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Der Zahn ist raus

„Was für ein schöner Segeltag!“ – „Wir fanden’s anstrengend.“ – „Ich hab noch nie so gefroren.“ – „Der Zahn ist raus.“ Widersprüchliche Aussagen zum ersten Törntag? Mir sind bei der Törnplanung jedenfalls schon einige Zähne gezogen worden.

Mai 2026

Sonntag ist CSD in Flensburg. Ich habe mir das so vorgestellt: Samstag segeln wir nach Glücksburg, Sonntagvormittag den kurzen Weg in die Stadt. Paula und Imogen mit mittenmang dabei beim bunten, queeren Treiben. Vielleicht finden die Teilnehmer das auch reizvoll, und wenn nicht, hat Flensburg allemal genug Alternativen zu bieten. Danach bleibt noch genügend Zeit, in die grünen Idylle rund um Als einzutauchen.

Die Wetterlage in der Woche vor dem zweitem Flottillentörn ist zum Abgewöhnen: Ein Tief hängt über Südnorwegen, dreht Runde um Runde, schickt uns täglich aufs Neue seine okkludierende Front. In Kombination mit dem Hoch über dem Atlantik sorgt es für ständigen Nordwind: Feuchte, instabile Polarluft – also Schauer und einstellige Höchsttemperaturen. Sven und Andrea haben zwei Tage Training gebucht zur Vorbereitung auf den Törn. Warm angezogen lassen die sich noch gut aushalten. Erst Freitag und leider auch Samstag wird es so richtig regnerisch und pustig. Wir wettern das in Arnis ab und segeln erst Sonntag. Kein CSD für Paula und Imogen… Für die Törnwoche sieht es ansonsten aber viel besser aus: Trockener bei kontinuierlicher Erwärmung und vernünftigem Wind ab Sonntag.

Doch auch im weiteren Verlauf gibt es ein Problem: Eine Luftmassengrenze über Jütland pulsiert zwischen Nord- und Ostseeküste. Weiter östlich ist es trockener – also auf nach Albuen und Agersø? Die Prognose verspricht zwei Tage traumhaften Südost, Dienstag und Mittwoch schwachbrüstigen Süd, Donnerstag und Freitag Westenwind. Man soll keiner Wetterprognose vertrauen, die sechs Tage in die Zukunft reicht – aber man darf sie auch nicht komplett ignorieren: Immer könnte sie sich als richtig erweisen. Und wenn sie das tut, kämen wir von Lolland und selbst von Ærø nicht zurück nach Westen. Von Middelfart zurück nach Süden würde es zumindest zäh. Und so lange wir nicht sicher sein können, dass der Westwind etwas taugt (also sich nicht als flautig oder stürmisch erweist, wenn die letzten Tage kommen), empfiehlt es sich allgemein wohl eher, halbwegs in der Nähe zu bleiben.

Sonntagmorgen segeln wir erstmal los. Raus aus der Schlei, dann knapp 30 Meilen geradeaus zur Helnæs Bugt, Zielhafen ist Faldsled. Natalie und Oliese-Sven hatte ich Faldsled letztes Jahr schon versprochen, doch der Wind hielt nur bis Lyø. Der Hafen ist nicht gerade pure Idylle, aber er liegt angenehm abseits der Standardrouten, und die Helnæs Bugt ist überaus sehenswert. Jörg ist das Recht, auch er ist zum dritten Mal dabei und offen für neue Häfen. Martha bleibt zunächst in Arnis – Sönke ist mit Zahnschmerzen aufgewacht. Peter fährt ihn erstmal nach Schleswig zum Notdienst. Zu ungewiss ist der Ausgang, als dass wir warten könnten - der Rest der Gruppe legt ab.

Andrea fragt, wie lange wir für die Strecke brauchen. Die Schlei – Brücke, Abdeckung, generell wenig Wind am frühen Morgen – ist schlecht zu kalkulieren. „So sechs Stunden ab Schleimünde“, vermute ich. Wir werden das fast auf die Minuten einhalten, aber das weiß ich noch nicht, also wir auf Nordkurs gehen. Sofort ist klar: Ohne stressig viel Wind kommen wir wunderbar voran. Es macht Laune, zu betrachten, wie nach und nach immer neue Landmarken über der Kimm auftauchen, zunächst verschwommen im Dunst, dann klarer erkennbar und schließlich deutlich sich vom Hintergrund abhebend.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Sven und Andrea ihre liebe Not haben, all den fremden Inseln, Ufern und Leuchttürmen Namen und Positionen in der Seekarte zuzuordnen. Während Natalie, Sven und ich es uns gemütlich machen und uns zielwärts schaukeln lassen, sind die beiden acht Stunden lang voll konzentriert. Das darf man ruhig mal als Anstrengung empfinden.

Sie hätten es ein bisschen einfacher, wenn sie einfach nur hinterhersegeln würden, aber ich finde richtig gut, dass ihnen das nicht genügt: Sie möchten üben. Zum Beispiel Kartennavigation. Jörg hat ein anderes Problem: Er hat die letzten beiden Jahre Anfang Juni gebucht und nicht bedacht, dass dieser Mai ungewöhnlich kalt ist und auch an einem sonnigen Tag eine zusätzliche Schicht Kleidung erfordert. Lange Unterwäsche hat er mit, aber sich unterwegs einmal komplett aus- und wieder anziehen? Nix für Einandsegler. Kurz hinter Gammel Pøl kommt ein Anruf: Der Zahn ist raus. Somit auch: Entzündung und Schmerzen weg. Sönke und Peter beschließen, nachmittags nach Maasholm zu verholen und Montag nach Sønderborg zu segeln in der Hoffnung, uns im weiteren Verlauf zu treffen.

Faldsled ist ein guter Ausgangspunkt, jetzt muss die weitere Törnplanung konkret werden: Was machen wir mit dem prächtigen Südost 3-4 am Montag? Auf den ersten Blick haben wir die Wahl zwischen zwei doofen Alternativen: Weiter nach Norden und dann zwei Tage bei flautigem Südwind nicht vorankommen. Oder jetzt schon nach Als rüber, um dann keine Strecke mehr vor uns zu haben, also in Minischlägen die Zeit zu vertrödeln. Doch halt: Wollte ich nicht nach Flensburg? Der CSD ist vorbei, aber die Stadt ist immer noch sehenswert, die Förde bleibt ein tolles Segelrevier, und in jedem Fall lassen wir uns dort viel zu selten blicken, weil der Abstecher auf Kosten der geliebten dänischen Inselwelt ginge. Diesmal kann er uns die restlichen Törntag perfekt füllen.

Also erstmal auf in die Idylle: Mjels Vig ist unbedingt mal wieder dran, zumal keine der Gäste den kleinen Hafen im Grünen bisher kennen. Wenn ihr da auch noch nie wart: Segelt unbedingt hin, und werft einen Blick in die Karte, um den kleinen Bonus für Paula zu verstehen! Vom Als Fjord aus segelt man nämlich zunächst in eine Bucht namens Stegsvig. Von dort führt eine betonnte, mäandrierende, minimini superenge Rinne neben Kühen auf einer Sandbank in die anschließende Dyvig. Dort gibt es zwei Marinas, die auch bei großen Yachten mit viel Tiefgang durchaus beliebt sind – und die wir meiden. Ein mit Gummibällen spärlich markiertes Fahrwasser führt aus der Dyvig durch ein flaches Noor zum Hafen Mjels Vig. Insgesamt sind das zwei Seemeilen durch Wald und Wiesen – und bei Südostwind ist es komplett gegenan.

Paula und ich fahren schon den ersten Mini-Holeschlag, bevor wir den Anfang der Betonnung erreichen. Für die Gäste ist dies das Signal zum sofortigen Segelbergen. Die Rinne nach Mjels stellt auch ohne Kreuz eine Herausforderung darstellt: „Man darf kein Tonnenpaar auslassen“, sage ich beim Briefing, denn speziell eines steht dicht unter Land, weit abseits vom Rest. Ich zähle unsere Wenden nicht, aber es sind viele. Paulas Schwestern tuckern langsam hinterher. Kaum hat Paula angelegt, kommt die Hafenmeisterin. Sie hat zwei Fragen: „Mit wie vielen Booten kommst du? Und wie viele Brötchen braucht ihr?“ Ich kraule erstmal den Hafenhund das dicke Fell und kann nicht widerstehen, die Gäste mit „Ihr seid totale Spielverderber“ zu begrüßen.

Schlagartig wird mir bewusst, wie wichtig dieser Hafen allmählich wird in einer digitalisierten Welt, in der KI sämtliche Probleme löst, die sie zuerst selbst schaffen muss. Hier bucht kein Automat und keine App von Kreditkarten ab – wir sprechen mit einer echten Hafenmeisterin, drücken ihr Bargeld in die warme, lebendige Hand. Sie notiert unsere Brötchenbestellung in ein Notizbuch aus Papier. Morgen früh werden wir sie in Tüten finden, auf denen in liebevoller Schönschrift die Bootsnamen stehen. Nostalgie? Ein Anachronismus? Oder wird das hier im Gegenteil gerade so richtig, richtig zeitgemäß?

Mit den Gästen bin ich mir einig: Ich verkaufe sowieso weniger eine Segelreise, als eine dringend benötigte Auszeit von der Digitalisierung. An einem Ort wie diesem ist das besonders auffällig – und es wird zunehmend wichtiger. Ich sollte dieses Profil schärfen und deutlicher herausstellen. In ein paar Jahren könnte die Kundschaft genau deswegen bei uns Schlange stehen. Dienstagvormittag ist bei Flaute Gelegenheit zum Landgang – schließlich ist auch die Umgebung enorm sehenswert. Bei schwachem Südost laufen wir frühnachmittags aus. Vorm Wind trauen sich auch Frieda und Oliese rauszusegeln.

„Ihr dürft kein Tonnenpaar auslassen“, wiederhole ich aus gegebenem Anlass über Funk. Diverse Halsen später sind wir in der Dyvig. Ich halse. Sven und Jörg holen die Schoten dicht. Wenn die nicht auf die Schnelle alles verlernt haben, was sie über Segeltrimm wissen, lässt das auf einen Winddreher schließen. Und es kommt noch doller: Eingangs der Rinne zur Stegsvig bleibt Oli stehen. Abdrehen? Motor starten? Rudergänger wechseln? Frieda ist direkt hinter Oli, dicht gefolgt von Paula. Weitersegeln ist die einzige Option. Eben noch hätte Natalie behauptet, niemals werde sie so ein enges Ding aufkreuzen – nun tut sie es mit drei Booten im Pulk. Jörg findet einen innovativen Weg, den vorhandenen Platz optimal auszunutzen: Zweimal stößt er Friedas Heck von einer Tonne ab.

Die drei da an Bord werden hier richtig zu ihrem Glück gezwungen. Ich freue mich riesig und genieße das unerwartete Abenteuer. Kaum haben wir die Enge passiert, kommt der Wind wieder achterlich. Im Als Fjord sind werden es stetige drei Windstärken, und wir kreuzen in langen Schlägen. Im Als Sund dann in kurzen. Martha, Peter und Sönke erwarten uns in Sønderborg, die Gruppe ist wieder komplett.

Gerne hätte ich beim Briefing den ersten Teil der Strecke in Natura gezeigt, doch die Ufer rund um die Sønderborg Bugt sind nicht einmal zu erahnen. Unterwegs regnet es mal merklich, mal fast gar nicht – ein Hafentag wäre auch kein Vergnügen. Als wir Holnis runden, bessert sich die Sicht ein wenig, der Wind dreht auf Südwest mit frischen Böen. Wir kreuzen an Glücksburg und den Ochseninseln vorbei. Die Flensburger Förde ist wunderbar: Abgesehen von der berüchtigten „Schwiegermutter“ und der Westseite von Holnis kann man überall recht dicht ans Ufer, kann also lange Schläge fahren, und durch die Landnähe sieht man trotz Kreuz und Hoppelwelle, dass man gut vorankommt.

Am frühen Nachmittag wirkt der Himmel erheblich freundlicher. Mutig ziehe ich das Ölzeug aus. Allerdings hängt noch ein Schauer über Flensburg. Wir bleiben auf der dänischen Seite. Als er erkennbar Richtung Glücksburg weiterzieht, wende ich sofort – wir möchten keine weitere Dusche, aber seinen Wind nehmen wir gerne. Vor der Marineschule gibt einige bemerkenswerte Böen: Angekündigt durch Gekräusel, setzen sie sanft ein wie kaum jemals, steigern sich allmählich und allmählich zu ausgewachsenen sechs Beaufort, lösen sich dann langsam wieder auf.

Ergebnis: Während Oli neben uns voll auf der Seite liegt, lasse ich Paula langsam dreißig Grad anluven. Kerzengerade und bei konstantem Tempo segeln wir die Böen aus, kommen aber mit jeder von ihnen fünfzig oder hundert Meter nach Luv. Im Windschatten des Docks der Schiffswerft endet der Spaß. Eine halbe Stunde sind wir mitten in der Stadt: Im Museumshafen auf Höhe des Nordermarkts.

Hier ist man nicht unbedingt auf Gastlieger eingestellt, aber wir finden genügend Liegeplätze, deren eigentliche Bewohnerinnen noch an Land stehen. Von hier aus sind es hundertfünfzig Meter zum Wollladen meines Vertrauens. Achtzig Meter zur Tapas-Bar, wo wir abends einkehren – selten hat man beim Abendessen Masten und Kuchenbuden im Blick. Die dänische Bäckerei ist nur ein kleines Stück weiter. Ich brauche nur Brot, kann natürlich dem Apfelkuchen nicht widerstehen – und die Verkäuferin hat vollkommen Recht, als sie auf die Spandauer hinweist. Ich nehme zwei. Und bin damit auch nicht doller bepackt als Natalie und Andrea.

Vor allem im Kontrast zum gestrigen Regentag sorgt der sonnige, sommerliche Morgen für Hochstimmung. Die Frontzone hat sich aufgelöst, ab heute ist Hochdruck. Es sind nur 31 Seemeilen nach Schleimünde – die gefühlte Flensburger Förde ist deutlich langgestreckter als die echte, was natürlich daran liegt, dass man sich beim Kreuzen oder in der Flaute frustrierend lange an ihr abarbeiten kann. Wir sausen mit frischem Rückenwind munter los. Außer einem würdigen Abschluss in der Natur hält Schleimünde noch ein letztes Abenteuer bereit: Anlegen ist nicht ganz trivial, wenn man von 6er Böen durch den Hafen gepustet wird.

Die Gruppe ist aber auch in dieser Hinsicht phantastisch: Alle beherzigen meine Ratschläge und können sie jetzt noch besser wertschätzen. Der erste Weg führt an einen der Pfähle an der Westmole. In den dortigen Riesenboxen versuchen wir gar nicht erst anzulegen, sondern lassen uns rübertreiben, bis das jeweilige Boot quer vor zwei Pfählen an der Ostmole liegt. Dort ist erstmal wieder Pause, bevor es – durch kräftiges Abstoßen und unterstützt von helfenden Händen auf den Stegen – zum Liegeplatz an der Menobrücke geht. Sven und Andrea haben sicher auch vom Zugucken profitiert, doch sie verdienen ein Sonderlob dafür, ein schwieriges Manöver von allen am besten bewältigt zu haben.

Es bleibt windig, deshalb merken wir es kaum: Heute ist der erste Abend, an dem es nicht kurz vor Sonnenuntergang massiv abkühlt. Vor uns liegt über Pfingsten eine Hitzewelle. Inzwischen sind wir nicht nur fünf Folkeboote, sondern sieben: Lilla Flicka und Pommery sind auf dem Weg nach Arnis zum Folkeboot-Treffen.

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