten ein Ründchen verschleifen und dann zwei Proppen für die Schraubenlöcher, die die Frässchablone verursacht hat.

Danach also endlich - nach Feierabend der ersten Schicht und zu Beginn der kürzeren zweiten - lasse ich mich nach Wochen mal wieder bei Martha und Frieda blicken. Martha bekommt den Schlitten ihres Motorträgers eingebaut, mit neuem Holzklotz. Komplett fertig, kann nun gestrichen werden von der Liste. Frieda passe ich erstmal den neuen Großschotbock ein, bohre Löcher durch die Bodenwrange, die ihn tragen wird, und reiße im Cockpitboden die künftige Aussparung an.

Dann richte ich den Strahler in die Ecke des Hauptschotts. Oh... Ah... so viel Platz! Da wird das mit dem Fräsen ja eine Freude! Frieda sagt nix. Überhaupt sagen Frieda und Martha nix - sie wissen ja, wie das läuft, wenn man nicht das Hauptprojekt ist: Dann gibt's das Minimum an Zuwendung nicht vor Weihnachten. Womit sie sich die Zeit vertreiben, verraten sie nicht - wie ich Frieda kenne, spottet sie über Jane, oberhalb derer ihre halbe Ausrüstung, Polster, Fender, Festmacher und Staubsauger, zum Trocknen von der Decke hängt. Seit sechs Wochen, bei neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Und wie ich Martha kenne, ist es ihr ein bisschen peinlich, dass ihre Schwester so sehr spottet, während sie doch lieber in Ruhe Winterschlaf halten würde.

Ich hole also die vorsorglich mitgebrachte Oberfräse aus dem Auto. Dann taucht das erste Problem auf: Die Frässchablone lässt sich so nicht anbringen - da gucken zwei abgerissene Schrauben aus dem Holz. Gripzange? Keine Chance. Also ausbohren. Hab ich ja zum Glück was für dabei. Aber... Hm. Eine der beiden Lochsägen sollte doch noch gut sein. Aber nein - Oli hat beide längst abgenudelt, zusätzlich zu den fünf, die ich schon entsorgt habe. Mit viel Kraft und unter Akzeptanz eines leichten Brandgeruchs gelingt es mit, die Schrauben zu überbohren und rauszuzerren. Die Bahn ist frei.

Oder ist sie es? Als die Oberfräse zum ersten Mal hängenbleibt, wird mir klar, warum es schien, als sei bei Frieda reichlich Platz im Vergleich zu Oli: Ihr Hauptschott sitzt hinter dem benachbarten Spant anstelle von davor, wie es ansonten üblich ist. Das wirkt optisch geräumig, hilft aber nichts, denn das Gehäuse der Fräse stößt nun eben gegen den nächsten Spant und gegen die Außenhaut. Geräumig wirkte es auch auf denjenigen, der die blöden weißen Klappen eingebaut hat - und er ist dadurch erheblich nach außen gerutscht, ohne dass es auffiel.

Außerdem ist irgendwas mit dem Holz. Oder dem Fräser. Ist der womöglich stumpf? Er ruckelt und ruckt ruppig durch die Gegend, die Anlaufrolle verhindert eine Katastrophe, die Kante, die er fräst, wird aber erst nach Korrigieren der Drehzahl und etlichen Durchläufen halbwegs eine Kante anstelle einer Kraterlandschaft. Eiche ist gnadenlos hart, und diese Eiche hier ist noch jung wie Frieda, staubtrocken und störrisch. Und die Fräse reicht nicht in die rechte untere Ecke - da kann ich mich und das Netzkabel verbiegen, wie ich will, aber hier kommen wir nicht hinein.

Haare raufend habe ich das Gefühl, mich vor Frieda rechtfertigen zu müssen. "Ja hm", murmele ich, "dann wohl mit dem Stecheisen. Hab aber keins dabei." Die Häfte meiner Stecheisen liegt auf Salty herum, irgendeins hat sie ständig griffbereit, egal, wo ich gerade auf ihr bin, und ein oder zwei davon sind sogar noch halbwegs scharf. Hole ich jetzt aber nicht, irgendwann muss ja auch mal Feierabend sein.

Und so verunstaltet der Programmpunkt "Blöde weiße Klappe weg" noch länger meine Liste.

*


Zwischendurch tritt Team Heidi nebst Lackfräse in Aktion, um an der Außenhaut das ungeliebte 2k-Produkt, dessen Name mit C beginnt und nicht genannt werden darf, zu entfernen. Die Coellanbeize, die die Lärche rötlich eingefärbt hat, hat für eine unnatürliche, grässliche bis scheußliche Optik gesorgt, und abgesehen davon ist das Zeug nur so lange gut und pflegeleicht, bis man es dann doch mal nachlackieren muss. Auf einem Folkeboot hat es definitiv nichts zu suchen.

Jörg und Ralf sind jedenfalls ganz begeistert vom Fortschritt, den ihr neues Werkzeugmaschinchen erzielt. Ich komme hauptsächlich vorbei, um ihnen die bestellten Kalender zu liefern, dann auch, um Frieda und Martha Hallo zu sagen, und selbstverständlich gucke ich mir interessiert Baustelle Heidi an. Mit eigenem Werkzeug im Gepäck nähere ich mich Frieda erst drei Tage später wieder. Ich habe auch eine kleine Bastelarbeit zur Anprobe mitgebracht: Aus Saltys Teakresten habe ich zwei Flurbretter gebaut, die in Friedas Cockpitboden künftig die Sperrholzteile ersetzen werden. Das vordere passt ganz wunderbar - Frieda wünscht sich das Griffloch...hier? Oder hier? Nein, ungefähr da. Ich reiße es an, gebohrt wird später. Das zweite Flurbrett...naja, wer hat denn da die Aussparung für den Bock gemessen? Kann ja nie und niemals passen. Das kann ich ja gleich wieder mitnehmen.

Aber jetzt erstmal, *seufz*, mit dem Stecheisen in der Eiche pickern. Entlang der noch aufgeschraubten Frässchablone geht das total einfach und schnell. Das Füllstück lässt sich reinhämmern, den Rest macht das Wunderdicht. "Früher Feierabend oder schnell noch einkleben?", frage ich mich. Frieda liefert eine sehr pragmatische Antwort: "Wenn du in der anderen Halle Epoxi holst, kannst du ja gleich noch die Flurbretter fertigmachen."

Eine knappe Stunde später ist alles so weit erledigt, Frieda und ich sind gut zufrieden - und wann ich komme und das Ganze nacharbeite, möchte ich lieber nicht versprechen.






Martha


geplant:
- Sponung am Vorsteven neu verschrauben
- Decksfugen ausbessern
- Fenster erneuern, neu eindichten und verschrauben
sowie diverse Kleinigkeiten

bei Begutachtung hinzugekommen:

- Spiel am unteren Ruderblattscharnier beseitigen

Martha zeigt hier stellvertretend für ihre Schwestern die Upgrades aus dem Herbst: Zuverlässig schlürfende Membranpumpen für die Bilge. Und Positionslaternen am Aufbausüll anstelle der Stolperfalle an der Bugspitze. Eine Pumpe, die sich nicht an jedem kleinen Krümel Dreck verschluckt, ist gut für ein leckes Boot, dachte sich Martha. Aber sie dachte auch, eine beseitigte Leckage sei noch viel besser. So stellte sie sich mit Frieda und fünf anderen Folkes in den "Kohlenschuppen" - und hatte erstmal viel Zeit. Als ich mit Oli und Salty und den blöden weißen Klappen so weit durch bin und mich zu Martha geselle, hat sie sich schon etwas schönes überlegt, mit dem sie mich ein Weilchen aufhalten kann.
Mal eben die Fenster ausbauen und neu eindichten? Halt, nicht so hastig. Erstmal muss das alte Gummi aus der Falz. Dann müssen die alten Schraubenlöcher ausgepfropft werden, wenn die Messingrahmen nicht wieder mit gigantisch dicken Blechschrauben montiert werden sollen, deren Spitzen unter Deck aus dem Süll pieksen. Anschließend muss die Falz sauber gemacht und auch ein bisschen nachgefälzt werden. Und weil zerbrochene Fenster uncool sind und für die nachgearbeiteten Rahmen nicht einmal mehr als Schablone für die neuen passen, komme ich auch noch mit vier Stückchen Hartfaserplatte, Raspel und Stecheisen zu Besuch.

Hier fehlt jetzt noch die Pointe. Dann wartet mal ab!

Hm. Mitte Januar fehlen immer noch sowohl die Fenster als auch die Pointe. Aber das Plexiglas, Fundsache aus den Tiefen der Werft, liegt schon bereit. Außerdem ist die schön getrocknete Sponung gesäubert und neu verschraubt, die alten Löcher sind verpfropft, die neuen verspachtelt. Jetzt muss das verschliffen werden, außerdem will ich sämtliche Bolzen nochmal nachziehen und die Mastspur wieder einbauen. Das geweitete Loch des unteren Ruberlagers ist mit einer Dübelstange verschlossen und erwartet einen langen Bohrer, der dafür sorgt, dass ich das Lager wieder einschrauben kann. Und ich habe den Loggengeber entfernt und das Loch verschlossen - auch hier muss noch geschliffen werden, wobei ich innen, unter der Koje, auch gleich noch die Umgebung vom G4 befreien will, das der Vorbesitzer hier verteilt hat.

Allein, die ganze Woche schon finden Oli, Salty und ich immer einen Grund, nicht das ganze Werkzeug und Material ins Auto zu laden, nach zweiminütiger Fahrt wieder auszupacken und die wenigen Handgriffe endlich zu erledigen. Aber heute ist Martha-Tag! Es ist ein ausgesprochen schöner Freitagmorgen, beinahe frühlingshaft. Mitte Januar ist das durchaus bedenklich, Greta Thunberg ist großartig, hat vollkommen Recht, aber ich fürchte, sie kommt dreißig Jahre zu spät. Naja, milde Winter wie diesen und den letzten und die ganzen davor sind für uns durchaus vorteilhaft, und wie die gerade aufgegangene Sonne Frieda mit rötlichem Schimmer zu überziehen beginnt, ist wirklich schön anzusehen.

Mittags ist die Liste abgearbeitet. Martha ist zufrieden. Ich bin es nicht - hat sich kaum gelohnt, die Sachen hin und her zu schleppen. Aber was verspricht doch die Wetterprognose? Nächste Woche relativ mild und vor allem trocken - das ist eindeutig Lackierwetter! Olis Kajütdach und Paulas Freibord habe ich schon fest eingeplant. Jetzt fange ich mal an, Marthas Außenhaut anzuschleifen. Vier Stunden später ist das erledigt, und ich verabrede mit Frieda, dass sie Montag nachzieht, damit wir Dienstag die erste Schicht Klarlack machen können. Klarlack im Januar? Mir scheint, wir liegen extrem gut in der Zeit.