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Flottillentörn 27. Juni -3. Juli 2015

Ein neues Konzept: Folkebootsegeln als Gruppenreise. Anders als beim ersten Törn vierzehn Tage zuvor stimmten diesmal die Rahmenbedingungen - es war endlich Sommer geworden, mit Wärme und vernünftigem Wind, der zur Krönung auch noch Mitte der Woche auf Ost drehte und uns ein besonders gelungenes Seestück ermöglichte. 

Juni 2015

Kurz gefasst

Fünf Folkeboote. 143 Seemeilen. Arnis - Maasholm - Marstal - Bagenkop - Albuen - Lohals - Faaborg - Arnis. Die äußeren Bedingungen - sonniges, zunehmend warmes Wetter, überwiegend passiger Wind ohne fürchterliches Gepuste - versprachen eine traumhafte Woche. Die wurde es dann auch, und das lag nicht zuletzt an den Teilnehmern: Wundervolle Einzelpersonen unterschiedlichster Charaktere, die sich zu einer unübertrefflich tollen Gruppe ergänzten - unter Segeln wie im Hafen, wo wir entspanntes Lebensgefühl vielfältig genießen durften. Jeder brachte sich ein, alle zogen an einem Strang.

Insgesamt war deutlich mehr Segelerfahrung dabei als beim vorigen Flotillentörn. Dafür war es aber zum Beispiel für Karin der erste Einhandtörn, den sie sicherlich nie vergessen wird. Vor allem nicht die täglich wachsende Euphorie, nachdem sie sich zunächst gar nicht richtig lostrauen wollte. Anton, unser Jüngster, war das einzige Kind in der Gruppe. Auch er fühlte sich wohl, wenngleich er die spannendsten Momente in der Koje verbrachte. Naja, nicht alle, aber davon später mehr...ganz ohne Schwierigkeiten verlief die Reise nämlich nicht, es muss ja spannend bleiben.

Dafür gelang es vortrefflich, landschaftliche Höhepunkte mit navigatorischen Leckerbissen zu kombinieren und durch phantastische Erlebnisse in den Häfen anzureichern. Albuen, der Naturhafen an der Westseite Lollands, sowie die Passage des Svendborgsundes bei Traumbedingungen, verdienen besondere Erwähnung.

Magie des Folkebootes

Die Gäste reisen an, zwei der vier Crews am Freitagabend. Gerade dem Alltag entflohen auf einer überfüllten A7, die durch die chronische Problemzone Hamburg führt. Müde und verspannt von der Fahrt, hungrig an einem Ort, wo man nach zwanzig Uhr in kein Restaurant mehr gehen muss (aber keine Sorge, im nahen Kappeln gibt es noch etwas zu futtern). Erfüllt von vagen Erwartungen und den Lehren, die aus bisherigen Chartertörns zu ziehen waren, treffen sie auf ihr neues Urlaubsdomizil nebst Vercharterer, der sich sogleich zu einem einstündigen Vortrag namens Bordeinweisung hinreißen lässt.

Das bin in diesem Fall ich. Ich habe längst gelernt, dass der reservierte, humorarme, wenig enthusiastische Ersteindruck den Gästen nie gerecht wird. Sie sind nicht sie selbst, wenn sie dem Auto entsteigen. Es folgt eine erste Nacht an Bord, umgeben von Hafenleben, Möwen und Blässhühnern. Ein windstiller Morgen, der für Organisatorisches, Einkaufen und Warten auf die letzte noch fehlende Crew draufgeht. Kurz vor Mittag setzen wir uns zusammen zu einem kleinen Hallo mit Seekarte.

Spätestens jetzt sind alle mit Eifer und Wissbegier und Vorfreude dabei. Wir beschließen: Kein langer Schlag über offenes Wasser an diesem schwachwindigen Tag mit hässlicher Bewölkung. Statt dessen Motoren bis zur Brücke in Kappeln, kollektives Segelsetzen auf engstem Raum und dann eine halbstündige Rauschefahrt bei West 5, während sich die letzte finstere Wolke auflöst und wir in strahlendem Sonnenschein in Maasholm anlegen. Ganz ohne Hafenkino übrigens. Die „Gänschen“ zeigen sich von ihrer besten Seite - wer bisher kein Folke gesegelt hat, ist jetzt von der herausragenden Qualität dieses Bootstyps überzeugt. Der schwärmerische Tonfall lässt bis zur Abreise nicht nach.

Unsere Neu-Einhandseglerin Karin schließen gleich alle ins Herz - beim ersten Ablegen stehen wir beinahe Schlange, um die Vorleine zu halten. In den nächsten Tagen ist es rührend zu sehen, wie vor allem „Martha“ immer wieder einen Schlenker fährt, um in „Friedas“ Nähe zu bleiben. In Maasholm steige ich auf, um ihr den Weg zum ausgekundschafteten Liegeplatz zu zeigen und die eine oder andere Leine zu übernehmen. Zwei Tage (naja, fast) haben wir das gemeinsam geübt, jetzt fährt sie den Anleger erwartungsgemäß tadellos, aber was ihr noch fehlt, sind Sicherheit und Selbstvertrauen, und da mache ich mich ganz gut auf dem Vorschiff. Wir beschließen den Abend mit einem gemeinsamen Restaurantbesuch. Es wird sogar ohne sofortiges Murren akzeptiert, dass wir am nächsten Tag um sieben Uhr ablegen, um Marstal zu erreichen, bevor der Wind einschläft. Längst ist klar, welch unterschiedliche Charaktere dabei sind - Salz in der Suppe anregender Gespräche. Gestern noch gestresste Einzelpersonen, wirkt es jetzt beinahe wie eine seit langem miteinander bekannte Gruppe.

Pech und Missgeschick

Der frühe Sonntagmorgen ist nach den letzten Wochen ein Geschenk: Sonne, vernünftiger Wind statt Gepuste, ruhig, friedlich und verlockend liegt Schleimünde voraus. „Frieda“ legt als Erste pünktlich ab, der Motor ist fast auf Anhieb angesprungen.

Das ist bemerkenswert und Teil einer längeren Geschichte. „Frieda“ fährt mit dem Ersatzmotor, zu dessen großen Vorzügen neben seinem rückenfreundlich geringen Gewicht die Tatsache gehört, dass er nicht auf dem Grund der Ostsee liegt. Und dass er tadellos funktioniert, anders als der soeben gebraucht Erworbene, den das Boot künftig tragen soll. Karin war live dabei, als ich zwei Tage lang Motoren tauschte und nochmal tauschte, bis der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt war: „Frieda“ mit einem beim Kaltstart hochsensiblen, ansonsten aber zuverlässigen Außenborder. Die Kaltstartsensibiltät freilich brachte Karin eine Vielzahl schweißtreibender Startversuche ein, uns beiden einen Anleger unter Segeln, als das Zugseil sauber durchriss.

Nun also scheint alles zum Besten, und wir segeln nach Marstal. „Paula“ rennt mit ausgebaumter Fock wie der Teufel. Natürlich tut sie das - erstens möchte sie endlich mal wieder in die alte Seefahrerstadt, und zweitens haben meine Versuche, den Masttrimm für Am-Wind-Kurse zu optimieren, zu exzellenten Raumschots-Eigenschaften geführt. Wir nehmen das, wie es kommt, und segeln mit sechs Knoten vorneweg. Hinter uns sehe ich bald nur noch einen großen weißen Fleck (die schnelle „Oliese“) und drei kleinere („Martha“, „Salty“ und „Frieda“, die einigermaßen im Pulk fahren).

Ich habe im alten Handelshafen einen Platz für zwei Päckchen ausgespäht und „Paula“ komplett aufgeklart, als „Oliese“ eintrifft. Über die Steinmole weg sehe ich bald die anderen Drei dicht beieinander - eine von ihnen deutlich außerhalb des Fahrwassers chaotische Kreise drehend. Während wir noch zu dritt rätseln, was das zu bedeuten hat, klingelt das Telefon. „Martha“ berichtet, „Frieda“ säße auf Grund oder hätte sonst ein Problem. Wir springen zu dritt auf „Oliese“ und legen ab.

Hinterher sind wir uns einig: Die gelungene Schleppaktion ist eine ausgezeichnete, beinahe unverzichtbare Übung. Karin hat jetzt zumindest einen Eindruck davon, wie sie in einer solchen Stressituation reagiert. Das Belegen der Schleppleine auf der Bugklampe gelingt erst im zweiten Versuch, aber ansonsten behält sie die Ruhe. Sie weiß jetzt auch, dass „Frieda“ sich nur mit der Fock nicht freikreuzen kann, sondern dass sie alternativ zum Schlepp das Groß wieder hätte setzen können, um in den Hafen zu segeln. Dass der Hafen in Marstal so viel Platz bietet, dass er wirklich ideal zum Anlegen unter Segeln geeignet ist, konnte sie  nicht wissen.

Die Ursache des Dramas? Der Scherstift ist gebrochen. Allmählich sind es der Defekte zu viele in zu kurzer Zeit - ich bin eigentlich der Meinung, der Motor einer Charteryacht müsse zuverlässig sein. Doch das Pech ist auch ein riesengroßes Glück: Der Defekt tritt beim Flotillentörn auf, niemand ist auf sich allein gestellt, denn wir organisieren das Abschleppen intern. Es geschieht vor Marstal, wo sich am Montagmorgen problemlos ein neuer Stift auftreiben lässt, anstatt auf einer entlegenen Insel. Und ich kann selbst die Reparatur vornehmen. Karin hat eine zusätzliche wertvolle Erfahrung gemacht und darf die Anerkennung dafür genießen, sich auf dieses Abenteuer nicht nur einzulassen, sondern es Schritt für Schritt zu meistern.

In Bagenkop reißt auch noch das Zugseil von „Saltys“ Außenborder, lässt sich aber schnell und problemlos wieder einscheren. Ich atme auf - endlich Schluss mit der Pechsträhne? Als ich am letzten Tag schon in Arnis bin und die Wartezeit auf die Anderen nutze, mein Essen auf den Herd zu stellen, verwandelt mich ein Anruf von „Martha“ in ein Nervenbündel: Der Außenborder sei defekt kaputt nicht mehr zu retten. Den ganzen Tag schon war so gut wie kein Wind, von Faaborg musste motort werden, es ist schon Abend - und nun auf die letzten Meilen noch ein solcher Ärger. „Frieda“ macht sich bereit zum Schlepp, doch beide Boote haben nicht mehr viel Benzin zur Verfügung. Ich stelle den Herd ab, steige ins Auto und schnappe mir für jedes Boot einen vollen Fünfliterkanister. „Am Benzin liegt das nicht“, begrüßt man mich. Ein Blick in den Tank lässt mich antworten: „Wollen wir wetten?“ Und siehe da, mit frischem Futter schnurrt der Yamaha wieder los. „Martha“ wirkt eigentümlich desinteressiert, als wüsste sie mehr als ihre Crew und ich.

Bei einem „normalen“ Chartertörn hätte ich gesagt: „Alles Euer Bier.“ Jetzt fühle ich mich mitschuldig - wir hätten in Faaborg noch einmal Sprit nachfassen können, aber auch ich habe mich nicht ausreichend um den Vorrat der Anderen gekümmert. Als ich aber später am Abend - inzwischen liegen alle Boote wieder heil und sicher in Arnis - die leeren Kanister einsammle, fühle ich mich sofort rehabilitiert: In einer von „Marthas“ Backskisten steht - es ist wahrhaftig kaum zu fassen! - unangetastet ein voller Kanister.

Knapper Kommentar der Vorschoterin: „Tunnelblick.“ Schnurstracks geht sie zum Grillplatz, wo die Gruppe zusammensitzt, um die Neuigkeiten in ihrer unnachahmlichen, mexikanischen Art kundzutun. Als ich dazu komme, macht ihr Mann ein unbeschreibliches Gesicht, auf dem sich die Qual dieser peinlichen Niederlage in jeder Falte zeigt. Die Anderen um ihn herum haben sich die Sturzbäche von Lachtränen nur behelfsmäßig weggewischt und prusten weiterhin immer wieder los. Ein Glas Wein und einen Teller Nudeln später kann auch Wilfried mitlachen.

Tags zuvor geschieht ein weiteres kleines Drama, das die Beteiligten erst im Nachhinein als großartiges Abenteuer werden betrachten können. Es beginnt damit, dass ich eine Meile voraus „Martha“ in die Sackgasse segeln sehe, nämlich auf den schmalen Damm zu, der Svelmø mit Fyn verbindet. Dort ist es überall flach, und es gibt keine Durchfahrt, so sehr es auch nach durchgehender Wasserfläche aussehen mag. Ich greife zum Telefon.

Auf der „Martha“ ist Wilfried soeben auch aufgefallen, dass der Kurs falsch ist, was ich ihm dann noch einmal bestätigen kann. Sie haben einen Wegpunkt ausgelassen, nämlich die Rote Tonne westlich von Svelmø, die tunlichst an Steuerbord gelassen werden muss. „Martha“ kann den Fehler aber noch leicht korrigieren.

Allerdings erfahre ich jetzt auch, dass „Martha“ schlicht und einfach „Salty“ hinterher gesegelt ist, die, für mich zunächst nicht zu erkennen, weiter vorne schon unverkennbar im flachen Wasser unterwegs ist. Und zwar vorm Wind bei 5 mit 6er Böen. An Bord der „Salty“ herrscht zu diesem Zeitpunkt offenbar schon hektische Betriebsamkeit: Umgeben von türkisem Wasser greift man zum Fernglas, sucht den Weg, wo es weitergeht - und muss erkennen, dass ringsum ein Wall aus festem Boden zu sehen ist, ohne Hoffnung, in dieser Richtung weiterzukommen.

Vielleicht wäre mein Anruf noch rechtzeitig gekommen, doch von den beiden Handys an Bord ist eines ausgeschaltet, und vom anderen habe ich die Nummer nicht. Kurz darauf setzt „Salty“ sanft auf, hoppelt mit der nächsten Welle noch ein Stück weiter und steckt dann endgültig fest. Es ist keine Freude, das aus der Entfernung kommen und geschehen zu sehen, ohne dem eigenen Schiffchen und seiner wundervollen Crew helfen zu können. Diese Crew hat einen gravierenden Fehler gemacht, dessen Folgen sie nun ausbaden muss, denn für sie tun kann ich nichts - zu groß die Gefahr, selbst festzukommen, zu klein die Chance, mit einem 5 PS-Außenborder „Salty“ gegen Wind und Welle aus dem Schlick ziehen zu können.

Es bedarf eines Anrufes bei der dänischen Seenotrettung, damit Boot und Crew nach vier Stunden wieder frei kommen. Sichtlich mitgenommen erreichen sie Faaborg kurz vor Sonnenuntergang - hilflos auf Grund zu sitzen, nichts tun zu können außer Warten, und dadurch viel Zeit zu haben für Fluchen und Schimpfen und Sich-Ärgern über die eigene Ungeschicklichkeit, ist eine harte Prüfung. Da tröstet es nur mäßig, dass die Situation weder für Boot noch Besatzung in irgendeiner Form bedrohlich ist. Hingegen kennen Wiedersehensfreude, Mitgefühl und allgemeine Erleichterung kaum Grenzen. Die Einsicht, dass jeder einmal festkommt und jedem einmal (in der Regel wirklich nur ein einziges Mal) ein solch grober Navigationsfehler unterläuft, und dass man immer davon profitiert, auf so harmlose und doch realistische Weise das Verhalten im Seenotfall zu üben - diese Einsicht wird wohl erst nach einigen Tagen ins Bewussstsein der Beteiligten vordringen. Ich zum Beispiel wäre einmal beinahe mit einer ganzen Insel kollidiert.

Während wir in Faaborg auf Nachricht von „Salty“ warten, kommt ein älterer, wettergegerbter Däne auf Karin zu und erkundigt sich, ob sie tatsächlich ganz allein unterwegs sei. Und wo sie heute bei dem vielen Wind herkomme. Sie sagt: „aus Lohals“, und er - verneigt sich, zieht einen imaginären Hut und sagt: „Chapeau.“

Schwach umlaufend

Es muss ja nicht immer Starkwind gegenan sein - man kann auch ein laues Lüftchen unter der Sonne genießen. Albuen ist unser erklärtes Ziel, mäßig ambitionierte fünfundzwanzig Seemeilen von Marstal aus. Wir verordnen „Frieda“ Ablegen unter Segeln: An der langen Vorleine sicher angebunden, kann Karin endlich mal in aller Seelenruhe die Segel setzen, anstatt ständig auch noch darauf achten zu müssen, wo das Boot hinfährt. „Das machen wir auch so - dürfen wir?“ beschließt die „Oliese“-Crew. „Paula“ verzichtet sowieso gerne auf den Motor, wenn er nicht nötig ist. Die Anderen lassen mal kurz ihre Außenborder warmlaufen.

Auf Höhe Bagenkop dümpeln wir nach anfänglich ordentlicher Fahrt mit zwei Knoten herum, mehr oder weniger in Sicht-, Ruf- und Fotografierweite. Ich kann sogar auf „Olieses“ Echolot die Wassertiefe ablesen. Wir sind uns sofort einig, das „Leiden“ abzukürzen und den vor uns liegenden Hafen anzusteuern.

Und weil der Wind so sanft ist, gönne ich mir ein besonderes Bonbon und lege unter Groß an. Auch sonst gibt es kein Hafenkino, jedenfalls nicht von den Folkebooten. Ausgiebiger Landgang in der wunderschönen Gegend von Süd-Langeland für die Einen, relaxen in der Vorpiek für die Anderen (Anton kommt auf seine Kosten...), Einkaufsbummel zwecks abendlichem Grillen für die Dritten - es ist ein perfekter Tag. Dass spätnachmittags noch eine herrliche Brise aufkommt, macht zumindest Hoffnung, Albuen am nächsten Tag wahrhaftig unter Segeln erreichen zu können.

Vorläufig aber futtern wir einen ganzen Grill nebst köstlichen Salatbeigaben leer, und dann beginnt pünktlich das Rahmenprogramm: Vor einem spektakulären Sonnenuntergang segeln nacheinander „Loth Lorien“, „Hendrika Bartelds“ und „Tolkien“ heran, holländische Traditionssegler voll kreischender Jugendlicher, die den Hafen mit einer frischen Brise Seefahrtsromantik erfüllen. Anton kann den Aufbruch zum nächsten Abenteuer kaum erwarten - zähneputzend fragt er mich: „Wann segeln wir eigentlich morgen los?“

Am letzten Tag tue ich dies bereits zu Sonnenaufgang. Ich habe ein paar Dinge zu erledigen, möchte mittags wieder in Arnis sein. Die Anderen geraten später in eine anhaltende Flaute, während ich vier Stunden zuvor das Meiste noch segeln kann. Zehnstündiges Motoren, bis der Tank leer ist, macht keine Laune. Hätten wir anders planen und Donnerstag schon in die Schlei zurückkehren sollen? Ich denke nicht. Zum Einen war statt Flaute Südost 3-4 angekündigt, wenngleich eine gewisse Skepsis sicher angebracht war. Zum Anderen war der Flautentag der Preis für drei nicht nur schöne, sondern wirklich traumhafte Segeltage, die bei einer früheren Rückkehr einen anderen, lange nicht so tollen Verlauf genommen hätten.

Traumhafte Segeltage

Wir legen in Bagenkop ab, bei idealem Wind für die siebzehn Meilen nach Albuen, die wir gestern nicht geschafft haben. Bei guter Sicht, zügiger Fahrt und ohne jegliche Großschifffahrt queren wir die beiden Tiefwasserwege. Die Einfahrt in die Bucht ist  ein unvergleichliches Highlight, vor dem die Meisten von Vornherein zurückscheuen. Als ich zum ersten Mal hier war, zog ich in Erwägung, einfach wieder abzudrehen, weil die Ansteuerung so unübersichtlich ist. Heute fahren „Paula“ und ich vorneweg und geben den Anderen die Gewissheit, entgegen aller sonstigen Anzeichen doch auf dem richtigen Weg zu sein. Fürwahr dem richtigen Weg, führt er uns doch an einen wirklich besonderen Ort: Sonne, Ruhe und Abgeschiedenheit, Badespaß und Schlauchbootvergnügen, ein Leuchtturm, ein Kompostklo im Wäldchen, und sonst nix. Es ist endlich Sommer geworden.

Den Sonnenuntergang müssen wir ohne spektakuläre Wolkenformationen und Einlaufparade der Holländer über uns ergehen lassen. Einfach nur ein lauschiger Abend in der Abgeschiedenheit Albuens ist beinahe beschämend schlicht. Am nächsten Tag in Lohals erwartet uns etwas, das ich mit all meinen Kontakten zur Traditionsseglerszene nicht perfekter hätte organisieren können: „Fylla“ aus Svendborg und „Pippi Lotta“ liegen beiderseits der Hafeneinfahrt. Sie lassen eine ausreichende, aber ungewohnte Durchfahrt, die ich erst sehe, als ich „Pippi Lottas“ Klüverbaum umrundet habe. Es ist phantastisch und einmalig, durch die enge Passage zu fahren - eine so schön geschmückte Hafeneinfahrt habe ich noch nie erlebt. Den anderen Folkes gebe ich die bemerkenswerte Landmarke telefonisch durch, damit sie nicht der Mut verlässt: „Fahrt da mal durch, das ist cool!“. Wir liegen dann in der hintersten Ecke im kuscheligen Päckchen, und fast jeder fragt uns oder sich, was es mit diesem Großaufgebot von Folkebooten auf sich hat.

Als dies alles geschieht, haben wir bereits einen unvergleichlichen Segeltag hinter uns. Er beginnt morgens mit einer netten, kleinen Brise aus Ost. Als wir ablegen, segle ich gleich los mit einem Süd, der mich nicht einmal aus der Bucht bringt. Als alle die Segel gesetzt und die erste Flautenphase ausgesessen haben, kreuzen wir gegen einen vernünftigen Nord, der allmählich auf West dreht, so dass wir unseren Kurs laufen können. In der nächsten Flaute motoren wir ein Stück - und dann kommt endlich der Nordost, der zwar nicht angekündigt war - wir rechneten mit Südost - aber für Bedingungen sorgt, die man echt nicht jede Woche genießen darf: Hoch am Wind, vier Beaufort, die für schnelles Segeln ohne Mühe und Stress sorgen - und dazu eine grandiose mitlaufende Strömung im Langelands Belt. Eine Stunde lang saust „Paula“ mit satten, selten da gewesenen siebeneinhalb Knoten über Grund vorneweg! Ungläubig starre ich die meiste Zeit aufs GPS und freue mich. „Oliese“ folgt, der Rest ist zeitweise nicht zu sehen. Doch als wir die Nordspitze Langelands runden, tun wir es in gleichmäßigem Abstand, und kurzzeitig sind alle Boote in Sicht.

Und jede anlegende Crew beeilt sich, diesen „geilen Segeltag“ (Zitat Karin) in den höchsten Tönen zu loben.

Fazit

Es stimmte zwischenmenschlich, seglerisch und vom Wetter her - und so ergab sich eine Traumreise. Folkeboot-Segeln bietet jeden Tag Überraschungen - Flautenphasen, Motorprobleme und Grundberührungen muss man gezwungenermaßen aushalten und ertragen, doch das öffnet die Wahrnehmung für all das Tolle unterwegs, im Hafen und in der Natur. Auf die Missgeschicke und kleinen Hürden hätten wir auch verzichtet, aber im Rückblick gehören sie unbedingt dazu, sorgten sie doch für die notwendigen Lerneffekte.

Für mich war es in gewissem Sinn eine Dienstreise, in erster Linie aber ein herausragender Törn - und das ist bemerkenswert, weil ich das Revier ja schon kenne und es wenig neue seglerische Herausforderungen gab. Es war also keine routinierte Rundreise, sondern unvergesslich und authentisch toll.

Und im nächsten Jahr verlagern wir die Kommunikation auf UKW-Seefunk.


Nachtrag

Karin hat täglich über ihr Einhandabenteuer berichtet - ein lesenswerter Blog