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Ein ausgefallener Törn: So viel, so weit, so lange und schön wie möglich

Beim Ablegen kam mir der absurde Gedanke, es könne ein Routinetag bevorstehen. Das war natürlich völliger Blödsinn: Erstens kommt das beim Segeln so gut wie nie vor, und zweitens starteten wir mit offenem Ziel - es konnte also nur eine Überraschung geben. Besonders heute.

Juni 2018

Für gewöhnlich plane ich schon, wo ich abends sein werde, auch wenn man das bisweilen an die Bedingungen anpassen muss. Für gewöhnlich habe ich auch eine Törnplanung für die gesamte Reise im Kopf. Doch diesmal reduzierte sich das auf die Vereinbarung: Wir wollten so lange, so weit, so viel und so schön wie möglich segeln. Wenn es gut liefe: Fyn rund. Denn das ist weit, dauert lange und ist bei passendem Wind ausgesprochen schön. Um es vorweg zu nehmen: Daraus wurde nichts. Aber das spielte im Gesamtfazit gar keine Rolle.

Sonntags hatte ich, anstatt schon auszulaufen bei dem schönen West, noch Oli und Salty zurückgenommen und für die nächsten Gäste vorbereitet. Was nicht mal eben schnell erledigt war - Hantieren mit Benzinkanistern und Takelgarn, Salty bekam ihren angestammten, auf Martha zwischengelagerten Außenborder zurück und verlangte nach einer gründlichen Reinigung, und Oli wies neben der kaputten Klampe noch auf die gerissene Fock und die zu lockere Riggspannung hin. Statt bei Maasholm zu ankern, blieben wir also in Arnis, aber das war nicht entscheidend - am Ende fehlte uns ein Tag. Oder ein Wetterbericht, der uns sagte, dass wir von Montag auf Dienstag gefahrlos in Musholm übernachten konnten, weil der Wind erst im Laufe des Vormittags auf Nordost drehte, anstatt mitten in der Nacht.

Es kommt selten vor, dass ein Flottillentörn ausfällt. Doch dieses Mal blieben meine Antworten auf mehrere sehr konkrete Anfragen mutmaßlich im Spamfilter hängen, stellte eine bereits gebuchte Crew beim Skippertraining unter Beweis, dass sie noch nicht reif war für die Ostsee auf einem Folkeboot, kam schließlich der letzten verbliebenen Crew ein Fahrradunfall dazwischen. Im Ergebnis fiel die Reise aus, und in einer Woche mit Traumwetter hatten die Charterboote nichts zu fahren - darauf werde ich in Zukunft jeden Gast energisch hinweisen, der am Wetter herum mäkelt! Wir also freuten uns auf den...


Auftakt eines ausgefallenen Törns
Arnis - Nyborg (56 nm), West 3 zunehmend 5-6

Wecker zu fünf, Kaffee, Brote schmieren für unterwegs, Zähne putzen, ein kleiner Abwasch, segelklar machen. Angesichts knapper Liegeplätze legte ich Salty noch in Paulas Box, dann stießen wir uns von der Kranplatte ab, ich setzte die Fock, und mit dem daraus resultierenden Speed gelang uns eine Punktlandung an der Brücke. Allerdings erst um Viertel vor acht, von „aller Frühe“ konnte nicht mehr wirklich die Rede sein. Schleimünde erreichten wir gegen neun. Und dann ging es eine Weile recht dödelig voran, die ausgebaumte Fock war in der Dünung das einzige Segel, das kontinuierlich stand.

Irgendwann hielt der Westwind dann aber doch, was die Vorhersage und die heranrollende Dünung versprachen: Mit dichten Schoten knallten wir durch die Rinne nach Marstal, kreuzten an der Hafeneinfahrt vorbei und fielen nordwärts ab. Von Strynø bis durchs Rudkøbing Løb vergnügten wir uns mit einer strammen 6, und die Strömung lief auch noch mit - Resultat waren knappe sieben Knoten über Grund. Einmal - aber immerhin nur dieses eine Mal - wurde ich in meiner leichten Montur gehörig nassgespritzt.

Nun galt es allmählich die Optionen zu sondieren: Musholm wäre - auch im Nachhinein betrachtet - ausgezeichnet gewesen. Aber dort liegt man bei Nordost ungeschützt, und eine solche Winddrehung war für die Nacht angekündigt. Reersø gleich nördlich davon entpuppte sich beim Blick ins Hafenhandbuch als unwesentlich besser. Etwas weiter südlich bieten sich Lundeborg bei Westwind oder Lohals bei Ostwind als geschützte Häfen ab - aber mit der Drehung? Beim aktuellen Gepuste wollte ich nicht nach Lohals einlaufen, weder unter Segeln im engen Hafen noch unter Motor angesichts der vor der Einfahrt zu erwartenden See.

Wir konnten aber nicht ewig so weitersegeln, irgendwann mussten meine Müdigkeit einsetzen und der Westwind sich schlafen legen, und genau genommen gab es im Lundeborg Belt unter Land erste Anzeichen davon. Also fragte ich Paula, was sie von Nyborg hielte, und es fiel leicht, uns darauf zu einigen: Wir segelten problemlos an einen Liegeplatz, an dem wir morgens den Nordost genau von vorne haben würden. Und wir hatten mit 56 Seemeilen gut vorgelegt für unser Projekt. Meine Sorge war zu dem Zeitpunkt, dass er zu Beginn zu doll blasen würde - zumindest im Kattegat und an der Nordseite von Fyn war mit mindestens sechs Beaufort zu rechnen.

Unser Streichresultat
Nyborg - Lohals mit Abstecher in den Großen Belt (25 nm), schwachwindig aus Nord

Wir legten ab. Bei schwachem Westwind. Waren froh, uns von dem, was sonst so im Hafen lag, weitmöglichst zu entfernen. Der Nordost verspätete sich. Gemächlich segelten aus dem Hafen, aus der Bucht und auf die Großer-Belt-Brücke zu. Es folgte eine Brise aus Nordost, gefolgt von, nein, keiner totalen Flaute, aber einem Lüftchen, das in keinem Verhältnis zur beachtlichen Strömung stand, die uns entgegen lief. Auf Ostkurs wurden wir um vierzig Grad versetzt, nach der Wende erwartete ich, dass es schon eine grandiose Leistung sein würde, die Position zu halten.

Doch Paula fuhr unaufhaltsam Richtung Brücke, was nicht leichter wurde durch ein Sammelsurium von Angelbooten und Stellnetzen im Fahrwasser. Wir entschieden uns für ein Brückensegment weiter rechts. Der Wind drehte östlich, dadurch konnten wir mit einem halben Knoten Fahrt über Grund zwischen den mächtigen Pfeilern hindurch segeln, voll konzentriert, um durch die Strömung nicht ruckartig versetzt zu werden, und dann erst erreichten wir, was ich für die Abdeckung der Brückenpfeiler hielt.

Die Bugspitze zeigte nordwärts, die Segel standen weiterhin, das GPS sagte etwas von 220 Grad - und dort stand der Brückenpfeiler, den wir gerade passiert hatten. Südlich der Brücke machte ein Fischkutter den Eindruck größerer Probleme, er schaukelte und driftete und kam dem Beton ungewöhnlich nahe, aber ich hatte jetzt Anderes zu tun, als ihn länger zu beobachten: Ich musste den Motor starten.

Der brachte uns erstmal aus der Gefahrenzone, bevor es überhaupt gefährlich wurde, aber statt außerhalb der Abdeckung wieder Wind zu bekommen, mussten wir einsehen, dass es insgesamt ziemlich flautig war. Wir motorten weitere fünf Minuten. Dann ließen wir uns in der Strömung seitlich treiben in der Hoffnung, irgendwann in den nächsten Stunden den Neerstrom an der Küste Fyns zu erreichen, der uns helfen würde.

Wir schafften vier Meilen Richtung Kerteminde. Der Neerstrom war ein Scherz, der Wind zwischenzeitlich gar nicht so schlecht, wenn uns die Strömung nicht so doll gebremst hätte, aber von den 4-5 oder mehr Windstärken, mit denen wir locker vorangekommen wären, gab es keine Spur. Außerdem kam die Beinaheflaute aus Nord, damit hatte ich überhaupt nicht kalkuliert. Paula gab zu verstehen, nicht nach Kerteminde zu wollen - egal was ich tat, wann immer der entsprechende Kurs anlag und ich nicht aufpasste, luvte sie an, bis die Segel schlugen.

Wir kehrten um. Bis kurz vor der Brücke war das beinahe richtiges Segeln mit über vier Knoten. Dann: Totale Flaute. Komplett mit drehendem Verklicker, schlagendem Tuch und Tauwerk, schaukelnder Paula. Im Großen Belt läuft ja auch ein beharrlicher Dampferschwell, und man soll sich nicht der Illusion hingeben, das sei ein Anzeichen eines nahenden Windfeldes. Ich warf den treuen Außenborder an. Er brachte uns, wohin wir gestern noch nicht wollten: Nach Lohals.

In der Brückendurchfahrt, also der bezeichneten, lag der Kutter von vorher notdürftig an einen Pfeiler vertäut und mit diversen Ankern gesichert. Die hatten also wirklich ein ernstes Problem bekommen, eigentlich kann es nur ein Motorschaden gewesen sein - dieses Monster von Brücke, das die Wind- und Strömungsverhältnisse gehörig durcheinanderbringt, soll man nicht unterschätzen. In früheren Jahren hatte ich beinahe Angst davor, dann wieder verhielt ich mich beinahe naiv und hatte reines Glück, dass es passte. Diesmal war ich auf Stand-by für alles, was passieren konnte - bei einem Versagen des Außenborders bei der ersten Passage wäre reichlich Platz zum Abfallen und Zurücksegeln gewesen. Und so muss das auch sein.

In Lohals gönnte ich mir eine dringend benötigte Mittagsstunde. Als ich aufstand, war die Abendbrise wunderbar - aber aus Nord, das hätte uns vermutlich auch nicht sehr geholfen, wenn wir vor Kerteminde vier Stunden gedümpelt wären. Und so stand erneut ein Tag bevor, dessen Ziel anfangs völlig egal war - Hauptsache schönes Segeln und abends ein schöner und geschützter Hafen.


Mittwochsregatta
Lohals - Vigø (40 nm), Südost 3 zunehmend 4-5

Morgens - gut ausgeschlafen nach früher Koje und voller Tatendrang - besann ich mich darauf, warum wir unterwegs waren: Ich wollte segeln! Ich wollte keinen Landgang, keine Gesellschaft, keinen Komfort, wie ein moderner Yachthafen ihn bietet. Ich wollte den ganzen Tag segeln und abends einen vollen Magen und mit Paula die Ruhe genießen. Wem wir bisher begegnet waren, waren total uncoole Typen mit charakterlosen Großserienyachten und dubiose Gestalten, die trotz allem Kommandogeschrei nicht Bootfahren konnten - suchten wir das? Reizte uns das? Brauchten wir das?

Vor dem Ablegen besprachen Paula und ich also in Frage kommende Ankerplätze, und die mussten möglichst weit entfernt liegen und bei Südost gut geschützt sein. Unsere Wahl fiel auf Vigø in der Helnæs Bugt.

Die Kardinaltonne am Thurø Rev wurde hoch am Wind bei um zwanzig Grad variierender Windrichtung eine kurzweilige Punktlandung. In den Svendborg Sund durften wir noch mit der Strömung einlaufen, bevor der Strom kenterte und es eine Herausforderung wurde: Direkt gegenan auf eine Fahrwassertonne zuzuhalten bedeutet, dass eine winzige Ruderbewegung dazu führt, dass die Tonne megaschnell zur einen oder anderen Seite auswandert. Sich unter diesen Bedingungen dicht an die Tonne heranzuhangeln und sie dann wie gewollt zu passieren, ohne mit ihr zu kollidieren, ist eine Herausforderung an die Konzentration - und mit ein bisschen Übung ein Riesenspaß, den wir, der wunderschönen, gut vertrauten und heißgeliebten Landschaft im vorbeifahren unseren stillen, schwärmerischen Tribut zollend, aufs Tiefste genossen. Nebenbei überzeugten wir uns davon, dass das Trockendock aus Marstal wirklich in Svendborg seinen Platz gefunden hatte und tatsächlich in Betrieb war.

Hinter der Brücke überholten uns unter Motor zwei Scalar-Yachten, beide nicht nur mit Produktionsort, sondern auch Liegeplatz in Grauhöft. Kurz darauf setzten sie die Segel, die eine aber nur das Groß. So zogen wir wieder vorbei, und jemand rief herüber, ob er eine bescheidene Frage stellen dürfe: Ob dieses das berühmte Folkeboot Paula sei. „Du meinst die Schriftstellerin?“ vergewisserte ich mich und nickte - woraufhin der begeisterte Leser des schönen Buches ein paar Fotos knipste und ich fröhlich in die Kamera winkte.

Wir segelten und segelten und manövrierten uns ohne eine einzige Halse mit ausgebaumter Fock an Avernakø, Lyø und Hornenæs vorbei. Dann mussten wir doch Halsen und auf Nordkurs gehen, und der Ausbaumer war für die letzten paar Meilen nicht mehr nötig. Vor Illum an einer der Moorings lag Folkeboot Scherzo: Der alte Herr an Bord hatte mich vor Jahren, damals noch von einem Mitsegler unterstützt, tief beeindruckt mit seinem Anleger unter Segeln in Falsled, wo ich schon mit Motor erheblich zu kämpfen hatte. Das war eine wesentliche Motivation, mich da selbst heranzutasten, und schließlich einzusehen, dass der Außenborder manchmal gar nicht hilft, sondern die Dinge unnötig kompliziert macht. Letztes Jahr in Michael Müllers Fotoausstellung traf ich Scherzos Eigner sozusagen virtuell wieder und erinnerte mich seiner kleinen Rolle in meinem Werdegang. Und nun war es gut zu sehen, dass es der Oldie immer noch konnte, auch wenn der Weg wirklich nicht weit gewesen war.

Wir segelten fröhlich in die Abdeckung der kleinen, hohen Insel. Ich barg das Groß. Barg die Fock. Paula trieb dichter unter Land, der Anker lag im Cockpit bereit, wir machten immer noch Fahrt, und das Wasser war immer noch zu tief. Wir trieben in eine Bö, die uns vertrieb und zeigte, dass dieser Ankerplatz zwar gut, aber nicht perfekt war. Ich zog die Fock wieder hoch, Paula nahm Fahrt auf, wir segelten ein paar Meter weiter, bis es wirklich optimal wirkte. Fock runter, Anker außenbords - ich verzichtete auf Ankerpeilung und sonstige Kontrollen - wir lagen schlicht und einfach gut und behütet. Und mir war so, als sei ich noch nie so gelassen und entspannt und gleichzeitig gründlich und zielstrebig auf einen Ankerplatz zugesegelt.

Zwischen Segelpacken und Kochen schickte ich Michael eine SMS hinsichtlich der Scherzo, die inzwischen an uns vorbei Richtung Falsled segelte. Seine Antwort: „Hm. Dann ist die Mittwochsregatta wohl ausgefallen.“ Ein paar Minuten später konnte ich antworten: „Nee, die läuft gerade.“ Scherzo war mittenmang dabei, und wir hatten einen Logenplatz zum Zugucken. Die Helnæs Bugt ist phantastisch, ein riesiger Binnensee mit Zugang zum offenen Wasser, nirgendwo volle Welle, und immer an irgendeinem Ufer ein geschützter Ankerplatz. Wir hatten den besten von allen.

Die Regatta war schön anzusehen, aber zum Zugucken doch relativ unspektakulär: Es wirkte wie ein Känguruhstart, dann ging es um weit auseinander liegende Bojen herum, und Paulas Schwester startete als Erste und näherte sich als Letzte dem Ziel. Dort an Bord spielte dieser Verlauf vermutlich überhaupt keine Rolle, und ich machte mir eine gedankliche Notiz, dass wir, sollten wir mal wieder an einem Mittwoch in dieser Gegend auftauchen, freundlich fragen werden, ob wir teilnehmen dürfen. Als die Regatta beendet und mein köstliches Nudelgericht genossen war, brauchte ich eine ganze Weile, um die Schönheit des abends so richtig fassen zu können. Da wurde es aber auch höchste Zeit für die Koje, denn am Morgen wartete ein neuer Tag.

Zuvor konsultierte ich den Wetterbericht und bat Paula um eine nächtliche Entscheidung: Angekündigt waren für Donnerstag Südost 3-4, für Freitag Südost schwachwindig. Zur Wahl standen: Mjels Vig (sehr schön, aber am Freitag eine lange Strecke gegenan bei potenzieller Flaute), Sottrupskov (auch recht schön, aber für Freitag galt das Gleiche), Sønderborg (nicht schön, aber kürzeste Strecke, falls wir nur motoren würden) sowie eine Kreuz doch lieber bei Windverhältnissen, bei denen das Spaß bringt, mit Ziel Lindelse Noor - 39 Meilen gegenan durch all die Schönheiten der Dänischen Südsee, und wir wollten ja ankern und ankern und unbedingt ankern, und wo ginge das besser als da, wo Paula mir eben dieses Ankern letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte? Für den Freitag sah ich eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass wir uns durch den kurzweiligen Teil der Strecke würden segeln können, und wenn wir das Stück über offenes Wasser komplett motoren musste, war mir das einigermaßen gleichgültig.


Ölzeugwetter bei wolkenlosem Himmel
Vigø-Lindelse Noor (39 Meilen), Südost um 4

Morgens gab es: Sonne. Tollen Wind. Unruhigen Tatendrang. Aber erstmal ein wunderbares Rührei, dessen Genuss ich allerdings für nach dem Ablegen aufschob - ich bin und bleibe ein Frühstücksmuffel, weigere mich beharrlich, kurz nach dem Aufstehen feste Nahrung zu mir zu nehmen, erst recht, wenn diese Tätigkeit meinem Drang zu sofortigem Lossegeln widerspricht. Aber gegen fertig geschmierte, üppig belegte Brote, die ich bei Bedarf und Hunger unterwegs unter Gischtfontänen unter dem Achterdeck hervorkramen und genussvoll verspeisen kann, habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Also zwinge ich mich immerhin zu diesen wenigen Momenten der Besinnung, die es braucht, um Eier aufzuschlagen, eine Zwiebel zu schneiden und die Butter aus der Bilge zu kramen.

Nach verlassen der Helnæs Bugt hoppelten wir unter wolkenlosem Himmel mit wunderbarem Wind gegen eine beträchtliche Welle an. Paula begann sich mit einer Salzkruste zu umgeben, ich hüllte mich ins Ölzeug. Es war phantastisch: Wenn wir nicht rasend schnell unterwegs waren, fühlte es sich zumindest so an. Zwischen den Inseln und Inselchen liefen wir oft den normalen, küstenparallelen Kurs, so dass es nicht wie eine Kreuz wirkte. Im Mørkedyb waren es dann kurze Schläge und zackige Wenden, sobald das Echolot die steile Kante des Trogtales meldete - doch wir mussten uns um keinerlei Verkehr kümmern, denn obwohl es bei schönstem Wetter und langen Tagen gerade erst siebzehn Uhr war, war weit und breit kaum noch ein Boot unterwegs.

Das Lindelse Noor hatte ich im Herbst noch unter Motor erstmals erkundet. Diesmal segelten wir langsam und geschmeidig in die Bucht, gestützt auf GPS und Echolot, und ich fand sogar noch die Zeit, eine landmarkenbasierte Wegbeschreibung ins Logbuch zu schreiben, damit wir nächstes Mal ohne elektronische Hilfsmittel einlaufen können. Am Ende dieser Bemühungen gab es zur Belohnung ein Küsschen für die salzige Paula - und für mich einen wunderbaren Blick in die flache Weite der Dänischen Südsee, T-Shirt-Wetter bis spät in die Nacht und die zweite ruhige, ungestörte Ankernacht in Folge. Dass wir am nächsten Tag mit hoher Wahrscheinlichkeit stundenlang motoren mussten, irritierte mich kein Stück: Tank und Kanister waren voll, und irgendwie gehörte es sich ja auch so, dass der notgedrungene Rückweg in die Schlei mühsam verlief und nur widerwillig angetreten wurde.


Kreidefelsen und Stechpaddel
Lindelse Noor - Maasholm (29 nm), Nordost 3 abnehmend 0-2.

Früher Morgen, hübsche Brise aus Nordost - yahoo! Anker auf und los - man darf den Wind nicht vergeuden, vor allem, wenn er spärlich ist. Aus dem Noor segelten wir langsam und majestätisch, wie es sich in flachem, steinigen Terrain gehört. Bis Strynø freuten wir uns diebisch über den Drittknoten, dann briste es ernsthaft und spürbar auf, und wir sausten mit über vier Knoten geradezu los. Zu sehen war nichts und niemand - und dann erblickte ich drüben vor Ærøskøbing etwas, das wie ein Eisberg oder ein Kreidefelsen aussah. Der hier allerdings nicht zu suchen hatte und dort auch noch nie gewesen war. Es war auch nicht ganz zu leugnen, dass das merkwürdige Ding im Groben die Gestalt eines sehr großen Fahrgastschiffes hatte. Aber auch das gehörte nicht an diesen Ort.

Shipspotting.com wusste Rat: Vor Ærøskøbing lag das Kreuzfahrtschiff Amadea vor Anker. Auf dem Funk entpuppte sich das schnell als Sensation: Dreimast-Marstalschoner Fylla, eines der größeren Schiffe im Revier, bat um Verständnis, das sie auslaufend aus Ærøskøbing den seltenen Gast einmal umrunden würden. Die Fähre, neben der wir winzig wirken, schob sich als mickriger Schuhkarton daran vorbei. Das unterwegs konsultierte Internet wusste allerdings auch, dass die Amadea einen Tiefgang von 7,50 hat - und das ist in dieser Gegend eine bemerkenswerte Einschränkung.

Für uns war es schönstes Segeln bis Vejsnæs Nakke, wo pünktlich um zwölf die Mittagsflaute einsetzte. Nach einer halben Stunde Treiben und einer weiteren halben Stunde Motorgetucker kräuselte sich das Wasser wieder, und fortan wurde entgegen meiner bescheidenen Erwartung nur noch gesegelt. Meistens mit um die drei Knoten, auf Schleimünde hin wurde es dann richtig zäh, weil es immer bei konstantem Speed noch knapp zwei Stunden waren, egal wie nahe wir dem Leuchtturm kamen. Irgendwann erreichten wir ihn tatsächlich und hofften vergeblich, dass es in der Schlei nochmal großen Segelspaß gäbe.

Wir hatten es aber wirklich nicht eilig, wollten nur nach Maasholm ins Wormshöfter Noor, und das erreichten wir pünktlich zum Abendessen auf der Nubia, an der uns Mike zum Längsseitsgehen einlud. Er hatte noch ein Landstromkabel eines seiner Charterboote zu reparieren, Katja rührte unter Deck schon in den Nudeln, Niklas lümmelte sich gelangweilt im Cockpit, während wir feststellten, dass aus dem Noor eine unter anderen Umständen kaum merkliche Strömung lief, gegen die Paula allerdings jetzt bei erneut einschlafendem Wind kaum noch ankam: Sie bewegte sich mit irrwitzen 0,3 Knoten luvwärts, und wir mussten deutlich dorthin, um nach der Wende unser Ziel nicht zu verfehlen. Nachdem wir bisher mit so angenehm wenig Motor ausgekommen waren, entwickelte ich für die letzten fünfzig Meter natürlich einen gewissen Ehrgeiz - und erinnerte mich des seit zehn Jahren ungenutzt in der Vorpiek liegenden Steckpaddels.

Es war eine Offenbarung: Nachdem die Segel geborgen waren, trieb uns die Strömung auf die Nubia zu, und mit gelegentlichen Paddelstrichen sorgte ich dafür, dass wir sie nicht noch verfehlten. Das schien mir erheblich kontrollierter, als mit dem Außenborder zu hantieren, der uns schon im Standgas viel zu schnell gemacht hätte für dieses punktgenaue Manöver. Das größte Hindernis war eine Gruppe Kanufahrer, von denen einer es für schlau hielt, zwischen Paula und Nubia hindurchzurudern, woraufhin ich eifrig protestierte: „Wir legen da gerade an!“ Was wir fünf Minuten später ja auch wirklich taten. Es gab dann zuerst Pasta auf Nubia und später Rotwein/Saft auf Paula und insgesamt einen gelungenen Abend nach tagelanger, wohltuender Einsamkeit.


Bei dir piept's wohl!
Maasholm-Arnis (4 nm), E 3 abnehmend 1

Von den verbleibenden vier der stolzen 185 Meilen unseres kurzen Törns versprach ich mir nichts Bemerkenswertes - aber dann passierte jede Meile etwas Neues: Wir legten ab, als Katja gerade beim Bäcker einkaufte. Setzten die Segel. Sausten los in einer hübschen Morgenbrise aus Ost. Vorm Wind im Fahrwasser segelten wir langsam an der ankernden Petrine vorbei - die hat vor zwei Jahren Saltys Scheuerleisten aus Stralsund antransportiert, und ich hätte mich gerne ein weiteres Mal für diesen Service bedankt, aber niemand war an Deck - die mussten aber auch wirklich spät eingetroffen sein und brauchten ihren Schlaf. Das Timing für die Brücke gelang mäßig, wir hätten abkürzen sollen, anstatt das Fahrwasser auszufahren, so war es ab Grauhöft mit Motor und beinahe Vollgas.

Auf Höhe ASC segelten wir wieder. Hafenmeister Barny tobte auf der Außenmole herum, gelockt von einem penetranten Alarmton - das kannte ich aus Arnis, wo ein Rauchmelder vier Tage lang den halben Steg genervt hatte, bevor der Eigner sich endlich herbeibequemte und hauptsächlich darüber klagte, dass niemand diesen Ideal-Standard-Bartschlüssel auftreiben konnte, der ihm Zugang zur Kajüte gewährt hätte. „Bei dir piept's wohl“, rief ich rüber. Barny klagte mir sein Leid und wünschte uns einen schönen Segeltag. „Wir sollen nur nach Arnis“, antwortete ich. Er: „Das schafft ihr.“

Taten wir auch. Aber nicht ohne freudig festzustellen, dass die Jonas im Museumshafen lag: Das Schiff, das mich zum Segeln gebracht hat. An dessen Seitenschwert längsseites Paula viele Nächte verbracht hat. Die wir die ganze Saison noch nicht gesehen hatten, weil sie im Wattenmeer herumtrieb. Auf dem Poopdeck saß oben ohne der Bootsmann. In Sprücheklopf-Laune sagte ich: „Na, schön Sonnenbaden, oder was?“ Er schien sich nicht gerade zu freuen, mich zu sehen. Oder überhaupt zu erkennen. Schüttelte nur den Kopf und antwortete: „Nee.“ Stand auf und ging auf Klo. Das roch nach mieser Stimmung, wie der Mensch sie ja bisweilen hat - in Unkenntnis der Gründe ging mein Mitgefühl leider vorerst ins Leere. Landeinwärts sah eine fiese Wolke nach einem Gewitter aus, das dann doch nicht kam, aber später gab es einige Regentropfen, die für den Bauern und die Wälder doch nicht den erhofften Segen brachten. Vielleicht immerhin für den traurigen Bootsmann.

Arnis schafften wird, aber es dauerte eine Stunde. Ich legte Paula an den Stegkopf, begrüßte Lisa von Folkeboot Tzefix, schipperte Salty um den Steg herum, verholte Paula in ihre Box und packte die Segel, holte die auf Martha hinterlegte Post ab und ging zum Bäcker, um nach all der Aufregung ein Stück Erdbeertorte und ein Schokocroissant schnabulieren zu können. Als ich zurückkehrte, waren die ersten Charterer da, und der Alltag hatte mich wieder: Es handelte sich um Stammgäste, denen ich lediglich die Hand schütteln und kundtun musste, welche Neuerungen ich Frieda eingebaut hatte. Als Bonus gab ich ihnen einige Tipps für die Törnplanung, denn ihr grober Plan für die zwei Wochen lautete: Fyn rund.

Der Vorschoter der zweiten anreisenden Crew hatte gerade eine große Reise von Kiel nach St. Petersburg und zurück hinter sich. Auf einem Kreuzfahrtschiff: Nämlich der Amadea.

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