| Paulas Törnberichte | |
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Atmen!
Dies
ist die Geschichte einer wunderbaren Gästegruppe,
fürchterlichen Wetters und
vierundvierzig Seemeilen, in deren Verlauf ich eine wichtige Lektion
lerne.
Doch für den Kontext muss ich weiter ausholen.
September 2026
Es
ist ruhig und idyllisch am einzigen schwachwindigen Tag der Woche.
Schnell noch ein bisschen Büroarbeit wegschaffen, dann wieder
die Sonne genießen – doch das Boot
gegenüber kehrt tuckernden Diesels von seinem kleinen Ausflug
zurück. Eine LM23 ist absolut nicht seniorengerecht: Unter
Deck ein Raumwunder, doch es gibt kein Laufdeck. Und der Eigner ist
wirklich nicht mehr mobil. Aus dem Cockpit heraus braucht er eine Weile
für die erste Achterleine. Motort rüber zum zweiten
Mal, erledigt auch die zweite Achterleine. Nun dampft er ein. Paulas
Festmacher recken sich im Schraubenwasser. Mühsam arbeitet der
Senior sich am Aufbau vorbei nach vorne, klettert auf den Steg,
befestigt die Vorleinen. Jetzt schlägt er das Vorsegel ab. Die
ganze Zeit tuckert weiter der Diesel. Das spart ihm einen extra Weg ins
Cockpit. Man muss das verstehen. Ich jedenfalls habe
Verständnis und wende mich wieder meiner Korrespondenz zu.
Doch
das Tuckern nervt. Ich kann mich nicht konzentrieren. Aha, das
Segel liegt immerhin schon auf der Sprayhood. Der alte Mann arbeitet
sich nach achtern: Ein Schritt zur Seite, Halt suchen, Segel
hinterherziehen. Nächster Schritt, neuer Halt, Segel schieben.
*seufz* Endlich hat er es geschafft: Das Segel
liegt…irgendwo…he…rum…aber
es muss…noch…woandershin…unter Deck.
Jetzt kann er endlich….jetzt wird er bestimmt
sofort….und dann ist Ruhe. Endlich wieder absolute Ruhe.
Oder? Nein: Er gibt Gas! Der Motor heult auf, ich drehe durch.
Brülle durch den Hafen. Er findet den Knopf. Ich kann mich
beruhigen. Endlich Ruhe.

Zwei
Treppen führen den Steilhang hinauf zum alten Clubhaus.
Zwischen Hecken und Sträuchern versteckt sich eine
Fülle von Sitzplätzen. Manche haben Platz
für größere Gruppen, andere scheinen ideal
für frisch verliebte Pärchen. Überall
genießt man eine wunderbare Aussicht: Auf den Hafen, den
Thurø Bund. Auf die kleine Insel Kidholm und die sie
umgebenden Untiefen. Auf den Svendborg Sund und die Lunkebugt. Es ist
ein schöner Ort!
Ich
finde auch immer ein Plätzchen, um ungestört
Ukulele zu üben. Als neulich Erik zu Besuch war, haben wir es
uns täglich bei Kaffee und Kuchen im Schatten
gemütlich gemacht. Die Thurø Bageri ist seit 160
Jahren im Familienbesitz und eine der Hauptattraktionen. Wir konnten
uns zwischen Blåbærsnitte und
Appelsinkæge nicht entscheiden. Also hatten wir es doppelt
köstlich.
Gesegelt
sind wir auch noch, Paula und ich, nachdem die Sommerreise
in Thurø endete: Am übernächsten Tag
gleich nach Bisserup. Auf dem Rückweg trafen wir uns in der
Flaute auf dem Vengeancegrund mit Erik und Pommery. Fast eine Woche
haben wir gemeinsam verbracht. Ein bisschen wie WG, wir waren
abwechselnd fürs Abendessen zuständig.
Lundeborg-Korshavn-Thurø-Korshavn – wir sind ein
bisschen auf und ab gesegelt. Später war Paula nochmal im
Gammel Havn und in Marstal.
Seit
einer Woche liegt sie nun einfach in Thurø. Ich
möchte den Aufenthalt hier auch landseitig genießen
und nicht nur auf dem Wasser. Den ganzen Sommer geht nämlich
meistens so: Wenn nicht von vornherein zu viel Wind ist, dann zumindest
einen Teil des Tages erheblich zu wenig. Ergebnis sind viele Stunden
auf dem Wasser, ohne allzu weit voranzukommen. Die restliche Zeit ist
mit Einkaufen, Abwaschen, Kochen, Essen und Schlafen gut
gefüllt. Büroarbeit und Füße
hochlegen kommen notgedrungen zu kurz.
Segeln
können wir noch genug: Von Ende August bis Mitte
September bekommen wir meistens ruhiges Spätsommerwetter,
ideal für noch einen kleinen Urlaub mit Paula, bevor
womöglich bei Sturm und Regen die Saison ausklingt.
Nächste Woche steht erstmal der Flottillentörn
zurück an die Schlei auf dem Programm. Ich freue mich auf die
Gruppe. Und auf eine rundum gelungene Segelrunde. In den letzten Jahren
verlief der Überführungstörn in etwa gleich:
Zuerst nach Lyø, dann quer über den Kleinen Belt
und durch den Als Sund nach Sønderborg,
schließlich von dort zurück nach Arnis. Diesmal
hoffe ich auf eine Abwechslung: Wenn wir im passenden Moment zwei Tage
Ostwind bekämen, könnten wir über
Agerø und Albuen, also um Langeland herumsegeln, dann
über Bagenkop oder Marstal nach Schleimünde. Oder
wenn nicht dies, dann vielleicht im Kleinen Belt weiter nach Norden:
Wenn zu viel Wind uns nicht zu Hafentagen zwingt, schaffen wir
Haderslev, Hejlsminde, womöglich
gar Middelfart. Wir werden sehen…
Erstmal
sollen endlich die Törnberichte der Sommerreise
fertig. Noch etwas steht auf meinem Programm: Mit dem Fahrrad
gemütlich in die Stadt (also Svendborg) zum Bummeln. Sowas
habe ich noch nie gemacht: Ich lasse mich in einer Damenboutique
bedienen und beraten – und kaufe mein erstes Kleid! Es ist
ein schönes blaues Sommerkleid, Ende August natürlich
runtergesetzt – und es macht mich vollkommen
glücklich. Nebenbei ist es sooooowas von bequem! Den ganzen
nächsten Vormittag verbringe ich damit, am Steilhang
Selbstportraits aufzunehmen: Abwechselnd mit und ohne Ukulele und mit
der Brille in der Hand oder auf der Nase.

Noch
einvielleicht letztes Mal spiele ich Ukulele am geliebten,
inzwischen vertrauten Steilhang. Vier Wochen Thurø sind fast
vorbei. Viel zu früh geht auch der Sommer zu Ende: Ab Freitag
Regen, Schauer, Gewitter und furchtbar viel Wind. Über dem
Atlantik reihen sich in vierundzwanzig Stunden Abstand die Tiefs
aneinander wie Flugzeuge sauber gestaffelt im Landeanflug. DMI
veröffentlicht ein aufschlussreiches
Satellitenbild. Jede ambitionierte Törnplanung ist damit
hinfällig. Schlimmer noch: Ich bin nicht mehr sicher, ob wir
es
überhaupt an die Schlei schaffen in den bestenfalls kurzen
Zeitfenstern, in denen wir ein Stück segeln können.
Mehrere
Dinge beruhigen mich: Zum einen wäre die Gruppe
auch dann unzufrieden, wenn wir jeden Tag von morgens bis abends auf
dem Wasser verbringen würden. Natürlich sind alle zum
Segeln hier, aber gemeinsam kochen, schwimmen und die Gegend erkunden
stehen gleichberechtig auf dem Programm. Zum anderen haben wir bisher
noch immer passende Segelbedingungen gefunden, zur Not
frühmorgens, abends oder über Nacht. Man darf nicht
selbstverständlich davon ausgehen, aber es ist auch nicht
ausgeschlossen, dass das Wetter sich erheblich freundlicher entwickelt,
als es in anfänglichen Prognosen aussieht. Und
schließlich können wir es theoretisch in einem
einzigen Schlag nach Arnis schaffen – es sind nur 44
Seemeilen nördlich um Ærø oder 43
Seemeilen südlich herum. Dazu bräuchten wir
allerdings einen Tag mit passender Windrichtung, doch zu erwarten sind
ausschließlich West und Südwest.
Die
Gäste treffen am Freitagabend ein. Es ist eine
bemerkenswerte Gruppe: Auf jedem Boot war eine Person schon letztes
Jahr dabei, die zweite Person ist neu. Thomas ist schon zwei Wochen mit
Salty unterwegs und segelt den Flottillentörn einhand.
Franziska ist durch Thomas auf die Idee gekommen, bei uns zu buchen.
Sie und Conny waren letztes Jahr gemeinsam mit Martha unterwegs. Jetzt
haben sie jede noch eine Freundin mitgebracht, Corinna und Barbara.
Franzi und Conny kennen auch Jens schon vom letzten Mal. Er segelt
diesmal mit seinem Sohn Fritjof. Ich finde es ärgerlich, dass
sowas weiterhin so ungewöhnlich ist, dass es
auffällt: Es sind mehr Frauen als Männer dabei!
Noch
etwas ist bemerkenswert: Die restlichen Teilnehmer des
Vorjahrestörns, die diesmal nicht gebucht haben, schicken
Grüße und wünschen uns einen gelungenen
Törn – auch da waren wir eine sehr angenehme
Gemeinschaft, und diesmal wird es genauso: Das sind alles ganz
wunderbare Segler und wundervolle Menschen, mit denen ich gerne Zeit
verbringe und denen ich eine wirklich gelungene Reise
gewünscht hätte. Alle sind aber auch
vernünftig genug, um zu wissen, dass wir die Wetterbedingungen
nicht beeinflussen können, sondern das Beste daraus machen
müssen. Samstag zum Beispiel warten wir nach der Einweisung
die ganzen ruppigen Böen und noch einen und noch einen Schauer
ab und beginnen um halb sieben unseren Dämmertörn. So
spät am Tag kommen wir natürlich nicht mehr allzu
weit, sondern haben nur Svendborg geplant. Sonntag ist unwiderruflich
Hafentag, und ich finde, dass der sich in der Stadt ganz gut verbringen
lässt.
Der
Svendborgsund ist ein ausgezeichnetes Segelrevier für
so einen kurzen Schlag. Die Segel leuchten in der Abendsonne,
während wir uns in der Abdeckung der nahen Bäume an
der ostgehenden Strömung abarbeiten. Es ist anspruchsvoll, es
gibt viel zu gucken, es geht voran und dauert dabei immerhin eine
kurzweilige Stunde, bis wir in den Stadthafen segeln. Die Schwimmstege
sind recht voll, bestimmt fänden wir alle noch irgendwo im
Hafen verteilt eine Lücke, aber wir möchten
natürlich zusammen liegen. Ich habe Längsseitsliegen
an der Promenadenpier Jessens Mole ins Gespräch gebracht, doch
jetzt scheint mir der Schwimmponton verlockend, auf dem der
Bølgen genannte Clubraum mit Aussichtsplattform steht. Den
Raum könnten wir bei Regen gut nutzen - vor allem superbequem
direkt am
Liegeplatz.
Es
ist eigentlich sofort absehbar, woran das scheitert: Die
Betonplatte kragt weit über den Auftriebskörper. Die
Strömung treibt die Boote unter diese Betonplatte, abfendern
lässt es sich nicht. So wenig ich es wahrhaben will
– der Kram ist einfach nicht gebaut für den geringen
Freibord eines Folkebootes. Überhaupt ist der ganze Stadthafen
Svendborg stark an riesigen Yachten orientiert. Es dämmert
schon. Alle fünf Boote sind angebunden, als ich es endlich
einsehe und beschließe: Wir legen wieder ab und verholten zu
Jessens Mole.
Was
ich noch nicht gesehen habe, sind die
„Reserviert“-Schilder am Längsseitsteil
der Pier – dort wird am nächsten Vormittag eine
riiiiiiesige Motoryacht anlegen (nicht sechzig Fuß
– über sechzig Meter). Für uns bleiben die
Boxen – doch den Gästen habe ich etwas von
längsseits erzählt, also gehen sie
längsseits. Leider ist so nur Platz für vier. Nicht
mehr für Paula. Ich bestehe darauf: „Legt richtig
an, mit Achterleine auf dem Pfahl und Bugspitze zur Pier,“
sage ich in die Dunkelheit. Damit wir dabei nicht in die Quere kommen,
warten Paula und ich am ersten Pfahl in der Reihe.
Ich
packe schonmal die Segel. Thomas kommt ein bisschen
näher und vergewissert sich, ob das Verholen ernst gemeint
ist. Es fängt wieder an zu regnen. „Und kommt mal in
Gang“; grummele ich, „ich will nicht hier am Pfahl
übernachten.“ Sondern gerne bald die Kuchenbude
aufbauen. Kochen muss ich dann auch noch. Mir scheint, dass alle
kurzzeitig mal schlechte Laune bekommen, aber wir kriegen auch wieder
die Kurve. Das Anlegen haben uns so umständlich wie
möglich gemacht, aber morgen können wir ja
ausschlafen.
Sonntag
liegen wir unruhig – bei 40 Euro Hafengeld finde
ich das durchaus unangemessen. Es ist monsterböig, aber
nachmittags sonnig und trocken. Wer baden will, geht baden in
Christiansminde. Alle gehen Einkaufen im riesigen Føtex.
Barbara, Conny, Franzi und ich machen Schaufensterbummel und gehen in
ein Café. Zuletzt wollen die drei unbedingt noch wissen, in
welchem Laden ich mein Kleid gekauft habe (zum Glück ist
Sonntag, das spart Geld). Die Eckdaten für Montag: Auslaufen
um sechs und einen Hafen erreichen vor den fiesen Schauerböen.
Also vor elf. Nein, spätestens um zehn. Oder doch besser schon
um neun. Frühmorgens stellt es sich dann so dar, als
könnten wir bis nachmittags recht entspannt segeln –
also erheblich weiter als nur bis Skarø oder Korshavn. Wir
machen schnell nochmal ein neues Briefing und verständigen uns
auf Søby.
Es
beginnt fast ohne Wind damit, dass wir aus dem Hafen wriggen, mit
der Strömung treiben und in leichten Böen sogar
richtig segeln. Pünktlich um acht setzt die
angekündigte Brise ein. Zwar hatte ich vorher schon auf ein
bisschen Wind gehofft, aber immerhin stimmt die Prognose bisher. Das
schafft wichtiges Vertrauen an einem Tag mit Gewitterwarnung. Wir sind
schon im Højestene Løb, als es auffrischt.
Fünf Windstärken aus Süd werden es
schließlich, ausgesprochen stetig auch in den Schauern, dazu
durchgehend ein Anlieger – es macht großen
Spaß, so durch die wolkenverhangene Landschaft zu segeln.
Drei Schauer ziehen über uns und Ærø
hinweg, es ist ein großartiges Schauspiel.
Das
Einlaufen wird dann hochgradig spannend wie selten: In
Søby wird der Hafen erweitert. Er bekommt neue
Außenmolen und mehr Platz zum Drehen vor den Docks der Werft.
Materialsparend werden die alten Molen weggebaggert und die Steine
für die neuen Molen verwendet. Im Frühjahr waren wir
schonmal hier. Thomas war dabei. Da sah alles noch so aus, wie es im
Hafenhandbuch dargestellt ist, nur fehlte ein Teil der Ostmole. Bei
auflandigem Wind lag man mächtig unruhig.
Beim Briefing weiß ich immerhin, dass die Arbeiten
voranschreiten, und dass
im Bereich der neuen Molen zwei Sperrgebiete markiert sind. Dass ihre
Betonnung so
übersichtlich und eindeutig ist, dass auch Ortsunkundige die
Einfahrt finden, kann ich nur hoffen. Als Paula dann vor Ort eintrifft,
verstehe ich erstmal nur Bahnhof: Die gelben Tonnen mit den gelben
Kreuzen haben auf der grünen Seite entsprechende Farbringe
– so weit, so eindeutig. Was mich irritiert ist der Ponton
mit dem Bagger in der Mitte zwischen diesen Sperrgebieten. So sehr ich
auch suche, um ihn herum finde ich keine gelben Tonnen. Und verstehe
nicht, dass da gar keine sind, denn dieser Ponton arbeitet
täglich an einer anderen Position. Einfach nur nicht
gegenfahren, das ist alles – zum Glück macht eine
größere Segelyacht es vor. Sie motort aus dem Hafen
und passiert den Bagger westlich. Super – diesen Weg nimmt
Paula auch. Das ist auch nicht falsch. Nur schon wieder
unnötig kompliziert: Er bringt uns an die alten
Molenköpfe. Dahinter liegen Werft und Fährhafen und
auch die mir bekannte Zufahrt zum Yachthafen.
Auch
wenn eben so aussah, als kurvte die Segelyacht durch diese Ecke
– es scheint mir jetzt nicht richtig zu sein: An beiden
Molenköpfen knabbern Bagger herum. Der Lärm ist
unerträglich, und ich kann mir nicht vorstellen, dass dies der
direkte Weg in den Yachthafen ist. Blindflug trotz guter Sicht ist
ziemlich spannend und ein bisschen gruselig. Im letzten Moment sehe ich
einen großen weißen Pfeil auf der nagelneuen
Spundwand. Er weist außenherum zu einem rot-grünen
Tonnenpaar. Daneben steht ein unmissverständliches Schild:
„Velkommen til Søby Marina.“

Anfangs
erwartete ich noch mit dem Dienstag eine nachhaltige
Wetterbesserung. Seit Sonntag stellt es sich eher so dar: Dienstag ist
der große Tag! Westwind mit Böen bis maximal sechs
Windstärken wird uns trocken, zügig und sicher an die
Schlei bringen – bevor ab Mittwoch das Wetter wieder
fürchterlich wird. Versuche, einen Abstecher zum Als Sund in
die Vorhersage hineinzuinterpretieren, sind gescheitert. Hoffnung auf
zusätzliche Segeltage nach hinten heraus? Allenfalls in der
Schlei. Auch unser hoch gepriesener Dienstag verspricht bei genauer
Betrachtung jedoch kein unbeschwertes Schönwettersegeln:
Schauer und zeitweise Böen bis sieben Beaufort mahnen zu
erhöhter Vorsicht. Immerhin bleibt es dabei: Westwind,
zeitweise mit leichter Nordkomponente, Kreuzen allenfalls das kurze
Stück bis Skjoldnæs. Und anders als Skarø
oder Korshavn ist Søby ein perfekter Ausgangspunkt.
Das
Auslaufen verschieben wir von neun Uhr auf elf, auf eins,
schließlich auf zwischen zwei und drei. Es fährt
eine Störung durchs Bild auf unserem Weg nach Süden,
mit Böen bis sieben Beaufort – das warten wir lieber
ab. Im gut geschützten Hafen spüren wir die ganze
Zeit keine Änderung des Windes. Es ziehen diverse Schauer
durch, aber ohne merkliche Böigkeit. Ein Folkeboot legt neben
uns an. Es war auf dem Weg von
Ærøskøbing in die Schlei, erstmal zehn
Meilen Kreuz bis Skjoldnæs, dort auf Südkurs
– woraufhin das Boot beharrlich auf der Seite lag, dass die
Fenster eintauchten, und es in einer furchterregenden Welle
herumstampfte. Ohne Achterstag und mit gerupfter Frisur ist in
Søby erstmal Schluss mit diesem zweifelhaften
Segelspaß. Ich vermute allerdings, dass Wind und Welle
einigermaßen unproblematisch sind – sofern das Boot
vernünftig getrimmt ist.
Paula
jedenfalls saust erstmal lustig los. Geschützt hinter
dem Nordteil von Ærø können wir den
Nordwestkurs perfekt anlegen und holen dadurch die Charterboote locker
ein, die vor uns ausgelaufen, aber ein ganzes Stück weiter
nach Osten geraten sind. Nach der Wende geht es dann auf Kurs: 200 Grad
sollte uns an Gammel Pøl vorbei nach Schleimünde
bringen. Stetige fünf Windstärken genau aus West
bedeuten vorläufig einen großzügigen
Schrick auf die Schoten bei moderater Welle und sechs Knoten
Rauschefahrt. Hin und wieder klatscht ein bisschen Gischt aufs
Ölzeug, am meisten nass wird es aber vom ersten der drei
Schauer. Ansonsten ist die Sicht super, und es geht wunderbar voran.
Der nächste Schauer klaut uns dann auf der Vorderseite eine
Spur Wind und bewirkt einen Dreher um wenige Grad – die
Schoten sind nun ganz dicht, auf Sollkurs wird es ein bisschen
stampfig. Wir fallen ein Mychen ab und lassen uns nassregnen. Als die
Sonne scheint, kehrt der Schrick auf die Schoten zurück und
wir sausen wieder mit sechs Knoten in die richtige Richtung.
Die
Wolkenformationen; die zunächst schemenhaft uned verschwommen,
später allmählich immer deutlicher in Sicht kommende
Küste; die wenigen anderen Yachten, die kaum schneller sind
als wir und weniger Höhe laufen – es gibt einiges zu
gucken und zu genießen. Auf den letzten drei, vier Meilen
wandern meine Gedanken zum Anlegen. Gelegentlich sind sechser
Böen durchaus dabei – im Hafen hätte ich es
gerne ein bisschen moderater. Immer mal scheint es so, als
nähme der Wind ab. Immer legt er gleich wieder zu. Ich sehe
schon, dass der Hafen relativ voll ist – das heutige
Zeitfenster haben wohl noch mehr Leute genutzt für die
Überfahrt. Alle fünf Folkeboote treffen gemeinsam
dort ein – nachdem sich gleich beim Ablegen eine
große Staffelung ergeben hat, ist das vier Stunden
später bemerkenswert.
Ab
dem Leuchtturm ist es tatsächlich eine Windstärke
weniger. Martha setzt zum Überholen an. „Ich
hätte hier gerne ein bisschen Platz“, rufe ich
rüber. Martha dreht an, ich berge die Fock.
Schleimünde bietet bei Westwind keinerlei Windabdeckung
– das wird jetzt ein bisschen sportlich. Paula läuft
auf beinahe Halbwindskurs auf die Einfahrt zu. Trotz schlagendem
Groß wird sie kaum langsamer. Damit es ein
Aufschießer wird, müssen wir im Hafen so weit wie
möglich ausholen. Wir fallen ab – und Paula nimmt
wieder Fahrt auf. Mit dreieinhalb Knoten nähern wir uns den
Pfählen der Westmole. Ich drehe ab. Wieder ganz raus? Nein, es
genügt, den Kringel zu vollenden. Zumindest sind wir runter
auf zwei Knoten, als ich den nördlichsten Pfahl ergattere. Ich
hänge mich in die Vorspring, die Scheuerleiste quietscht
– Paula stoppt auf. Runter mit dem Groß. Und dann
erstmal die Lage sondieren.
Die
südlichsten Plätze an der Westmole sind mit
Flatterband abgesperrt. Die nördlichste Box ist als einzige
noch frei, aber da kriegen wir keine fünf Boote rein. Es
könnte gut passieren, dass wir zum Strand hin jetzt noch
genügend Wasser unterm Kiel finden, es aber über
Nacht weiter fällt und wir morgens feststecken – das
wollen wir gar nicht riskieren. Martha segelt mit der Fock in den
Hafen. „Der Platz ist gesperrt. Der Steg ist
kaputt“, ruft jemand. Zum Glück lässt sich
Barbara von dieser gut gemeinten, aber undurchdachten Störung
nicht beirren, sondern schnappt sich einen Pfahl und bindet Martha
sicher fest. Die Folkebootecke ist noch weitgehend frei, hier liegt nur
Hafenmeisters Arbeitsboot. Paula und ich entwickeln einen Plan.
Wir
verholen zwei Pfähle nach Süden, bis wir die
Folkebootecke genau in Lee haben. Ich hänge die Pütz
über die Winsch als Treibanker. Lege eine Achterleine auf den
Pfahl und gebe den Bug frei. Paula dreht und hängt kurz an der
Achterleine, bis ich die einhole und der Wind uns
rüberschiebt. Es klappt ganz gut, wir werden nicht
übermäßig schnell. Ich schnappe mir einen
Pfahl, an dem ich nicht nur aufstoppen kann, sondern Paula auch drehen.
Mit dem Heck voraus treibt sie an den kleinen Zwischensteg. Hier kommen
wir morgen vorwärts problemlos wieder weg.
Mit
den Leinen hilft zunächst ein Nachbar, dann der
Hafenmeister. Jetzt müssen die Charterboote her, eines nach
dem anderen, langsam und koordiniert. Es dauert eine Weile. Nicht jeder
Handgriff sitzt – Frieda und Oliese verpassen den Pfahl, wo
auch sie hätten umdrehen können, müssen also
morgen rückwärts umparken. Viel wichtiger ist jedoch:
Alle kommen heil an ihren Liegeplatz, niemand hat die Hand dazwischen,
es gibt kein Gebrüll und keine Panik, sondern alle spielen
eifrig mit, übernehmen Leinen, hängen Fender raus und
erwecken insgesamt den Eindruck eines gut choreographierten
Miteinanders. Der Rest des Hafens ist, wenn nicht zutiefst beeindruckt,
dann doch gut zufrieden mit unserer Darbietung.
Und
die Gäste sind, wenn nicht einfach nur gut zufrieden,
dann doch vollständig begeistert von diesem Segeltag: Barbara
hat sich sehr gefreut auf offenes Ostseewasser und ein Spektakel
bekommen. Franzi fühlt sich komplett entschädigt
für alle Segelstunden, die uns wetterbedingt entgehen. Ich
könnte sie alle knuddeln. So gerne würde ich sie mit
weiteren grandiosen Segelerlebnissen verwöhnen, gerade weil
sie alle die richtige Einstellung haben: Genügsam und geduldig
akzeptieren wir, dass auch Mittwoch, Donnerstag und Freitag nass und
böig werden und ein Ausflug zur inneren Schlei ausfallen wird.
Wie gut, dass Schleimünde ein alternatives Highlight bietet:
Der Hafenmeister heizt die Sauna an!
Beim
Briefing geht es also nur noch um die sechs Meilen nach Arnis. Ich habe
weiteren Redebedarf: Ich lobe erstmal unser Anlegen in
Schleimünde, doch ich gestehe auch meine Ungeduld beim Ablegen
gestern in Søby. „Es ist kein Vorwurf an
niemanden“, betone ich: Ich finde es total gut, dass alle so
weit wie möglich auf den Außenborder verzichten. In
Søby – enger Hafen, davor Böen und Welle
und Baustellenverkehr - bot es sich absolut an, am Pfahl die Segel zu
setzen. Ein einziger Pfahl in der Nähe kam dafür in
Frage, an den also nacheinander jedes Boot ranfahren musste. Eines nach
dem anderen, ruhig statt hektisch – so soll es sein! Wer noch
nicht dran ist, Paula als Letzte, muss dann notgedrungen warten.
Und
ich konnte das kaum aushalten. Es fühlte sich an wie
neulich, als in Thurø der alte Mann mit der LM23 anlegte:
Ich konnte das alles verstehen. Es mit Mühe und Not irgendwie
aushalten. Schließlich bin ich durchgedreht: Als auf Salty
irgendetwas klemmt und Thomas nochmal hin und her rennt, fange ich an
zu drängeln. Als Frieda am Pfahl hängt und noch die
Fender draußen hat, gehe ich lieber weg und drehe eine Runde
ums Klogebäude. „Keine Flottillentörns nie
mehr!“, denke ich, so jämmerlich schlecht ist meine
Laune – doch ich sehe selbst: Es gibt dafür keinen
legitimen Grund. Noch letztes Jahr hätte ich meine Ungeduld
kompensiert mit ein, zwei, drei Zigaretten. Mit der richtigen Dosis
Nikotin wäre ich absolut ruhig geblieben. Jetzt fehlt mir
diese Zuflucht. Fazit: „Ich habe dann in mir diese Ungeduld.
Ich muss etwas finden, um sie zu kompensieren.“
Franziska
und Conny wollen wissen, ob ich schon eine Idee dazu habe. Wieder mit
Rauchen
anfangen ist definitiv keine Option. Keine Flottillentörns
mehr anbieten auch nicht. Ich habe schon über einiges
nachgedacht, eine Reihe Stricken zum Beispiel, aber das scheint mir nur
bedingt praktikabel. Etwas viel einfacheres kommt mir in den Sinn:
„Atmen.“ Ich meine keinen normalen Atemzug, wie ich
ihn sowieso alle paar Sekunden mache. Ich meine: Ein paarmal tief und
fest und ganz bewusst Ein- und wieder Ausatmen. Vielleicht zur
Unterstützung ein paar Flügelschläge mit den
Armen. Jedenfalls mir bewusst machen, dass die Füße
festen
Halt haben und ansonsten alles gut und richtig ist. Dass ich mich
über nichts
so lächerlich aufrege.

Wir
warten noch einen Schauer ab, der in Begleitung fiesester
Böen über die Schlei zieht. Hinter ihm ist es
plötzlich ganz ruhig. Die Gruppe sieht es ähnlich wie
ich: Jetzt ist der Moment. Zügig bauen wir die Kuchenbuden ab
und machen die Boote klar. Währenddessen wird es schon wieder
so böig, dass das Ausparken aus dieser legerwallerigen Ecke
selbst mit Motorunterstützung anspruchsvoll wird. Wir machen
also wieder ein All-Hands-Manöver daraus. Alle machen super
mit, aber auch ich bin von Anfang bis Ende involviert –
Ungeduld und Ärger haben keine Chance. Also verschiebe ich
auch das Üben meiner neuen Atemtechnik. Ich ahne nicht, wie
schnell sich die erste Gelegenheit ergibt.
Wir
kreuzen in die Schlei – heute mal ohne weitere
Schauer, aber mit den ruppigsten Böen der ganzen pustigen
Woche. Zweimal leite ich eine Wende ein genau in die einsetzende
Bö – alles schlägt und flattert, Paula
bleibt stehen, es ist fürchterlich. Ansonsten ist es mal
wieder actionreiches Segeln und macht durchaus Spaß. In
Kappeln segle ich Paula an einen der Pfähle an der Stadtpier.
Mit Thomas ist vereinbart, dass Salty längsseits geht und
Paula dann durch die Brücke schleppt.
Salty ist neben uns, bereit zum Andocken. „Dreh nochmal ne
Runde“, sage ich, „da hängen noch gar
keine Fender.“ Es ist schon kurz nach halb, wir haben es
einigermaßen eilig, doch dann lässt sich Saltys Großsegel nicht bergen - ein klarer Fall von
eingeklemmtem Fall. Das kriegen wir in Arnis am
Mastenkran behoben. Aber Längsseitsschlepp mit gesetztem
Segel? Keine gute Idee bei dem böigen Wind. „Dann fahrt mal los“, sage
ich und steige zurück auf Paula.
Ich habe keine Bedenkzeit: Die Brücke geht schon auf. Ich
setze die Segel und lege ab. Hinter den Häusern kommt aber die
meiste Zeit so gut nichts bei uns an von dem Westwind. Beinahe sehe ich
inzwischen ein, dass wir keine Chance haben, gegen die
Strömung durch die
Brücke zu segeln. Leider wird gleich keine Schwester mehr hier
sein, die uns in einer Stunde in Schlepp nehmen könnte. Oder?
Oliese tuckert langsam hinter Paula her – Conny und Corinna
halten sich auf Stand-by.
Plötzlich Druck in den Segeln, Paula nimmt Fahrt auf. Alle
anderen sind durch, die Brücke ist aber noch offen. Jede Menge
wartende Fußgänger. Und mein Kopf immer noch nicht
zum Abdrehen entschlossen. Ob wir so viel Schwung kriegen, dass es
reicht? Vielleicht ja wirklich…das wäre
doch…nein, das wird nix. Aber wenn ich das Leitwerk in Luv
erreiche, kann ich Paula durchhangeln…nee, das wird auch
nix.
Wir sind aber schon zwischen den Leitwerken. Oliese hinter uns. Ich
winke sie ran. Gehe zum Vorschiff, um mir eine Vorleine zu holen. Die
Leine klemmt, das Ruder liegt falsch, Paula fährt einen
Schlenker. Ich lasse die Leine fallen, renne ins Cockpit, korrigiere
den Kurs. Im nächsten Moment fährt Oliese mit
ordentlich Bugwelle und Affentempo vorbei. „Atmen“,
sage ich mir und schlage mir theatralisch die Hände vors
Gesicht. Von oben: Schallendes Gelächter.
„Ist der Motor kaputt?“, fragt der
Brückenwärter ungewohnt gelassen. „Der
Motor ist kaputt“, antworte ich, „und das Schleppen
hat ja jetzt nicht so gut geklappt.“ Erneutes
Gelächter – jetzt lerne ich zur Abrundung noch eine
wichtige Lektion: Lustige Dinge mit Humor zu nehmen.
In
Arnis lege ich an. Krabbele den Mastenkran rauf, löse
den Schäkel, damit das Segel runterkommt. Das Fall befreie ich
demnächst in Ruhe. Dann bringe ich den Kranschlüssel
zurück zum Hafenbüro und hole meine Pakete ab: Unter
anderem habe ich mir ein Latzkleid aus braunem Cord bestellt. Das
probiere ich gleich mal an – und hüpfe
glücklich zu den Gästen, die inzwischen auf dem Steg
in der Sonne liegen und den letzten Anleger zelebrieren. Dass an
Marthas Vorsegel eine Naht aufgeht und an der Motortalje ein Block
auseinandergeflogen ist, kann meiner superguten Laune nichts anhaben.
Total schade, dass es sich bewahrheitet: Wir beenden die Reise hier.
Immerhin bekommen die Gäste noch einen Besuch in der kleinsten
Stadt Deutschlands und ein ausgiebiges
Gruppenfrühstück im Clubraum. Angesichts des
Dauerregens reisen alle schon Donnerstag ab – doch ich bin
sicher, nächstes Jahr sehen wir uns wieder. Dann
dürfen es natürlich gerne mehr als 44 Seemeilen
werden. Weniger als drei Hafentage. Aber wieder ein so gelungenes
Miteinander.
Bis dahin werde ich es verinnerlicht haben: Lustige Dinge mit Humor
nehmen. Bei aufkommendem
Ärger ohne triftigen Grund – atmen!
zurück: What's
not to like?

