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Nordsee (Sommerreise Teil 2)

Prächtige Dünung, meterhoch, aber lang und sanft. Sandstrand, Dünen, Strandhafer. Zwei Delfine als Spielgefährten. In meinen Augen ein paar Tränchen der Rührung, im Inneren ein tiefes Glücksgefühl. Es ist wirklich wahr: Wir segeln auf der Nordsee!

Juli 2026

Es begann vage als spontan Idee, als eine der vielen Möglichkeiten, uns im Limfjord die Zeit zu vertreiben, skizziert beim ersten Briefing mit der neuen Gruppe: „Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit zu einem Ausflug auf die Nordsee.“ Eben erst habe ich gesehen, dass der Thyborøn Kanal keineswegs ein modernes Betonbauwerk mit Schleusen und lauter Großschifffahrt ist, wie ich ihn mir vorgestellt habe - sondern ein bei einer Sturmflut entstandener Durchbruch zwischen den Dünen, wo seitdem regelmäßig gebaggert wird, damit er nicht versandet. Anders gesagt: Man segelt einfach rein und raus. Und womöglich merkt man gar keinen Unterschied. „Es wird ein kurzes Vergnügen“, schränke ich sofort ein, „höchstens eine halbe Stunde.“ Und: „Ich hab keine Ahnung, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt.“ Wenig Reaktion von den Gästen: Allenfalls ein Anflug abenteuerlustigen Funkelns in Karsten Augen.

Doch jetzt fühlt es sich an wie die sehnlich erwartete Erfüllung eines lange gehegten Traums. Paula, Oliese und Salty haben sich frühmorgens in Lemvig auf den Weg gemacht. Wir haben großes, großes Glück, denn es ist eine seltene Gelegenheit: Nur am heutigen Tag passt der Abstecher in die Törnplanung, und ausgerechnet heute - wirklich nur heute, denn bis gestern und ab morgen pfeifen hier beharrlich siebener Böen drüber! - passen sowohl der Wind (drei Beaufort aus West) als auch die Tide (Hochwasser am späten Vormittag) zu unserem Plan. Als wir am Hafen vorbeisind, öffnet sich die ganz große Weite: Offenes Wasser bis zur englischen Ostküste. Auf nach Newcastle? Esbjerg? Skagen? Wir spielen lieber noch ein bisschen mit den Delfinen, die sich einen Spaß daraus machen, neben Paula auf- und anschließend unter ihr durch zu tauchen. Wir fahren ein paar Wenden. Ob das die beiden verwirrt?

*

Gluthitze, tägliche Flauten, dazu mein eskalierendes Unwohlsein der Gruppe - der erste Reiseteil von Arnis nach Aalborg war, es lässt sich nicht beschönigen, eine Tortur. Karsten und Angie haben mir sehr geholfen, sie durchzustehen. Ich bin froh, dass sie noch bleiben – sicher werden wir im einen oder anderen Gespräch das Geschehene aufarbeiten. Und nachdem ihr Urlaub unter meiner kranken Psyche gelitten hat, gilt es bei den beiden etwas gutzumachen.

Samstag wäre perfekter Segelwind, doch er vergeht mit Warten auf die einzigen Neukunden. Sonntag haben wir bei Sonnenschein und 8er Böen nach der Einweisung viel Zeit für Stadtbummel. Aalborg ist eine seltsame Stadt. Im Zentrum sind viele alte Gebäude aus sämtlichen Epochen erhalten – doch sie stehen vereinzelt zwischen modernen Bausünden und ergeben kein Ensemble oder stimmiges Gesamtbild. Der Grund ist, dass Aalborg Anfang des 20. Jahrhunderts eine rasante Entwicklung zur Industriestadt erfuhr. Alles, was dabei im Wege stand, wurde abgerissen – nur durch Zufall blieben also die restlichen Baudenkmäler übrig.

Nach dem Niedergang der Industrie und Abriss vieler Fabriken gab es in den letzten 25 Jahren den nächsten Strukturwandel. Vor allem die Wasserfront ist nagelneu bebaut mit Wohnraum und Büros. Warum die Kontorhäuser aus dem 17. Jahrhundert heute ausschließlich als Pizzarestaurants oder Irish Pubs genutzt werden, erschließt sich mir nicht. Die Aussicht von der Dachterrasse des Salling-Kaufhauses ist jedenfalls ganz gut, und im von oben erspähten Sportgeschäft in der Fußgängerzone finde ich eine wundervolle neue Regenjacke.

Nach all den Hafentagen in Aalborg ist dann die Begeisterung groß: Endlich legt Oli als Erste ab! Und sofort wieder an. Dazwischen macht Karsten kurzzeitig ein extrem irritiertes Gesicht mit der Pinne lose in der Hand. Er stülpt den Ruderkopfbeschlag wieder aufs Ruder, stellt fest, dass er so wie gewohnt steuern kann, und fährt einen souveränen Aufschießer. Kopfschüttelnd hole ich das Schraubensortiment. Vierzehn Schrauben sind restlos weg. Die haben sich nicht über Nacht gelöst. Ich drehe längere in die vorhandenen Löcher. Mit gelegentlichem Kontrollblick sollte das funktionieren. Nachdem die Sommerreise mit einem schlechten Vorzeichen begann, habe ich jetzt das Gefühl: In der geheimnisvollen Wunderwelt, die sich um die Boote dreht statt um die Sonne, ist ein unerklärliches Missgeschick wie das mit der Pinne ein gutes Zeichen – Reiseteil zwei wird besser als der erste.

Das heißt nicht, dass es ohne Spaßbremsen geht. Bin im Umgang damit geübt oder einfach schon mächtig abgestumpft? Oder hilft es, die restlichen Gäste auf meiner Seite zu wissen? Auf jeden Fall halte ich besser durch als mit der letzten Gruppe: Saltys Crew betrachte ich seit ihrer ersten Buchung als Grenzfälle. Was vor allem fehlt, ist Situationsbewusstsein. Unzählige Fehler haben bisher mit Glück und der Umsicht Anderer nicht zu größeren Schäden geführt. Spreche ich die Situation an, kommt als Reaktion in der Regel ein „Sorry, da hab ich gepennt“ oder „Ja, das war blöd.“ Wir hatten bestimmt alle in der Grundschule so einen Mitschüler, der sich, nachdem die Frage beantwortet war, vehement zu Wort meldete: „Wollt‘ ich auch sagen!“ Ein Übungswochenende im Frühjahr sollte Abhilfe schaffen – vor allem, indem die Vorschoterin mehr Verantwortung übernimmt und der Skipper übt, das wertzuschätzen. Ich hoffe sehr, dass es gelingt. Dass es besser wird. Machen wir es kurz: Nach zwei Segeltagen Optimismus bin ich um so enttäuschter. Ich gebe auf.

Die Newcomercrew auf Frieda erweist sich als ernst und freudlos: Kein Lächeln oder gar ein Lachen, kein Anzeichen von so etwas wie Begeisterung. Schon gar nicht von Selbstironie. Im Gespräch wird nie gelobt, immer problematisiert. Ich möchte fragen: „Warum habt ihr das überhaupt gebucht? Warum habt ihr nicht vorher ein paar Törnberichte gelesen?“ Ich finde, von dieser Lektüre bekommt einen guten Eindruck, wie das bei uns läuft. Zumindest sollte sie ersichtlich machen, dass wir durchaus auch bei Windstärke fünf auslaufen oder bei unter drei Knoten nicht sofort mit Vollgas zum nächsten Hafen motoren.

Paula kann sowieso nicht motoren. Am Donnerstag in Aalborg waren Holger und ich noch hochoptimistisch, den Fehler von Marthas Außenborder gefunden zu haben. Doch obwohl der zugesinterte Thermostat wieder gängig war, kam weiterhin kein Kühlwasser. Mir fiel nur noch ein, mit Paula die Motoren zu tauschen. Angesichts der zahlreichen Brücken im Limfjord ist das nicht ideal – zur Not müssen wir geschleppt werden. Ich briefe Angie und Karsten in dieser Hinsicht.

Zweiter Versuch: Die Boote legen ab, Reiseteil zwei beginnt mit Kreuzen. Nach der Erfahrung vom letzten Besuch vor fünf Jahren habe ich eindringlich darauf hingewiesen: Vor allem im Bereich von Egholm, gleich nach Verlassen des Hafens und ohne jegliche Betonnung, trennt eine extrem steile Kante das zwölf Meter tiefe Fahrwasser von der seichten Uferzone – am sichersten wendet man, sobald es von den zwölf Metern aus flacher zu werden beginnt. Friedas Crew probiert es aus. Immerhin kommen sie aus eigener Kraft wieder frei. Ohne weitere Grundberührungen kreuzen wir weiter. Der weltschönste Segeltag ist es nicht: Der Wind wird schwächer und schwächer. Die Strömung hat gegenüber anfangs deutlich nachgelassen, aber bei nur zweieinhalb Knoten tut sie weher als vorher bei vier Knoten. Aus dem Niesel wird ernsthafter Regen. Zwei Knoten, dann nur noch anderthalb.

Ich sehe nicht mehr, dass wir heute noch nach Løgstør kommen. Zum Glück sind wir gerade beim Abzeig nach Attrup. Die Betonnung ist bei guter Sicht schon etwas verwirrend – jetzt im Regen lassen sich überhaupt keine Entfernungen mehr einschätzen, alles ist grau-in-grau, selbst die roten und grünen Tonnen. Welche davon gehören zum Haupt-, welche zum Nebenfahrwasser? Und zu welchem Neben-Nebenfahrwasser gehören die, die in der Seekarte nicht verzeichnet sind, aber eindeutig da drüben liegen? Ich lasse sie aus, es ist tief genug, wenngleich etwas flacher, als laut Karte zu erwarten. Salty und Frieda folgen uns. Wir sind erfolgreich.

Dienstag machen wir - wer hätte das gedacht? - Hafentag. Sonnenschein und 8er Böen. Attrup ist ruhig und entlegen, bietet kein Entertainment, das wir nicht selbst mitgebracht haben – genau das richtige also nach Anreise, Tagen in der Stadt und anstrengender Kreuz. Mittwoch gibt es endlich einen „richtigen“ richtigen Segeltag. Sogar einen ausgesprochen tollen, abwechslungsreichen, rundum gelungenen Segeltag. Die restlichen acht Meilen bis Løgstør sind auch nochmal eine Kreuz, aber diesmal bei Sonne und vernünftigem Wind. Die Brücke passieren wir segelnd, die endlos erscheinende, schnurgerade Rinne durch die seichten Løgstør Grunde können wir soeben und eben anlegen. Dann fallen wir ab, sausen mit 5-6 Knoten südwärts Richtung Fur. Insgesamt sind es zwanzigeinhalb Seemeilen, gegen Mittag legen wir an. In diesem Stil wären die Gäste gerne noch weitergesegelt. Ich sehe das ein, doch weiter südlich wäre mit stärkeren Böen zu rechnen, und ich finde es gut, auf zumindest einer der Inseln im Limfjord nicht nur anzulegen, sondern mit genügend Zeit zum Landgang.

Leider bietet die unmittelbare Umgebung keinen guten Gesamteindruck, und um die relativ große Insel in ihrer Gesamtheit kennenzulernen, ist ein Nachmittag zu kurz. Wir besprechen lieber unser nächstes Ziel: Lemvig. Diesmal sind es dreißig Meilen, reichlich Wind und auf dem letzten Stück zwar nicht wirklich Kreuzen, aber ein längerer Holeschlag in einer holperigen Hoppelwelle.

Lemvig ist eine sympathische Kleinstadt mit einem angenehm altbackenen Hafen. Er ist der letzte vor Thyborøn, und auch der einzige in der ganzen, riesigen Wasserfläche der Nissum Bredning. Wenn wir uns hier länger aufhalten, wird die Zeit knapp für den Rückweg. Nach dem Ausflug auf die Nordsee müssen wir also die Gegend wieder verlassen. Das geht nur durch die Oddesund Brücke. Letzte Öffnung 17 Uhr 45, die dürfen wir auf keinen Fall verpassen. 

Auch der Rückweg von Thyborøn läuft reibungslos und wunderbar. Um viertel vor drei segeln wir durch die Brücke und das kurze Stück weiter nach Venø. Die kleine Insel ist ein echter Glückfall: Ein überaus freundlicher, kleiner Wohlfühlhafen auf einer Insel, von der sich in zwei Stunden zu Fuß ein guter Eindruck gewinnen lässt. Fürs abendliche "Inselessen" im Hafenrestaurant hätten wir uns vor Tagen anmelden müssen. Die angenehme Livemusik genießen wir gern. Vormittags finde ich einen schattigen Weg entlang der Steilküste und bin sehr zufrieden mit meinem Landgang.

Törnplanung ist bisweilen Schachspielen. Oder wie ein anderes, noch komplexeres Brettspiel. Immer hat die Entscheidung, wo wir heute hinsegeln, Auswirkungen auf morgen. Wir müssen den morgigen Wind kennen, uns für ihn eine gute Ausgangsposition ersegeln. Daneben gibt es andere Faktoren: Ruhiges Liegen, unfallfreies An- und Ablegen, Haushalten mit den Kräften der Gäste. Es ist ein bisschen schade, dass wir die Runde östlich um Mors nicht komplettieren konnten, und wir haben bisher noch gar nicht geankert, aber nun müssen wir uns nach dem Wind richten: Wir haben zwei Tage, um von Venø nach Løgstør zu segeln, 33 Meilen grobe Richtung Nordnordost. Was wir am Samstag bei einem schwachen Südwest schaffen, müssen wir am Sonntag bei sechser Böen nicht kreuzen.

Ich plane Zeit für den Landgang ein, vorwiegend, damit wir nicht in der unvermeidlichen Flaute Kraft vergeuden, ohne voranzukommen. Zumindest auf Venø weht dann deutlich früher als erwartet eine erstaunlich hübsche Brise. Wir sehen zu, dass wir in Gang kommen. Stressfrei und zügig segeln wir an der Westseite von Mors entlang nach Norden. Auf der Suche nach einem Tagesziel, das heute bei wenig Wind erreichbar ist und für morgen bei zeitweise deutlich zu viel Wind aus Nordost einen guten Ausgangspunkt bietet, bin ich Ejerslev gestoßen. Von dort sind es nur zehn Meilen nach Løgstør, und es ist fast ein reiner Ostkurs. Ansonsten habe ich keine hohen Erwartungen – einen praktischen Übernachtungshafen, mehr nicht.

Doch was erblicke ich, als Paula sich dem Hafen nähert? Ein absolutes Juwel! In der Abendsonne schimmern Kreidefelsen, eine bizarre Formation, eine phantastische Kulisse in unmittelbarer Hafennähe. Es wird sich herausstellen, dass der Hafen im Zusammenhang mit dem Kreideabbau einst entstanden ist. Bevor ich das alles erkunden und genießen kann, müssen wir aber erstmal eine schmale Rinne aufkreuzen. Okay, ist gar nicht so schmal, sondern lässt sich gut kreuzen. Aber was sind das für zwei gelbe Kreuze in der sowieso schon engen Hafeneinfahrt? Es wirkt so, als müsse man Abstand halten zum südlichen Molenkopf, an dem sie angebändselt sind. Machen wir - wer mangelt schon gerne gelbe Kreuze über?

Die Stege sind schlicht, die Gebäude liebevoll, die Stimmung ist freundlich – das wären schon ausreichend viele Pluspunkte, doch wir liegen mitten in einer Touristenattraktion, haben ein weiteres echtes Highlight zufällig gefunden (oder nicht so zufällig – Paula kennt sich hier ja gut aus und weiß, was bei den Gästen ankommt). Versteinerungen, Aussichtspunkte, eine Lagune auf dem Boden des alten Steinbruchs - hier dürfen wir nicht gleich morgens wieder verschwinden, sondern müssen uns Zeit lassen, die Gegend zu erkunden.

Es ist ganz praktisch, dass sich spätes Auslaufen ohnehin anbietet – diesmal nicht wegen einer Flaute, sondern wegen der Starkwindböen ab dem frühen Morgen. Diese Brise darf sich nicht nur etwas beruhigen, sondern gerne auch von Nordwest auf Nord drehen, damit es tunlichst keine Kreuzerei wird - weder auf der Strecke noch in der Baggerrinne durch die Løgstør Grunde. Gegen achtzehn Uhr haben wir die Umgebung reichlich genossen, und der Wind ist runter auf einen recht stetigen Nord fünf.

Beim Ablegen ist Nervenkitzel im Spiel: Auf der Hafenausfahrt steht erhebliche Welle. Am einfachsten und besten kommt man hier raus, indem man am Pfahl des Liegeplatzes die Segel setzt. Ein schlauchartig schmales Becken trennt uns vom Längsseitssteg in Lee – man muss dann auch gleich Fahrt aufnehmen und lossausen und dabei tunlichst eng bei den Pfählen in Luv bleiben. Nach Lee sind keine fünf Meter Platz. Sowas ist nach Karstens und Ralphs Geschmack.Der Trick ist, vorm Lösen der Vorleine und leichtem (!) Abstoßen beide Schoten dicht zu holen, damit die Segel gleich Druck bekommen, sobald man nicht mehr im Wind liegt, und das Boot sofort anfährt. Auf keinen Fall darf man abfallen und/oder vertreiben. Wie eindringlich kann ich das betonen? Wie eindringlich muss ich es betonen? 

Zuerst legt Salty ab. Schoten nicht dicht, Vollruderlage Richtung abfallen - es sieht so aus, als ginge das Boot bei der Motoryacht in Lee in voller Schräglage längsseits. Zumindest kann die Familie, die vom Cockpit aus dem Spektakel zuguckt, ganz sicher das Großsegel riechen, so dicht ist haben sie es vor der Nase. Offenbar gefällt ihnen die Show: Sie applaudieren begeistert.  Frieda versucht es dann mit backstehender Fock - der nächste Adrenalistoß! Oli und Martha dann: Souverän.

Als Paula ablegt, sind so gut wie alle aus dem Hafen und vom Wohnmobilplatz auf den Beinen. Ich bekomme Sonderapplaus, als Paula Fahrt aufnimmt – vermutlich, weil ich es einhand mache. Dabei ist es natürlich ein gewaltiger Vorteil, mit fast zwanzig Jahren Erfahrung im Voraus zu wissen, was das Boot braucht und was es macht und wie es geht. Das heißt aber nicht, dass wir immun sind für Pannen. Die gelben Kreuze sind bei Gepuste, Schwell und Hochwasser von ihrem Platz in der Einfahrt vertrieben. Mein Plan ist, Paula trotzdem dicht am nördlichen Molenkopf zu halten. Ich winke der Motorbootfamilie, dann fahren wir einen Holeschlag. Um auf dem Weg zur Ausfahrt reichlich Fahrt aufzunehmen und mit Schwung durch die ersten Wellen zu gehen, mache ich das Groß ein bisschen auf – und kriege anschließend die Schot nicht schnell genug in die Klemme. Ich fahre sie notgedrungen aus der Hand – und falle zu weit ab. Paula setzt im Wellental kurz auf.

Sie wird aber sofort von der nächsten Welle angehoben, und wir sind raus. Ich drehe mich um und winke den Zuschauern. Sie dürften das kleine Missgeschick gar nicht bemerkt haben. Immerhin ist jetzt der Sinn der gelben Kreuze geklärt. Den Kurs zu den Løgstør Grunden können wir gerade so eben und eben anlegen, der Wind nimmt noch eine Spur ab, nach zwei Stunden sind wir im Hafen. Einen Besuch in Løgstør hatte ich von vornherein geplant – der kleine Ort ist wirklich sehenswert. Alles scheint hier aus Muschelschalen zu bestehen, der Strand genau wie die Historie. Heute ist Løgstør unter anderem eine Künstlerkolonie. Hier berühren sich auch der Westteil des Limfjords mit seinen weiten Wasserflächen und der flussartige Ostteil. Bevor man in der Lage war, eine Rinne durch die seichten Løgstør Grunde anzulegen und durch regelmäßiges Baggern ausreichend tief zu halten, wurde am Ufer entlang ein Kanal gebaut. Sein Anfang ist heute der Yachthafen.

Am dritten Tag in Folge legt der Wind spätes Auslaufen und einen Dämmertörn nahe: Vormittags Flaute, über Mittag ein schwacher Ost, der spätnachmittags über Nord oder Nordwest drehen soll. Am dritten Tag in Folge können wir das gut für einen ausgiebigen Landgang nutzen. Erst gegen fünfzehn Uhr legen wir ab. Anders als gestern und vorgestern geht es aber zunächst eher träge voran: Wir brauchen eine Stunde für das kurze Stück zur Klappbrücke. Drei Brückenpassagen konnten wir segeln, hier gegen schwachen Wind und mäßige Strömung lässt Paula sich gerne von Oli schleppen. Danke, Karsten - das ganze Manöver gelingt vorbildlich. Dann kreuzen wir mit um die dreieinhalb Knoten an der langen Reihe von Windmühlen entlang. Am Abzweig nach Attrup denke ich daran, wie uns auf dem Hinweg hier der Wind komplett im Stich ließ und wir heilfroh waren über den nahen Hafen. Die Windmühlen, an denen wir gerade vorbeigesegelt sind, bleiben eine nach der anderen stehen. Wir bewegen uns immerhin noch ein bisschen von der Stelle, aber kein Anzeichen einer nahenden Brise aus Nord.

Plötzlich Gekräusel. Schräglage. Rauschefahrt. Vier Beaufort aus Süd! Das entspricht zwar wirklich nicht der Prognose, aber wir nehmen es gerne. In zwei Stunden segeln wir den Hauptteil der siebzehn Meilen durch die wunderschöne Abendstimmung. Eine gute Meile voraus liegt Gjøl, unser Zielhafen. Die Sonne geht unter, der Wind schläft langsam, aber unverkennbar ein. Warum müssen wir ohne Wind nach Gjøl, wenn hier draußen eine Boje liegt? Die Gäste finden die Planänderung gut. Mir war gar nicht bewusst, dass Karsten und Angie bei all unseren gemeinsamen Sommerreisen noch nie geankert haben. Die Boje ist keine Mooring, sondern die Regattaboje des Gjøl Sejlklub. Also machen wir ein Stück weiter drei unserer Anker schmutzig an diesem wunderbaren Platz in der Nibe Bredning.

Ankern hat unter anderem den Vorteil, dass niemand wegrennen kann zu ausgiebigem Duschen, Landgang oder Einkaufsbummel. Wir können also früh Anker auf gehen – sobald sich erstes Gekräusel zeigt. Dieser Tag ist Mittel zum Zweck: Um Egholm herum nach Aalborg, dann die dreizehn Meilen entlang von reizlosen, flachen Ufern und Industrieanlagen nach Mou. Zunächst ist Geduld gefragt, dann wird sie belohnt durch eine schöne Brise.

Das Verhalten speziell der beiden Spaßbremsencrews an den Brücken zieht sich als Ärgernis durch die zwei Wochen. Ich spreche es beim Briefing an. Ich kann aber nicht jedes Detail von Wind, Strömung und Verkehrssituation vorhersagen. Dass Paula keinen Motor hat, also Manövrierraum braucht und nicht zwingend das Vorbild ist, das alle kopieren müssen; dass wir generell einander nicht in die Quere kommen dürfen und auch anderen Booten nicht; und dass die Passage möglichst zügig erfolgen soll – muss man das extra ansprechen? In Aalborg bin ich wirklich genervt. Ich bin es immer noch, als wir Mou erreichen, und beim Anlegen stellen sich beide Crews so an, als hätten sie noch nie ein Boot manövriert. Am liebsten würde ich keinen von diesen vier Personen mehr sehen. Zumindest ignoriere ich sie, so gut ich kann, sondern widme mich ausschließlich den willkommenen Gästen von Martha und Salty. Ich bin viel klarer positioniert, versuche nicht um jeden Preis lieb und freundlich zu sein, lasse meinen Ärger zu und zeige ihn auch - das bewahrt mich vor der nächsten Depression. Zwei Tage müssen wir aber noch durchhalten.

Mittwoch: Auf dem Kattegat ist Flaute zu erwarten, allzu weit werden wir also nicht kommen, sondern nur nach Hals, dem letzten Hafen des Limfjordes. Wir hätten gestern dorthin weitersegeln können, aber ich fand, um neunzehn Uhr hätten wir genug geleistet für diesen Tag. Außerdem wäre dann heute Hafentag. Den könnten wir auch in Mou verbringen, aber am Donnerstag sollen wir fast vierzig Meilen schaffen, und es ist ein schwachwindiger Beginn zu befürchten – da werden wir uns womöglich freuen, zumindest die drei Meilen heute schon zu erledigen. Und das werden wir schaffen, selbst gegen die Strömung.

Doch es scheint, als schliefe pünktlich zum Ablegen die Morgenbrise ein. Mit schlaffen Segeln wrigge ich Paula um zehn Uhr aus dem Hafen. Salty ignoriert wieder einmal die Betonnung und kommt beim Verlassen des Hafens fest. Das ist diesmal total clever: Paula beginnt nämlich sofort, hinter Oliese her Richtung Aalborg zu treiben. Auf Höhe des Campingplatzes gelingt es uns immerhin, die Position zu halten. Das tun wir so lange, bis ich befürchte, der Platzwart werde gleich zum Kassieren zu uns waten. Hier und da zeigt sich Gekräusel. Oliese nimmt wieder Fahrt auf. Martha und Frieda bleiben in der Nähe des Hafens, schaffen es sogar ein Stück Richtung Hals. Salty ist wieder frei.

Zehn Uhr fünfundfünfzig: Erstmals seit dem Auslaufen ist Paula wieder an der Hafeneinfahrt von Mou! Wir könnten wieder anlegen und auf stetigen Wind warten, aber gerade läuft es zumindest ein bisschen  im flachen, strömungsfreien Wasser in Ufernähe kommen wir merklich voran. Nach zehn Minuten sind wir zurück am Hafen. Aber jetzt entfaltet sich wirklich eine stetige, schöne Brise, und wir kreuzen nach Hals.

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Eben noch lagen wir in einem ruhigen, kleinen, unprätentiösen Vereinshafen mit liebevoll in Schuss gehaltenem Clubhaus zu unserer Verfügung. Jetzt sind wir im Sehen-und-Gesehenwerden einer modernen Marina, wo die durchschnittliche Schiffsgröße deutlich über vierzig Fuß liegen dürfte und es zum späten Nachmittag übervoll und wuselig wird. Der Ort, eher gesagt die strukturlose Siedlung, ist selbst am Tag des Stadtfests mit Flohmarkt nichtssagend. Immerhin gibt es zwei Supermärkte, aber meine Vorräte sind noch komplett. Eine Sache jedoch bietet Mou nicht: Ein Restaurant an der Promenade, Aussicht auf Limfjord und Kattegat, im Angebot ein erlesenes Buffet mit Fischgerichten und Meeresfrüchten.

Der letzte Segeltag ist lang und kontrastreich: Wir schleichen uns in der Morgensonne aus dem Hafen. Zum Verlassen des Limfjords brauchen wir vor allem Geduld. Kurz nach der Hals Barre, wir sind schon auf Südlurs, kommt endlich Wind. Der hat sich für heute auch eine Menge vorgenommen – er dreht von Nordwest auf Südost. Und er bringt uns in akzeptablen vier Stunden fünfzehn Meilen nach Süden: An den Eingang des Mariager Fjord.

Die Tourismuswerbung verspricht Dänemarks schönsten und längsten Fjord – zwanzig Meilen bis Hobro liegen noch vor uns. Wir sind hier schon oft dran vorbeigesegelt – dass wir nun mit Ostwind reinsegeln und ziemlich sicher bei Westwind wieder raus, ist eine perfekte Gelegenheit. Eigentlich hätte der Crewwechsel in Grenaa stattfinden sollen. Heute Südost, umgeben von Flautentagen – Grenaa ist unrealistisch, Hobro hingegen scheint perfekt. Begrüßt werden wir von einer Robbenkolonie auf ihrer Sandbank, dann geht es im Zickzack durch weite Watt- und Wasserflächen von geringer Tiefe.

Südlich der Brücke in Hadsund wird der Fjord zunächst enger und lieblicher, dann vor allem tiefer: Plötzlich sind es über zehn Meter, das Fahrwasser kann problemlos verlassen werden, die lockere Betonnung dient nurmehr der groben Orientierung. Der Fjord hat deutlich den Charakter eines Binnenreviers: Abdeckung, Düsen, markante Winddreher. Mehrere Bekannte haben mir von Mariager Fjord vorgeschwärmt. Den ganzen Weg nach Hobro haben die wenigsten je unternommen. Überhaupt verirrt sich auf der Durchreise entlang der Küste niemand hierher, Gastlieger sind selten. Hobro macht für unseren Crewwechsel den meisten Sinn wegen der Verkehrsanbindung: Es liegt an der Hauptstrecke Aarhus-Aalborg mit Fernzügen im Stundentakt.

Das Hafenhandbuch empfiehlt die Marina am Nordufer, gute zwei Kilometer außerhalb der Stadt. Der Segelclub direkt ums Eck von der alten Handelspier im Zentrum wird gar nicht erwähnt. In einem alten Hafenführer finde ich die Information: „Die Liegeplätze südlich des Handelshafens sind nicht nur wegen ihrer Umgebung äußerst unattraktiv.“ Wir probieren das aus: Knapp zehn Minuten zu Fuß in die Stadt. In der Nachbarschaft: Das alte Gaswerk, heute Museum, ein nagelneuer Aussichtsturm, sowie eine schmucke traditionelle Holzschiffwerft. Sanitärgebäude und Clubhaus sind frisch renoviert. Die locals – die Gruppe grauhaariger Männer verbringt jeden Nachmittag Bier trinkend vorm Clubhaus - drehen Schilder auf grün für unsere Liegeplätze, stellen Bier in den Kühlschrank gegen unseren Durst, stellen Liegestühle bereit für unseren Komfort, und sind auf beinahe rührende Weise freundlich und zuvorkommend. Einen besseren Hafen kann ich mir kaum vorstellen.

Viel besser als der Hinweg: Ausgiebig Limfjord, Nordsee als Bonbon und nun auch noch den Mariagerfjord - ich bin selbst überrascht, was spontan so alles geht. Habe ich zwischendurch gezweifelt, ob ich künftig solche Reisen weiterhin anbiete?

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