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Man darf nicht nachlässig werden

Ein besonderer Törn, ein doppelter Törn: Unbeschwertes Schönwettersegeln rund Taasinge, gefolgt von schaurigem Schauerwetter rund Als, insgesamt 163 Seemeilen. Doppelt so viele Boote, aber genauso viele Menschen wie sonst – manchmal wird es eng, turbulent oder chaotisch. Alle Restaurants außer einem haben Ruhetag, es kommt aber auch nur zu einer einzigen Kollision. Imogen ist mutiger, als Nicolas es jemals war, und sie hält ein Versprechen. Paula fängt fliegende Backwaren und hat einen Erpel auf dem Dach. Gemeinsam erkennen wir: Man darf niemals nachlässig werden! Und es gibt auch noch eine Überraschung ganz zum Schluss.

Juni 2026

Der Erpel…naja, vergleichsweise unspektakulär: Während ich den Charterbooten die Vorleinen fiere, leistet er Paula Gesellschaft und macht es sich auf dem Aufbaudach bequem. Die beiden unterhalten sich prima. Zweifellos zieht er eine Segelreise ernsthaft in Erwägung – bis er erfährt, dass er nicht beliebig kacken darf. Er steht auf, als wolle er sich diesen Sachverhalt einmal genauer ansehen. Klettert über den Handlauf. Dahinter wird das Dach steiler, und seine Füße sind nass – er rutscht ab und fällt aufs Laufdeck. Wem wäre das nicht peinlich? Schnatternd springt er ins Wasser und schwimmt eilig weg.

„Wir dürfen uns gegenseitig nicht in die Quere kommen. Das gilt vor allem beim Anlegen und beim Segelbergen.“ Ich schärfe es jeder Gruppe beim ersten Briefing ein. Ohnehin ist nur Christoph zum ersten Mal dabei. In zwei Tagen Folkeboot-Training dürfte er Salty gut genug kennengelernt haben. Beate hatte ihr einhandorientiertes Training mit Frieda schon im Herbst. Okko ist eine Konstante im Buchungsplan – ob ich ihm auch diesmal wieder einen neuen Hafen bieten können? Er fordert das nicht ein, doch ich habe es ihm versprochen. Brigitte und Andreas sind zum dritten Mal dabei. Letztes Jahr haben sie krankheitsbedingt ausgesetzt. Christian und Lena begleiten uns auf Christians eigenem Boot.

Personell sind wir nicht gerade überbesetzt, aber genug Segelerfahrung ist vorhanden. Trotzdem passiert es: Beim Segelbergen kollidieren zwei Boote miteinander. Ausgerechnet die beiden Zweiercrews sind beteiligt – ich hätte auch nicht erwartet, dass da jemand die ganze Zeit Ausguck geht. Gehofft habe ich auf zeitlich und räumlich größere Abstände. Indem wir fast gleichzeitig den Zielhafen erreichen, müssten diese Abstände erst hergestellt werden – doch bei hoppeliger See im dollsten Wind des Tages denken wohl alle nur daran, wie behaglich es gleich im Hafen sein wird. Wie genau es passiert ist, lässt sich nicht mehr klären – keiner hat das andere Boot rechtzeitig gesehen oder überhaupt auf die Anderen geachtet. Es entsteht geringer Sachschaden. Ärgerlich genug.

Beate hat nebenbei auch noch etwas auf dem Herzen: Die Scheuerstellen an Friedas Großfall. Ich finde, das sollte die Saison noch halten. Oder wenigstens diese Woche. Aber zwei der drei Stellen fallen weg, wenn ich das Fall ein Stück kürze – diesen Gefallen tue ich Beate gerne. Normalerweise hätte ich den Schäkel dann wieder mit einem Spierenstich befestigt. Um Länge zu sparen, verwende ich jetzt zwei halbe Schläge. Der Überstand gehört noch mit zwei Kneifbändseln gesichert. Aber das dauert mir jetzt zu lange – insgesamt ist wenig Wind, wir wollen die Morgenbrise nutzen. „Hoffentlich hält der Knoten“, murmele ich.

Ich wrigge Paula aus der Box, als Beates Funkspruch kommt: Einmal kräftig gezogen, Knoten aufgegangen, Fall ausgerauscht. Vielleicht wären die fünf Minuten für ein Kneifbändsel gut investierte Zeit gewesen. „Man darf nicht nachlässig werden“, sagt Beate. Wir verholen zum Mastenkran.

Der Hafenmeister gibt sich wenig kooperativ: Erstmal sind zwei Boote zum Maststellen angemeldet, das dauert zwei Stunden. „Mindestens zwei Stunden“, danach könnten wir mal sehen, was sich machen lässt. Ich bedanke mich fürs Gespräch und rufe die Gäste zusammen. Wir legen Frieda und Paula ins Päckchen. Imogen ist nämlich viel mutiger, als Nicolas es jemals war. Sie hat keine Hemmungen, Paula - unterstützt von Christian, Christoph und Okko am Großfall - ihr Leben anzuvertrauen.

Der Bootsmannstuhl hängt an Paulas Fall. Ich hangele mich an Friedas Mast entlang. Denke nicht darüber nach, wie mini dünn so ein Folkebootmast im oberen Drittel ist. Oder dass so ein Drahtseil auch mal reißen könnte. Oder dass ich generell keine Freundin großer Höhen bin. Es dauert kaum länger als fünf Minuten, dann ist das Fall eingeschoren, und ich stehe wieder an Deck und freue mich über die gelungene Aktion. So gut wie klar zum Auslaufen – aber nicht ohne Kneifbändsel! Erst als alle Takelarbeiten mit der nötigen Sorgfalt erledigt sind, gehen wir segeln.

Der Mastenkran steht in der leewärtigsten, legerwallerigsten Ecke des Hafens, aber das bedeutet nicht, dass Paula rausmotort. Die schwache Brise wird uns keine Schwierigkeiten machen – einmal kräftig abgestoßen und passend Ruder gelegt, dann ziehe ich am Großfall. In diesem Moment kommt Lena zurück: Mit einer Brötchentüte in der Hand und enttäuschtem Gesicht. Den Versuch, mir nach getaner Arbeit eine Freude zu machen, weiß ich wertzuschätzen. „Wirf ins Cockpit“, rufe ich. Hops, fliegt die Tüte auf die Ruderbank.

DMI hat Thermikböen versprochen, aber bisher hält sich hartnäckig die dichte Wolkendecke. Ich mampfe gerade Lenas Spandauer und Københavner, als Erik anruft: Pommery und Lene haben gerade Dageløkke verlassen und möchten uns treffen. Dageløkke war unser ursprünglicher Plan. Nicht nur ist das einer meiner Lieblingshäfen, sondern Okko war da noch nie. Spätestens nach der Verzögerung mit dem Fall ist das unrealistisch. Ich schlage Svendborg vor. An Svelmø vorbei segeln wir mit viereinhalb Knoten, danach ist es eher ein geduldiges Treiben. Die mitlaufende Strömung im Svendborg Sund haben wir verpasst. „Für uns wird es Skarø“, gebe ich Erik durch. Immerhin von Skarø Rev zum Hafen haben wir nochmal eine schöne Brise. „Hier war ich auch noch nicht“, sagt Okko. Am frühen Abend gesellen sich Lene und Pommery zu uns. Nun sind wir acht Boote und zehn Personen.

Michael und Erik möchten so gerne mit uns den Rest der Woche verbringen, dass sie dafür gleich nochmal nach Dageløkke segeln. Allerdings nicht durch den Svendborg Sund, sondern querfeldein südlich von Taasinge und dann durchs Rudkøbing Løb. Ich finde, der Svendborg Sund passt für den Rückweg besser, und ich habe Lust auf ein bisschen Nervenkitzel in der unbetonnten Rinne. Mit so vielen Booten sind wir da auch noch nicht durch. In einem alten Kartensatz hatte ich hilfreiche Notizen zu sämtlichen unbetonnten Abkürzungen zusammengetragen, doch er war irgendwann zerfleddert und aufgeweicht und existiert nicht mehr.

Vor dem Briefing greife ich also zu Bleistift und Dreiecken, um diverse Kurslinien, Kurse und Koordinaten in die Karte zu kritzeln. Es geht darum, die mäandrierende tiefe Rinne so zu vereinfachen, dass wir sie möglichst geradlinig und mit wenigen Kursänderungen sicher durchfahren können. Das versuche ich so aufzubereiten, dass die Anderen es gedanklich nachvollziehen und in die eigene Karte übertragen können. Es geht recht gemächlich los, aber dann sausen wir doch zügig genug, um bei einem Navigationsfehler womöglich nachhaltig festzusitzen. Alle kommen heil durch. Auf Skarø waren außer uns noch zwei, drei Boote da. Dageløkke haben wir für uns. Das Restaurant hat Ruhetag, aber weil wir es sind, zapft Kim uns spontan eine Runde Getränke.

Lyø, Mittwochmorgen: Okko stößt Martha ab und setzt die Fock. Zehn Meter dahinter und acht Sekunden später wrigge ich Paula in Gang und setze das Groß – es wollen noch mehr Boote auslaufen, also sehe ich zu, dass wir zügig wegkommen. Paula kommt auf, schiebt sich neben Martha. Nebeneinander durch die schmale Hafenausfahrt? „Man gut, wir haben das geübt.“ Okko bleibt völlig gelassen: „Das passt schon.“ Paula zieht gerade noch vorbei, bevor es eng wird. Geübt haben mit sieben Booten nebeneinander. Und die Engstelle war die Brücke über den Svendborg Sund.

Die Stelle mit der Abdeckung durch die Bäume am Ufer ist von weitem gut zu erkennen. Strömung gegenan, Pommery hatte sich gerade ein Stück abgesetzt und bleibt nun stehen. Martha und Paula sausen mit dem Restschwung vorbei. Martha bleibt auch stehen. Im letzten Moment weicht Paula nach Luv aus. Zu dritt warten wir auf Wind. Mal ein Drücker von vorn, mal ein Böchen von hinten – doch das verriegeln uns inzwischen die Anderen. Überall sind Boote! Erstaunlicherweise kommen wir alle durch die Brücke.

Auf Lyø ist das westliche Hafenbecken gesperrt, es werden dort neue Pfähle gerammt. Das östliche Becken ist schon recht voll. Lene schnappt sich eine Box an der Ostseite. Dort kriegen wir auch noch drei Boote mehr unter, aber keine acht. Paula orientiert sich zur Westseite. Dort hätte ich auch gerne die Charterboote, aber Erik und Michael bieten denen schon Plätze auf ihrer Seite des Beckens an – die sich teilweise als nicht tief genug erweisen. Insgesamt habe ich das Anlegen vieler Folkeboote schon koordinierter und angenehmer erlebt.

Auch die Alte Schule auf Lyø hat Ruhetag Und hier endet das unbeschwerte Schönwettersegeln. Die sehenswerte Insel ist diesmal nur Mittel zum Zweck: Als günstiger Ausgangspunkt für Mittwoch. Wir möchten nämlich noch die am ersten Tag begonnene Runde um Als vollenden, also den Kleinen Belt queren. Wir starten im Regen. Das ist ganz wichtig: Ohne ihn könnten wir uns später nicht darüber freuen, dass es unterwegs nach Kalvø aufklart. Dort können die Gäste endlich essen gehen – wenngleich ich davon abrate: Letztes mal war ich vom versalzenen Burger mit billigem Brötchen und noch versalzeneren Pommes bitter enttäuscht. Ich bleibe also auf Paula. Das Essen scheint aber diesmal, wenn nicht durchweg empfehlenswert, dann zumindest durchaus genießbar zu sein.

Beim Ablegen in Kalvø ist eine gewisse Anspannung nicht zu ignorieren: Es sind Schauerböen bis 6 Windstärken zu erwarten – das ist ein schöner Segelwind, aber mehr, als wir diese Woche bisher hatten und auch mehr, als manche Teilnehmer bisher kennen. Vor allem ist es eine Spur zu viel für entspanntes Anlegen in Sønderborg. Beim Briefing sondieren wir die Optionen: Freitag erneut Schauer, nachmittags womöglich ruppig und gewittrig, und wir sollen zurück an die Schlei. Frühes Auslaufen wäre also klug, und dann wollen wir nicht noch die Brücke passieren, sondern das sollten wir heute schon tun. Die öffnet momentan wegen Bauarbeiten nur alle zwei Stunden. Kritischer als das finde ich das Einlaufen in den Yachthafen: Es gibt keine Windabdeckung, es dürfte eine nervige Welle auf der Einfahrt stehen, drinnen ist es dann recht eng und verwinkelt.

Aber es gibt ja noch Hørup Hav. Auch nicht ideal, aber zumindest ist der Weg durch den Hafen zu potenziell freien Liegeplätzen vorhersehbar und klar erkennbar. Ein bisschen weniger Welle ist mit Chance dort auch. Erstmal genießen wir die letzten Strahlen der Morgensonne und die Abdeckung in der Genner Bugt. Als wir Barsø passieren, zieht ein Schauer über Als und nach Osten ab. Recht stetige fünf Beaufort bringen uns zügig südwärts. Im Als Fjord ist es dann trocken mit erstaunlich wenig Wind, es ist eher so 3 Böen 5. Erst die Kreuz im Als Sund ist von abrupten Drückern begleitet, aber ohne Welle lassen die sich gut aussegeln. Für die Brücke wird es eine Punktlandung, dann hoppeln wir am Schloss vorbei in die Sønderborg Bugt.

Am Yachthafen können wir ein paar Grad abfallen und nehmen Fahrt auf. Ich bin ganz froh, hier jetzt nicht einlaufen zu müssen. In die Bucht Hørup Hav sausen wir mit halbem Wind und sechs Knoten. Jetzt muss nur noch das Einlaufen und Anlegen halbwegs gesittet klappen. Ein Schauer zieht auf. Laut dem eilig bemühten Regenradar von DMI zieht er südlich vorbei und berührt allenfalls Kegnæs. Im Hafen fallen am ersten Steg vier unglaublich lange Masten auf. Drei davon sind Holzmasten. Dort liegen sicher keine Jollenkreuzer – eher sieht es nach dem jährlichen 12mR-Treffen aus.

Ein paar Regentropfen, dann setzt die Bö ein. Ich berge das Großsegel. Das Zentrum Wolke ist tatsächlich schon südlich vorbeigezogen, Paula segelt mit der Fock platt vorm Laken in den Hafen. Nach der Einfahrt luven wir gehörig an und segeln an den Zwölfern vorbei. Der Kurs lässt sich mit der Fock so eben und eben halten. Eine Bö bringt uns zwei drei Meter weiter nach Luv. Kurz vorm Abfallen am Stegkopf ist Paula richtig schnell, und ich finde, die Fock muss dringend runter. Beim Segelbergen liegt die Pinne nicht ideal: Es wird beinahe ein Aufschießer. Ohne Tuch im Wind zu stehen, ist gar keine gute Idee – schon gar nicht, wenn in Lee die Hochglanzlackierung der „Sphinx“ im ersten Sonnenstrahl schimmert. Ich wrigge energisch, bis Paula so weit abgefallen ist, dass sie wieder Fahrt aufnimmt – und die „Sphinx“ in Ruhe lässt. Die Zwölfer-Crews sind übrigens seltsame Leute: Schlafen tun die im Hotel.

Wir hatten keinen Hafentag und immer passablen Wind - 163 Seemeilen sind viel für eine Woche. Die Runde um Taasinge war kurzweilig und hat großen Spaß gemacht. Im durchwachsenen Wetter seitdem hatten wir das große Glück, dass Wind und Böigkeit im Rahmen blieben und der Regen hauptsächlich anderswo, nachts oder nur ganz kurz fiel. Es hat großen Spaß gemacht, mit so vielen Booten zusammen unterwegs zu sein – aber das hat auch Nachteile.

Einer davon zeigt sich wieder beim Anlegen in Hørup: Pommery, Paula und Lene sind nacheinander eingelaufen und an verschiedenen Stellen im großen Hafen verschwunden. Erik und ich haben unabhängig voneinander auf genügend Liegeplätze am jeweiligen Steg geachtet. Aber die Gäste haben von draußen keine Orientierung, in welchem Hafenteil ich sie erwarte. Sie möchten im Regen aber auch nicht draußen auf einen Funkspruch warten. So sind die vier Charterboote zunächst recht chaotisch an irgendwelchen Pfählen verteilt, und sie alle am gleichen Steg zu versammeln, dauert eine unbefriedigende Weile. Ich möchte nicht sagen: Wir machen das nie wieder! Wir brauchen aber definitiv klarere Absprachen.

Der letzte Schlag von Hørup Hav nach Arnis scheint mir wieder mal nur unvermeidliches Mittel zum Zweck: Kurze Kreuz aus der Bucht, Rauschefahrt bis Schleimünde, dann Strömung gegenan und Schauer in dichter Folge. Gleichwohl bekomme ich das Gleiche zu hören wie jeden Tag der Woche: „Danke für den schönen Segeltag.“ Besonders begeistert ist Beate – ihr hat alles genauso geklappt wie geplant, einhand mit Frieda fühlt sie sich inzwischen richtig sicher und pudelwohl. Und das war ihr wichtigstes Ziel in dieser Woche – wir sehen uns demnächst am Limfjord wieder im Rahmen unserer Sommerreise.

Die abwechslungsreiche Abenteuerwoche hält noch eine letzte Überraschung bereit: Brigitte überreicht mir zum Abschied eine Bleistiftzeichnung von Olieses Kompass. Sie und Andreas waren sich keineswegs sicher, ob ich mit diesem Geschenk etwas anfangen kann. Beinahe wäre es im Auto geblieben. Dort reist jetzt ein Auftrag mit nach Hause: Oli findet, auch jede ihre Schwestern müsse so eine schöne Zeichnung an Bord haben. Und ich weiß, womit ich die Schraubenlöcher verdecke, nachdem ich die stehengebliebenen Uhren von der Aufbaufront entfernt habe.



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