"...der werfe den ersten Stein"

Die Handlung ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen wären zufällig und unbeabsichtigt. 

Über Feedback freut sich: Nicolas Thon
 
Vollständiger Text:
Jesus hoffte auf ein wenig Ruhe und Besinnung. Er strebte einer der hinteren, dunklen Ecken des Tempels zu. Doch kaum hatten die ersten ihn erkannt, schon umringten ihn die Leute und jubelten ihm zu. Lächelnd überging er zaghafte Bitten, sie an seiner Weisheit teilhaben zu lassen. Als die Menge ihn in rhythmischen Sprechchören aufforderte und gar nicht davon abließ, willigte er notgedrungen ein und gab einige Beispiele zum Besten.

Gerade hatte er sich in Stimmung geredet und begonnen, es zu genießen, wie die Umstehenden an seinen Lippen hingen und jedes seiner Worte verschlangen, da kamen diese Schlipsträger in den Raum, gefolgt von Uniformierten, die eine Frau mit sich schleppten. Einer der Schlipsträger war Jesus wohlbekannt: Er nannte sich Professor und hielt sich allein kraft seines Titels für besonders gebildet und allen Anderen überlegen. Er setzte sein höhnischstes Lächeln auf und sah den Meister herausfordernd an. Jesus wusste: was jetzt kam, würde zwar Interesse an seiner Meinung suggerieren, doch in Wirklichkeit diente es nur einem Zweck, nämlich ihn zu kompromittieren. Jeder Vorwand, ihn öffentlich als Nichtsnutz erscheinen zu lassen und Zweifel an seiner Moral zu sähen, war ihnen Recht.

Sie sagten: "Lehrer, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. In dem Gesetz aber hat uns Mose geboten, solche zu steinigen. Du nun, was sagst du?"

Jesus war nervös. Um Zeit zu gewinnen, malte er sinnlose Zeichen in den Sand. Seine Widersacher beeindruckte das nicht: sie insistierten auf einer Antwort. Da erhob er sich, breitete die Arme aus, um sein Gewand beeindruckender wirken zu lassen, und sagte: "Derjenige, der ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

Die Menge hielt den Atem an. Auf den Gesichter der Gelehrten war die Enttäuschung unübersehbar, durchaus gemischt mit erheblicher Anerkennung: Das war ein wirklich cleverer Schachzug. Nach einigen Augenblicken gespannter Erwartung schwiegen die Schlipsträger weiterhin nachdenklich. Allmählich machte zustimmendes Kopfnicken die Runde. Es schien als hätte Jesus die Prüfung mit Bravour bestanden und dabei das Leben der Ehebrecherin gerettet durch einen einzigen wohlbedachten Satz. Er wandte sich bereits zum Gehen, vorfreudig mit einem Tässchen Tee im kühlen Schatten des heimischen Gartens liebäugelnd. Da drängelte sich eine alte Dame mit schneeweißem Haar aufgeregt durch die Menge, gefolgt von einer jüngeren Frau. Es kostete sie einige Mühe, sich zwischen den gebannt von Jesus zum Professor Blickenden hindurchzudrängeln, doch endlich gelang es. "Meister", keuchte sie.

"Der, der ohne Sünde ist, hat heute keine Zeit", erklärte sie. "Doch er hat mich mit seiner Vertretung beauftragt. Sie gestatten?" Die zweite Frau fügte hinzu: "Und ich werde meiner Mutter helfen, wenn es Recht ist."

Die Uniformierten brachten die Frau nach draußen auf den Vorplatz des Tempels. Die Menge folgte. Der Professor zwinkerte Jesus siegessicher zu. Jesus hingegen resignierte. Die Beiden, die unsägliche Alte und ihre grässliche Tochter, trugen neben allem möglichen anderen Geschmeide die Insignien seines Fanclubs, Kreuz und Fisch. Es war klar, sie hatten alle seine Schriften gelesen, kannten alle seine Alben und konnten den Text jeden Songs auswändig. Sie zitierten ihn, wann immer es opportun erschien. Ihr erster Gedanke am Morgen und ihr letzter am Abend gehörte ihm, er verlieh ihrer Existenz erst einen Sinn, wo ohne ihn bloße Leere wäre. Doch verstanden....verstanden hatten sie ihn nicht. Unter frustriertem Kopfschütteln folgte er den Anderen ins Freie.

Als dort die Alte der gefesselten Ehebrecherin Auge in Auge gegenüberstand, bückte sie sich ohne Zögern nach dem ersten faustgroßen Stein, gegen den ihre Fußspitze stieß. Selbst gemeinsam mit der Jüngeren misslang der Versuch, den Stein gegen die wehrlose Frau zu werfen - sie schafften kaum die halbe Entfernung. Jesus atmete auf.

Doch nun erhob sich die Menge. Der erste Stein war geworfen, zwar nicht von dem, der frei von Sünde ist, aber immerhin von seiner Stellvertreterin und ihrer hilfsbereiten Tochter. Auch hatte er sein Ziel nicht erreicht, doch das machte nichts, denn es lagen genügend Steine herum, derer sich nun jeder bemächtigte, der sich immer schon im Sinne der Gerechtigkeit verdient machen wollte.

Das leuchtende Rot des Blutes, das entfesselte Johlen der Menge, das hämische Grinsen des Professors - Jesus wandte sich mit hängenden Schultern ab, tief deprimiert von dieser Niederlage. Er machte sich auf den langen, einsamen Weg zu einem weit entfernten Ort, wo ihn ein Neuanfang erwartete, oder - wer konnte es wissen - ein schleichender, trauriger Tod. Das Antlitz der Alten blieb ihm im Gedächtnis, ihr wallendes, weißes Haar, ihr groteskes Gesicht mit den verhärmt herabhängenden Mundwinkeln, ihre makellose Kleidung mit der sündhaft teuren, den Umständen unangemessenen Fellweste. Bevor er in eine tiefe Trance fiel, dachte er: Hätte er sich bloß eine Rechtsabteilung leisten können, dann hätte er seinen Fanclub verklagt.



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Der Teufel ist im Eimer




































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