Ökologischer Landbau hinterm Deich - purer und reiner Genuss mit bitterem Beigeschmack: Eine Leiche hängt in der Scheune, und Ninas Mama ist spurlos verschwunden. Kommissar G. Metzel, erklärter Liebhaber menschlicher Abgründe, sucht eine Mörderin. Was er findet, ist eine von Missgunst, Konkurrenz und Beziehungskrisen erschütterte heile Welt, die sich aber letztlich als bemerkenswert intakt erweist.

Über Feedback freut sich: Nicolas Thon
 
Eine Leseprobe:

Der Westwind fauchte wie ein angriffslustiger Löwe. Die Wolken lagen tief und grau und hässlich. Die Regentropfen sausten beinahe waagerecht über das platte Land. Mia musste sich mächtig abstrampeln gegen die Böen, die ihr entgegenschlugen. „Das gibt einen schönen Muskelkater“, dachte sie sich. Es war nicht das Wetter, bei dem man einen Fahrradausflug in die Marsch machte. Doch wenn ihre beste Freundin Hilfe brauchte, ließ sich Mia nicht von schlechtem Wetter davon abhalten, ihr beizustehen.

Erst recht nicht jetzt, nachdem sie sich gerade für immer voneinander verabschiedet hatten. Oder jedenfalls für lange, lange Zeit, bevor Nina schon am nächsten Tag anrief. „Wie jetzt – ich denke, du bist längst im Flieger“, hatte Mia fröhlich gesagt und noch nicht gewusst, ob der Anruf Anlass zu Freude oder Sorge bot. Doch diese Frage beantwortete sich sofort, indem Nina aufgeregt ins Telefon keuchte: „Mama ist weg. Und ich hab die Polizei im Haus“, bevor sie in Tränen ausbrach.

Während Mia also mit dem Wetter kämpfte, zerbrach sie sich den Kopf, was geschehen sein mochte. Nina und Mia waren unzertrennlich seit dem Kindergarten. Sie wuchsen auf, während ihre Eltern die jeweiligen Betriebe aufbauten. Nur – soweit Mia sich erinnern konnte, war im Leben von Familie Nuss selten etwas nach Plan gelaufen. So verzweifelt, wie Nina am Telefon geklungen hatte, war es dieses Mal im großen Stil schiefgelaufen. Mia trat noch ein bisschen fester in die Pedalen.



Der Kommissar gab es auf, aus der tränenüberströmten Kleinen auch nur irgendetwas herauszubekommen. Er unternahm einen unbeholfenen Versuch, sie zu trösten, dann setzte er alle Hoffnung auf die Freundin, die sie verständigt hatte, und ließ sie mit ihrem Kummer allein. Er wies die Beamten, die mit ihm gekommen waren, an, sich diskret ein wenig umzusehen, ohne jedoch in Schränken zu wühlen oder Beweisstücke einzupacken. Dann ging er hinaus.

Bei Sturm und Regen stand er nachdenklich vor dem abgelegenen Haus mit der schäbig-braunen Fassade. Er hatte einige Mühe, sein Feuerzeug in Gang zu bekommen und eine Zigarette anzuzünden. Noch viel mehr Mühe kostete es ihn, kurz vor der Pensionierung einen solchen Fall als letzte, große Herausforderung zu betrachten. Er fand, er sei lange genug Polizist gewesen, um alle Abgründe der menschlichen Seele zu kennen und die absurdesten Rätsel gelöst zu haben. Es schien ihm schlicht unnötig, hier auf einem schlammigen Hofplatz zu stehen in der unwirtlichsten Gegend, die er jemals besucht hatte, abgesehen vielleicht von der Grönlandreise, die er seiner Frau zur Silberhochzeit geschenkt hatte. Wieviel lieber hätte er die letzten Monate seines Arbeitslebens damit verbracht, im warmen Büro Kaffee zu trinken, Akten zu sortieren und an den letzten Formulierungen seiner Memoiren zu feilen, die er in jahrelanger Mühe verfasst hatte. Der Wind blies den beißenden Gestank von Schweinegülle in seine Nase, er musste von dem erbärmlichen Hof weiter westlich kommen, den er als einziges Detail im Regen gerade so erkennen konnte. Auch der Hof Nuss schien einmal Schweine beherbergt zu haben, doch was nach ihrem Stall aussah, trug jetzt die große Aufschrift „Hofladen“ und die kleinere Aufschrift „geschlossen.“

Nein - dieser Fall, voraussichtlich sein letzter, gefiel ihm ganz und gar nicht: Alles daran kam ihm wie der blanke Hohn vor. Allein schon, was er da in schmutzig-weißen Lettern auf dem verblichenen grünen Schild neben der Eingangstür las: „Pura und Rainer G. Nuss – Ökologischer Landbau.“



Auf den letzten Metern, die Mia dem Wirtschaftsweg zu Ninas Haus folgte, wurde sie von den ruppigen Böen beinahe vom Rad geworfen. Endlich erreichte sie mit letzter Kraft ihr Ziel. Schon von weitem sah sie einen grauhaarigen Mann im hellen Trenchcoat. Der war wohl von der Polizei.

Sie ließ ihr Rad fallen und ging auf ihn zu. „Sie sind wohl die Freundin der jungen Dame?“ sagte er mit sichtlicher Erleichterung und gab Mia förmlich die Hand. Es gefiel ihr, wie eine Erwachsene behandelt zu werden. „Mia Heiter“, stellte sie sich vor , „und wer sind Sie?“ Er gab ihr seine Karte. „Kriminalhauptkommissar G. Metzel“ las sie und musste schlucken. Besonders, als sie darunter das Wort „Mordkommission“ entdeckte. Besorgt fragte sie, was denn bloß los sei.

„Kümmern Sie sich erstmal um ihre Freundin. Wir unterhalten uns später“, empfahl der Polizist.

Nina fiel Mia schluchzend in die Arme. Die Freundinnen verharrten so, schweigend und in tiefem Einvernehmen, bis Nina sich einigermaßen beruhigte. Es kam Mia vor, wie damals in der Grundschule, als die anderen sich einen Spaß aus Ninas Namen machten. Ninas Mutter hatte sehr unter ihrem ungewöhnlichen, in den Ohren der Mitschüler nach purer Arroganz klingenden Namen gelitten und deswegen beschlossen, ihrer Tochter einen pupnormalen, hundsgewöhnlichen Vornamen zu geben, der ihr jegliche Hänseleien ersparen sollte. Doch dann schallte es tagelang „Ni-Na-Nuss“ hinter der Erstklässlerin her. Mia stand ihrer Freundin bei. Sie ergriff demonstrativ Ninas Hand, jedoch erst, nachdem sie den frechen Jungs einen nach dem anderen tüchtig eine geballert hatte. Sie war eben die Tochter eines Bauern. Und Nina, deren Eltern Gemüsegärtner und Hippies waren, lernte schnell. Zusammen waren Nina und Mia unzertrennlich und unbesiegbar.

In den starken Armen ihrer Freundin fühlte Nina sich bald sicher und geborgen. „Mama ist verschwunden“, stammelte sie, dann nahm sie dankbar die Tasse heißen Kakaos entgegen, die Mia zubereitet hatte. Mehr konnte auch Mia nicht in Erfahrung bringen, also wandte sie sich an den Kommissar, der längst nicht so fürchterlich wirkte, wie sein unheimlicher Name erwarten ließ. Im Gegenteil machte er den Eindruck eines freundlichen Märchenonkels.

„Was ist denn überhaupt los?“ erkundigte sie sich.

Das markante, faltige Gesicht des Beamten war ernst. „Sagt ihnen der Name Konstantin Mies etwas?“ fragte er.

„Konstantin Mies?“, überlegte Mia, „ist das nicht der Mann, der den Hof hier gepachtet hat?“

Metzel nickte. „Er ist gestern früh tot aufgefunden worden. Erhängt in einer Scheune.“

Wie ein Film, der vor ihren Augen ablief, schossen Mia die Konsequenzen dieser Nachricht durch den Kopf. Pura und Nina wollten auswandern. Nach Brasilien. Von der monatlichen Pacht, die Mies bezahlen sollte, wollten sie vorerst ihren Lebensunterhalt bestreiten und sich dort eine Existenz aufbauen, vielleicht ein Hotel am Strand oder eine Gärtnerei. Daraus wurde nun aus verschiedenen Gründen nichts, der Pächter war tot, der Flieger ohne sie abgeflogen, und Pura verschwunden. Und dass der Tod von Mies und Puras Verschwinden zur gleichen Zeit geschehen waren, ließ einen Zusammenhang vermuten, das musste der Kommissar Mia gar nicht erst erklären.

„Auf den ersten Blick sah es nach Selbstmord aus“, erklärte Metzel, „aber der Mann ist zunächst bewusstlos geschlagen worden. Erst danach hat man ihn aufgehängt. Wir ermitteln wegen Mordes.“

Nina schluckte. „Sie glauben doch nicht....?“

„Dass Frau Nuss etwas damit zu tun hat?“ Genüsslich stieß er den Rauch einer weiteren Zigarette aus, er formte in der Luft der Eingangshalle lustige Kreise. „Ich hätte mich gerne mit ihr unterhalten. Sie war, so weit wir wissen, der einzige Kontakt, den der Tote in dieser Gegend hatte. Nun musste ich erfahren, dass sie vermisst wird. Sie werden mir nachsehen, wenn ich das Ganze höchst...“

Metzel suchte ein passendes Wort. „Mysteriös?“ schlug Mia vor.

„Danke. Ja, wenn ich es mysteriös finde. Ich würde sogar sagen, verdächtig.“

„Wo hat man ihn denn gefunden? In einer Scheune, sagen Sie?“

Metzel nickte. „In einer Scheune auf dem Hof von Felix Puderbär – Sie kennen seine Tochter, nehme ich an?“

'Oh nein', dachte Mia, 'Melanie Puderbär!' Melanie war die arroganteste Zicke der ganzen Schule, aber natürlich kannte sie sie besser, als ihr lieb war. Die wenigen Biobauern in Nordfriesland hielten ja trotz aller Konkurrenz und aller Klookschieterei und aller Grenzen von Geest und Marsch, Acker- und Gemüsebau einigermaßen zusammen. Von Felix erzählte man sich, dass er die meiste Zeit in seinem Liegestuhl auf der Veranda verbrachte und sich wunderte, dass er nicht so richtig die passenden Absatzwege fand für seine fauligen Kartoffeln, und dass ihm Jahr für Jahr die Kürbisse verfaulten und verfroren. Aber dass dieser behäbige, friedfertige Mann in seiner Scheune einen schwäbischen Pächter aufgehängt haben sollte, erschien Mia wenig wahrscheinlich.

„Was ist eigentlich mit dem Vater Ihrer Freundin?“ erkundigte sich der Kommissar.

„Mit Rainer?“ Mia winkte ab. 


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Purer und reiner Genuss. Ein Bauernkrimi




































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