| Paulas Törnberichte | |
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Mäuse
Ich war bisher selten in Flensburg – wenn man
bedenkt, wie nah ich an der Stadt wohne. Und wie sehenswert sie ist:
Reichlich Geschichte und alte Bausubstanz, aber auch
geschäftiges Treiben in der gut frequentierten
Fußgängerzone und vielfältiges
Kulturprogramm. Flensburg präsentiert sich auf angenehme
penetrante Weise als lebhafte Stadt der Gegenwart, nicht allein durch
Seefahrtsromantik und maritimen Kitsch. Dank innenstadtnaher
Liegeplätze direkt an der Hafenspitze ist das alles gut auf
dem Wasserweg erreichbar, und die Förde ist auch ein tolles
Segelrevier mit viel zu gucken und ausreichend Wassertiefe fast
überall.
Nach fünf Hafentagen kenne ich mich jetzt
richtig gut aus!
September 2026
Schauerböen,
Gepuste und kaum gesegelt – letzter, bleibender Eindruck einer so
spannenden, vielfältigen Saison? Nach der mühsamen
Rücktour zur Schlei finden Paula und ich, das könne nicht
alles gewesen sein. Es geht auf Mitte September hin, das Wetter
beruhigt sich merklich. Vor uns liegt ein Wochenende, an dem Salty und
Oli zurückkehren, aber keine neuen Gäste einsteigen –
wir haben sozusagen frei. Wo segeln wir da hin? Ich denke an Flensburg.
Doch zuerst: Middelfart! Bei schwachem bis mäßigem Westwind
machen wir uns auf den Weg.
Erst
kurz vor Sønderborg fällt es mir auf: Es ist die gleiche
Strecke wie zuletzt am unheilvollen Anfang der Sommerreise! Wird das
gutgehen? Kann ich das Segeln und die Häfen unbeschwert
genießen? Oder sind sie in meinem Kopf für ewige Zeiten
verknüpft mit der Erinnerung, wer dabei war und sich wie daneben
benommen hat, was das in mir ausgelöst hat, an welchem Punkt der
Abwärtsspirale meine Psyche jeweils gerade war.
Ein
paar Dinge sind von vornherein anders als im Sommer: In
Sønderborg nach der Brücke sagt keiner, es sei ja noch
lange hell. Das wäre auch gelogen, es wird früh dunkel. Also
segeln wir auch nicht noch weiter nach Sottrupskov, sondern probieren
endlich die Gästeplatze nahe der Hochbrücke aus. „Ende
der Welt“ nennt sich dieser Teil des Planeten. Hm. Ich bin nicht
von allen Details begeistert, aber es ist ein okayer
Übernachtungsplatz. Auf den Heckpfählen verhindern Borsten,
dass sich Möwen draufsetzen – und die extrem spitz und
keineswegs aus weichem Kunststoff, der sich bei Berührung wegbiegt
und anschmiegt: Sie tun richtig weh. Die Boxen sind schmal, aber so
lang, dass Paulas Achterleinen voll ausgefahren geraaaaaade so eben
ausreichen. Der Verkehrslärm von der Brücke ist hörbar,
aber nur als leises Hintergrundrauschen.
Dummerweise
hat der Segel- und Motorbootklub den Fehler begangen, einige
Gästeplätze fest an deutsche Segler zu vermieten. Einer von
ihnen nimmt den Grillplatz in Beschlag, mit einem riesigen Blue
Tooth-Lautsprecher als wichtigstem Ausrüstungsgegenstand. Ich
frage mich oft, was Menschen auf die Idee bringt, ihre Lieblingsmusik
müssen zwingend auch allen anderen gefallen…
Für
den schnellen Einkauf hat Paula zum Glück noch das Klapprad an
Bord. Die Tage in Thurø habe ich zum Umräumen genutzt, mit
dem Ergebnis, dass das Fahrrad viel besser zugänglich ist. Es
dauert keine fünf Minuten, schon sitze ich drauf auf dem Weg in
die Stadt. Føtex hat sich etwas Besonderes ausgedacht, um mich
zu ärgern: Am Sonntagmorgen sind nur die Selbstscannkassen in
Betrieb. Der junge Mitarbeiter muss mir helfen. Ich versuche ein
Gespräch anzufangen. Tenor: Was die Kundschaft hier
übernimmt, war bisher sein Job, und der seiner Kolleginnen: Hier
waren sicher mal vier Kassen besetzt an so einem Sonntag. An der
Supermarktkasse zu sitzen, ist sicher kein Traumberuf – aber eine
niedrigschwellige Möglichkeit, wohnortnah ein dringend
benötigtes Einkommen zu verdienen. Man braucht dafür kein
Hochschulstudium oder langjährige Berufserfahrung, sondern kann
einfach loslegen. An der Hard- und Software verdient nun jemand anderes
- mutmaßlich jemand, dem es sowieso schon nicht schlecht geht.
Der
junge Mann geht nicht darauf ein. Paula und ich haben sowieso anders im
Sinn: Den Kleinen Belt. Anfangs warten wir eher auf Wind. Im Als Fjord
ist es schönes Kreuzen. Und wieder einmal fällt auf: Paula
läuft mehr Höhe und ist schneller als deutlich
größere Yachten. Nördlich von Als finde ich eher
bemerkenswert, wieviel Spaß es macht, auf der großen
Wasserfläche allmählich voranzukommen. Ich kenne mich hier
auch so, dass ich die ganze Zeit mit wachsender Ungeduld darauf warte,
endlich am Ziel zu sein.
Anders
als auf der Sommerreise ist nicht Barsø das Ziel, und auch nicht
Stevelt – damals sind wir an Årø vorbei noch einen
weitergesegelt, diesmal ist für Paula und mich dort Schluss. Es
ist ganz schön windig geworden auf die letzten paar Meilen. Bei
auflandigem Wind mit dem Groß in den recht engen Hafen zu
kajolen, erscheint mir spontan zu heikel. Nur mit der Fock wird es
recht entspannt. Es ist eindeutig Nachsaison: Der Hafen ist so gut wie
leer, mindestens drei Viertel der Liegeplätze sind frei, das ist
beinahe zu viel Auswahl. Das merkt auch die größere Yacht,
die nach uns einläuft: Zielstrebig fährt sie an lauter
richtig breiten Boxen vorbei. Wo sie sich zum Anlegen
entschließt, bleibt sie zwischen den Pfählen stecken. Als
nächstes bittet die Crew allen Ernstes den Nachbarn, der zum
Annehmen der Vorleinen bereitsteht: „Kannst du bitte dein Boot
verholen?“
Ansonsten
ist Årø hübsch, wenngleich nicht meine
Lieblingsinsel, und ich habe hier wenig im Sinn: Essen, ein bisschen
Ukulele üben, übernachten. Früh wieder auslaufen. Den
Segeltag genießen – das klappt ausgezeichnet! Heute sind
wir ernsthaft auf Kollisionskurs mit der Vergangenheit: Wir wollen in
den Kongebro Havn. Wie im Juni. Dort ist meine Stimmung erstmals
eskaliert. Diesmal? Hurrah! Ich kann die schöne Umgebung
ungestört genießen! Und der Hafen wird immer besser und
immer toller! Bisher hat der Gebrauch eines Wasserkochers immer die
Sicherung zerlegt. Jetzt gibt es krachneue Stromsäulen,
abgesichert – ich gucke extra nach – mit üppigen 13
Ampere.
Paula
hat auch eine Verbesserung: Ein Gepäcknetz unterm Dachhimmel,
montiert in den wenigen Tagen, die wir in Arnis verbracht haben. Netze
verschiedener Maschenweiten gibt es als Meterware oder auf Maß
gekettelt bei der Hamburger Tauwerkfabrik. Die Meterware wird ziemlich
rasant geliefert, mit ein paar kleinen Fenderösen und Karabinern
konnten wir also gleich loslegen. Es ist mehr als ein früher,
softer Einstieg in die winterliche Bootspflege: In erster Linie
nämlich eine spontane Verbesserung der Lebensqualität. Den
ganzen Sommer über teilten sich Werkzeug, Ersatzteile, Büro,
Ölzeug und Kleidung die ehemalige Gästekoje. Letztes Jahr kam
das Klapprad hinzu, dieses Jahr wurde Paula nebenbei zum begehbaren
Kleiderschrank, und inzwischen transportiert sie drei verschieden
gestimmte Ukuleles. Ergebnis war ein ziemliches Chaos in der
Gästekoje.
Und
weil jedes Teil einem anderen Teil im Wege lag, mussten die Teddys
– die als einzige über dem Ganzen schwebten – immer
wieder ihre Hängematte räumen, um mir Platz zum Wühlen
zu geben. Jetzt haben sie ihren festen, ungestörten Platz
überm Mittelgang und unterm Netz. Das Netz beherbergt Ukuleles,
Regenjacken, Daunenwesten, Mützen und Schals, Rucksack und
Umhängetasche, Handtasche und Abendlektüre. In der Koje haben
Werkzeugkästen und Schraubensortiment genauso ihren festen Platz
wie die Taschen mit der Kleidung – und ich finde alles mit einem
Griff.
Dientag
machen wir Hafentag - bei Traumwetter und schönstem Segelwind.
Naja…es ist Südwind. Uns auf den Rückweg zu machen,
bietet sich da nicht zwingend an. Noch ein Stück weiter zu segeln,
allerdings auch nicht: Ich möchte ja unbedingt nach Flensburg,
dafür haben wir zwei dann noch Tage, bevor ab Freitag wieder Tiefs
mit Schauern und Starkwind durchziehen. Also: Wo wir schonmal in
Middelfart sind, können wir es auch genießen. Ukulele und
Klapprad kommen zum Einsatz.
In
einer Rutsche zurück nach Sønderborg ist dann ein
ordentlich langer Schlag von 41 Meilen. Aber der Tag ist angenehm
strukturiert, vielfach unterteilt im Wechsel von schmalen Sunden und
weiten Becken. An der Brücke schaffen wir fast eine Punktlandung
und landen im Yachthafen von Sønderborg. Der ist nicht unbedingt
mein Favorit, schon gar nicht bei auflandig sechser Böen, aber wir
haben ja neulich geübt. Kuchenbude, Essen, Schlafen,
frühmorgens weiter. Zu befürchten ist Dauerregen.
Tatsächlich bekommen wir nur einen kurzen Schauer, danach bleibt
es trüb und melancholisch, aber trocken. Auf die letzten Meilen
nerven die abrupt einfallenden Böen.
Bisher
haben wir immer (d.h. zweimal) im Museumshafen gelegen. Plätze
gäbe es dort genug, aber man ist nicht auf Gastlieger eingerichtet
– für einen mehrtägigen Aufenthalt, wie er jetzt
absehbar ist, scheint mir der Jaichhafen auf der Ostseite der
Hafenspitze geeigneter. Erstmal muss ich mich zurechtfinden: Zwischen
all den Schildern „nur ab 11 Metern“ und „Wassertiefe
1,50m“ finden wir einen Platz innen an Steg B. Nächste
Hürde: Wir sind hinter Gittern! Hinter Schloss und Riegel.
Natürlich lässt sich die Tür von innen einfach
öffnen. Von außen hingegen nur mit der Hafenkarte, die ich
beim Bezahlen des Hafengeldes bekomme – aber wenn das scheitert,
kann ich nicht zurück zu Paula! Ich könnte die Tür
anlehnen – aber was, wenn sie hinter meinem Rücken jemand
komplett schließt? Was wenn der Hafenmeister gar nicht da ist?
Ich
finde heraus, dass es einen Automaten gibt. Und dass auf einem der
Boote Leute sind, die mich notfalls wieder reinlassen. Es klappt alles
vorzüglich. Ich muss mich aber unbedingt später
persönlich beim Hafenmeister melden, sagt der Automat. Das alles
ist eine ganz ungewohnte Situation: Wir sind mitten in der Stadt, mit
allen Vor- und Nachteilen. Zu den Nachteilen gehört, dass
gegenüber, auf dem Hügel gleich westlich des Nordermarkts,
ein großes Krankenhaus mit Notfallchirurgie und Helipad ist. Die
Innenförde ist sicher eine gute Landmarke für den Anflug - im
Stundentakt knattern die Rettungshubschrauber über den Hafen.
Rettungswagen und Löschzüge, die sich durch die verstopften
Straßen um die Hafenspitze quälen, gibt es häufiger.
Ich gehe erstmal zum Bäcker. Die Sonne kommt raus. Sie lockt mich
zum Stadtbummel.
Der
größte Nachteil von Flensburg sind nicht Gauner und
Banditen, Schloss und Riegel oder der Verkehrslärm – sondern
die dänische Bäckerei. Jeden Tag gehe ich hin und kann den
Köstlichkeiten nicht widerstehen. Am Holm finde ich zwei neue
Lieblings-Klamottenläden. Da ist es nicht schlimm, dass ich in der
Roten Straße nicht die mir empfohlene Boutique entdecke –
sie scheint unter neuem Namen von neuen Betreiberinnen eine neue,
elegantere Zielgruppe anzusprechen. In einem Kunsthandwerksladen im
Innenhof gibt es die Stoffmäuse, die ich aus dem Kaufmannsladen in
Lundeborg kenne. Inzwischen bin ich mir sicher: Ich möchte eine
große Schwester! Sie hier auszusuchen, gefällt mir viel
besser, als sie im Internet zu bestellen.
Es
gibt jede Menge Figuren und Spielsachen drumherum: Eltern,
Großeltern, großer Bruder. kleine Schwester. Fahrrad,
Dreirad, Bettchen, Küche, Puppenhaus. Und verschiedene Kleidung.
Ich freunde mich an mit einer großen Wandermaus. Sie findet ihr
Zuhause in Paulas neues Gepäcknetz: Mit den Magneten in den
Händen kann sie sich sicher am Netz festhalten (anders als die
Teddys, die immer mal wieder aus der Hängematte schaukeln). Nach
dem Buch, das ich gerade lese (und das tagsüber neben ihr liegt),
nenne ich sie Charlotte Sometimes. Charlotte mag ihren Fensterplatz, wo
sie es schön hell hat und gut das Deck und das Wasser sehen kann.
Sie macht einen halbwegs zufriedenen Eindruck.
Doch
sie guckt da allzu sehnsüchtig nach draußen. Beharrlich
behält sie ihren Schlafsack zusammengerollt auf dem Rücken,
so als sei sich keineswegs sicher, sich bei uns dauerhaft einrichten zu
wollen. Sie bleibt bereit, uns zu verlassen und sich alleine
durchzuschlagen. Richtig glücklich? Nein. Wirkt sie nicht. Doch
erst als ich das Buch zu Ende gelesen habe, wird es mir klar: Als
große Schwester fehlt ihr natürlich eine kleine Schwester.
Warum bin ich da nicht gleich draufgekommen? Also nochmal ganz in die
Rote Straße, dann zurück an Bord mit der kleinen Emily.
Jetzt freut sich Paula über zwei glückliche Mäuse!
Am
Dienstag können wir endlich wieder segeln. Allerdings sollen wir
uns bloß nicht zu viel vornehmen für einen derartigen
Schwachwindtag: Für die Meile bis Sonwik brauchen wir zwei
Stunden. An Fahrensodde vorbei fühlt es sich an wie richtiges
Segeln, die Ochseninseln können wir uns dann ganz in Ruhe
angucken, bevor wir wieder Fahrt aufnehmen. Am Holnis Haken endet
markant das Gekräusel. Ohne Wind gelingt es Paula aber, beim
Runden der Tonne eine größere Halberg Rassy in Lee zu
überholen. Es ist sommerlich – und so segele ich, um nicht
zu doll zu schwitzen, im leichten Sommerkleid.
Langweiligau
ist der nächstgelegene Hafen zu meiner Wohnung. Ein einziges Mal
war ich bisher hier, und das war mit dem Fahrrad während der
Pandemie. Heute bietet sich dieses Ziel total an: Wir legen zur
vernünftigen Zeit von kurz nach sechzehn Uhr an und haben einen
guten Ausgangsort: Fünfundzwanzig Meilen bis Arnis werden wir
schaffen. Außer ganz hübsch und enorm eng - längere
Yachten parken in drei oder mehr Zügen ein und aus - ist
Langballigau auch ein von Jaich betriebener Hafen – in Flensburg
habe ich mich nicht getraut, die Hafenkarte zurückzugeben, weil
ich sie ja für die Tür noch brauchte. Jetzt versuche ich sie
hier zurückzugeben – und der Automat akzeptiert sie ohne
Murren.
Etwas
mehr uns stetigerer Wind am Mittwoch, dafür dichte Wolken und ein
feuchter, kühler Morgen – ich habe den Saisonabschluss sehr
genossen, und dies hier ist nur Mittel zum Zweck, wir müssen ja
irgendwann nach Hause. Ab Kalkgrund kenne ich jeden Schluck Wasser.
Immer wieder mal lassen mich ein paar Sonnenstrahlen erwarten, dass der
Himmel jeden Moment aufreißt. Doch jedes Mal beginnt es zu
regnen. Regnet weiter, ein bisschen doller, noch ein bisschen doller,
bis ich das Ölzeug komplett anhabe. Dann hört es auf, und die
Sonne verschwindet wieder hinter der dichteren Wolke, die eben genau
über uns war und aus der die Tropfen fielen. Es ist eher nervig
als schön, doch das ist gut so – ich verabschiede mich bis
nächstes Jahr von der Ostsee. Wenn wir zur letzten kleinen
Abrundung nochmal segeln, wird das wohl auf der Schlei stattfinden.
zurück: Atmen!

