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Nordsee
(Sommerreise Teil 2)
Prächtige Dünung, meterhoch, aber lang und sanft.
Sandstrand, Dünen, Strandhafer. Zwei Delfine als
Spielgefährten. In meinen Augen ein paar Tränchen der
Rührung, im Inneren ein tiefes Glücksgefühl.
Es ist wirklich wahr: Wir segeln auf der Nordsee!
Juli 2026
Es begann vage
als spontan Idee, als eine der vielen Möglichkeiten, uns im
Limfjord die Zeit zu vertreiben, skizziert beim ersten Briefing mit der
neuen Gruppe: „Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit zu
einem Ausflug auf die Nordsee.“ Eben erst habe ich
gesehen,
dass der Thyborøn Kanal keineswegs ein modernes Betonbauwerk
mit
Schleusen und lauter Großschifffahrt ist, wie ich ihn mir
vorgestellt habe - sondern ein bei einer Sturmflut entstandener
Durchbruch zwischen den Dünen, wo seitdem
regelmäßig
gebaggert wird, damit er nicht versandet. Anders gesagt: Man
segelt
einfach rein und raus. Und womöglich merkt man gar keinen
Unterschied. „Es wird ein kurzes
Vergnügen“,
schränke ich sofort ein, „höchstens eine
halbe
Stunde.“ Und: „Ich hab keine Ahnung, ob sich der
Aufwand
überhaupt lohnt.“ Wenig Reaktion von den
Gästen:
Allenfalls ein Anflug abenteuerlustigen Funkelns in Karsten Augen.
Doch
jetzt
fühlt es sich an wie die sehnlich erwartete Erfüllung
eines
lange gehegten Traums. Paula, Oliese und Salty haben sich
frühmorgens in Lemvig auf den Weg gemacht. Wir haben
großes,
großes Glück, denn es ist eine seltene Gelegenheit:
Nur am
heutigen Tag passt der Abstecher in die Törnplanung, und
ausgerechnet heute - wirklich nur heute, denn bis gestern und ab morgen
pfeifen hier beharrlich siebener Böen drüber! -
passen sowohl
der Wind (drei Beaufort aus West) als auch die Tide (Hochwasser am
späten Vormittag) zu unserem Plan. Als wir am Hafen
vorbeisind,
öffnet sich die ganz große Weite: Offenes Wasser bis
zur
englischen Ostküste. Auf nach Newcastle? Esbjerg? Skagen? Wir
spielen lieber noch ein bisschen mit den Delfinen, die sich einen
Spaß daraus machen, neben Paula auf- und
anschließend unter
ihr durch zu tauchen. Wir fahren ein paar Wenden. Ob das die beiden
verwirrt?
*
Gluthitze,
tägliche Flauten, dazu mein eskalierendes
Unwohlsein der Gruppe - der erste Reiseteil von Arnis nach
Aalborg war, es
lässt sich nicht beschönigen, eine Tortur. Karsten
und Angie
haben mir sehr geholfen, sie durchzustehen. Ich bin froh, dass sie noch
bleiben – sicher werden wir im einen oder anderen
Gespräch
das Geschehene aufarbeiten. Und nachdem ihr Urlaub unter meiner kranken
Psyche gelitten hat, gilt es bei den beiden etwas gutzumachen.
Samstag
wäre perfekter Segelwind, doch er vergeht mit Warten auf die
einzigen Neukunden. Sonntag haben wir bei Sonnenschein und 8er
Böen nach der Einweisung viel Zeit für Stadtbummel.
Aalborg
ist eine seltsame Stadt. Im Zentrum sind viele alte Gebäude
aus
sämtlichen Epochen erhalten – doch sie stehen
vereinzelt
zwischen modernen Bausünden und ergeben kein Ensemble oder
stimmiges Gesamtbild. Der Grund ist, dass Aalborg Anfang des 20.
Jahrhunderts eine rasante Entwicklung zur Industriestadt erfuhr. Alles,
was dabei im Wege stand, wurde abgerissen – nur durch Zufall
blieben also die restlichen Baudenkmäler übrig.
Nach
dem Niedergang der Industrie und Abriss vieler Fabriken gab es in den
letzten 25 Jahren den nächsten Strukturwandel. Vor allem die
Wasserfront ist nagelneu bebaut mit Wohnraum und Büros. Warum
die
Kontorhäuser aus dem 17. Jahrhundert heute
ausschließlich
als Pizzarestaurants oder Irish Pubs genutzt werden,
erschließt
sich mir nicht. Die Aussicht von der Dachterrasse des
Salling-Kaufhauses ist jedenfalls ganz gut, und im von oben
erspähten Sportgeschäft in der
Fußgängerzone finde
ich eine wundervolle neue Regenjacke.
Nach
all den Hafentagen in Aalborg ist dann die Begeisterung groß:
Endlich
legt Oli als Erste ab! Und sofort wieder an. Dazwischen macht Karsten
kurzzeitig ein extrem irritiertes Gesicht mit der Pinne lose in der
Hand. Er stülpt den Ruderkopfbeschlag wieder aufs
Ruder, stellt
fest, dass er so wie gewohnt steuern kann, und fährt einen
souveränen
Aufschießer. Kopfschüttelnd hole ich das
Schraubensortiment.
Vierzehn Schrauben sind restlos weg. Die haben sich nicht über
Nacht gelöst. Ich drehe längere in die vorhandenen
Löcher. Mit gelegentlichem Kontrollblick sollte das
funktionieren.
Nachdem die Sommerreise mit einem schlechten Vorzeichen begann, habe
ich jetzt das Gefühl: In der geheimnisvollen Wunderwelt, die
sich
um die Boote dreht statt um die Sonne, ist ein unerklärliches
Missgeschick wie das mit der Pinne ein gutes Zeichen –
Reiseteil
zwei wird besser als der erste.
Das
heißt nicht, dass es ohne Spaßbremsen geht. Bin im
Umgang
damit geübt oder einfach schon mächtig abgestumpft?
Oder
hilft es, die restlichen Gäste auf meiner Seite zu wissen? Auf
jeden Fall halte ich besser durch als mit der letzten Gruppe: Saltys
Crew betrachte ich seit ihrer ersten Buchung als Grenzfälle.
Was
vor allem fehlt, ist Situationsbewusstsein. Unzählige
Fehler
haben bisher mit Glück und der Umsicht Anderer nicht zu
größeren Schäden geführt. Spreche
ich die Situation an, kommt als Reaktion in
der Regel ein „Sorry, da hab ich gepennt“ oder
„Ja,
das war blöd.“ Wir hatten bestimmt alle in der
Grundschule so einen Mitschüler, der sich, nachdem die Frage
beantwortet war, vehement zu
Wort meldete: „Wollt‘ ich auch sagen!“
Ein
Übungswochenende im Frühjahr sollte Abhilfe schaffen
–
vor allem, indem die Vorschoterin mehr Verantwortung übernimmt
und
der Skipper übt, das wertzuschätzen. Ich hoffe sehr,
dass es gelingt. Dass es besser wird. Machen wir es kurz: Nach zwei
Segeltagen Optimismus bin ich um so enttäuschter. Ich gebe
auf.
Die
Newcomercrew auf Frieda erweist sich als ernst und freudlos: Kein
Lächeln oder gar ein Lachen, kein Anzeichen von so
etwas wie
Begeisterung. Schon gar nicht von Selbstironie. Im Gespräch
wird
nie gelobt, immer problematisiert. Ich möchte fragen:
„Warum
habt ihr das überhaupt gebucht? Warum habt ihr nicht vorher
ein
paar Törnberichte gelesen?“ Ich finde, von dieser
Lektüre bekommt einen guten Eindruck, wie das bei uns
läuft. Zumindest sollte sie ersichtlich machen, dass
wir
durchaus auch bei Windstärke fünf auslaufen oder bei
unter
drei Knoten nicht sofort mit Vollgas zum nächsten Hafen
motoren.
Paula
kann sowieso nicht motoren. Am Donnerstag in Aalborg waren Holger und
ich noch hochoptimistisch, den Fehler von Marthas Außenborder
gefunden zu haben. Doch obwohl der zugesinterte Thermostat wieder
gängig war, kam weiterhin kein Kühlwasser. Mir fiel
nur noch
ein, mit Paula die Motoren zu tauschen. Angesichts der zahlreichen
Brücken im Limfjord ist das nicht ideal – zur Not
müssen wir geschleppt werden. Ich briefe Angie und Karsten in
dieser Hinsicht.
Zweiter
Versuch: Die Boote legen ab, Reiseteil zwei beginnt mit Kreuzen. Nach
der Erfahrung vom letzten Besuch vor fünf Jahren habe ich
eindringlich darauf hingewiesen: Vor allem im Bereich von Egholm,
gleich nach Verlassen des Hafens und ohne jegliche Betonnung, trennt
eine extrem steile Kante das zwölf Meter tiefe Fahrwasser von
der
seichten Uferzone – am sichersten wendet man, sobald es von
den
zwölf Metern aus flacher zu werden beginnt. Friedas Crew
probiert
es aus. Immerhin kommen sie aus eigener Kraft wieder frei. Ohne weitere
Grundberührungen kreuzen wir weiter. Der weltschönste
Segeltag ist es nicht: Der Wind wird schwächer und
schwächer.
Die Strömung hat gegenüber anfangs deutlich
nachgelassen,
aber bei nur zweieinhalb Knoten tut sie weher als vorher bei vier
Knoten. Aus dem Niesel wird ernsthafter Regen. Zwei Knoten, dann nur
noch anderthalb.
Ich
sehe nicht mehr, dass wir heute noch nach Løgstør
kommen.
Zum Glück sind wir gerade beim Abzeig nach Attrup. Die
Betonnung
ist bei guter Sicht schon etwas verwirrend – jetzt im Regen
lassen sich überhaupt keine Entfernungen mehr
einschätzen,
alles ist grau-in-grau, selbst die roten und grünen Tonnen.
Welche
davon gehören zum Haupt-, welche zum Nebenfahrwasser? Und zu
welchem Neben-Nebenfahrwasser gehören die, die in der Seekarte
nicht verzeichnet sind, aber eindeutig da drüben liegen? Ich
lasse
sie aus, es ist tief genug, wenngleich etwas flacher, als laut Karte zu
erwarten. Salty und Frieda folgen uns. Wir sind erfolgreich.
Dienstag
machen wir - wer hätte das gedacht? - Hafentag. Sonnenschein
und 8er Böen. Attrup ist ruhig
und entlegen, bietet kein Entertainment, das wir nicht selbst
mitgebracht haben – genau das richtige also nach Anreise,
Tagen
in der Stadt und anstrengender Kreuz. Mittwoch gibt es endlich einen
„richtigen“ richtigen Segeltag. Sogar einen
ausgesprochen
tollen, abwechslungsreichen, rundum gelungenen Segeltag. Die restlichen
acht Meilen bis Løgstør sind auch nochmal eine
Kreuz,
aber diesmal bei Sonne und vernünftigem Wind. Die
Brücke passieren wir segelnd, die endlos
erscheinende, schnurgerade Rinne durch die seichten
Løgstør Grunde können wir soeben und
eben anlegen.
Dann fallen wir ab, sausen mit 5-6 Knoten südwärts
Richtung
Fur. Insgesamt sind es zwanzigeinhalb Seemeilen, gegen Mittag legen wir
an. In diesem Stil wären die Gäste gerne noch
weitergesegelt.
Ich sehe das ein, doch weiter südlich wäre mit
stärkeren
Böen zu rechnen, und ich finde es gut, auf zumindest einer der
Inseln im
Limfjord nicht nur anzulegen, sondern mit genügend Zeit zum
Landgang.
Leider
bietet die unmittelbare Umgebung keinen guten Gesamteindruck, und um
die relativ große Insel in ihrer Gesamtheit kennenzulernen,
ist
ein Nachmittag zu kurz. Wir besprechen lieber unser nächstes
Ziel:
Lemvig. Diesmal sind es dreißig Meilen, reichlich Wind und
auf
dem letzten Stück zwar nicht wirklich Kreuzen, aber ein
längerer Holeschlag in einer holperigen Hoppelwelle.
Lemvig
ist eine sympathische Kleinstadt mit einem angenehm altbackenen Hafen.
Er ist der letzte vor Thyborøn, und auch der einzige in der
ganzen, riesigen Wasserfläche der Nissum Bredning. Wenn wir
uns hier länger
aufhalten, wird die Zeit knapp für den Rückweg. Nach
dem
Ausflug auf die Nordsee müssen wir also die Gegend wieder
verlassen. Das geht nur durch die Oddesund Brücke.
Letzte
Öffnung 17 Uhr 45, die dürfen wir auf keinen Fall
verpassen.
Auch
der Rückweg von Thyborøn läuft reibungslos
und
wunderbar. Um viertel vor drei segeln wir durch die
Brücke und das kurze Stück weiter nach
Venø. Die kleine Insel ist ein echter
Glückfall: Ein überaus freundlicher, kleiner
Wohlfühlhafen auf einer Insel, von der sich in zwei Stunden zu
Fuß ein guter Eindruck gewinnen lässt. Fürs
abendliche
"Inselessen" im Hafenrestaurant hätten wir uns vor Tagen
anmelden
müssen. Die angenehme Livemusik genießen wir gern.
Vormittags finde ich einen schattigen Weg entlang der
Steilküste
und bin sehr zufrieden mit meinem Landgang.
Törnplanung
ist bisweilen Schachspielen. Oder wie ein anderes, noch komplexeres
Brettspiel. Immer hat die Entscheidung, wo wir heute hinsegeln,
Auswirkungen auf morgen. Wir müssen den morgigen Wind kennen,
uns
für ihn eine gute Ausgangsposition ersegeln. Daneben gibt es
andere Faktoren: Ruhiges Liegen, unfallfreies An- und Ablegen,
Haushalten mit den Kräften der Gäste. Es ist ein
bisschen schade, dass wir
die Runde östlich um Mors nicht komplettieren konnten, und wir
haben bisher noch gar nicht geankert, aber nun müssen wir uns
nach
dem Wind richten: Wir haben zwei Tage, um von Venø nach
Løgstør zu segeln, 33 Meilen grobe Richtung
Nordnordost.
Was wir am Samstag bei einem schwachen Südwest schaffen,
müssen wir am Sonntag bei sechser Böen nicht kreuzen.
Ich
plane Zeit für den Landgang ein, vorwiegend, damit wir nicht
in
der unvermeidlichen Flaute Kraft vergeuden, ohne voranzukommen.
Zumindest auf
Venø weht dann deutlich früher als erwartet eine
erstaunlich hübsche Brise. Wir sehen zu, dass wir in Gang
kommen.
Stressfrei und zügig segeln wir an der Westseite von Mors
entlang
nach Norden. Auf der Suche nach einem Tagesziel, das heute bei wenig
Wind erreichbar ist und für morgen bei zeitweise deutlich zu
viel
Wind aus Nordost einen guten Ausgangspunkt bietet, bin ich Ejerslev
gestoßen. Von dort sind es nur zehn Meilen nach
Løgstør, und es ist fast ein reiner Ostkurs.
Ansonsten
habe ich keine hohen Erwartungen – einen praktischen
Übernachtungshafen,
mehr nicht.
Doch
was erblicke ich, als Paula sich dem Hafen nähert? Ein
absolutes Juwel! In der
Abendsonne schimmern Kreidefelsen, eine bizarre Formation, eine
phantastische Kulisse in unmittelbarer Hafennähe. Es wird sich
herausstellen, dass der Hafen im Zusammenhang mit dem Kreideabbau
einst entstanden ist. Bevor ich das alles erkunden und
genießen kann, müssen wir
aber erstmal eine schmale Rinne aufkreuzen. Okay, ist gar nicht so
schmal, sondern lässt sich gut kreuzen. Aber was sind das
für
zwei gelbe Kreuze in der sowieso schon engen Hafeneinfahrt? Es wirkt
so, als müsse man Abstand halten zum südlichen
Molenkopf, an
dem sie angebändselt sind. Machen wir - wer mangelt schon
gerne
gelbe Kreuze über?
Die
Stege sind schlicht, die Gebäude liebevoll, die Stimmung ist
freundlich – das wären schon ausreichend viele
Pluspunkte,
doch wir liegen mitten in einer Touristenattraktion, haben ein weiteres
echtes Highlight zufällig gefunden (oder nicht so
zufällig
– Paula kennt sich hier ja gut aus und weiß, was
bei den
Gästen ankommt). Versteinerungen, Aussichtspunkte, eine Lagune
auf
dem Boden des alten Steinbruchs - hier dürfen wir nicht gleich
morgens wieder verschwinden, sondern müssen uns Zeit lassen,
die
Gegend zu erkunden.
Es
ist ganz praktisch, dass sich spätes Auslaufen ohnehin
anbietet
– diesmal nicht wegen einer Flaute, sondern wegen der
Starkwindböen ab dem frühen Morgen. Diese Brise darf
sich
nicht nur etwas beruhigen, sondern gerne auch von Nordwest auf Nord
drehen, damit es tunlichst keine Kreuzerei wird - weder auf der Strecke
noch in der Baggerrinne durch die Løgstør Grunde.
Gegen
achtzehn Uhr haben wir die Umgebung reichlich genossen, und der Wind
ist runter auf einen recht stetigen Nord fünf.
Beim
Ablegen ist Nervenkitzel im Spiel: Auf der Hafenausfahrt steht
erhebliche
Welle. Am einfachsten und besten kommt man hier raus, indem man am
Pfahl des Liegeplatzes die Segel setzt. Ein schlauchartig schmales
Becken trennt uns vom Längsseitssteg in Lee – man
muss dann
auch gleich Fahrt aufnehmen und lossausen und dabei tunlichst eng bei
den Pfählen in Luv bleiben. Nach Lee sind keine fünf
Meter Platz. Sowas ist nach
Karstens und Ralphs Geschmack.Der Trick ist, vorm
Lösen der Vorleine und leichtem (!) Abstoßen beide
Schoten
dicht zu holen, damit die Segel gleich Druck bekommen, sobald man nicht
mehr im Wind liegt, und das Boot sofort anfährt. Auf keinen
Fall darf man abfallen und/oder vertreiben. Wie eindringlich kann ich
das betonen? Wie eindringlich muss
ich es betonen?
Zuerst
legt Salty ab. Schoten nicht dicht, Vollruderlage Richtung
abfallen - es sieht so aus, als ginge das
Boot bei der Motoryacht in Lee in voller Schräglage
längsseits. Zumindest kann die Familie, die vom Cockpit aus
dem
Spektakel zuguckt, ganz sicher das Großsegel riechen, so
dicht
ist haben sie es vor der Nase. Offenbar gefällt ihnen die
Show:
Sie applaudieren begeistert. Frieda versucht es dann mit
backstehender Fock - der nächste Adrenalistoß! Oli
und Martha dann: Souverän.
Als
Paula ablegt, sind so gut wie alle aus dem Hafen und vom Wohnmobilplatz
auf den Beinen. Ich bekomme Sonderapplaus, als Paula Fahrt aufnimmt
– vermutlich, weil ich es einhand mache. Dabei ist es
natürlich ein gewaltiger Vorteil, mit fast zwanzig Jahren
Erfahrung im Voraus zu wissen, was das Boot braucht und was es macht
und wie es geht. Das heißt aber nicht, dass wir immun sind
für Pannen. Die gelben Kreuze sind bei Gepuste, Schwell und
Hochwasser von ihrem Platz in der Einfahrt vertrieben. Mein Plan ist,
Paula trotzdem dicht am nördlichen Molenkopf zu halten. Ich
winke
der Motorbootfamilie, dann fahren wir einen Holeschlag. Um auf dem Weg
zur Ausfahrt reichlich Fahrt aufzunehmen und mit Schwung durch die
ersten Wellen zu gehen, mache ich das Groß ein
bisschen auf
– und kriege anschließend die Schot nicht schnell
genug in
die Klemme. Ich fahre sie notgedrungen aus der Hand – und
falle zu weit ab. Paula
setzt im Wellental kurz auf.
Sie
wird aber sofort von der nächsten Welle angehoben, und wir
sind
raus. Ich drehe mich um und winke den Zuschauern. Sie dürften
das
kleine Missgeschick gar nicht bemerkt haben. Immerhin ist jetzt der
Sinn der gelben Kreuze geklärt. Den Kurs zu den
Løgstør Grunden können wir gerade so
eben und eben
anlegen, der Wind nimmt noch eine Spur ab, nach zwei Stunden sind wir
im Hafen. Einen Besuch in Løgstør hatte ich von
vornherein geplant – der kleine Ort ist wirklich sehenswert.
Alles scheint hier aus Muschelschalen zu bestehen, der Strand genau wie
die Historie. Heute ist Løgstør unter anderem
eine
Künstlerkolonie. Hier berühren sich auch der Westteil
des
Limfjords mit seinen weiten Wasserflächen und der flussartige
Ostteil. Bevor man in der Lage war, eine Rinne durch die seichten
Løgstør Grunde anzulegen und durch
regelmäßiges Baggern ausreichend tief zu halten,
wurde am
Ufer entlang ein Kanal gebaut. Sein Anfang ist heute der Yachthafen.
Am
dritten Tag in Folge legt der Wind spätes Auslaufen und einen
Dämmertörn nahe: Vormittags Flaute, über
Mittag ein
schwacher Ost, der spätnachmittags über Nord oder
Nordwest
drehen soll. Am dritten Tag in Folge können wir das gut
für
einen ausgiebigen Landgang nutzen. Erst gegen fünfzehn Uhr
legen
wir ab. Anders als gestern und vorgestern geht es aber
zunächst
eher träge voran: Wir brauchen eine Stunde für das
kurze
Stück zur Klappbrücke. Drei Brückenpassagen
konnten wir
segeln, hier gegen schwachen Wind und mäßige
Strömung
lässt Paula sich gerne von Oli schleppen. Danke, Karsten - das
ganze Manöver gelingt vorbildlich. Dann kreuzen wir mit um die
dreieinhalb Knoten an der langen Reihe von Windmühlen entlang.
Am
Abzweig nach Attrup denke ich daran, wie uns auf dem Hinweg hier der
Wind komplett im Stich ließ und wir heilfroh waren
über den
nahen Hafen. Die Windmühlen, an denen wir gerade
vorbeigesegelt
sind, bleiben eine nach der anderen stehen. Wir bewegen uns immerhin
noch ein bisschen von der Stelle, aber kein Anzeichen einer nahenden
Brise aus Nord.
Plötzlich
Gekräusel. Schräglage. Rauschefahrt. Vier Beaufort
aus
Süd! Das entspricht zwar wirklich nicht der Prognose, aber wir
nehmen es gerne. In zwei Stunden segeln wir den Hauptteil der siebzehn
Meilen durch die wunderschöne Abendstimmung. Eine gute Meile
voraus liegt Gjøl, unser Zielhafen. Die Sonne geht unter,
der
Wind schläft langsam, aber unverkennbar ein. Warum
müssen wir
ohne Wind nach Gjøl, wenn hier draußen eine Boje
liegt?
Die Gäste finden die Planänderung gut. Mir war gar
nicht
bewusst, dass Karsten und Angie bei all unseren gemeinsamen
Sommerreisen noch nie geankert haben. Die Boje ist keine Mooring,
sondern die Regattaboje des Gjøl Sejlklub. Also machen wir
ein Stück weiter drei
unserer Anker schmutzig an diesem wunderbaren Platz in der Nibe
Bredning.
Ankern
hat unter anderem den Vorteil, dass niemand wegrennen kann zu
ausgiebigem Duschen, Landgang oder Einkaufsbummel. Wir können
also
früh Anker auf gehen – sobald sich erstes
Gekräusel
zeigt. Dieser Tag ist Mittel zum Zweck: Um Egholm herum nach Aalborg,
dann die dreizehn Meilen entlang von reizlosen, flachen Ufern und
Industrieanlagen nach Mou. Zunächst ist Geduld gefragt, dann
wird
sie belohnt durch eine schöne Brise.
Das
Verhalten speziell der beiden Spaßbremsencrews an den
Brücken zieht sich als Ärgernis durch die zwei
Wochen. Ich
spreche es beim Briefing an. Ich kann aber nicht jedes
Detail von Wind, Strömung und Verkehrssituation vorhersagen.
Dass
Paula keinen Motor hat, also Manövrierraum braucht und nicht
zwingend das Vorbild ist, das alle kopieren müssen; dass wir
generell einander nicht in die Quere kommen dürfen und auch
anderen Booten nicht; und dass die Passage möglichst
zügig
erfolgen soll – muss man das extra ansprechen? In Aalborg bin
ich
wirklich genervt. Ich bin es immer noch, als wir Mou erreichen, und
beim Anlegen stellen sich beide Crews so an, als hätten sie
noch
nie ein Boot manövriert. Am liebsten würde ich keinen
von
diesen vier Personen mehr sehen. Zumindest ignoriere ich sie, so gut
ich kann, sondern widme mich ausschließlich den willkommenen
Gästen von Martha und Salty. Ich bin viel klarer positioniert,
versuche nicht um jeden Preis lieb und freundlich zu sein, lasse meinen
Ärger zu und zeige ihn auch - das bewahrt mich vor der
nächsten Depression. Zwei Tage müssen wir aber noch
durchhalten.
Mittwoch:
Auf dem Kattegat ist Flaute zu erwarten, allzu weit werden wir also
nicht kommen, sondern nur nach Hals, dem letzten Hafen des Limfjordes.
Wir hätten gestern dorthin weitersegeln können, aber
ich
fand, um neunzehn Uhr hätten wir genug geleistet für
diesen
Tag. Außerdem wäre dann heute Hafentag. Den
könnten wir
auch in Mou verbringen, aber am Donnerstag sollen wir fast vierzig
Meilen schaffen, und es ist ein schwachwindiger Beginn zu
befürchten – da werden wir uns womöglich
freuen,
zumindest die drei Meilen heute schon zu erledigen. Und das werden
wir schaffen, selbst gegen die Strömung.
Doch
es scheint, als schliefe pünktlich zum Ablegen die Morgenbrise
ein. Mit schlaffen Segeln wrigge ich Paula um zehn Uhr aus dem Hafen.
Salty ignoriert wieder einmal die Betonnung und kommt beim Verlassen
des Hafens fest. Das ist diesmal total clever: Paula beginnt
nämlich sofort, hinter Oliese her
Richtung Aalborg zu treiben. Auf Höhe des Campingplatzes
gelingt
es uns immerhin, die Position zu halten. Das tun wir so lange, bis ich
befürchte, der Platzwart werde gleich zum Kassieren zu uns
waten.
Hier und da zeigt sich Gekräusel. Oliese nimmt wieder Fahrt
auf.
Martha und Frieda bleiben in der Nähe des Hafens, schaffen es
sogar ein Stück Richtung Hals. Salty ist wieder frei.
Zehn
Uhr fünfundfünfzig: Erstmals seit dem Auslaufen ist
Paula wieder an der Hafeneinfahrt von Mou! Wir könnten wieder
anlegen
und auf stetigen Wind warten, aber gerade läuft es zumindest
ein bisschen im flachen, strömungsfreien Wasser in
Ufernähe kommen wir
merklich voran. Nach zehn Minuten sind wir zurück am Hafen.
Aber
jetzt entfaltet sich wirklich eine stetige, schöne Brise, und
wir kreuzen
nach Hals.
Der
Kontrast könnte kaum größer sein: Eben noch
lagen wir
in einem ruhigen, kleinen, unprätentiösen
Vereinshafen mit
liebevoll in Schuss gehaltenem Clubhaus zu unserer Verfügung.
Jetzt sind wir im Sehen-und-Gesehenwerden einer modernen Marina, wo die
durchschnittliche Schiffsgröße deutlich
über vierzig
Fuß liegen dürfte und es zum späten
Nachmittag
übervoll und wuselig wird. Der Ort, eher gesagt die
strukturlose
Siedlung, ist selbst am Tag des Stadtfests mit Flohmarkt nichtssagend.
Immerhin
gibt es zwei Supermärkte, aber meine Vorräte sind
noch
komplett. Eine Sache jedoch bietet Mou nicht: Ein
Restaurant an der Promenade, Aussicht auf Limfjord und Kattegat, im
Angebot ein erlesenes Buffet mit Fischgerichten und
Meeresfrüchten.
Der
letzte Segeltag ist lang und kontrastreich: Wir schleichen uns in der
Morgensonne aus dem Hafen. Zum Verlassen des Limfjords brauchen wir vor
allem Geduld. Kurz nach der Hals Barre, wir sind schon auf
Südlurs, kommt
endlich Wind. Der hat sich für heute auch eine Menge
vorgenommen
– er dreht von Nordwest auf Südost. Und er bringt
uns in
akzeptablen vier Stunden fünfzehn Meilen nach Süden:
An den
Eingang des Mariager Fjord.
Die
Tourismuswerbung verspricht Dänemarks schönsten und
längsten Fjord – zwanzig Meilen bis Hobro liegen
noch vor
uns. Wir sind hier schon oft dran vorbeigesegelt – dass wir
nun
mit Ostwind reinsegeln und ziemlich sicher bei Westwind wieder raus,
ist eine perfekte Gelegenheit. Eigentlich hätte der
Crewwechsel in
Grenaa stattfinden sollen. Heute Südost, umgeben von
Flautentagen – Grenaa ist unrealistisch, Hobro hingegen
scheint
perfekt. Begrüßt werden wir von einer Robbenkolonie
auf
ihrer Sandbank, dann geht es im Zickzack durch weite Watt- und
Wasserflächen von geringer Tiefe.
Südlich
der Brücke in Hadsund wird der Fjord zunächst enger
und
lieblicher, dann vor allem tiefer: Plötzlich sind es
über
zehn Meter, das Fahrwasser kann problemlos verlassen werden, die
lockere Betonnung dient nurmehr der groben Orientierung. Der Fjord hat
deutlich den Charakter eines Binnenreviers: Abdeckung, Düsen,
markante Winddreher. Mehrere Bekannte haben mir von Mariager Fjord
vorgeschwärmt. Den ganzen Weg nach Hobro haben die wenigsten
je
unternommen. Überhaupt verirrt sich auf der Durchreise entlang
der
Küste niemand hierher, Gastlieger sind selten. Hobro macht
für unseren Crewwechsel den meisten Sinn wegen der
Verkehrsanbindung: Es liegt an der Hauptstrecke Aarhus-Aalborg mit
Fernzügen im Stundentakt.
Das
Hafenhandbuch empfiehlt die Marina am Nordufer, gute zwei Kilometer
außerhalb der Stadt. Der Segelclub direkt ums Eck von der
alten
Handelspier im Zentrum wird gar nicht erwähnt. In einem alten
Hafenführer finde ich die Information: „Die
Liegeplätze
südlich des Handelshafens sind nicht nur wegen ihrer Umgebung
äußerst unattraktiv.“ Wir probieren das
aus: Knapp zehn
Minuten zu Fuß in die Stadt. In der Nachbarschaft: Das alte
Gaswerk, heute Museum, ein nagelneuer Aussichtsturm, sowie eine
schmucke traditionelle Holzschiffwerft.
Sanitärgebäude und
Clubhaus sind frisch renoviert. Die locals –
die Gruppe
grauhaariger Männer verbringt jeden Nachmittag Bier trinkend
vorm
Clubhaus - drehen Schilder auf grün für unsere
Liegeplätze, stellen Bier in den Kühlschrank gegen
unseren
Durst, stellen Liegestühle bereit für unseren
Komfort, und sind auf beinahe
rührende Weise freundlich und zuvorkommend. Einen besseren
Hafen
kann ich mir kaum vorstellen.
Viel besser als der Hinweg: Ausgiebig Limfjord, Nordsee als Bonbon und
nun auch noch den Mariagerfjord - ich bin selbst überrascht, was
spontan so alles geht. Habe ich zwischendurch gezweifelt, ob ich
künftig solche Reisen weiterhin anbiete?
weiter: What's
not to like?
zurück: Unter
erschwerten Bedingungen

