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What's
not to like? (Sommerreise Teil 3)
Vier Wochen lang habe ich sie nur in flüchtigen Momenten
gespürt, jetzt - zum Sonnenuntergang, an einer Boje im Mariager Fjord - erfüllt sie mich endlich
wieder komplett: Die Euphorie, die ich so oft spüre, wenn ich mit den
tollen Booten und begeisterten, liebenswerten Menschen unterwegs bin zu
besonderen Orten wie diesem, zwischen lieblichem Fjord und offener See,
wo nichts mehr eine Rolle spielt außer dem Hier und Jetzt, wo
das Gemüt zur Ruhe kommt und die Zeit stehenbleibt. Zur
Abrundung noch eine sensationelle Torte mit allen zu teilen, macht
einen perfekten Abend unver-unvergesslich.
Juli 2026
Hobro
ist ein idealer Crewwechselort. Die Lage an der Hauptstrecke
Aarhus-Aalborg sorgt dafür, dass die Gäste gut hin und weg
kommen. Proviant gibt in einem großen Føtex. Der kleine
Vereinshafen ist zentral gelegen, gemütlich und überaus
freundlich. What's not to like? Die rhetorische Frage entwickelt sich zu einem running gag zwischen Lucy und mir. Ansonsten ist es eine Kleinstadt in der Provinz. Der
Handelshafen ist bedeutungslos, Gastlieger verirren sich kaum so weit
in den Fjord, auch sonst spielt der Tourismus unverkennbar eine
untergeordnete Rolle. Eine Attraktion gibt es jedoch, in
fußläufiger Entfernung: Eine bedeutende Stätte aus der
Wikingerzeit. Während die anderen sich nach und nach an Bord
einrichten, nutzen Lucy und Dirk die Gelegenheit für einen Gang in
die Vergangenheit.
Es
passt also ganz gut, dass der dritte Teil unserer Sommerreise
gemütlich beginnt: Auch wenn man es innen im Fjord kaum merkt, ist
der Samstag doch mächtig böig. Wir haben uns zum
Dämmertörn verabredet, zehn Meilen nach Hadsund. Auf dem
Hinweg sahen der kleine Ort und sein Yachthafen recht gemütlich
aus für einen Hafentag. Sonntag ist es nämlich ganztägig
pustig, erst Montagabend werden wir uns wieder vom Fleck bewegen. Als
erstes haben wir dann die jede volle Stunde öffnende
Klappbrücke vor uns.
Der
Mariagerfjord wirbt für sich als längster und schönster
Fjord Dänemarks. Die Länge von stolzen zwanzig Seemeilen von
Als Odde bis Hobro ist ein Nachteil, wenn man nur einen kurzen Besuch
im Sinn hat. Problematischer scheint mir, dass es zwischen Hadsund und
dem Kattegat keinen Hafen mehr gibt (Als Odde zählt nicht, der
eine Längsseitsplatz mit ausreichender Wassertiefe ist
ungeschützt und in unattraktiver Angelbootumgebung) und auch nur
ganz wenige taugliche Ankerplätze – außerhalb des
Fahrwassers wird es fast überall sofort kriminell flach.
Der
erste Dämmertörn beginnt träge. Der innere Teil des
Fjords ist so eng und geschützt, dass außer ständigen
Drehern nur wenig bei uns ankommt von den vier, in Böen sechs
Windstärken. Wir haben lange gewartet auf ein Nachlassen der
Böigkeit, damit auch unerfahrene Crews einen entspannten ersten
Segeltag haben. Jetzt fürchte ich, dass es zäh wird und
extrem spät, womöglich schon dunkel, wenn wir Hadsund endlich
erreichen. War ich übervorsichtig? Hätten wir früher
losgemusst?
Kurz
vor Mariager weitet sich der Fjord, und wie erhofft haben wir mehr und
stetigeren Wind. In Böen sind es immer noch fünf
Windstärken, mehr wollten wir gar nicht, aber wir sind jetzt
deutlich schneller unterwegs als kalkuliert und im Nu wieder im
Zeitplan. Die tiefstehende Sonne zaubern ein phantastisches Licht auf
die Rümpfe und in die Segel, als wir auf der letzten Meile vorm
Ziel in die Abdeckung kreuzen. Im engen Fahrwasser ist das
enorm spannend, zumal Frieda und Salty eben eine Abkürzung
genommen haben. Das sollte ein paar Holeschläge sparen, hat aber
vor allem dazu geführt, dass sie jetzt gemeinsam mit Martha dicht
zusammen sind und ständig aufeinander achten müssen. Wir
wollen die zwei Grundberührungen nicht verschweigen. Der Wind ist
aber inzwischen so, dass beide Boote aus eigener Kraft freikommen
– eine gute Übung bei dafür idealen Bedingungen. Um 21
Uhr machen wir es in der hübschen Marina gemütlich.
So
malerisch und sympathisch Hadsund vom Wasser betrachtet aussieht, so
enttäuschend ist der erste Landgang. Ich zähle sechs
Friseursalons. Leerstehende Läden gibt es zu viele, um sie zu
zählen. Der Rest macht einen wenig attraktiven Eindruck.
Allerdings fällt es an einem wolkenverhangenen Sonntagvormittag
leicht, einem Ort Unrecht zu tun. Weil es am Montag noch windiger ist
als gestern, geben wir Hadsund eine zweite Chance – und werden
erneut enttäuscht. Außerhalb des Zentrums stehen jede Menge
große, neue, schöne, moderne Wohnhäuser, die auf
einigen Wohlstand schließen lassen. Vermutlich fließt die
Kaufkraft ab in den Onlinehandel – anders ist die totale
Tristesse in der Fußgängerzone kaum zu erklären.
Leichten Herzens reisen wir um halb sechs weiter.
Genau
gegen Wind und Strömung wird Paula nicht durch die Brücke
kommen, sondern Oliese schleppt uns längsseits. Mit nahezu
Höchstdrehzahl schaffen wir drei Knoten. Sandy steht auf Olis
Vorschiff und sagt: „Mir gefällt das gut so.“ Ich
sage: „Wenn da Musik aus dem Motor käme statt diesem Krach
– dann könnten wir tanzen.“ Dazu haben wir aber keine
Zeit. Dirk nimmt Fahrt raus und hält gegen die Strömung die
Position. Es ist nicht einfach, in den Böen die Büge im Wind
zu halten. Indem ich mit Paulas Ruder helfe, gelingt es schließlich ganz gut.
Die
Schranken sind unten, Dirk gibt Gas. Hinter der Brücke legen wir
an einem Privatsteg provisorisch an, um nicht beim Auflösen des
Päckchens nicht Wind und Strömung hilflos zu vertreiben. Der
Hausbesitzer unterhält sich prima mit Sandy, während ich
Paulas Leinen löse. Inzwischen verspricht Nordnordost vier bis
fünf wunderbares Segeln in den Abend hinein. Das erste Stück
können wir gerade so anlegen, dann fallen wir ab. Im
äußeren Teil des Mariagerfjords verläuft aber das
Fahrwasser, eine schmale Baggerrinne zwischen Wattflächen, im
Zickzack – es folgt ein Schenkel mit Nordostkurs, den wir nicht
anlegen können, sondern kreuzen müssen. Oliese kommt fest.
Ich
bekomme sofort ein schlechtes Gewissen, ohne Motor nichts für sie
tun zu können, nachdem sie uns eben so zuverlässig
durch die Brücke geholfen hat. Ich habe aber großen
Vertrauen zu Dirk: Er weiß, was jetzt zu tun ist, und würde
sich melden, wenn es nicht klappt. Meine einzige Sorge: Das Wasser
fällt rapide ab, wieder freizukommen ist also ein bisschen
zeitkritisch. Wir segeln erstmal wacker weiter. Hin und wieder gucke
ich mich nach Oli um. Mit backstehenden Segeln mehr Krängung zu
erzeugen, klappt offenbar nicht. Hm. Auf dem nächsten
Raumschotsschenkel sieht es zunächst so aus, als bewegte sich Oli
wieder, doch dann stelle ich fest, dass es Paulas Bewegung ist, die
Olieses Projektion vor dem Wald im Hintergrund wandern lässt.
Der
letzte Schenkel nach Nordosten - ich habe keine Lust mehr zum Kreuzen.
Die Strömung ist inzwischen so rapide, dass wir fast beliebig
Höhe laufen können. Mit hin und wieder schlagendem Tuch
bleiben wir über drei Knoten. Ich sehe schon die beiden DS-Bojen
kurz vor Als Odde. An einer hängt das Motorboot, das vorhin mit
uns durch die Brücke gegangen ist. Die zweite ist unverkennbar
frei. Bis hierher war es ein wunderschöner Segelabend mit einer
Prise Nervenkitzel. Paula findet es, es ist nun ein guter Zeitpunkt
für Euphorie. Zuerst gelingt es uns trotz der Strömung im
ersten Versuch, uns an die Boje zu segeln. Schnell ist es ein
Viererpäckchen. Nach dem dritten Blick durchs Fernglas bin ich
überzeugt: Oliese bewegt sich nicht nur wieder, sie ist enorm
schnell. Wir sind noch längst nicht fertig mit Aufklaren, als sie
an Friedas Seite festmacht.
Sandy
hat der Gruppe etwas mitzuteilen: Das Festkommen hatte einen triftigen
Grund, nämlich die Fertigstellung des Kuchens, den sie nun gerne
mit allen teilen würden. Kuchen? Jede und jeder bekommt ein
Stück von der köstlichsten Erdbeertorte, die wir je gegessen
haben, eine ganz fein abgestimmte Kombination aus Teig, Creme,
Früchten, Gewürzen und Schokolade. Natürlich hat Sandy
sie nicht gebacken, während Oli auf Grund saß - das
dänische Konditorhandwerk ist Weltklasse, selbst an einem
ansonsten so trostlosen Ort wie Hadsund. Und wir genießen das
gemeinsam und in Hochstimmung genau zum Sonnenuntergang hier
draußen auf dem flachen Wasser am Übergang vom lieblichen
Fjord zur Weite des Kattegats.
Im
Schein des Ankerlichts, umgeben vom roten und grünen Funkeln,
Blitzen und Blinken der diversen Seezeichen, stellen wir die Wecker auf
eine frühe Stunde. Um zwei Uhr weckt mich ein Rumpeln. An Deck
treffe ich Malte. Wir haben den Wind auf den Hecks, zwischen Paula und
Salty steckt ein gelber Plastikball und rumpelt an den Planken.
Offenbar hat die Strömung das Päckchen so ausgerichtet, die
wiedereinsetzende Brise uns gegen die Boje getrieben. Da lässt
sich wenig tun – ich kürze die Vorleine so weit ein, dass
nur noch Paula die Boje berührt.
Einschlafen
kann ich nicht mehr. Zu sehr bin ich noch erfüllt von Freude
über den unbeschwerten bisherigen Törnverlauf, die
unkomplizierten Gäste, die Leichtigkeit meines Jobs. Dass wir
bisher kaum vorangekommen sind, spielt gar keine Rolle – wir
werden schon noch Strecke machen, dreißig Meilen in den
nächsten Stunden. Ich habe lange überlegt, wie wir mit dem
mittäglichen Flautenloch umgehen. Jetzt machen wir es so:
Auslaufen um vier, die Flautenzone passieren, solange noch durchgehend
Wind ist und gegen Mittag schon in Grenaa sein. Statt mich in der Koje
zu wälzen rappele ich mich auf und koche Kaffee, ganz
gemütlich statt in Eile.
Es
ist gerade so eben hell genug, um die Tonnen eindeutig zu erkennen, als
wir von der Boje ablegen. Ja, es war zu wenig Schlaf, aber ein
Sonnenaufgang auf dem Meer ist immer ein großartiges Geschenk. Es
ist kein besonders abwechslungsreicher Segeltag – nach Verlassen
des Fahrwassers nur noch geradeaus, nach Passieren der Seehundbank
nichts mehr zu gucken, zum Schluss noch eben ums Eck und in den Hafen.
Aber es läuft gut und bringt uns voran.
Grenaa
ist dieser Hafen, wo man nie hinmöchte und immer landet – es
ist selten möglich, ihn auf dem Weg entlang der
jütländischen Küste zu überspringen, weil eine
gewaltige Entfernung dabei herauskommt. Oliese segelt tatsächlich
weiter nach Ebeltoft – Dirk mag Grenaa nicht. Ich weiß,
dass er auch Ebeltoft nicht mag, doch vielleicht gefällt ihm der
dortige Hafen eine Spur besser. Es kommen nochmal 28 Meilen zu den
bisherigen 30, der Wind dreht ungünstig, die Strömung
läuft nordwärts. Dirk und Sandy haben Elan und können
einander ablösen. Beate und ich sind nach Aufstehen um drei Uhr
und
acht Stunden an der Pinne müde.
Paula
und ich landen also zum fünfzehnten Mal in Grenaa. Zum zehnten Mal
sind die Charterboote dabei. Unvermeidlich bei 6-7 und zwei Metern
Welle: Der nächste Hafentag. Das geht hier ganz gut: Ausschlafen,
Bootspflege, Einkaufen. Nachmittags Besuch im Kattegat Center.
Zwischendurch unterhalte ich mich prima mit Lucy und Beate. Es
fühlt sich gut an, mich mal nicht nur aufs Segeln zu reduzieren
oder darauf reduziert zu werden. Andere Sachen bewegen mich derzeit
mindestens genauso viel. Zum Beispiel Werdegänge: Von Nicolas zu
Imogen, vom Mädchen zur Frau, solcherlei Dinge. Abends grillen wir
gemeinsam. Ich fühle mich als Teil dieser Gruppe, nicht als der
Große Zampano, der ganz allein den Laden am Laufen hält.
Es
folgen einige Tage mit grenzwertigem Wind. Donnerstag scheint in dieser
Hinsicht der beste zu sein, also wählen wir ihn für die
weiteste Strecke: 40 Meilen zur Knebel Vig nördlich von Aarhus. Es
ist fast durchgehend weniger Wind als erwartet, bis zur Abendbrise
schaffen wir selten kontinuierlich vier Knoten. Es wird also ein langer
Tag, aber es ist lustig, wie der Wind immer mitdreht von Nord auf
Süd, wir fast immer ausgebaumt segeln, und wie an jeder Ecke die
nächste Halbinsel auftaucht. An der Arhus Bugt segelt man in der
Regel vorbei. Nun bin ich neugierig auf die kreisrunde kleine Bucht,
die in der Seekarte so ungewöhnlich und verlockend aussieht. Trotz
diverser Untiefen entlang der Strecke, an der schmalen Einfahrt und in
der Bucht geht es heute ohne Grundberührung.
Insgeheim
hatte ich auf etwas Besonderes gehofft, hohe Klippen ringsum
oder ein gigantisches Blütenmeer vielleicht. Gleichwohl werde ich
nicht enttäuscht, auch nicht vom gemütlichen kleinen Hafen.
Es ist einfach genauso, wie ich es erwartet habe. Wir sind in Dänemark:
Wenige Sachen sind wirklich spektakulär, und die
meisten davon sind aus Blätterteig und enthalten reichlich Vanillecreme und Zucker. Knebel Vig ist einfach ein
hübscher, ruhiger Platz auf der Welt, mit einem freundlichen Hafen
– und einer interessanten Einfahrt, schmal und eng, in der Mitte
tief mit markanten, steilen Kanten zu den Untiefen hin, aber nur einem
einzigen grünen Tönnchen.
Freitagmorgen
pfeift es gewaltig in den Riggs. Es ist mehr Wind als erwartet, aber kein
Grund zur Krisensitzung – es wird dann eben nur ein kurzer
Schlag, sobald es nachmittags etwas ruhiger wird und bevor es zum Abend
hin wieder aufbrist. Zwar haben wir uns gerade gestern darauf
verständigt, auf einen Besuch von Aarhus zu verzichten. Der
zweitgrößten Stadt Dänemarks wird man mit einem
Kurzbesuch sicher nicht gerecht, doch vor allem haben die meisten
Teilnehmer zu Hause genügend Großstadttrubel und wollen
jetzt lieber ins Grüne. Allerdings ist der Holzboothafen in Aarhus
der beste Hafen, den wir in drei Stunden erreichen können. Es ist
sogar ein wirklich guter Hafen, umgeben von Bäumen statt
Häusermeer, und reichlich Platz in einer hübschen Ecke. Und
ja – es hat ja schon was, in so eine Großstadt zu segeln.
Lange
aufhalten wollen wir uns aber nicht. Es bleibt vorerst dabei, dass
immer nur kurze Zeitfenster einen Segelschlag nahelegen. Also
kombinieren wir in der Aarhus Bugt Segeln und Landgang. Bisher haben
wir ausschließlich in Festlandhäfen gelegen – das
fühlt sich verkehrt an in einem Land, das zu einem so großen
Anteil aus Inseln besteht. Als Nächstes huschen wir also morgens
nach Tunø rüber. Es ist der meiste Wind bisher – bei
halbem Wind 5-6 mit reichlich Gischtgespritze ist es eine zügige
Überfahrt. Nachmittags soll es aufbrisen, deshalb die frühe
Stunde. Der Hafen macht einen recht vollen Eindruck. Man muss bei
erheblicher Brandung reichlich Höhe laufen, um reinzukommen. Zu
viel Welle für den Außenborder, erst beim Fähranleger
ist sie weg – das Einlaufen verspricht anspruchsvoll zu werden.
Es wird nicht besser dadurch, dass mein Funkspruch Verwirrung stiftet:
Während Paula auf die Einfahrt zuhoppelt, möchte ich vor
allem Beate gedanklich darauf vorbereiten, hier nervenstark mit dem
Groß reinzusegeln. Die Zweiercrews haben den Vorteil, dass im
Fährhafen eine Person das Groß bergen kann, während die
andere sich aufs Motoren konzentriert. Einhand ist das keine Option.
„Lasst Paula aber erstmal anlegen“, endet meine Durchsage.
Salty
ist ein Stückchen zurück und hat mich nur verrauscht
gehört. Während ich einen Platz für unseren
Aufschießer suche, vergewissert Malte sich bei den Anderen, dass
er es richtig verstanden hat. Die Botschaft, die sich aus diesem Dialog
entwickelt: Segel bergen und sofort reinmotoren! Tatsächlich ist
es ziemlich voll. Ganz innen gibt es vielleicht noch ein paar
Liegeplätze, die ich von hier nicht sehe. Ansonsten einen einzigen
Längsseitsplatz, wo wir alle vier im Päckchen liegen
können. Die Mole ist reserviert für Boote ab 12 Metern Länge, die Lücke
aber keine zehn Meter lang. Wir brauchen drei Anläufe, bis das
Tempo passt.
Paula
ist gerade mit zwei Leinen halbwegs fest, als ich im Augenwinkel Frieda
ankommen sehe. Beate hat das großartig gelöst: Draußen
schon den Außenborder runtergelassen und gestartet, im Vorhafen
die Schot aufgemacht, jetzt treibt sie langsam auf den Kopf der
Zwischenmole zu. Ich sprinte hin und schnappe mir eine Vorleine. Dann
renne ich zurück, um Paula fertig anzulegen. Schon kommt Martha.
Nichts ist vorbereitet, Lucy tuckert zu langsam, Martha vertreibt. Dann
sind wir noch damit beschäftigt, Frieda ins Päckchen zu
holen, als Salty auch schon auftaucht. Wie viel einfacher wäre das
doch gewesen, wenn alle draußen auf einen Funkspruch gewartet
hätten. Das war wohl ein Missverständnis, und man darf sagen:
Für die ungewohnt pustigen Bedingungen und die viele
Improvisation hat unser Anlegen enorm gut geklappt.
Warum
ist es hier eigentlich so voll? Zwar ist Samstag, aber das sind nicht
alles Wochenendausflügler aus Aarhus. Eher ist es so, dass ganz
viele noch eine Nacht bleiben, der Hafen sich also gar nicht leert wie
üblicherweise am Vormittag. Und wir sind nicht die einzigen, die
sich für
eine frühe Überfahrt entschieden haben. Tunø ist bei
Familien sehr beliebt – und jetzt verstehe ich den Grund: Erstens
bedeutet das, dass Kinder hier jede Menge Spielgefährten finden.
Zweitens ist die Insel autofrei. Die Kids rennen selbständig vom
Hafen ins Dorf und wieder zurück, brauchen keine ständige
elterliche Aufsicht. Entgegen der Vorhersage nimmt der Wind am
Nachmittag deutlich ab.
Erik ruft an: Er ist gerade auf dem Weg von Kerteminde nach
Tunø, und wo wir uns denn herumtreiben. Wir von dort nach Langør? Spontan ändert er
seine Pläne. Wir sind wieder früh aufgebrochen –
diesmal soll der Wind ab spätem Vormittag schwächeln. Und
auch Langør ist zurecht sehr beliebt, es könnte voll
werden. Vorläufig
dümpeln wir eher, als dass wir segeln. Husch, kommt ein schöner Wind auf, der uns zügig um
den Nordteil von Samsø bringt. Beim Einlaufen in den Stevns
Fjord bin ich irritiert. Selbst mit dem Fernglas sehe ich so wenige
Masten, dass ich den Hafen kaum finde. Im Laufe des Tages füllt er
sich höchstens zu einem Drittel. Erik hält mich über die
diversen Flautenlöcher auf dem Laufenden und trifft ein, als es
gegen Abend zu regnen beginnt.
Am
pustigen, sonnigen Hafentag unternehmen wir einen Ausflug nach
Nordby. Mit dem Fahrrad bekommt man einen guten Überblick
über die große Insel: Sandstrand, Heidelandschaften,
Steilküsten und jede Menge Verkaufsstände mit Kasse des
Vertrauens. Nordby ist definitiv das touristische Zentrum von
Nord-Samsø, mit Cafés und Boutiquen und pittoreskem
Charme. Mir fällt eine Regenbogenfahne auf, und dann bin ich
wirklich erstaunt: Es gibt bunte Steine zu kaufen in allen queeren
Farbgebungen und der Aufschrift „Samsø Pride“. Wir
kehren ein zu Kaffee und Kuchen. Abends essen wir alle gemeinsam im
Hafenrestaurant.
Vorher
Briefing…hm…ich muss ja irgendetwas erzählen. Schon
lange und die ganze Zeit stabil sah die Prognose für den Dienstag
nach dem großen Tag aus: Passender Wind für einen langen
Schlag durch den Großen Belt nach Süden. Darum habe ich die
ganze Törnplanung gruppiert. Alternativen gab es kaum – die
vergangenen Tage haben mit ihren kurzen Zeitfenstern haben wir ideal
genutzt, für den unvermeidlichen Hafentag war Langør genau
der richtige Ort. Ab Mittwoch zeichnet sich ein flautiger bis
schwachbrüstiger Südost ab – was wir am Dienstag nicht
schaffen, wird später mächtig zäh. Die Strecke durch den
Großen Belt ist erheblich kürzer als durch den Kleinen. Aber
es gibt nur wenige wirklich sehenswerte Orte. Um mit dem Südost
wieder etwas anfangen zu können, müssen es sowieso die
kompletten 50 Meilen bis Agersø in einer Rutsche sein.
Aber
was werden wir wirklich schaffen an diesem Dienstag? Wir können erst los,
wenn sich der Westwind auf ein vertretbares Maß beruhigt hat. Wir
verabreden uns um sieben Uhr mit segelklaren Booten und der Option,
noch eine Stunde abzuwarten, während der Wind weiter
nachlässt. Leider ist zu erwarten, dass es gegen Mittag um
Samsø herum und im Nordteil des Großen Beltes noch einmal
gehörig aufbrist. Angesichts eineinhalb Knoten mitlaufender
Strömung sehe ich kein Problem: Wir werden dann schon weiter
südlich sein. So verkünde ich es beim Briefing - bevor ich in die Koje gehe, gucke ich nochmal das
Wetter an, und oh je! Auslaufen ist frühestens um 9 möglich.
Zwischen 12 und 1 gibt es nochmal 7er Böen. Wir sind dann
vielleicht gerade so an Kalundborg vorbei, das Windfeld reicht aber
fast bis Musholm. Kopfschüttelnd lasse ich das auf mich wirken und
sehe ein, dass wir dann wohl bis abends warten und durch die Nacht
segeln müssen. Die Gruppe hat schon durchblicken lassen, dass sie
diese Variante nicht bevorzugt. Zum Glück kann ich die
Entscheidung auf den Morgen verschieben.
Und
da ist dann totales easy going: Wir legen ab um kurz vor 9. Siebener
Böen sind allenfalls
nördlich von Kalundborg zu erwarten und erst ab 14 Uhr. Es ist also alles
safe. Um eine so weite Strecke zu schaffen, ohne völlig
übermüdet ans Ziel zu kommen, darf es gerne zügig gehen
– konstant 7 Knoten über zwei Stunden hinweg schaffen wir
nicht allzu oft. Heute wird es so phantastisch weiterlaufen
bis…es nicht mehr läuft. Nördlich der Brücke
bleiben wir im Flautenloch stehen. Die Strömung kentert. Meine
Laune ist im Keller. Stundenlang habe ich mir vorher den Kopf zerbrochen, wann
und wie und wo wir zu viel Wind vermeiden – Flaute finde ich
jetzt schwer zu akzeptieren. Es dauert eine halbe Stunde, dann nehmen wir
allmählich wieder Fahrt auf. Und bleiben nochmal stehen, diesmal
eine ganze Stunde. Durch die Großer Belt-Brücke geht es dann
wieder mit gut fünf Knoten, eine Stunde später segeln wir in
die Abdeckung von Agersø.
Geschafft:
Noch drei Tage Zeit, wir sind schon in Reichweite unseres Ziels. Bei
leichten Winden aus wechselnden Richtungen ist ein pünktliches
Eintreffen garantiert, und wir können uns in kurzen, genussvollen
Schlägen noch ein wenig entspannen. Für mich sind die
Häfen auf den ersten Blick nicht mehr so spannend, hier kann ich
jedes Jahr hin, sogar mehrfach, wenn ich möchte. Die Gäste
sind zum ersten Mal auf Agersø. Die Gratisfahrräder sind
hier eine wesentliche Attraktion, also gönnen wir uns den
Vormittag, um sie zu benutzen. Im Wesentlich fährt jede einmal zum
Kaufmann, denn für abends ist noch einmal Grillen geplant.
Die
neunzehn Meilen rüber nach Fyn dürfen noch einmal als echtes
Highlight gelten. Bei schwachem Brischen laufen wir aus und nutzen die
Strömung im Agersø Sund für den Weg zur Nordspitze.
Rüber zum Tiefwasserweg ist der Wind ein wenig unstet und die
Strömung gegen uns, aber es geht einigermaßen zielstrebig
voran. Wie schon gestern beweist Murphys Gesetz seine Gültigkeit:
Vorher kein Verkehr, nachher kein Verkehr, aber gleichzeitig mit uns
nähern sich vier nordgehende und ein südgehender Frachter.
Praktischerweise
liegen der Leuchtturm Vengeance Grunde auf der grünen und eine
Fahrwassertonne auf der roten Seite genau an unserer Kurslinie. Wir
müssen also keine Schlenker fahren, um mit bloßem Auge
erkennen zu können, wann wir in Weg T eindringen und ihn wieder
verlassen. Salty ist allerdings ein bisschen nach Norden vertrieben und
hat diese optische Referenz nur bedingt. Und Malte ist noch nicht darin
geübt, Entfernungen und Relativgeschwindigkeiten auf dem Wasser
einzuschätzen. Ein bisschen erschwert wird das
durch die diversen Biegungen des Schifffahrtsweges in diesem Bereich
– die nordgehende Schiffe ändern kurz, bevor sie uns
erreichen, noch einmal deutlich ihren Kurs.
Paula
nähert sich der roten Tonne. Zwei dicht hintereinander nordgehende
Tankschiffe gehen vor uns durch. Ein drittes Schiff ist am
Fahrwasserknick. Salty fährt stoisch weiter. Soll ich? Soll ich
nicht? Ich möchte niemanden bevormunden, der die Sache bestens im
Griff hat. Aber ich möchte auch niemanden im Stich lassen, der auf mich vertraut. Unterhalb der
Schwelle einer versenkten Salty gibt es ja auch noch den Aspekt, den
Seeleuten das Leben möglichst einfach zu machen. Anders als wir
sind sie nicht zum Spaß unterwegs. Paula erreicht die Tonne, das
Schiff ist auch nur noch ein, zwei Kabellängen entfernt. Auf der
Brücke dürfte man perfekt erkennen, dass wir uns eindeutig
außerhalb befinden. Martha und Frieda folgen uns in geringem
Abstand. Ich rufe Salty über Funk und empfehle Abdrehen und
Warten. Malte erklärt, nach seiner Einschätzung würden
sie locker vor dem Frachter vorbeikommen. Klar, dort weiter
nördlich kommt er ein bisschen später an – bin ich mal
wieder übervorsichtig? Der Kapitän gibt die Antwort: Einen
langen, lauten, unmissverständlichen Warnton. Salty wendet und
segelt zurück.
Nach
dieser unterhaltsamen und lehrreichen Begegnung bekommen wir stetige
vier Beaufort und segeln zügig nach Lohals. Wo möchten wir
überhaupt hin? Meine Überlegung ist: Insgesamt ist zu wenig
Wind für irgendwelche Abstecher, wir sollten uns entlang der
direkten Strecke nach Thurø halten, und die führt durch den
Lundeborg Belt. Es wäre schön, in der letzten Nacht noch
einmal zu ankern, doch für Donnerstagabend gilt eine
Gewitterwarnung. Also wird es ein Hafen möglichst nah an
Thurø – es kommt fast nur Dageløkke in Betracht.
Heute könnten wir nach Nyborg, wenn wir denn Lust hätten auf
eine langweilige Kleinstadt. Haben wir aber nicht, und so stehen nur
noch Lohals und Lundeborg zur Wahl. In den letzten 18 Jahren habe ich
abwechselnd einen der beiden Häfen gerne gemocht und den anderen
möglichst gemieden, ohne sagen zu können, woran das gerade
lag. Ein handfesteres Auswahlkriterium könnte die Windrichtung
sein, aber bei Südwind ist es wirklich egal. Mein Gefühl
sagt: Lundeborg gefällt mir momentan ein minikleines Bisschen
besser.
Wir
fallen also ab und sausen durchs Smørstakke Løb. Es sind
durchaus 5er Böen im Spiel und ein bisschen Welle. Ein bisschen
viel Welle zum Motoren, scheint mir – das Einlaufen in den engen,
potenziell vollen Hafen könnte für die Gäste wieder spannend
werden. Bevor ich mir darüber den Kopf zerbreche, sehe ich schon
den hellen Streifen kurz vorm fynschen Ufer – auf die letzten
Meter ist offenbar kein Wind mehr, dementsprechend auch keine Welle.
Tatsächlich besteht die größere Schwierigkeit darin,
bei leichter nordgehender Strömung und gaaanz schwacher Brise nicht
die Hafeneinfahrt zu verfehlen. Einen Holeschlag später segelt
Paula rein. Ich berge die Fock zwischen den Köpfen der
Außenmole. Auf der Innenmole steht der Hafenmeister und
verspricht uns genügend Platz im Gamle Havn. Prima, den hätte
ich sowieso bevorzugt. Zwei Knoten und fast schon da – schnell runter
mit dem Groß.
Ich
stelle fest, dass ich Lundeborg ausgesprochen cool finde! Es ist voll,
lebhaft, wuselig – das liegt zu einem guten Teil an den vielen
Kindern, die in der Ferienzeit unterwegs sind. Ein bisschen betrachte
ich Häfen inzwischen - anders als in den Jahren, in denen ich
alleine mit Paula unterwegs war und hauptsächlich Ruhe und
Einsamkeit suchte – durch die Augen der Chartergäste. Den
Sandstrand gleiche nebenan finden die natürlich klasse. Und wir
wollen ja grillen. Nie habe ich mich darum gekümmert, ob
es in Lundeborg Grills gibt. Die Antwort lautet jedenfalls:
Es gibt einen zentralen Großgrillplatz. Das Design ist
bemerkenswert, nackter Beton gilt in Frankreich, Großbritannien
und offenbar auch Dänemark weiterhin als schick. Und das layout
ist kommunikativ, ohne verschiedene Gruppen allzu aufdringlich
gegenseitig Nähe aufzudrängen. Ich finde: Dies ist nicht
irgendein, sondern ein wirklich innovativer, vorbildlicher Grillplatz.
Vorm
Auslaufen gehe ich gleich noch ins Pakhus. Es dient heute
Künstlerinnen und Kunsthandwerkern aus der Gegend als Ausstellungs-
und Verkaufsraum. Neben schönen Impressionen und nützlichen
Anregungen nehme ich zwei Halsketten und einen Gürtel mit –
und in einem solide restaurierten Fachwerkhaus von 1830 bin ich auch
nicht jede Woche unterwegs. Bisher war immer geschlossen, wenn ich in
Lundeborg war. Oder wir hatten es eilig mit dem Auslaufen. Oder ich
hatte keine Lust auf Kunsthandwerk.
Auslaufen
tun wir auch jetzt. Gerade ist ein bisschen Wind aufgekommen. Für
die kurze Strecke rüber nach Dageløkke brauchen wir nicht
den Südost 5-6 von später oder den Südwest am Abend nach
dem Frontdurchgang. Es reichen die 2-3 Windstärken über
Mittag. Leider verabschieden die sich, sobald Paula aus dem Hafen ist.
Die anderen haben nur ein paar Minuten Vorsprung. Aber sie haben auch
ein paar Minuten länger Wind. Und der bringt sie ein kleines
Stück weiter nach Osten, von wo aus sich, bisher nur im Fernglas
erkennbar, Meter für Meter ein lebhaftes Windfeld nähert.
Paula treibt vor Lundeborg, bis ihre Schwestern außer Sicht sind,
und die Gäste bei frischer Brise auf eigene Faust anlegen
müssen. Oder dürfen.
Von
Süden nähert sich Oliese, als wir im approach sind. Sie
segelt zwei Minuten vor Paula in den Hafen. Ich bin äußerst
happy mit unserem beinahe perfekten Manöver: Es wäre ein
Fehler, mit vollem Speed von über fünf Knoten in den recht
kleinen Hafen reinzuknallen, aber bei Südost lässt sich die
Fahrt sehr gut über die Großschot regulieren. Am Tonnenpaar
mache ich auf, bis das Groß schlägt. An der Einfahrt ist
Paula auf zwei Knoten runter, und ich nehme die Schot kurz ein wenig
dichter. Im Becken mache ich ganz auf und segele einen
Beinaheaufschießer diagonal rüber in die luvwärtigste
Ecke. Als ich sicher bin, dass Paula einen Pfahl erreicht, löse
ich das Großfall. Mit der Bugspitze achtzehn Zentimeter neben dem
Pfahl bleibt Paula stehen. Vorleine. Zeising, Großschot dicht.
Vorleine wieder los und abstoßen – hier wollen wir gar
nicht liegen, sondern am liebsten direkt an der Ausfahrt. Das ist
morgen bei Nordwest der beste Ausgsangspunkt. Auch Oliese liegt dort
innen an der Außenmole, und wir haben uns viel zu erzählen.
Die wichtigste Nachricht von Dirk und Sandy: Ja, sie haben Kuchen
dabei! Auch sie fanden kollektives Kuchenessen an der Boje im
Mariagerfjord so toll, dass sie extra in Rudkøbing anlegt haben,
um einen Konditor zu suchen.
Nur
noch schnell rüber nach Thurø? Schon das Auslaufen ist
spannend bei mäßigem Nordwest. Paula schafft es, mit einem
Holeschlag fast gegen den Wind aus der engen Rinne zu segeln. Grobe
Richtung Thurø Rev, Kardinaltonne schon in Sicht – dann
die Flaute. Heute habe ich mit ihr gerechnet und kann sie gut ertragen,
nochzumal uns die Strömung weitertreibt. Malte kündigt per
Funk an, den Rest zu motoren. Er glaubt zu wissen, dass in zwei Stunden
wieder Wind kommt – nach meinem Wetterbericht sind es eher drei.
Tatsächlich füllen sich Paulas, Marthas und Olieses Segel,
sobald auf Frieda und Salty die Außenborder laufen. Für die
Lunkebugt genügt die laue Brise. Im Svendborg Sund brauchen wir
gegen die Strömung richtigen Wind – und bekommen ihn. Das
ist alles wie bestellt – und ein würdiger Abschluss für
zwei richtig tolle Segelwochen.
zurück: Nordsee

