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What's not to like? (Sommerreise Teil 3)

Vier Wochen lang habe ich sie nur in flüchtigen Momenten gespürt, jetzt - zum Sonnenuntergang, an einer Boje im Mariager Fjord - erfüllt sie mich endlich wieder komplett: Die Euphorie, die ich so oft spüre, wenn ich mit den tollen Booten und begeisterten, liebenswerten Menschen unterwegs bin zu besonderen Orten wie diesem, zwischen lieblichem Fjord und offener See, wo nichts mehr eine Rolle spielt außer dem Hier und Jetzt, wo das Gemüt zur Ruhe kommt und die Zeit stehenbleibt. Zur Abrundung noch eine sensationelle Torte mit allen zu teilen, macht einen perfekten Abend unver-unvergesslich.

Juli 2026

Hobro ist ein idealer Crewwechselort. Die Lage an der Hauptstrecke Aarhus-Aalborg sorgt dafür, dass die Gäste gut hin und weg kommen. Proviant gibt in einem großen Føtex. Der kleine Vereinshafen ist zentral gelegen, gemütlich und überaus freundlich. What's not to like? Die rhetorische Frage entwickelt sich zu einem running gag zwischen Lucy und mir. Ansonsten ist es eine Kleinstadt in der Provinz. Der Handelshafen ist bedeutungslos, Gastlieger verirren sich kaum so weit in den Fjord, auch sonst spielt der Tourismus unverkennbar eine untergeordnete Rolle. Eine Attraktion gibt es jedoch, in fußläufiger Entfernung: Eine bedeutende Stätte aus der Wikingerzeit. Während die anderen sich nach und nach an Bord einrichten, nutzen Lucy und Dirk die Gelegenheit für einen Gang in die Vergangenheit.

Es passt also ganz gut, dass der dritte Teil unserer Sommerreise gemütlich beginnt: Auch wenn man es innen im Fjord kaum merkt, ist der Samstag doch mächtig böig. Wir haben uns zum Dämmertörn verabredet, zehn Meilen nach Hadsund. Auf dem Hinweg sahen der kleine Ort und sein Yachthafen recht gemütlich aus für einen Hafentag. Sonntag ist es nämlich ganztägig pustig, erst Montagabend werden wir uns wieder vom Fleck bewegen. Als erstes haben wir dann die jede volle Stunde öffnende Klappbrücke vor uns.

Der Mariagerfjord wirbt für sich als längster und schönster Fjord Dänemarks. Die Länge von stolzen zwanzig Seemeilen von Als Odde bis Hobro ist ein Nachteil, wenn man nur einen kurzen Besuch im Sinn hat. Problematischer scheint mir, dass es zwischen Hadsund und dem Kattegat keinen Hafen mehr gibt (Als Odde zählt nicht, der eine Längsseitsplatz mit ausreichender Wassertiefe ist ungeschützt und in unattraktiver Angelbootumgebung) und auch nur ganz wenige taugliche Ankerplätze – außerhalb des Fahrwassers wird es fast überall sofort kriminell flach.

Der erste Dämmertörn beginnt träge. Der innere Teil des Fjords ist so eng und geschützt, dass außer ständigen Drehern nur wenig bei uns ankommt von den vier, in Böen sechs Windstärken. Wir haben lange gewartet auf ein Nachlassen der Böigkeit, damit auch unerfahrene Crews einen entspannten ersten Segeltag haben. Jetzt fürchte ich, dass es zäh wird und extrem spät, womöglich schon dunkel, wenn wir Hadsund endlich erreichen. War ich übervorsichtig? Hätten wir früher losgemusst?

Kurz vor Mariager weitet sich der Fjord, und wie erhofft haben wir mehr und stetigeren Wind. In Böen sind es immer noch fünf Windstärken, mehr wollten wir gar nicht, aber wir sind jetzt deutlich schneller unterwegs als kalkuliert und im Nu wieder im Zeitplan. Die tiefstehende Sonne zaubern ein phantastisches Licht auf die Rümpfe und in die Segel, als wir auf der letzten Meile vorm Ziel in die Abdeckung kreuzen. Im engen Fahrwasser ist das enorm spannend, zumal Frieda und Salty eben eine Abkürzung genommen haben. Das sollte ein paar Holeschläge sparen, hat aber vor allem dazu geführt, dass sie jetzt gemeinsam mit Martha dicht zusammen sind und ständig aufeinander achten müssen. Wir wollen die zwei Grundberührungen nicht verschweigen. Der Wind ist aber inzwischen so, dass beide Boote aus eigener Kraft freikommen – eine gute Übung bei dafür idealen Bedingungen. Um 21 Uhr machen wir es in der hübschen Marina gemütlich.

So malerisch und sympathisch Hadsund vom Wasser betrachtet aussieht, so enttäuschend ist der erste Landgang. Ich zähle sechs Friseursalons. Leerstehende Läden gibt es zu viele, um sie zu zählen. Der Rest macht einen wenig attraktiven Eindruck. Allerdings fällt es an einem wolkenverhangenen Sonntagvormittag leicht, einem Ort Unrecht zu tun. Weil es am Montag noch windiger ist als gestern, geben wir Hadsund eine zweite Chance – und werden erneut enttäuscht. Außerhalb des Zentrums stehen jede Menge große, neue, schöne, moderne Wohnhäuser, die auf einigen Wohlstand schließen lassen. Vermutlich fließt die Kaufkraft ab in den Onlinehandel – anders ist die totale Tristesse in der Fußgängerzone kaum zu erklären. Leichten Herzens reisen wir um halb sechs weiter.

Genau gegen Wind und Strömung wird Paula nicht durch die Brücke kommen, sondern Oliese schleppt uns längsseits. Mit nahezu Höchstdrehzahl schaffen wir drei Knoten. Sandy steht auf Olis Vorschiff und sagt: „Mir gefällt das gut so.“ Ich sage: „Wenn da Musik aus dem Motor käme statt diesem Krach – dann könnten wir tanzen.“ Dazu haben wir aber keine Zeit. Dirk nimmt Fahrt raus und hält gegen die Strömung die Position. Es ist nicht einfach, in den Böen die Büge im Wind zu halten. Indem ich mit Paulas Ruder helfe, gelingt es schließlich ganz gut.

Die Schranken sind unten, Dirk gibt Gas. Hinter der Brücke legen wir an einem Privatsteg provisorisch an, um nicht beim Auflösen des Päckchens nicht Wind und Strömung hilflos zu vertreiben. Der Hausbesitzer unterhält sich prima mit Sandy, während ich Paulas Leinen löse. Inzwischen verspricht Nordnordost vier bis fünf wunderbares Segeln in den Abend hinein. Das erste Stück können wir gerade so anlegen, dann fallen wir ab. Im äußeren Teil des Mariagerfjords verläuft aber das Fahrwasser, eine schmale Baggerrinne zwischen Wattflächen, im Zickzack – es folgt ein Schenkel mit Nordostkurs, den wir nicht anlegen können, sondern kreuzen müssen.  Oliese kommt fest.

Ich bekomme sofort ein schlechtes Gewissen, ohne Motor nichts für sie tun zu können, nachdem sie uns eben so zuverlässig durch die Brücke geholfen hat. Ich habe aber großen Vertrauen zu Dirk: Er weiß, was jetzt zu tun ist, und würde sich melden, wenn es nicht klappt. Meine einzige Sorge: Das Wasser fällt rapide ab, wieder freizukommen ist also ein bisschen zeitkritisch. Wir segeln erstmal wacker weiter. Hin und wieder gucke ich mich nach Oli um. Mit backstehenden Segeln mehr Krängung zu erzeugen, klappt offenbar nicht. Hm. Auf dem nächsten Raumschotsschenkel sieht es zunächst so aus, als bewegte sich Oli wieder, doch dann stelle ich fest, dass es Paulas Bewegung ist, die Olieses Projektion vor dem Wald im Hintergrund wandern lässt.

Der letzte Schenkel nach Nordosten - ich habe keine Lust mehr zum Kreuzen. Die Strömung ist inzwischen so rapide, dass wir fast beliebig Höhe laufen können. Mit hin und wieder schlagendem Tuch bleiben wir über drei Knoten. Ich sehe schon die beiden DS-Bojen kurz vor Als Odde. An einer hängt das Motorboot, das vorhin mit uns durch die Brücke gegangen ist. Die zweite ist unverkennbar frei. Bis hierher war es ein wunderschöner Segelabend mit einer Prise Nervenkitzel. Paula findet es, es ist nun ein guter Zeitpunkt für Euphorie. Zuerst gelingt es uns trotz der Strömung im ersten Versuch, uns an die Boje zu segeln. Schnell ist es ein Viererpäckchen. Nach dem dritten Blick durchs Fernglas bin ich überzeugt: Oliese bewegt sich nicht nur wieder, sie ist enorm schnell. Wir sind noch längst nicht fertig mit Aufklaren, als sie an Friedas Seite festmacht.

Sandy hat der Gruppe etwas mitzuteilen: Das Festkommen hatte einen triftigen Grund, nämlich die Fertigstellung des Kuchens, den sie nun gerne mit allen teilen würden. Kuchen? Jede und jeder bekommt ein Stück von der köstlichsten Erdbeertorte, die wir je gegessen haben, eine ganz fein abgestimmte Kombination aus Teig, Creme, Früchten, Gewürzen und Schokolade. Natürlich hat Sandy sie nicht gebacken, während Oli auf Grund saß - das dänische Konditorhandwerk ist Weltklasse, selbst an einem ansonsten so trostlosen Ort wie Hadsund. Und wir genießen das gemeinsam und in Hochstimmung genau zum Sonnenuntergang hier draußen auf dem flachen Wasser am Übergang vom lieblichen Fjord zur Weite des Kattegats.

Im Schein des Ankerlichts, umgeben vom roten und grünen Funkeln, Blitzen und Blinken der diversen Seezeichen, stellen wir die Wecker auf eine frühe Stunde. Um zwei Uhr weckt mich ein Rumpeln. An Deck treffe ich Malte. Wir haben den Wind auf den Hecks, zwischen Paula und Salty steckt ein gelber Plastikball und rumpelt an den Planken. Offenbar hat die Strömung das Päckchen so ausgerichtet, die wiedereinsetzende Brise uns gegen die Boje getrieben. Da lässt sich wenig tun – ich kürze die Vorleine so weit ein, dass nur noch Paula die Boje berührt.

Einschlafen kann ich nicht mehr. Zu sehr bin ich noch erfüllt von Freude über den unbeschwerten bisherigen Törnverlauf, die unkomplizierten Gäste, die Leichtigkeit meines Jobs. Dass wir bisher kaum vorangekommen sind, spielt gar keine Rolle – wir werden schon noch Strecke machen, dreißig Meilen in den nächsten Stunden. Ich habe lange überlegt, wie wir mit dem mittäglichen Flautenloch umgehen. Jetzt machen wir es so: Auslaufen um vier, die Flautenzone passieren, solange noch durchgehend Wind ist und gegen Mittag schon in Grenaa sein. Statt mich in der Koje zu wälzen rappele ich mich auf und koche Kaffee, ganz gemütlich statt in Eile.

Es ist gerade so eben hell genug, um die Tonnen eindeutig zu erkennen, als wir von der Boje ablegen. Ja, es war zu wenig Schlaf, aber ein Sonnenaufgang auf dem Meer ist immer ein großartiges Geschenk. Es ist kein besonders abwechslungsreicher Segeltag – nach Verlassen des Fahrwassers nur noch geradeaus, nach Passieren der Seehundbank nichts mehr zu gucken, zum Schluss noch eben ums Eck und in den Hafen. Aber es läuft gut und bringt uns voran.

Grenaa ist dieser Hafen, wo man nie hinmöchte und immer landet – es ist selten möglich, ihn auf dem Weg entlang der jütländischen Küste zu überspringen, weil eine gewaltige Entfernung dabei herauskommt. Oliese segelt tatsächlich weiter nach Ebeltoft – Dirk mag Grenaa nicht. Ich weiß, dass er auch Ebeltoft nicht mag, doch vielleicht gefällt ihm der dortige Hafen eine Spur besser. Es kommen nochmal 28 Meilen zu den bisherigen 30, der Wind dreht ungünstig, die Strömung läuft nordwärts. Dirk und Sandy haben Elan und können einander ablösen. Beate und ich sind nach Aufstehen um drei Uhr und acht Stunden an der Pinne müde.

Paula und ich landen also zum fünfzehnten Mal in Grenaa. Zum zehnten Mal sind die Charterboote dabei. Unvermeidlich bei 6-7 und zwei Metern Welle: Der nächste Hafentag. Das geht hier ganz gut: Ausschlafen, Bootspflege, Einkaufen. Nachmittags Besuch im Kattegat Center. Zwischendurch unterhalte ich mich prima mit Lucy und Beate. Es fühlt sich gut an, mich mal nicht nur aufs Segeln zu reduzieren oder darauf reduziert zu werden. Andere Sachen bewegen mich derzeit mindestens genauso viel. Zum Beispiel Werdegänge: Von Nicolas zu Imogen, vom Mädchen zur Frau, solcherlei Dinge. Abends grillen wir gemeinsam. Ich fühle mich als Teil dieser Gruppe, nicht als der Große Zampano, der ganz allein den Laden am Laufen hält.

Es folgen einige Tage mit grenzwertigem Wind. Donnerstag scheint in dieser Hinsicht der beste zu sein, also wählen wir ihn für die weiteste Strecke: 40 Meilen zur Knebel Vig nördlich von Aarhus. Es ist fast durchgehend weniger Wind als erwartet, bis zur Abendbrise schaffen wir selten kontinuierlich vier Knoten. Es wird also ein langer Tag, aber es ist lustig, wie der Wind immer mitdreht von Nord auf Süd, wir fast immer ausgebaumt segeln, und wie an jeder Ecke die nächste Halbinsel auftaucht. An der Arhus Bugt segelt man in der Regel vorbei. Nun bin ich neugierig auf die kreisrunde kleine Bucht, die in der Seekarte so ungewöhnlich und verlockend aussieht. Trotz diverser Untiefen entlang der Strecke, an der schmalen Einfahrt und in der Bucht geht es heute ohne Grundberührung.

Insgeheim hatte ich auf etwas Besonderes gehofft, hohe Klippen ringsum oder ein gigantisches Blütenmeer vielleicht. Gleichwohl werde ich nicht enttäuscht, auch nicht vom gemütlichen kleinen Hafen. Es ist einfach genauso, wie ich es erwartet habe. Wir sind in Dänemark: Wenige Sachen sind wirklich spektakulär, und die meisten davon sind aus Blätterteig und enthalten reichlich Vanillecreme und Zucker. Knebel Vig ist einfach ein hübscher, ruhiger Platz auf der Welt, mit einem freundlichen Hafen – und einer interessanten Einfahrt, schmal und eng, in der Mitte tief mit markanten, steilen Kanten zu den Untiefen hin, aber nur einem einzigen grünen Tönnchen.

Freitagmorgen pfeift es gewaltig in den Riggs. Es ist mehr Wind als erwartet, aber kein Grund zur Krisensitzung – es wird dann eben nur ein kurzer Schlag, sobald es nachmittags etwas ruhiger wird und bevor es zum Abend hin wieder aufbrist. Zwar haben wir uns gerade gestern darauf verständigt, auf einen Besuch von Aarhus zu verzichten. Der zweitgrößten Stadt Dänemarks wird man mit einem Kurzbesuch sicher nicht gerecht, doch vor allem haben die meisten Teilnehmer zu Hause genügend Großstadttrubel und wollen jetzt lieber ins Grüne. Allerdings ist der Holzboothafen in Aarhus der beste Hafen, den wir in drei Stunden erreichen können. Es ist sogar ein wirklich guter Hafen, umgeben von Bäumen statt Häusermeer, und reichlich Platz in einer hübschen Ecke. Und ja – es hat ja schon was, in so eine Großstadt zu segeln.

Lange aufhalten wollen wir uns aber nicht. Es bleibt vorerst dabei, dass immer nur kurze Zeitfenster einen Segelschlag nahelegen. Also kombinieren wir in der Aarhus Bugt Segeln und Landgang. Bisher haben wir ausschließlich in Festlandhäfen gelegen – das fühlt sich verkehrt an in einem Land, das zu einem so großen Anteil aus Inseln besteht. Als Nächstes huschen wir also morgens nach Tunø rüber. Es ist der meiste Wind bisher – bei halbem Wind 5-6 mit reichlich Gischtgespritze ist es eine zügige Überfahrt. Nachmittags soll es aufbrisen, deshalb die frühe Stunde. Der Hafen macht einen recht vollen Eindruck. Man muss bei erheblicher Brandung reichlich Höhe laufen, um reinzukommen. Zu viel Welle für den Außenborder, erst beim Fähranleger ist sie weg – das Einlaufen verspricht anspruchsvoll zu werden. Es wird nicht besser dadurch, dass mein Funkspruch Verwirrung stiftet: Während Paula auf die Einfahrt zuhoppelt, möchte ich vor allem Beate gedanklich darauf vorbereiten, hier nervenstark mit dem Groß reinzusegeln. Die Zweiercrews haben den Vorteil, dass im Fährhafen eine Person das Groß bergen kann, während die andere sich aufs Motoren konzentriert. Einhand ist das keine Option. „Lasst Paula aber erstmal anlegen“, endet meine Durchsage.

Salty ist ein Stückchen zurück und hat mich nur verrauscht gehört. Während ich einen Platz für unseren Aufschießer suche, vergewissert Malte sich bei den Anderen, dass er es richtig verstanden hat. Die Botschaft, die sich aus diesem Dialog entwickelt: Segel bergen und sofort reinmotoren! Tatsächlich ist es ziemlich voll. Ganz innen gibt es vielleicht noch ein paar Liegeplätze, die ich von hier nicht sehe. Ansonsten einen einzigen Längsseitsplatz, wo wir alle vier im Päckchen liegen können. Die Mole ist reserviert für Boote ab 12 Metern Länge, die Lücke aber keine zehn Meter lang. Wir brauchen drei Anläufe, bis das Tempo passt.

Paula ist gerade mit zwei Leinen halbwegs fest, als ich im Augenwinkel Frieda ankommen sehe. Beate hat das großartig gelöst: Draußen schon den Außenborder runtergelassen und gestartet, im Vorhafen die Schot aufgemacht, jetzt treibt sie langsam auf den Kopf der Zwischenmole zu. Ich sprinte hin und schnappe mir eine Vorleine. Dann renne ich zurück, um Paula fertig anzulegen. Schon kommt Martha. Nichts ist vorbereitet, Lucy tuckert zu langsam, Martha vertreibt. Dann sind wir noch damit beschäftigt, Frieda ins Päckchen zu holen, als Salty auch schon auftaucht. Wie viel einfacher wäre das doch gewesen, wenn alle draußen auf einen Funkspruch gewartet hätten. Das war wohl ein Missverständnis, und man darf sagen: Für die ungewohnt pustigen Bedingungen und die viele Improvisation hat unser Anlegen enorm gut geklappt.

Warum ist es hier eigentlich so voll? Zwar ist Samstag, aber das sind nicht alles Wochenendausflügler aus Aarhus. Eher ist es so, dass ganz viele noch eine Nacht bleiben, der Hafen sich also gar nicht leert wie üblicherweise am Vormittag. Und wir sind nicht die einzigen, die sich für eine frühe Überfahrt entschieden haben. Tunø ist bei Familien sehr beliebt – und jetzt verstehe ich den Grund: Erstens bedeutet das, dass Kinder hier jede Menge Spielgefährten finden. Zweitens ist die Insel autofrei. Die Kids rennen selbständig vom Hafen ins Dorf und wieder zurück, brauchen keine ständige elterliche Aufsicht. Entgegen der Vorhersage nimmt der Wind am Nachmittag deutlich ab.

Erik ruft an: Er ist gerade auf dem Weg von Kerteminde nach Tunø, und wo wir uns denn herumtreiben. Wir von dort nach Langør? Spontan ändert er seine Pläne. Wir sind wieder früh aufgebrochen – diesmal soll der Wind ab spätem Vormittag schwächeln. Und auch Langør ist zurecht sehr beliebt, es könnte voll werden. Vorläufig dümpeln wir eher, als dass wir segeln. Husch, kommt ein schöner Wind auf, der uns zügig um den Nordteil von Samsø bringt. Beim Einlaufen in den Stevns Fjord bin ich irritiert. Selbst mit dem Fernglas sehe ich so wenige Masten, dass ich den Hafen kaum finde. Im Laufe des Tages füllt er sich höchstens zu einem Drittel. Erik hält mich über die diversen Flautenlöcher auf dem Laufenden und trifft ein, als es gegen Abend zu regnen beginnt.

Am pustigen, sonnigen Hafentag unternehmen wir einen Ausflug nach Nordby. Mit dem Fahrrad bekommt man einen guten Überblick über die große Insel: Sandstrand, Heidelandschaften, Steilküsten und jede Menge Verkaufsstände mit Kasse des Vertrauens. Nordby ist definitiv das touristische Zentrum von Nord-Samsø, mit Cafés und Boutiquen und pittoreskem Charme. Mir fällt eine Regenbogenfahne auf, und dann bin ich wirklich erstaunt: Es gibt bunte Steine zu kaufen in allen queeren Farbgebungen und der Aufschrift „Samsø Pride“. Wir kehren ein zu Kaffee und Kuchen. Abends essen wir alle gemeinsam im Hafenrestaurant.

Vorher Briefing…hm…ich muss ja irgendetwas erzählen. Schon lange und die ganze Zeit stabil sah die Prognose für den Dienstag nach dem großen Tag aus: Passender Wind für einen langen Schlag durch den Großen Belt nach Süden. Darum habe ich die ganze Törnplanung gruppiert. Alternativen gab es kaum – die vergangenen Tage haben mit ihren kurzen Zeitfenstern haben wir ideal genutzt, für den unvermeidlichen Hafentag war Langør genau der richtige Ort. Ab Mittwoch zeichnet sich ein flautiger bis schwachbrüstiger Südost ab – was wir am Dienstag nicht schaffen, wird später mächtig zäh. Die Strecke durch den Großen Belt ist erheblich kürzer als durch den Kleinen. Aber es gibt nur wenige wirklich sehenswerte Orte. Um mit dem Südost wieder etwas anfangen zu können, müssen es sowieso die kompletten 50 Meilen bis Agersø in einer Rutsche sein.

Aber was werden wir wirklich schaffen an diesem Dienstag? Wir können erst los, wenn sich der Westwind auf ein vertretbares Maß beruhigt hat. Wir verabreden uns um sieben Uhr mit segelklaren Booten und der Option, noch eine Stunde abzuwarten, während der Wind weiter nachlässt. Leider ist zu erwarten, dass es gegen Mittag um Samsø herum und im Nordteil des Großen Beltes noch einmal gehörig aufbrist. Angesichts eineinhalb Knoten mitlaufender Strömung sehe ich kein Problem: Wir werden dann schon weiter südlich sein. So verkünde ich es beim Briefing - bevor ich in die Koje gehe, gucke ich nochmal das Wetter an, und oh je! Auslaufen ist frühestens um 9 möglich. Zwischen 12 und 1 gibt es nochmal 7er Böen. Wir sind dann vielleicht gerade so an Kalundborg vorbei, das Windfeld reicht aber fast bis Musholm. Kopfschüttelnd lasse ich das auf mich wirken und sehe ein, dass wir dann wohl bis abends warten und durch die Nacht segeln müssen. Die Gruppe hat schon durchblicken lassen, dass sie diese Variante nicht bevorzugt. Zum Glück kann ich die Entscheidung auf den Morgen verschieben.

Und da ist dann totales easy going: Wir legen ab um kurz vor 9. Siebener Böen sind allenfalls nördlich von Kalundborg zu erwarten und erst ab 14 Uhr. Es ist also alles safe. Um eine so weite Strecke zu schaffen, ohne völlig übermüdet ans Ziel zu kommen, darf es gerne zügig gehen – konstant 7 Knoten über zwei Stunden hinweg schaffen wir nicht allzu oft. Heute wird es so phantastisch weiterlaufen bis…es nicht mehr läuft. Nördlich der Brücke bleiben wir im Flautenloch stehen. Die Strömung kentert. Meine Laune ist im Keller. Stundenlang habe ich mir vorher den Kopf zerbrochen, wann und wie und wo wir zu viel Wind vermeiden – Flaute finde ich jetzt schwer zu akzeptieren. Es dauert eine halbe Stunde, dann nehmen wir allmählich wieder Fahrt auf. Und bleiben nochmal stehen, diesmal eine ganze Stunde. Durch die Großer Belt-Brücke geht es dann wieder mit gut fünf Knoten, eine Stunde später segeln wir in die Abdeckung von Agersø.

Geschafft: Noch drei Tage Zeit, wir sind schon in Reichweite unseres Ziels. Bei leichten Winden aus wechselnden Richtungen ist ein pünktliches Eintreffen garantiert, und wir können uns in kurzen, genussvollen Schlägen noch ein wenig entspannen. Für mich sind die Häfen auf den ersten Blick nicht mehr so spannend, hier kann ich jedes Jahr hin, sogar mehrfach, wenn ich möchte. Die Gäste sind zum ersten Mal auf Agersø. Die Gratisfahrräder sind hier eine wesentliche Attraktion, also gönnen wir uns den Vormittag, um sie zu benutzen. Im Wesentlich fährt jede einmal zum Kaufmann, denn für abends ist noch einmal Grillen geplant. 

Die neunzehn Meilen rüber nach Fyn dürfen noch einmal als echtes Highlight gelten. Bei schwachem Brischen laufen wir aus und nutzen die Strömung im Agersø Sund für den Weg zur Nordspitze. Rüber zum Tiefwasserweg ist der Wind ein wenig unstet und die Strömung gegen uns, aber es geht einigermaßen zielstrebig voran. Wie schon gestern beweist Murphys Gesetz seine Gültigkeit: Vorher kein Verkehr, nachher kein Verkehr, aber gleichzeitig mit uns nähern sich vier nordgehende und ein südgehender Frachter.

Praktischerweise liegen der Leuchtturm Vengeance Grunde auf der grünen und eine Fahrwassertonne auf der roten Seite genau an unserer Kurslinie. Wir müssen also keine Schlenker fahren, um mit bloßem Auge erkennen zu können, wann wir in Weg T eindringen und ihn wieder verlassen. Salty ist allerdings ein bisschen nach Norden vertrieben und hat diese optische Referenz nur bedingt. Und Malte ist noch nicht darin geübt, Entfernungen und Relativgeschwindigkeiten auf dem Wasser einzuschätzen. Ein bisschen erschwert wird das durch die diversen Biegungen des Schifffahrtsweges in diesem Bereich – die nordgehende Schiffe ändern kurz, bevor sie uns erreichen, noch einmal deutlich ihren Kurs.

Paula nähert sich der roten Tonne. Zwei dicht hintereinander nordgehende Tankschiffe gehen vor uns durch. Ein drittes Schiff ist am Fahrwasserknick. Salty fährt stoisch weiter. Soll ich? Soll ich nicht? Ich möchte niemanden bevormunden, der die Sache bestens im Griff hat. Aber ich möchte auch niemanden im Stich lassen, der auf mich vertraut. Unterhalb der Schwelle einer versenkten Salty gibt es ja auch noch den Aspekt, den Seeleuten das Leben möglichst einfach zu machen. Anders als wir sind sie nicht zum Spaß unterwegs. Paula erreicht die Tonne, das Schiff ist auch nur noch ein, zwei Kabellängen entfernt. Auf der Brücke dürfte man perfekt erkennen, dass wir uns eindeutig außerhalb befinden. Martha und Frieda folgen uns in geringem Abstand. Ich rufe Salty über Funk und empfehle Abdrehen und Warten. Malte erklärt, nach seiner Einschätzung würden sie locker vor dem Frachter vorbeikommen. Klar, dort weiter nördlich kommt er ein bisschen später an – bin ich mal wieder übervorsichtig? Der Kapitän gibt die Antwort: Einen langen, lauten, unmissverständlichen Warnton. Salty wendet und segelt zurück.

Nach dieser unterhaltsamen und lehrreichen Begegnung bekommen wir stetige vier Beaufort und segeln zügig nach Lohals. Wo möchten wir überhaupt hin? Meine Überlegung ist: Insgesamt ist zu wenig Wind für irgendwelche Abstecher, wir sollten uns entlang der direkten Strecke nach Thurø halten, und die führt durch den Lundeborg Belt. Es wäre schön, in der letzten Nacht noch einmal zu ankern, doch für Donnerstagabend gilt eine Gewitterwarnung. Also wird es ein Hafen möglichst nah an Thurø – es kommt fast nur Dageløkke in Betracht. Heute könnten wir nach Nyborg, wenn wir denn Lust hätten auf eine langweilige Kleinstadt. Haben wir aber nicht, und so stehen nur noch Lohals und Lundeborg zur Wahl. In den letzten 18 Jahren habe ich abwechselnd einen der beiden Häfen gerne gemocht und den anderen möglichst gemieden, ohne sagen zu können, woran das gerade lag. Ein handfesteres Auswahlkriterium könnte die Windrichtung sein, aber bei Südwind ist es wirklich egal. Mein Gefühl sagt: Lundeborg gefällt mir momentan ein minikleines Bisschen besser.

Wir fallen also ab und sausen durchs Smørstakke Løb. Es sind durchaus 5er Böen im Spiel und ein bisschen Welle. Ein bisschen viel Welle zum Motoren, scheint mir – das Einlaufen in den engen, potenziell vollen Hafen könnte für die Gäste wieder spannend werden. Bevor ich mir darüber den Kopf zerbreche, sehe ich schon den hellen Streifen kurz vorm fynschen Ufer – auf die letzten Meter ist offenbar kein Wind mehr, dementsprechend auch keine Welle. Tatsächlich besteht die größere Schwierigkeit darin, bei leichter nordgehender Strömung und gaaanz schwacher Brise nicht die Hafeneinfahrt zu verfehlen. Einen Holeschlag später segelt Paula rein. Ich berge die Fock zwischen den Köpfen der Außenmole. Auf der Innenmole steht der Hafenmeister und verspricht uns genügend Platz im Gamle Havn. Prima, den hätte ich sowieso bevorzugt. Zwei Knoten und fast schon da – schnell runter mit dem Groß.

Ich stelle fest, dass ich Lundeborg ausgesprochen cool finde! Es ist voll, lebhaft, wuselig – das liegt zu einem guten Teil an den vielen Kindern, die in der Ferienzeit unterwegs sind. Ein bisschen betrachte ich Häfen inzwischen - anders als in den Jahren, in denen ich alleine mit Paula unterwegs war und hauptsächlich Ruhe und Einsamkeit suchte – durch die Augen der Chartergäste. Den Sandstrand gleiche nebenan finden die natürlich klasse. Und wir wollen ja grillen. Nie habe ich mich darum gekümmert, ob es in Lundeborg Grills gibt. Die Antwort lautet jedenfalls: Es gibt einen zentralen Großgrillplatz. Das Design ist bemerkenswert, nackter Beton gilt in Frankreich, Großbritannien und offenbar auch Dänemark weiterhin als schick. Und das layout ist kommunikativ, ohne verschiedene Gruppen allzu aufdringlich gegenseitig Nähe aufzudrängen. Ich finde: Dies ist nicht irgendein, sondern ein wirklich innovativer, vorbildlicher Grillplatz.

Vorm Auslaufen gehe ich gleich noch ins Pakhus. Es dient heute Künstlerinnen und Kunsthandwerkern aus der Gegend als Ausstellungs- und Verkaufsraum. Neben schönen Impressionen und nützlichen Anregungen nehme ich zwei Halsketten und einen Gürtel mit – und in einem solide restaurierten Fachwerkhaus von 1830 bin ich auch nicht jede Woche unterwegs. Bisher war immer geschlossen, wenn ich in Lundeborg war. Oder wir hatten es eilig mit dem Auslaufen. Oder ich hatte keine Lust auf Kunsthandwerk.

Auslaufen tun wir auch jetzt. Gerade ist ein bisschen Wind aufgekommen. Für die kurze Strecke rüber nach Dageløkke brauchen wir nicht den Südost 5-6 von später oder den Südwest am Abend nach dem Frontdurchgang. Es reichen die 2-3 Windstärken über Mittag. Leider verabschieden die sich, sobald Paula aus dem Hafen ist. Die anderen haben nur ein paar Minuten Vorsprung. Aber sie haben auch ein paar Minuten länger Wind. Und der bringt sie ein kleines Stück weiter nach Osten, von wo aus sich, bisher nur im Fernglas erkennbar, Meter für Meter ein lebhaftes Windfeld nähert. Paula treibt vor Lundeborg, bis ihre Schwestern außer Sicht sind, und die Gäste bei frischer Brise auf eigene Faust anlegen müssen. Oder dürfen.

Von Süden nähert sich Oliese, als wir im approach sind. Sie segelt zwei Minuten vor Paula in den Hafen. Ich bin äußerst happy mit unserem beinahe perfekten Manöver: Es wäre ein Fehler, mit vollem Speed von über fünf Knoten in den recht kleinen Hafen reinzuknallen, aber bei Südost lässt sich die Fahrt sehr gut über die Großschot regulieren. Am Tonnenpaar mache ich auf, bis das Groß schlägt. An der Einfahrt ist Paula auf zwei Knoten runter, und ich nehme die Schot kurz ein wenig dichter. Im Becken mache ich ganz auf und segele einen Beinaheaufschießer diagonal rüber in die luvwärtigste Ecke. Als ich sicher bin, dass Paula einen Pfahl erreicht, löse ich das Großfall. Mit der Bugspitze achtzehn Zentimeter neben dem Pfahl bleibt Paula stehen. Vorleine. Zeising, Großschot dicht. Vorleine wieder los und abstoßen – hier wollen wir gar nicht liegen, sondern am liebsten direkt an der Ausfahrt. Das ist morgen bei Nordwest der beste Ausgsangspunkt. Auch Oliese liegt dort innen an der Außenmole, und wir haben uns viel zu erzählen. Die wichtigste Nachricht von Dirk und Sandy: Ja, sie haben Kuchen dabei! Auch sie fanden kollektives Kuchenessen an der Boje im Mariagerfjord so toll, dass sie extra in Rudkøbing anlegt haben, um einen Konditor zu suchen.

Nur noch schnell rüber nach Thurø? Schon das Auslaufen ist spannend bei mäßigem Nordwest. Paula schafft es, mit einem Holeschlag fast gegen den Wind aus der engen Rinne zu segeln. Grobe Richtung Thurø Rev, Kardinaltonne schon in Sicht – dann die Flaute. Heute habe ich mit ihr gerechnet und kann sie gut ertragen, nochzumal uns die Strömung weitertreibt. Malte kündigt per Funk an, den Rest zu motoren. Er glaubt zu wissen, dass in zwei Stunden wieder Wind kommt – nach meinem Wetterbericht sind es eher drei. Tatsächlich füllen sich Paulas, Marthas und Olieses Segel, sobald auf Frieda und Salty die Außenborder laufen. Für die Lunkebugt genügt die laue Brise. Im Svendborg Sund brauchen wir gegen die Strömung richtigen Wind – und bekommen ihn. Das ist alles wie bestellt – und ein würdiger Abschluss für zwei richtig tolle Segelwochen.


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