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"Raus aus der Komfortzone" - Ein wildes Abenteuer, Teil zwei

Die Boote sind betankt. So gut wie angesichts der Wasserknappheit möglich gesäubert. Die Vollständigkeit der Ausrüstung ist kontrolliert. Paulas Proviant ist vervollständigt, ich bin frisch geduscht und rasiert und dank ausgiebigem Schlaf, wann immer es möglich war, einigermaßen ausgeruht. Die Nervosität steigt. Ist es wirklich wahr, dass die vertrauten Gäste nun abreisen und neue kommen, die ab morgen unfallfrei durch die Schären segeln sollen? Der Wind passt ganz herrlich: Ist ja nur Windstärke 6...

Juli/August
2018

Nach und nach treffen die neuen Crews ein. Bekannte Gesichter, und sei es nur vom Vortreffen im Februar oder einem verregneten, pustigen, kalten Tag Skippertraining Anfang Mai, an dem wir leider viel zu wenig tun konnten, um die einzige Crew, die noch nie Folkeboot gesegelt ist, wirklich fit zu machen. Julia und Claudia werden ein bisschen zu kämpfen haben, das steht bereits fest. Aber in gewisser Weise gilt das für uns alle.

Denn anstatt sich langsam heranzutasten an diese ungewohnte, anspruchsvolle Umgebung, starten die „Neuen“ mitten im engsten, kniffligsten Teil der wunderschönen, bedrohlichen Felsenwelt. Erwartungsvoll haben sie die lange Anreise hinter sich gebracht, per SMS noch angeboten, von der Fähre zollfreies Bier mitzubringen – dann haben sie sich zum Teil noch mit ihren Vorgängercrews die Klinke in die Hand gegeben und unredigierte Erlebnisberichte des Hinwegs zu hören bekommen. Äußerlich ruhig, ist doch jeder und jedem die wachsende Anspannung anzusehen.

Es gilt, ein Mindestmaß an Einweisung und Eingewöhnung zu gewährleisten und gleichzeitig einen baldmöglichen Absprung aus dem quirligen Hafen zu schaffen. Unser bewährter Zaubertrick besteht in kleinen Runden um den Pudding inklusive einer Kreuz durch unbetonntes Terrain zwischen kleinen, großen und unsichtbaren Felsen mit mir als Skipper – danach sollten alle sowohl das Boot im Griff, als auch einen Blick für die Herausforderungen des Reviers entwickelt haben.

Zweimal laufen wir aus, Samstagnachmittag und Sonntagmorgen, jeweils mit der Hälfte der Gruppe. Gerne hätte ich das bei angenehmen drei bis vier Windstärken gemacht. Doch die Realität lautet fünf bis sechs. Didaktisch lässt sich alles schönreden, selbst das – der Hinweg lässt grüßen: Wer diese Tour überstanden hat, ist anschließend durch nichts mehr zu schocken. Als alle Boote klar zum endgültigen Auslaufen sind, habe ich ein zusätzliches Problem: Fürs Kattegat sind 5-6, fürs Skagerrak eine stramme 7 angekündigt. Die Grenze zwischen den beiden Seegebieten verläuft geradewegs durch den Fjord nördlich von Marstrand. Und ich habe inzwischen verstanden, dass das trotz seiner an afrikanische Kolonialgrenzen erinnernden Geradlinigkeit nicht nur ein willkürlicher Strich auf der Seekarte ist, sondern dass hier Prozesse der Natur eine Rolle spielen. Skagerrak und Kattegat gehen vielleicht gelegentlich allmählich und fließend ineinander über. Doch manchmal, zum Beispiel heute, ist der Übergang abrupt.

Bleiben ist keine Option: Die Gäste sind nicht angereist, um in einem vollen, lauten Hafen auf passenden Wind zu warten. Das müssten wir bei Sturm machen, aber nicht, solange man irgendwie unfallfrei segeln kann. Zudem läuft die Reservierung unserer Plätze aus, wir müssten uns neue suchen, aber der Hafen wirkt voll, voll und vor allem voll. Nach Süden geht auch nicht: In diese Richtung müssen wir früh genug sowieso, aber die schönsten Stellen der Gegend liegen im Norden – dort wo es tierisch pustet. Das Revier selbst bietet eine Lösung für dieses Dilemma: Anders als die Stockholmer Schären ist das Felsenrevier an der schwedischen Westküste ein relativ schmaler Streifen. Es gibt im Grunde ein einziges Fahrwasser in Nord-Süd-Richtung, die Alternative besteht darin, außen im offenen Wasser zu segeln. Es gibt aber auch zwei große Inseln, Tjörn und Orust, die den Schären nach- und dem Festland vorgelagert sind. Hinter den Inseln führt ein breites, geschütztes Fahrwasser zur Industriestadt Uddevalla, zwischen ihnen der Stig Fjord zurück zu den schroffen, kargen Außenschären. Bei normalem, moderatem Wind würde ich diesen Weg nicht in Betracht ziehen – hier stehen lauter liebliche Bäume wie im Harz, und von der netten, kleinen Brise kommt kaum etwas an. Ein Abstecher in diese Innenschären nördlich von Orust vor sieben Jahren war entsprechend enttäuschend – viel Motorbootfahren und wenig Begeisterung ob der Landschaft.

Heute jedoch brauchen wir ein geschütztes Fahrwasser, und der Hake Fjord östlich von Tjörn ist genau das Richtige. Auf dem Weg dorthin müssen wir im Marstrands Fjord kurzzeitig Höhe laufen, nasse Füße inklusive – danach ist es kommodes Segeln auf Raumschotskurs. Die Landschaft ist zunächst unspektakulär, weil der Fjord so breit und reizlos ist, aber zuletzt finden wir uns dann doch zwischen idyllischen Kiefernwäldchen und hübschen Holzhäusern wieder und steuern Almösund an – Tipp von Folkeboot Lotte, die uns dort schon erwartet.

Für den Auftakt war das, den Umständen geschuldet aber auch ansonsten, nicht schlecht. Der zweite Tag ist so ziemlich das Kontrastreichste, das ein Segeltag bieten kann: Wir laufen aus. Relativ früh, gegen acht. Für Lotte ist das zu doll, Björn und Robert sind gerade beim ersten Kaffee. Kein Schiff weit und breit, keine Menschenseele auf dem Wasser. Der ruppige Südwest nimmt allmählich erst ab, doch vorläufig befinden wir uns noch in der Abdeckung. Die erste kleine Kreuz führt uns in den kanalartig engen Skåpesund. Er lässt sich überraschend gut segeln, auch dank der mitlaufenden Strömung. Es folgt eine unvergesslich tolle, beinahe unübertreffliche Kreuz durch den Stig Fjord: Wenig Verkehr, wenig Unterwasserfelsen, die Schären sind alle groß und leicht zuzuordnen, keine tückischen Unterwasserhindernisse, die Orientierung fällt also leicht.

Paula ist als Letzte gestartet, und die Charterboote sind gut unterwegs, obwohl Feintrimm das letzte sein dürfte, auf das die Gäste an ihrem zweiten Reisetag ein Auge haben. Ausgerechnet die sonst immer so schnelle Frieda ist die Erste, die wir einholen. Als nächste Oliese, die sich im weiteren Verlauf des Tages aber nicht abschütteln lässt. Der Stig Fjord ist ein echter Geheimtipp für jeden, der einen traumhaften Segelvormittag verbringen möchte!

Bei Smögholmarna müssen wir uns entscheiden zwischen dem vereinbarten Weg nördlich herum und dem offiziellen, bei dem inzwischen auf West gedrehten Wind durchaus günstigeren, aber längeren Weg südlich herum um das Felsenarchipel. Martha ist außer Sichtweite den nördlichen Weg gefahren und hat den Motor zu Hilfe genommen. Salty wählt den südlichen Weg, Oliese ebenso. Wir verpassen beinahe die Abzweigung, entscheiden uns aber doch für die nördliche Route. Frieda folgt uns vertrauensvoll.

Smögholmarna ist ein Schärenliegeplatz, der es in sich hat. Oben auf diesem Felsen habe ich schon gestanden, senkrecht über den wie wir jetzt vorbeifahrenden Schiffen, und es bedauert, dass ich keine Kirschen dabeihatte, deren Steine ich schön den Leuten aufs Deck hätte spucken können. Senkrecht hoch auf der einen Seite, halbwegs Platz auf der anderen – das ist ja halb so schlimm. Doch ausgangs des Fjordes liegen an Backbord, kaum mehr als zwanzig Meter von der Steilwand entfernt, drei flache Felsen in einer Reihe. Da müssen wir durch. Und der Wind steht so, dass wir den passenden Kurs gerade so nicht laufen können. Ich denke an Hjärterösund: Fünf Wenden auf fünfzig Metern. Jetzt also zwei Wenden auf zwanzig Metern. Bevor wir den Heimathafen erreichen, werden auch zehn Wenden auf achtzig Metern ausgangs der Dyvig kein gravierendes Problem darstellen. Also fahren wir einfach durch. Meine Sorge gilt auch weniger Paula und mir als der nachfolgenden Frieda – doch es besteht kein Grund: Ein Folkeboot ist eine Jolle mit einer Tonne Ballast, und Claus und Steffi haben das längst verstanden. Souverän kreuzen sie durch die Engstelle.

Auf dem Weg nach Mollösund fädeln wir uns ins Haupt-Schärenfahrwasser ein – zufällig genau hinter Salty. Nächster bemerkenswerter Wegpunkt ist eine rote Fahrwassertonne, die vermutlich jeder kennt, der in dieser Gegend unterwegs war: Auf Nordwestkurs haben wir an Backbord eine große Schäre. Extrem dicht unter Land liegt die Tonne. Ein Stück weiter östlich steht eine Bake. Die Intuition des Ortsunkundigen sagt unmissverständlich: Du musst zwischen Tonne und Bake durchfahren. Wer dem Fahrwasser schon länger folgt, hat inzwischen Gegenteiliges begriffen: Grüne Tonnen bleiben an Backbord, rote Tonnen an Steuerbord. Gleiches verrät die Seekarte, und auf die Symbole für die Betonnungsrichtung habe ich aus gutem Grund schon mehrfach hingewiesen. Doch wir sind gerade erst ins Fahrwasser eingelaufen, dies ist die erste Tonne, der wir begegnen. Während ich meiner Erfahrung folge - Paula und ich fahren zum ungefähr zehnten Mal durch diese Rinne - vertraut die Salty-Crew ihrer Intuition.

Ich greife zur Funke und rufe Salty. Claudia meldet sich. Ich halte mich kurz und knapp: „Die rote Tonne bleibt an Steuerbord, ne?“ Die Reaktion geht darin unter, dass ich mich an einer größeren, schnelleren, dusseligeren Yacht abzuarbeiten habe, die in Luv vorbeziehen könnte, dann aber in Lee vergeblich zu überholen versucht und uns schließlich aus dem Kurs drängt, weil auch sie erst im letzten Moment den Sinn der roten Tonne begreift. Salty jedenfalls fährt einen Schlenker, und die Crew ist tagelang untröstlich, weil sie ohne meinen Hinweis einen gravierenden Fehler begangen hätte. Wobei ich gar nicht sicher weiß, sondern nur vermute, dass zwischen Tonne und Bake ein Felsen lauert, auf dem schon manche Yacht hängengeblieben ist.

Das ist aber nur der Auftakt – nach der unbeschwerten Kreuz im leeren Stig Fjord ist hier ein Verkehr, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Dutzende von Motor- und Segelyachten bahnen sich in beiden Richtungen einen beschwerlichen Weg durch ein stellenweise nur fünfzig Meter breites Fahrwasser. Zur Krönung stochert sich auch noch ein Minensuchboot der schwedischen Marine durch dieses Chaos. Marthas Crew wird seekrank – bei mäßigem Wind in vor Seegang geschütztem Terrain. Der Schwell der Motorboote, immer nervig und ärgerlich, ist heute wirklich kaum zu ertragen.

Es ist Horror für die Einen, großes Kino für die Anderen. Oliese fährt bestens ausgetrimmt an der überladenen Paula vorbei. Die Crew hat großen Spaß. Ich mache die Schoten ein bisschen auf, stelle den Traveller ein, nutze, als Oli keinen Wind hat, die Chance: Paula überholt. Dann liegt Oli wieder vorne. So geht es weiter, bis wir uns der engsten aller Engstellen nähern, auf die eine kleine Kreuz zum nächsten schmalen Sund folgen wird. Eben hat uns eine Vierzigfußyacht überholt. Ich lasse dreimal die Großschot sausen, um nicht ausgerechnet hier wieder neben Oli aufzukommen. Das gelingt jedoch unverhofft einer kleineren schwedischen Yacht. Eine Handvoll Motorboote quält sich rechts und links vorbei. Die Vierzigfußyacht beginnt – Hut ab! – zu kreuzen.

Wir wenden. Befinden uns in Lee, aber zwei Bootslängen vor Oliese. Und die sich in Lee, zwei Bootslängen vor den Schweden. Was natürlich dazu führt, dass wir als Erste wenden müssen, aber nicht ohne Weiteres können. Mit Oliese klappt die Verständigung durch Rufen. Mit den Schweden: Per Handzeichen. Allerfeinste Seemannschaft, wunderbares Miteinander: die Schweden wenden, Oliese wendet, Paula wendet, und mit den nächsten Motorbötchen kommen wir auch irgendwie klar.

Unser Tagesziel: Vasholmarna, eine fabulöse Außenschäre mit sagenhafter Aussicht, außerdem einer der südlichsten Ausläufer des roten Granits, der senkrecht abfällt, so dass man an vielen Stellen längsseits gehen kann. Paula und ich sind zum dritten Mal hier. 2012 war es bei schönstem Wetter rappelvoll, wir probierten zunächst einen prekären Liegeplatz und verholten dann zu einer der kleineren Inseln des Archipels, wo wir zwar längsseits gehen konnten, aber das Schlauchboot als Fender unter den Felsen stopfen mussten und ich nur per Strickleiter von Bord kam. 2016, mit den Charteryachten im Gefolge, waren wir bei bedecktem Himmel, fröstelnder Kälte und 6-7 Windstärken die Einzigen, die sich hier her wagten. Wir wehten prompt zwei Tage ein, machten es uns nett, indem wir eine Seilfähre zur Hauptinsel bauten – doch zuvor mussten wir ja erst anlegen. Für mich und Paula war das zu gewagt, damals schickten wir die kundige Frieda-Crew vor.

Heute ist das Wetter traumhaft, der Naturhafen entsprechend gefüllt, und uns bleibt genau die Stelle, die ich bei ähnlicher Windrichtung vor sechs Jahren prekär und unsicher fand. Das Anlegen hat damals gut geklappt, jetzt ist es zumindest für Fortgeschrittene. Der Wind weht parallel zum Ufer, und der steil abfallende Felsen bildet lauter kleine Nischen. Da ist ein flaches Podest, wo ich aussteigen, zwei Springs halten und auf die Fender vertrauen kann, aber für Vor- und Achterleine muss man klettern. Ich rufe über Funk Oliese.

Eigentlich wäre Oli mit der einzigen Dreiercrew prädestiniert, als erste hier festzumachen. Aber es ist unsere erste Schäre – die Crew, so fit sie seglerisch und seemännisch ist, wäre damit wohl überfordert. Der Plan ist also eher, dass Rolf zu uns übersteigt, damit wir immerhin zu zweit sind. Doch erst müssen die die Segel bergen, und darüber verliere ich die Geduld. Paula findet: Versuchen wir es einfach.

Der Versuch gelingt. Sofern man das Resultat – Heckanker nicht durchgeholt, Springs nur auf den Felsen gelegt, daneben Hammer und Schärenhaken, im Galopp eine Vorleine ausgebracht, die ich aber nicht belegen kann, weil ich Paula im Schwell beständig austarieren muss, damit die Fender und nicht die unabgefenderte Bordwand am Stein scheuern, und meinen Platz deshalb nicht mehr verlassen kann – als gelungenen Versuch bewerten möchte. Ich harre aus, bis Oliese herantuckert und Rolf einigermaßen ratlos zu Paula an Bord steigt.

Ich dirigiere ihn hierhin und dorthin. Zwischendurch halten wir beide irgendwo irgendeine Leine, und das Werkzeug, das wir nun beide bräuchten, liegt unerreichbar auf halben Wege zwischen uns. Rolf muss klettern, zehn Meter rauf mit der längsten verfügbaren Leine in der Hand, dann zehn Meter runter, bevor ihn ein Gestrüpp daran hindert, die Leine an einer Stelle zu belegen, wo sie uns helfen könnte. Ein Motorboot-Nachbar fängt sie auf und macht sie fest. Paula ist einigermaßen gesichert. Und hat nur zwei kleine Lackschäden davongetragen. Das steckt sie weg: Einhand in den Schären geht es nicht ohne, das ist ihr der Spaß wert.

Hinter ihr ist ein etwas leichter abzufendernder Platz, an den sich nun Oliese legt. Ich klettere. Wir brauchen Rolf, der immer noch und dann schon wieder klettert. Ein ziemliches Hin und Her über nochmal eine Viertelstunde, dann macht Oliese einen ganz zufriedenen Eindruck mit ihrem Liegeplatz. Die Anderen werden hier ins Päckchen gehen. Tunlichst nicht an Paula, die liegt wirklich präkär und gefährdet, sobald etwas der Wind ungünstig dreht oder sich ein Schärenhaken löst. Als der Wind im Gegenteil, und wie angekündigt und erhofft, günstig dreht, wirkt auch sie zufrieden: Endlich einmal nicht innen liegen mit der Last ihrer Schwestern im Nacken, sondern vor ihnen auf standesgemäßem eigenen Platz. Die Gäste regeln das Problem des steilen Aufstiegs an Land, indem sie einen schönen Handlauf den Felsen hinauf organisieren.

Salty kommt als Letzte im ersten und auch im zweiten Anlauf ein bisschen schwungvoll angeflogen, und der Heckanker hält in beiden Fällen nicht. Ich springe an Bord. Das Erste, das ich erfahre: Skipperin wie Vorschoterin haben noch nie an einem Felsen angelegt, noch nie im Päckchen gelegen und noch nie geankert. Der Anker ist ein kräftiges Indiz: Die Flunken sind weder ausgeklappt, noch gesichert. Als Salty sich endlich sicher und kuschelig an Martha schmiegt, hat die Crew erheblich dazugelernt. Und nach Stunden trüben Wetters mobilisiere ich alle, die noch wach sind, zum Betrachten des spektakulären Sonnenuntergangs.

„Wie – fahren wir etwa schon zurück?“ Gedanklich war ich selbst schon auf einen ordentlichen Schlag nach Norden eingestellt. In eine Gegend, in die Paula und ich es ein einziges Mal geschafft haben, und das ist sechs Jahre her. Die Wetterinseln sollten es sein, oder wenigstens das unübertrefflich schöne Alvö. Wenn nicht gar Süd-Koster. Aber zumindest noch einen Tag nach Norden zu einer neuen Schäre. Doch die Windprognose für die nächste Woche ist flautig und tendenziell südlich. „Wenn wir heute zwanzig Meilen nach Norden segeln“, rechne ich der kritischen Fragerin vor, „und gleichzeitig keine zwanzig Meilen nach Süden – dann haben wir hinterher vierzig Meilen zusätzlich vor der Brust.“ Ich kann die Gäste aber beruhigen: Wir werden uns langsam durch die Schären hangeln, so lange wie möglich dort bleiben – und anschließend kommt keineswegs der beschwerliche Weg, der mir meine Boote nach Hause bringt, sondern der zweite, im Charakter ganz andere, aber genauso spannende Teil der Abenteuerreise. Am Ende wird sich herausstellen, dass die Entscheidung, genau hier umzukehren, eine weitere Punktlandung ist.

Man ahnt das schon an diesem Tag. Es ist bedeckt, trüb, diesig, beinahe neblig. Obwohl vom Skagerrak eine beträchtliche Dünung heranläuft, ist der Südwestwind eher mau. Das wird zum Problem, als wir außen um Härmanö kreuzen, um nicht im Innenfahrwasser zu motoren – bei tüchtigem Gestampfe segelt Paula schnell an allen vorbei. Keine Kunst – wir haben mit Abstand die meiste Erfahrung darin, bei viel Welle und wenig Wind einen guten Kompromiss aus Höhe und Fahrt zu finden, und unser Trimm dürfte auch gelungener sein als der der sich erst allmählich einsegelnden Gäste. Oliese und Martha halten ausgezeichnet mit. Frieda kämpft wacker. Salty ist von Beginn an hintenan und später kaum noch zu sehen. Genau die gleiche Kreuz bei identischen Bedingungen hatten wir vor zwei Jahren auch schon. Da war die Oliese-Crew überfordert – Paula musste nach zweistündiger Kreuz am vereinbarten Treffpunkt eineinhalb Stunden warten!

Wie damals ist dieser Treffpunkt Hinneskär südöstlich von Härmanö, von wo aus wir uns wieder ins Schärenfahrwasser einfädeln wollen. Auf der Dünung surfen wir wie blöde, dann liegen wir im Schutz der Insel bei und warten. Als ich das erste Folkeboot sehe, rufe ich Oliese, um ihr mitzuteilen, wo wir auf der Lauer liegen. Zu meiner Überraschung stellt sich heraus, dass es Frieda ist, die als Nächste angekommen ist – Claus und Steffi haben unterwegs wohl den Dreh herausgefunden. Oder Frieda hatte keine Lust mehr auf Hinterherfahren und hat selbst das Ruder ergriffen. Zumindest hat sie alle überholt.

Bis Salty ums Eck surft, vergeht gerade eine gute halbe Stunde – im Vergleich zur letzten Schwedentour keine schlechte Zeit für das langsamste Boot. Wir machen uns auf den Weg nach Mollösund. Doch es läuft auch jetzt nicht besser. Es läuft eigentlich überhaupt nicht mehr. Egal, was wir uns vorgenommen haben, eine nahegelegene Alternative muss her. Was hat der Hafenmeister von Åstol noch empfohlen? Slubberholmen? Ist das nicht gerade hier ums Eck?

Die vier Meilen schaffen wir noch. Slubberholmen ist nach Westen offen, doch bei Südwest hoffe ich, dass wir ruhig liegen können, zumal der Wind weiter abflauen und komplett einschlafen wird. Morgens ist mit Südwind zu rechnen, gegen Mittag mit Nordwest. Wenn wir im richtigen Moment auslaufen, kann es traumhaft werden. Es wird sogar noch viel besser als einfach nur traumhaft, aber zunächst müssen wir ein Plätzchen finden in einer Bucht, an deren Südufer schon etliche Yachten liegen und in deren Nordteil fleißig geankert wird. Sie ist wesentlich geräumiger, als es im Ankerplatzführer den Anschein hat – kurzentschlossen segeln wir unter Vollzeug hinein. Mein Ehrgeiz ist geweckt, heute mal wieder auf den Außenborder zu verzichten.

Hilfsbereite Segler machen sich bereit, unsere Vorleine anzunehmen, als wir mit inzwischen geborgener Fock unsere Platzrunde segeln. Ich bin skeptisch – zum Ufer hin sieht es bannich flach aus. Wir drehen noch eine Runde. Paula nähert sich langsam dem Felsen, ich gehe Ausguck auf dem Vorschiff. Von hier ist es eindeutig: Die Tiefe reicht nicht. Das bestätigen auch die Leute an Land, „hier sieht es tiefer aus“, rufen sie, aber es ist nur ein winziger Einschnitt, der bei jeder Winddrehung zum Problem würde. Mir kommt eine bessere Idee.

Die Anderen segeln hinter uns auf und ab. Chartergäste auf dieser Tour müssen reichlich Geduld mitbringen, bevor sie sich dann aber ins gemachte Nest setzen dürfen. Sie haben Anlege-Vollservice gebucht und bekommen ihn voller Enthusiasmus, für gewöhnlich übernehme ich von Land aus das Ruder, aber sie müssen mir natürlich Zeit zur Vorbereitung geben. Ich lasse vierzig Meter vorm Ufer den Anker fallen. Belege ihn erstmal am Bug und berge das Großsegel. Mache das Schlauchboot klar. Bringe damit unsere lange Leine an Land aus. Setze den Anker ans Heck und ziehe Paula nach vorne, bis sie fünfzehn, zwanzig Meter von der Schäre entfernt liegt. Hole den Heckanker durch. Dann winke ich den Nächsten zu.

Die Crews helfen sich gegenseitig beim Längsseitsgehen. Was gestern noch „ich habe noch nie das und das gemacht“ hieß, funktioniert nun reibungslos und beinahe routiniert – alle neun sind wirklich in Schweden und an Bord angekommen. Ich betrachte es wohlwollend und kümmere mich um unsere Seilfähre. Es wird ein Riesenspaß, besonders, wenn die Pärchen sich mit dem winzigen Dinghi gemeinsam abmühen. Aber dank zweier Sorgleinen, einer an Land und einer auf Paula belegt, können wir alle jederzeit und unabhängig voneinander übersetzen. Und das lohnt sich nicht nur wegen der Toilette. Denn Slubberholmen ist nicht schön wie Vasholmen. Es ist phantastisch. Traumhaft. Wundervoll. Sanft ansteigend zum hochgelegenen Aussichtspunkt. Und spärlich bewachsen mit wackeren Blümchen und tapferen Sträuchern – den Folkebooten unter den Pflanzen.

Beim Landgang durchquere ich den Zeltplatz für die Kanufahrer. Im Augenwinkel fällt mir ein Pärchen auf, von dem ich denke, „die sehen aus wie Boris und Katrin“ von der Hinweggruppe. Als ich auf dem höchsten Punkt Slubberholmens beinahe schon wieder vor Rührung weinen muss, weil wir uns einen so schönen Ort ersegelt haben, krabbelt die Erklärung für meine Beobachtung hangaufwärts: Es sind Boris und Katrin.

Dass sie noch eine weitere Urlaubswoche in Schweden verbringen wollten, wusste ich bereits. Kurzentschlossen haben sie sich Kanus geliehen, dazu Zelt, Kochgeschirr und was man sonst so braucht. Und zufällig haben wir uns heute hier getroffen. Es ist ein bisschen skurril: Mit ihnen und dem Rest der Hinweggruppe habe ich phantastische zwei Wochen verbracht, die ich niemals vergessen werde. Der Abschied fiel gerade diesen beiden erkennbar schwer, und auch mir wäre er schwergefallen, wenn sie sich nicht mit den Nachfolgern die Klinke in die Hand gegeben hätten, so dass ich schon voll im Arbeits- und Orga-Modus war. Nach der Anspannung von Einweisung, Starkwindtagen und Unerfahrenheit der Crews beginne ich meine Dienstreise gerade von Neuem zu genießen. Und nun treffen wir uns hier auf dem Felsen, und ich wirke ein wenig sprachlos.

Als wir uns schon verabschiedet haben und ich mich zu unserer Seilfähre wende, gibt mir Paula den entscheidenden Hinweis: Sie würde Boris und Katrin gerne auf ein Glas Wein im Cockpit einladen. Die beiden sagen begeistert zu. Ihre Überfahrt wirkt auch ein wenig unbeholfen – mit ihnen haben wir an unseren vier Schären ja immer mit direktem Ausstieg über zumindest eines der Boote gelegen. Doch dann wird es ein langer, wundervoller Abend, bei dem es hauptsächlich um WG-Erfahrungen in der Großstadt geht – ein interessantes Thema, wenn man gerade an einer der schönsten Schären der schwedischen Westküste dümpelt.

Unser nächster Tag bietet ein strammes Programm. Denn wir wollen am liebsten alles! Zumindest beides: Abends wieder an einer Schäre liegen, aber vorher Wasservorrat und Proviant vervollständigen. Paula weiß Rat, denn erstens hat sie für den Vormittag den schönen Südwind bestellt, mit dem wir ohnehin nicht vorankämen, und zweitens hat sie dafür gesorgt, dass Slubberholmen nur vier Meilen von Mollösund entfernt ist. Und der Ort hat sich für einen Einkaufsbummel zwischendurch schon vor zwei Jahren bestens bewährt.

Zur Wahl stehen die Außenlieger, Salty und Oliese. Beide Crews sind überrumpelt, haben weder abgewaschen noch sonstwie aufgeklart. Oliese braucht angeblich auch keinen Proviant, also lautet die Entscheidung: Salty darf und muss nach Mollösund. Ich vermute, der unerledigte Abwasch stapelt sich in den Backskisten, als Skipperin Claudia uns um die Schäre segelt. An Bord sind Claus und Steffi von der Frieda mit meinem Einkaufszettel in der Tasche, sowie Gerd von der Oliese, die nun doch ein paar Erledigungen hat. Für die auf Landgang befindliche Martha-Crew habe ich beschlossen, dass ein Brot gekauft wird, und außerdem ihren leeren Wasserkanister entführt. Denn Wasser sollen wir auffüllen, so randvoll es geht.

Salty und ich segeln ein Stündchen auf und ab, nachdem wir die Einkaufsdelegation abgesetzt haben. Ein voller Schlauchbootsteg verrät, dass es Viele so angehen wie wir. Auf dem Rückweg, Gerd und ich Lümmeln auf dem Vorschiff, Claus und Claudia plaudern im Cockpit, beginnt meine Nervosität. Wir sollen alle abgelegt haben, bevor uns der auflandige Wind das Leben schwer macht. Doch Salty läuft keine Höhe - wenn es so weiter geht, werden wir einen Holeschlag brauchen, um die Steine vor uns zu runden, die wir eigentlich gar kein Hindernis darstellen müssten. Ich beschwere mich massiv und deutlich bei der Rudergängerin. Sie konzentriert sich. Und Salty segelt wie der Blitz zurück nach Slubberholmen.

Jetzt müssen aber noch Mittagshäppchen und Abwasch und alles Mögliche erledigt werden. Meine Laune bleibt schlecht. Der Wind dreht, jetzt fehlt es uns noch, dass er aufbrist. Alleine bekomme ich Paula längst nicht mehr heil vom Felsen weg, ohne dass sie in die luvwärtigen Nachbarn treibt. Endlich sind die Anderen bereit und legen ab. Rolf löst unsere Vorleine, springt ins Schlauchboot – und staunt nicht schlecht, als ich sofort volles Rohr rückwärts gebe und im Vorbeifahren den Heckanker aufhole. Das Schlauchboot treibt quer mit schäumender Bugwelle. Oliese hat als erste abgelegt und muss die ganze Zeit auf der Stelle tuckern, bis wir schließlich so weit sind, dass Rolf übersteigen kann.

Das Schlauchboot nehme ich in Schlepp. Es plätschert im Schwell der Motorboote und bremst gewaltig. Ein Flottillentörn ist immer auch eine Regatta, und mit dieser Bremse sind wir nicht konkurrenzfähig. Im Kyrkesund endet meine Geduld, ich zerre das Dinghi ins Cockpit. Hier stört es auch. Ich stopfe es, so gut es geht, hochkant in den Niedergang. Drücke und zerre und biege an einem der Hörnchen am Heck, bis es unter den Reitbalken flutscht – nun kann Paulas Großbaum wieder überkommen, und ich bin einigermaßen zufrieden. Ich darf nur nichts von unter Deck brauchen, der Weg ist versperrt. Aber wir sind wieder schneller und segeln fröhlich vorneweg. Während ich mich noch über dieses neue Setup amüsiere, überholt Frieda dennoch. Immerhin kommen wir diesmal alle unter Segeln durch den Kyrkesund.

Der Dämmertörn ist einer der schönsten Segeltage einer an solchen reichen Reise: Es geht gut, bisweilen zügig, aber stets stressfrei voran. Wir haben es nicht eilig, noch ist es lange hell. Und der Segelnachmittag ist so kurzweilig, wie er nur sein kann, mit all diesen Kursänderungen und navigatorischen Leckerbissen. Der Verkehr ist beinahe null, im Wesentlichen beherrschen die „Wildgänse“ ihr inzwischen vertrautes Revier. Wir durchsegeln auch den Hjärterösund, und zwar fluffig ohne fünf Wenden auf fünfzig Metern oder Grundberührung am „Jungfrauenloch“. Aber nicht ohne mein wehmütiges Gefühl, an meiner Lieblingsschäre frühestens in zwei Jahren wieder anlegen zu können. Wir durchsegeln auch Marstrand – und damit schließt sich ein Kreis. Vor der gefühlten Ewigkeit von fünf Tagen hat diese Reiseetappe dort begonnen – nun fahren wir in der Abenddämmerung einfach nur durch und genießen den Blick auf die Stadt vom Wasser aus. Der volle Hafen ist längst zur Ruhe gekommen, die Sonne steht schon tief, und der erste den Gästen bereits vertraute Ort bietet ein unerwartet friedliches Bild.

Südlich des Albrektssundskanal liegt unser Ziel Vaxholmen, bekannte Landmarke unserer Einführungsrunden. Paula und ich machen es wie in Slubberholmen: Wir segeln in die Abdeckung und aufs Ufer zu. Erkennen früh, dass die Plätze mit ausreichender Wassertiefe besetzt sind und bedanken uns bei den freundlichen Helfern an Land. Werfen den Anker. Dann pule ich das einsatzbereite Schlauchboot aus seiner Klemme im Niedergang. Auch heute bauen wir unsere kleine Insel zwanzig Meter vor der Schäre mit Hilfe von Landleinen, Heckankern und Seilfähre.

Auch Vaxholmen hat ein Kompostklo. Und einen Aussichtspunkt. Einen ziemlich hohen. Blick auf die Festung, Blick auf Ussholmen, das uns neulich so gut gefiel und das nun deutlich abfällt gegenüber dieser Insel, die auch Vasholmen übertrifft und sogar das grandiose Slubberholmen: Die Schären überbieten sich Tag für Tag und dauernd in ihrer atemberaubenden Schönheit, und wer mit grandiosen Glücksgefühl den Felsen hinausklettert, kehrt beschwingt und beinahe verstört ob der unerwarteten Eindrücke an Bord zurück. Ich hoffe, ich werde mich nie an diesem magischen Prozess gewöhnen.

Als ich im Morgengrauen an Land gehe, Kamera und Stativ im Gepäck, um ein paar Schnappschüsse und ein Panorama aufzunehmen, sitzt Claus auf einem Felsen. Ich weiß nicht, was er so früh hier treibt, und er verrät es nicht, lässt sich aber gerne zu einem Landgang überreden. Ein großer Vorteil der Schären ist, dass man in der Regel in einer Stunde, manchmal wenigen Minuten, alles sehen und erkunden kann und dennoch überwältigt ist. Anders als in den Innenschären oder an der schwedischen Ostküste, verharrt hier die Natur in einem fortwährenden Anfangsstadium. Seit dem Vulkanismus, dem Auseinanderdriften der Kontinente, den Auffaltungen und den Eiszeiten hat sich nicht viel getan, doch in jeder Kluft regt sich Leben, wuchert ein üppiges Miniaturwäldchen, und kommt doch nicht über den Rand des umgebenden Felsens hinaus.

Es wird Zeit, das Stativ einzuklappen und Paula segelklar zu machen – wir haben heute Einiges vor: Ohne Motor abzulegen. Ein gehöriges Stück südwärts zu segeln. Das gefürchtete Göteborg-Fahrwasser im Rivö Fjord zu queren. Und unsere letzte Schäre zu erreichen, einen kargen Außenposten: Tistlarna. Das war vor sechs und vor sieben und vor zwei Jahren ein Traum von mir, jetzt haben wir das ruhige Wetter, das hier geboten scheint. Zwischendurch, in der Flaute, zerbreche ich mir den Kopf über Alternativen. Doch immer wieder kommt ein Brischen, das uns weiterbringt, und die Gäste murren nicht ob der mageren zwei Knoten. Unterwegs überholt uns ein Schärenkreuzer mit einem dänischen Einhandsegler. Ob wir gar nicht mit Lotte unterwegs seien, fragt er. Ich SMSe der Lotte-Crew seine Grüße, und es stellt sich heraus, dass Lotte im gleichen Moment an der Schäre anlegt, die er empfohlen hat.

Tistlarna ist...nunja. Einigermaßen voll. Die verbliebenen Plätze sind: flach. Paula probiert ihr Glück in langsamer Fahrt, es macht klack, Tonne Gusseisen auf geduldigem Granit. Die bewährte Seilfähre hat diesmal nur drei Meter zu überbrücken. Das Klo ist auf der anderen Seite der Bucht, für den Weg dorthin muss das Schlauchboot also von seinen Sorgleinen gelöst werden. Geht alles. Von der Umgebung bin ich zunächst ein bisschen enttäuscht. Bis ich bei Sonnenuntergang die Kamera nehme und Landgang mache. Dann bin ich begeistert, und das will etwas heißen nach all den vertrauten und neuen Schären dieser Reise, doch diese hat wie jede andere ihren ganz eigenen Charakter, was ebenfalls etwas heißen will, wo doch die gleichen Eiszeiten den Fels geformt haben. Hier ist also: Lotsenstation. Außenposten am Rande der Zivilisation. Vegetation gleich null. Felsformation gleich hundert Prozent. Der Rest ist unbeschreiblich, man muss ihn gesehen haben. Aber nur bei ruhigem Wetter, sonst garantiere ich für nichts. Wir liegen auf einem Schluck Wasser unterm Kiel. Ich bin nicht sicher, ob die müden Gäste den sehenswerten Rest ausgiebig genug betrachtet haben.

Für die Nacht ist ein schwacher Südost angesagt. Genau von hinten, das müssen die Heckanker halten. Zeitpunkt fürs Auslaufen: Kurz bevor der Nordwest einsetzt. Das schaffen wir, motoren träge aus der Bucht, setzen die Segel, warten ab. Wir driften auseinander, alle suchen irgendwo Wind. Am Ende führt jede Strategie zum gleichen Ergebnis: Mit selten über drei Knoten segeln wir südwärts. Irgendwann passieren wir Hästholmen und die umgebenden Schären. Ich winke und verabschiede mich: „Tschüß ihr Steine – wir kommen wieder!“ Die Wunderwelt der Schären endet abrupt eine Meile später.

Es ist ein langer, zäher, uninspirierender Segeltag. Deckschrubben – es war nötig – hat mich nur für zehn Minuten beschäftigt. Zwei Stunden lang höre ich – das habe ich noch nie unterwegs gemacht – megalaut Musik. Dann vertilge ich in Windeseile eine Tafel Schokolade. Für eine Weile geht es voran, dann wird es erneut zäh und mühsam. Doch die Gäste sind nachher völlig begeistert. Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, wovon – es waren zu viele Meilen für zu wenig Wind, aber beides ließ sich nicht ändern. In der Abenddämmerung biegen wir in das Fahrwasser nach Varberg ein. Am Ende meiner Geduld berge ich die Segel und starte den Motor. Prompt kommt ein neuerliches Brischen auf, gegen das wir aber hätten kreuzen müssen, und irgendwann ist ja auch mal gut. Nach Sonnenuntergang legen wir an – am Wohnmobilstellplatz!

Es ist der Abend der Mondfinsternis, des „Blutmondes“, für den wir aber nur bedingt einen Blick haben. Ich hatte mal verkündet, dass wir morgens um vier auslaufen und nach Anholt segeln würden, um dort dann einen erholsamen Liegetag zu verbringen. Habe nach dem Segelpacken die aktuellste Version des Wetterberichts studiert. Und bitte gegen elf Uhr alle an Land zu einer außerordentlichen Törnbesprechung.

Jemand hat vor einem wahnsinnig großen Wohnmobil Teppiche ausgelegt und eine Sitzgruppe bereitgestellt. Wir geraten in Versuchung, uns ihrer zu bemächtigen, aber dann begnügen wir uns doch mit der Betonmole – wir sind schließlich Folkebootsegler und keine überkandidelten Snobs. Meine Botschaft lautet: Gewitterwarnung ab frühem Nachmittag. Bis dahin sollten wir einen Hafen erreichen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Auslaufen um vier, also Aufstehen um zwei, nach diesem langen Tag eine Spur zu hart wäre. Alternative also: Auslaufen um acht und nur die zwanzig Meilen nach Falkenberg segeln. Das müssen wir aber zumindest schaffen, denn damit wäre entschieden, dass wir entlang der Küste Schwedens und Seelands fahren, und das ist ein ganzes Stück länger.

Je länger wir reden, desto überzeugter bin ich von der Alternative: Ich möchte nach Falkenberg, ich möchte nach Seeland. Es ist bemerkenswert, dass die frühe Aufstehzeit und der wenige Schlaf absolut kein Thema sind in der Diskussion. Stattdessen ist es schließlich Rolf, der sich als Erster eindeutig positioniert, indem er sagt: „Ich möchte so viel wie möglich segeln.“. Wenn die kürzere Variante des morgigen Tages eine längere Gesamtstrecke bedeutet – umso besser! Dem können sich alle anschließen.

Wir legen also, nicht wirklich ausgeschlafen, aber frohen Mutes, um acht Uhr ab. Wolkenloser Himmel, Ost 4, mit viereinhalb Knoten gekoppelt haben wir eine Chance, Falkenberg vor dem ersten Gewitter zu erreichen, auch wenn der Wind später auf Südost drehen wird, was auf dem letzten Stück zum Hafen gegenan bedeutet. Im Hafenhandbuch – der Loseblattsammlung vom DSV, die seit Jahren nicht mehr upgedatet wird, die Paula aber weiterhin im Schwalbennest spazieren fährt und der die meisten Texte des Hafenlotsen des NV-Verlags entstammen – wird der Ort sinngemäß beschrieben: „Fahr da bloß nicht hin! Es ist furchtbar!“ So lassen sich aber sämtliche Beschreibungen zwischen Mölle am Øresund und dem Kungsbackafjord interpretieren, und irgendwo muss man ja anlegen, wenn man aus irgendeinem Grund weder über Anholt fahren, noch direkt nach Grenaa übersetzen will oder kann. Vor sieben Jahren landeten Paula und ich in Falkenberg, weil mir Wind und Wetter nicht geheuer waren, und der Hafen des Segelclubs, zwischen Industrieanlagen und in schraddeligem Ambiente, wärmte mein Herz. Seitdem hat sich herausgestellt, dass Folkeboote und die vom DSV verschmähten Häfen oft ausgezeichnet zusammenpassen, und wenn es um gleich fünf Boote geht, die im Hochsommer einen Liegeplatz suchen, ist ein wesentliches Argument genau das: Wo die Anderen nicht hinwollen, breiten wir uns umso lieber aus und machen es uns gemütlich.

Es läuft ganz gut. Fahrt durchs Wasser ist bestimmt deutlich mehr als viereinhalb Knoten. Aber es läuft uns eine zunehmende Strömung entgegen. Die war nicht einkalkuliert. Wir sind ein bisschen spät dran – als wir die Halbinsel nördlich von Falkenberg passieren, den Hafen schon gut in Sicht haben und wenden, schläft der Wind ein.

Es ist ein wirklich unangenehmes Gefühl, bei Flaute in der Strömung achteraus zu treiben und genau zu wissen: Der nächste Wind ist eine Gewitterbö. Die Wolken, die sich über Land formieren, sind unmissverständlich. Was tun? Reffen, während wir gerade mal wieder froh sind über den anderhalbten Knoten, widerstrebt mir. Mit dem Außenborder werden wir bei der alten Welle vorerst nichts. Über Funk den Anderen etwas erzählen kann ich kaum – dass das Wetter schlechter wird, sehen die selbst. Und wenn sie eine eigene Idee haben und sich vergewissern wollen, sind wir erreichbar. Also warten wir ab. Und nehmen zwischenzeitlich noch einmal hübsch Fahrt auf.

Die Untiefentonne, die es vor der Hafeneinfahrt zu runden gilt, habe ich schon schemenhaft in Sicht, als der erste Schauer kommt. Es ist nur ein Schauer: Tüchtig Regen und eine fünfer Bö, endlich wieder Druck in den Segeln und entsprechend Fahrt. Kaum ist er durch, schläft der Wind wieder ein. Weil er über Land kommt, ist relativ schnell auch die Welle platt. Wir tüfteln weiter am Projekt, die Untiefentonne zu erreichen. Nach kurzer Zeit kommt der nächste Schauer – wieder nicht mehr als eine Abkühlung und eine willkommene frische Brise. Als es wieder aufklart und schon der nächste Knaller aufzieht, starte ich den Außenborder – das ist bei spiegelglatter See die Chance, erheblich voranzukommen. Der Trick besteht darin, den Motor auszumachen und schleunigst aufzuholen, bevor das herannahende Gekräusel uns erreicht. Denn das ist nicht einfach ein Gekräusel, sondern erwartungsgemäß binnen Sekunden ein hackiger Seegang von einem knappen Meter. Als die Bö einfällt, sitze ich schon wieder an der Pinne und gehe auf Kurs.

Paula wirft sich auf die Seite und saust los. Der Regen ist sekundär, mir fliegt von allen Seiten Gischt um die Ohren wie selten. Dunkel wird es auch – zum Glück bleibt die Sicht beinahe erstaunlich gut, und nach zwei Kabellängen können wir wenden und passieren endlich die ersehnte Tonne. Die Wende ist sportlich, dies ist geschätzt eine stramme sieben oder knappe acht. Aus der Stand bzw. der Flaute wirklich beachtlich. Ich hole alles aus dem Rigg, was geht: Traveller nach Lee, Achterstag bis dorthinaus, Fock dicht und Großschot auf, bis nur noch das Achterliek wirklich steht. Paula stürzt sich gierig in die Wellen.

Ich reiße die Großschot aus der Klemme und gebe schwitzend einen Schrick darauf, ohne sie ganz ausrauschen zu lassen. Paula fällt ein bisschen ab. Die Einfahrt ist breit, aber nicht unendlich, und bei diesen Bedingungen müssen wir tunlichst die Mitte treffen. Schrick um Schrick tasten wir uns heran, bis wir mit halbem Wind und voller Schräglage die Molenköpfe hinter uns lassen. Kaum haben wir die Abdeckung erreicht, ist der Schauer durch. Knallsonne und Gluthitze breiten sich aus, der Wind schläft ein, ich starte den Außenborder. Nach entspanntem Anlegen packe ich die – bereits trockenen – Segel und warte auf die Anderen.

Claudia berichtet: „Du hast gerade gestern erzählt, ein Folkeboot könne man ungerefft bei sieben Windstärken problemlos segeln. Und heute habe ich gedacht: Das hat er gesagt, also mache ich das jetzt.“ Saltys und Marthas Crew, die vielleicht eine Meile hinter uns waren, sind sich einig: „Das erste Ding war das schlimmste.“ Tatsächlich hat die Wolke auf dieser Meile richtig Fahrt aufgenommen: Als bei uns schon wieder die Sonne knallte, hörte ich hinter uns Donnergrollen. Martha und Salty schlugen die Blitze um die Ohren, und der Wind war derartig ruppig, dass der dritte Schauer sie gar nicht mehr überraschte. Ist ja auch klar: Feuchtigkeit über dem warmen Wasser aufzunehmen. sorgte für zusätzliche Energie. Auf den Trick, zwischendurch den Motor zu starten, sind alle gekommen. Auf die Idee, ihn frühzeitig wieder aufzuholen, nicht alle: Marthas Außenborder hopste, als Daniel ihn gerade sichern wollte, aufs Achterdeck. Wie die die Situation gemeistert haben, bleibt mir ein Rätsel – auf jeden Fall hat Daniel den Motor wahrhaftig schnell noch wieder eingefädelt. Fazit: Bloß gut, dieses Unwetter hat uns nicht auf dem Weg nach Anholt erwischt. Unter der Bedingung, dicht unter Land zu sein und den Hafen in Sicht zu haben, ist es eine wertvolle Erfahrung.

Von Falkenberg geht es nach Mölle. Ich kündige an: Wir werden im Schatten des Grand Hotels liegen, in Reichweite des wunderschönen Bergmassivs des Kullen, das wir schon aus der Ferne als Landmarke sehen und in nächster Nähe passieren werden. Ich kündige auch knapp vierzig Seemeilen bei Ost drei bis vier an. Wir laufen früh aus, und zunächst läuft es auch wirklich gut mit zwischen viereinhalb und sechseinhalb Knoten. Allmählich bekommt der Wind diese kleinen Schwächephasen, die man negative Böen nennen könnte, und die extrem nervig sind, weil man sie jedes Mal für Vorboten einer Flaute hält. Die vielleicht gar nicht kommt, manchmal aber doch. Diesmal nutze ich eine dieser Ruhephasen für einen Blick in die Seekarte. Und wundere mich. Es ist die meiste Zeit ein reiner Südkurs, also lässt sich die Strecke – die ich zur Kontrolle ein zweites Mal abgezirkelt habe - mühelos anhand der Bogenminuten abzählen. Es sind deutlich über fünfzig Meilen.

Segeln wollten wir ja nur vierzig, und das schaffen wir auch. Dann schläft der Wind ein. Oliese startet als Erste den Motor, Paula und Frieda folgen ihrem Beispiel. Salty und Martha liegen mal wieder zurück, ich warne sie über Funk, dass wir ihnen nun davontuckern werden, wenn sie nicht auch ein bisschen Benzin opfern. Der nächste Funkspruch kommt von Martha: Der Motor sei ausgefallen. Weil immer noch kein Wind ist, bitte ich Salty, Martha in Schlepp zu nehmen, und mache mir keine weiteren Gedanken. Mache ich natürlich doch, aber sie gelten vorwiegend dem Problem, dass der Ersatzaußenborder unter Paulas Achterdeck gestaut ist, aber das ist ein uralter 4 PS- Zweitakter. Marthas Motor hat 6 PS und einen längeren Schaft, ein größeres Gehäuse und mehr Gewicht. Er wird in die Vorpiek müssen zu all den Ersatzsegeln, und Paulas Bug taucht jetzt schon merklich ein. Eigentlich habe ich keine Lust auf zweieinhalb Wochen kopfüber.

Außerdem hätte ich der Reise, den Booten und vor allem ihren tapferen Crews gewünscht, dass wir standesgemäß unter Segeln am Kullen vorbeifahren. Es ist schade, dass wir es nun unter Motorgedröhn tun, aber das hält niemanden davon ab, die Basaltsäulen und Felsformationen zu bestaunen. Kurz vor Hafen setzt die Seebrise ein, die hätten wir nun auch nicht mehr gebraucht. Nachdem ich mich bei der Tageplanung um gute zehn Seemeilen verzählt habe, bekomme ich nun die Gelegenheit, etwas gutzumachen.

Denn die Liegeplatzsuche und das Anlegen erfordern Kreativität. Der Hafen ist in etwa so: An der Innenseite der Außenmole liegt man in Boxen. Die sind alle voll. Im Inneren des Hafens liegt man längsseits. Da gibt es aber keinen freien Stegplatz mehr, wir müssten uns über irgendwelche Päckchen verteilen – keine echte Option. Gegenüber der Außenmole gibt es eine Betonpier mit genau auflandigem Wind, wo man vor Heckanker liegen soll. Ganz links nahe der Hafeneinfahrt liegt eine Spækhugger, daneben ist die einzige breitere Lücke, dann folgen diverse Motoryachten sowie eine klassische Yacht, für die ich vorläufig weiter kein Auge habe. Ich binde Paula an einem der Heckpfähle an der Außenmole fest und klariere unseren Heckanker. Dabei zerbreche ich mir den Kopf, wo wir hier zu fünft liegen sollen. Ergebnis des Grübelns ist ein Experiment in sieben Schritten.

Schritt 1: Ich löse die Vorleine, und wir treiben mit zur Sicherheit laufendem Außenborder vor Topp und Takel auf die breite Lücke zu. Schritt 2: Heckanker fällt und dient uns vornehmlich als Bremse. Wir legen schließlich so an, wie es gedacht ist. Tausend Leute rennen herum, deren Kinder vor unserem Bug kreischend und plantschend schön baden. Niemand bietet Hilfe an. Egal, brauchen wir nicht, Paula hängt sicher an ihrem Heckanker. Schritt 3: Ich steige an Land und schreite die Breite der Lücke ab. Neun Meter. Hm. So, wie Paula jetzt liegt, kriegen wir drei Boote hier rein. Keine fünf. Aber das war ja von vornherein nicht meine Absicht – die Frage lautete ja, ob wir hier längsseits gehen können. Und das passt so gerade. Schritt 4: Ich knote einen Fender an die Heckankerleine, löse sie und passe am Bug auf, während der Wind Paulas Heck an die Pier treibt. Mache sorgfältig mit den üblichen drei Leinen fest. Schritt 5: Ich rufe Oliese und später Frieda über Funk heran und erkläre ihnen das Manöver. Es unterscheidet sich von unserem darin, dass sie statt eines eigenen Heckankers unseren aufholen und benutzen sollen. Frieda pult ihn schließlich aus dem Hafenbecken.

Während wir den Hafen also zu unserem Abenteuerspielplatz erklären und uns eine Stunde lang richtig austoben, segelt die inzwischen eingetroffene Martha vor der Einfahrt hin und her. Wir sind vorläufig zu beschäftigt, ihre ungeduldigen Funksprüche zu beantworten, aber endlich reagiere ich doch. Und begebe mich auf die Außenmole, um die Möglichkeiten auszukundschaften. Ergebnis ist folgender Plan: Martha nähert sich ohne Fock und mit dichter Großschot platt vor Laken der Einfahrt. Ich balanciere auf dem schmalen, wackeligen Wellenbrecher. Martha fährt dicht vorbei. „Nehmt die Fender rein, dann könnt ihr dichter vorbeifahren“, bitte ich. Zwar holt Daniel schnell die Fender ein, aber Nicole traut sich trotzdem nicht näher an das hölzerne Bauwerk, so dass ich nicht nur einfach von meiner Sitzposition rutschen kann, sondern mit einem Sprung einen guten Wasser überwinden muss, um das Vorschiff der mit geschätzten drei Knoten vorbeihuschenden Martha zu treffen. „Aus dem Weg“, rufe ich noch, Daniel zieht die hilfsbereit ausgestreckte Hand ein und macht einen Schritt zur Seite. Ich lande und laufe los. Das ist der Trick: Man muss auf einem beweglichen Ziel sofort loslaufen. Habe ich oft geübt. Allerdings auf langsameren Booten. Ich renne direkt ins Cockpit.

Nicole ist beim ersten Aufschießer ihres Lebens sehr froh über meine Anwesenheit. Im zweiten Anlauf klappt es, Daniel bindet die Vorleine um den gleichen Pfahl, an dem Paula lag, als ich den Heckanker karierte und unser Anlegemanöver ersann. Wir bergen das Groß. Ich stelle ein paar Fragen zur Fehlersuche. Dann starte ich den Außenborder. „So“, sage ich, als das gute Stück schnurrt wie eh und je, „und nun möchte ich noch den kaputten sehen.“ Nachher stellt sich heraus, dass die Belüftungsschraube zwar auf war, aber bei dem neuen Tank zwei zusätzliche Umdrehungen gut gebrauchen kann: Als ich sie ein Stück weiter öffne, zischt es. Da hat Nicole mit mir als Souffleur und Beistand aber schon bravourös Martha parallel zum Päckchen gehalten und langsam rantreiben lassen. Saltys Anleger ist problemlos, Martha ragt deutlich über die Hecks der Nachbarn hinaus.

Nun habe ich wirklich schon genug Aufregung für einen einzigen Tag, doch er ist noch nicht zu Ende. Als Erstes kommt der Skipper der Peter von Sestermühlen, um unser Anlegen zu loben: „Es ist schön, alte Holzboote zu sehen. Vor allem, wenn sie auch noch gut gesegelt werden. Ich hab dich vorhin beobachtet.“ Dann lädt mich Saltys Crew, die ja nun doch nicht Martha durch die Flaute geschleppt hat, zum Anlegebier ein, und lässt durchblicken, dass sie bitte keine Sonderaufträge wie den Schlepp der motorlosen Martha mehr bekommen möchte: „Wir sind total am Limit. Wir sind echt fertig. Wir kriegen das hier alles so hin, aber nichts extra dazu.“ Zunächst bin ich ein bisschen perplex, weil die beiden nach allem, was sie am Anfang noch nie gemacht hatten - unter Anderem Folkeboot Segeln, Päckchenliegen und Ankern - inzwischen wirklich souverän wirken und kurz vorm Gewitter sogar die Nerven habe, mich nach Trimmtipps zu fragen, als die schnelle Paula überholt.

Doch ich verstehe sofort, als sie mir beschreiben, wie sie bei keinem Handgriff auf irgendeine Routine zurückgreifen können, sondern über jeden einzelnen nachdenken und sich alles, was von außen so gut und gelungen und souverän aussieht, mühsam erarbeiten müssen. Es ist offenkundig, dass sie die Reise trotzdem total genießen, auch wenn sie urlaubsreif von ihr zurückkehren werden, und dass es ihnen guttut, offen darüber zu reden. Ich verspreche, keine Rücksicht auf sie nehmen zu können, und beschließe für den nächsten Tag dennoch einen kurzen Schlag nach Gilleleje.

Zunächst muss ich mich aber massiv über den Hafen von Mölle ärgern. Schön gelegen, wie gesagt mit Grand Hotel und Blick auf den Kullen. Klein und etwas schraddelig, durchaus gemütlich, wenngleich im Juli einfach voll. Aber in keiner Weise auf diesen Andrang vorbereitet. Ich bin wirklich überhaupt nicht anspruchsvoll: Zu meinen liebsten Zielen gehören Musholm (kein Klo, kein Strom, kein Wasser, kein nichts) und Sottrupskov (Dixi-Klo und sonst nichts). Aber wenn ich in einem richtigen Hafen liege, wo es die übliche Ausstattung gibt, soll sie auch praktikabel sein. In Mölle besteht die erste Hürde in einem verschlossenen Hafenbüro und davor einem Automaten, der nur Kreditkarten und keine EC-Karten akzeptiert. Gerd hilft mir mit dem Hafengeld aus. Mit dem erhaltenen Code betrete ich die Sanitärräume: Fünf Duschen und eine einzige Toilette für an die hundert Schiffe. Die Toilette ist natürlich besetzt. Bei den sieben öffentlichen Klos muss man Schlange stehen, und als ich dran bin, ist das Klopapier alle.

Ich wende mich den Fressbuden zu. Die sind seltsam: Es riecht lecker nach Pommes, aber entweder gibt es keine, oder sie werden nur an Kinder verkauft und nicht an Erwachsene, auch nicht an Erwachsene, die sie ihren Kindern mit an Bord nehmen wollen, oder es ist gerade Feierabend. Als Alternativprogramm suche ich den Kaufmann, wir brauchen Milch und Tomaten. Ich finde einen Wegweiser dorthin, doch aus dem Kaufmann ist inzwischen ein weiteres Imbisslokal geworden, wo es auch keine Pommes gibt. Zurück im Hafen haben die Motorbootleute von nebenan, deren Kinder vorhin durch unser nicht völlig belangloses Anlegemanöver schwimmen durften, den Ghettoblaster auf die Pier gestellt, und klicken sich durch eine Playlist entsetzlicher Techno- und Schlagermucke. Dabei ist so viel Alkohol im Spiel, dass ein schnelles Ende des Debakels kaum absehbar erscheint. Zu guter Letzt kaufe ich noch etwas am Bäckereiwagen – der gähnende junge Mann erkundigt sich dreimal, was ich nochmal gesagt habe, dass ich möchte, entschuldigt sich mit „I don’t know where my brain is“ und packt mir schließlich ganz etwas anderes ein.

Es sei hinzugefügt, dass ein großes Plakat auf die demnächst beginnenden Umbauten des Hafens hinweist – offenbar hat man auch in Mölle selbst gemerkt, dass man den Gastliegern ein bisschen mehr Service bieten muss. Als Momentaufnahme ärgere ich mich jedenfalls massiv – und beschließe, zwecks ausgiebiger Erkundung des Kullen in Zukunft hier trotzdem bald wieder mit den Charterbooten auftauchen zu wollen. Vielleicht nicht unbedingt im Juli, aber auf jeden Fall mit mehr Zeit. Gerd ist der Einzige, der bei Gluthitze nach einem langen, ereignisreichen Segeltag tatsächlich noch den Mumm zu einem Spaziergang hat.

Gerd ist auch derjenige, der in Gilleleje den besten Anleger hinlegt. Ein Folkeboot rückwärts bei gehörig auflandigem Wind rückwärts in eine Ecke zu zirkeln, hat zuvor auch mir erhebliches Geschick und viel Geduld abverlangt. Hier haben wir alles, was uns in Mölle vorenthalten blieb: Fischfilet und Pommes direkt am Liegeplatz (selten steht ein Fast-Food-Teller auf Paulas Cockpittisch) und vielfältige Einkaufsmöglichkeiten. Wir haben zwei Tage Südost und damit Zeit für die fünfzig Meilen entlang der Nordküste Seelands nach Odden. Gerne hätte ich das hälftig geteilt, doch einen Hafen genau in der Mitte gibt es nicht. Die Wahl für den ersten Tag bestand zwischen Hundested, wo ich noch nie war, und Gilleleje, doch weil am zweiten Tag mehr und zuverlässiger Wind sein soll, nehmen wir für den ersten Tag die kürzere Strecke. Passt auch. Nur dass es dann kurz vor Odden auf sechs Windstärken aufbrist und das Anlegen für Fortgeschrittene ist.

Ich bin nicht überrascht, ich kenne den Seewetterbericht, aber die Gäste ahnen vorher nichts von ihrem Glück. Die Oliese-Crew läuft munter als Erste in den Hafen, lotst Frieda und uns in eine Ecke, wo angeblich fünf Boxenplätze frei sind – und dann sind es doch nur drei, Frieda liegt auf Legerwall an den Pfählen, und wir müssen uns alle mühsam wieder aus dieser Ecke pfriemeln. Gerade noch so gelingt es Paula und mir, den letzten freien Platz an der Innenseite der Außenmole zu ergattern, bevor sich diese Lücke schließt. Die Bedingungen sind kacke: Wind pustig wie sonstwas und beinahe parallel zur Pier mit leichter auflandiger Komponente. Die Lücke ist zehn Meter breit, eine Punktlandung gefragt. Ich nehme zu früh den Gang raus und hangele Paulas Heck das letzte Stück am Bugkorb der Nachbarn in Lee entlang, während der hilfsbereite Nachbar in Luv auch nichts daran ändern kann, dass Paulas Bug dann eben an der Pier entlangschubbern muss, bis die Leinen fest sind.

Bevor die Anderen kommen, die entweder noch draußen Segel bergen oder sich mühsam aus der Sackgasse puzzeln, legt sich beim Nachbarn in Lee eine zweite große, breite Yacht ins Päckchen. Paula heil zu erreichen, ist damit erheblich schwieriger geworden. Es klappt dann irgendwie doch, schließlich habe wir alle einen Platz, und ich darf mich, fast heiser vom vielen Brüllen energischer Hinweise und Kommandos, beruhigen. Und genießen, dass wir in Odden sind.

Ich bin zum dritten Mal hier. Odden ist weder herausragend schön noch irgendwie besonders. Vermutlich würde sich ein Spaziergang zur Nordwestecke Seelands lohnen, doch der fällt auch dieses Mal aus. Aber es gibt dieses Fischgeschäft, wegen dem sich ein Besuch auf jeden Fall rentiert, und das will etwas heißen, wenn man gerade aus dem lebhaften Fischereihafen Gilleleje kommt. Der Laden ist nichts als eine schmucklose Halle mit einem Glastresen. Doch die Betreiber wie das Ambiente wirken so freundlich und authentisch, und die Ware derart frisch und verlockend, und das Ganze so stimmig, dass man zunächst unmöglich vorbeigehen kann, ohne einen Blick ins Innere zu werfen, und danach auch keineswegs einfach wieder rausgehen mag, ohne ausgiebig einzukaufen. Ich lasse mir auch gleich noch ein kühles Bierchen zapfen – trotz des frischen Windes ist es erneut ein heißer Tag. Die Gäste begegnen mir einer nach dem anderen mit identischen Tüten voll frischem und geräuchertem Fisch.

Allmählich nähert sich die zweite Reiseetappe ihrem Ende. Uns bleiben drei Tage – Odense wird eine Punktlandung, und ich bin froh, letzte Woche die zwanzig Meilen nach Süden gesegelt zu sein und nicht nach Norden. Die Gruppe habe ich liebgewonnen und weiß jetzt bereits: Ich werde jede und jeden Einzelnen vermissen. Klar habe ich manchmal durch den Hafen gebrüllt und mir die Haare gerauft, bestimmt haben Manche auch bisweilen geflucht über die Schwierigkeiten, die ich ihnen jetzt wieder eingebrockt habe – aber alle haben enorm gelernt und Fortschritte gemacht. Und alle haben voller Begeisterung sogar von unseren letzten, wenig spektakulären Übernachtungshäfen geschwärmt. Der zweite Teil des Abenteuers ist in vollem Gang – doch ich wünsche mir und vor allem den Gästen zum Abschluss noch ein paar wirklich hochkarätige Highlights. Und da trifft es sich ganz gut, dass als Nächstes Langør auf dem Programm steht.

Im beschaulichen, landschaftlich unspektakulären Dänemark gibt es eine Reihe von Naturhäfen, die man unbedingt gesehen haben muss. Allein schon, um es zu glauben. Neben Albuen und Dyvig/Miels Vig sind das vor allem Langør auf Samsø und Korshavn an der Nordostecke von Fyn. Der Stavns Fjord vor Langør ist eine ertrunkene Grundmoränenlandschaft, und wer mit dieser Beschreibung nichts anfangen kann, möge sich eine Ansteuerung vorstellen, die von spärlicher Betonnung, jeder Menge Untiefen, tausend kleinen Inseln und Sandbänken und einer üppigen Vogel- und Pflanzenwelt gekennzeichnet ist. Wer das alles auf der Kreuz in voller Schräglage heil umrundet hat (Ernsts Kommentar vor zwei Jahren: „Ist das spannend! Ist das spannend!“), landet in einem niedlichen kleinen Hafen mit einem hübschen Café, einem Holzregal, in dem frisches Gemüse aus den Gärten des Ortes zum Kauf bereitliegt, und entspannten Stegnachbarn, die sich voller Begeisterung für die fünf gemeinsam reisenden Folkeboote interessieren. Und wo Paula anscheinend eine Liegeplatzgarantie für uns ausgehandelt hat - auf jeden Fall haben wir bisher noch immer fünf Plätze bekommen. Ein Segelsommer, das kann ich nach diesem, letztem und den Freudentränen von vorletztem Jahr sagen, ist nicht komplett ohne einen Besuch hier.

Zuvor gilt es jedoch erheblich Hürden zu überwinden. Und aufgezeigt zu bekommen, dass das Segeln in der Gruppe zwar ein erhebliches Sicherheitsgefühl erzeugt, man einander im Ernstfall aber doch nicht helfen kann. Aber auch, dass das gruppenspezifische Sicherheitsgefühl manchen Ernstfall zu verhindern vermag. Angesagt ist: Nordwest 4-5, abnehmend, mittags abflauend. Einzelne Schauer und Gewitter. Wir reden von 29 Seemeilen und möchten nicht motoren, einigen uns also mühelos auf frühes Auslaufen. Richtig frühes Auslaufen. Paula legt um 4 Uhr 15 als letztes Boot ab. Im Stockdunkel – Mittsommer ist lange her. Das Ablegen ist easy going bei Nordwest, schräg ablandig von hinten: Fock hoch, Achterleine als letzte los und raus aus dem Hafen. Der Wind ist eine schlappe vier. Aber die Welle, das merken wir, als wir um die Mole herum sind und im Gehoppel noch das Groß setzen müssen, ist ganz erheblich. Das beschert uns eine erste Bewährungsprobe.

Die nächste Schwierigkeit besteht darin, die fünf Meilen zum Snækkeløb, der Durchfahrt durch das zu Recht gefürchtete Sjællands Rev, aufzukreuzen, bevor wir uns auf einen moderaten Kurs Richtung Tiefwasserweg T begeben dürfen. Der Sonnenaufgang ist spektakulär, doch ich habe keinen unbeschwerten Blick dafür. Die Charterboote haben unverkennbar Schwierigkeiten: Martha bekommt lange das Groß nicht hoch, Salty fährt einige Aufschießer (um das Groß nachträglich besser durchzusetzen, wie ich erst später erfahre), Frieda segelt am Snækkeløb vorbei, Oliese läuft anfangs keine Höhe. Irgendwie halten die Boote zusammen und hoppeln voran. Nach einer Weile passt auch der Wind zum Seegang, was natürlich bedeutet, dass es jetzt mit strammen fünf Windstärken pustet.

Paula und ich kämpfen mit dem zusätzlichen Problem, dass die Bordbatterie hinüber ist. Und dem weiteren Problem, dass ich das noch nicht weiß. Mein bisheriger Eindruck ist, dass die Funke kaputt ist und die Spannung in den Keller zieht. Wir sind also, Olieses Crew konnte ich das im Hafen im letzten Moment noch zurufen, heute per Funk nicht erreichbar, denn die Ersatzhandfunke ist nach Ausfall eines der Geräte inzwischen auf Martha im Einsatz.

Gerd, Rolf, Ann-Kathrin und Oli tun das Richtige: Sie kreuzen wie der Teufel und drehen an der ersten Tonne des Snækkeløb bei. Rufen mir das Wesentliche zu: Auf Martha sind beide seekrank. Wissen nicht, ob sie’s schaffen. „Lass mal telefonieren“, sagt Gerd noch im Vorbeisegeln.

Ich warte einige Minuten nervös und vergeblich auf den Anruf. Tippe entnervt auf dem Handy herum. Finde Gerds Nummer. Keiner geht ran. Fluchend und schimpfend werfe ich das Gerät in die Schublade und knalle sie zu. Dann besinne ich mich darauf, mir zunächst über eine vernünftige Problemlösung Gedanken zu machen. Über Odden hängt inzwischen ein grummelndes, blitzendes Gewitter – das wird Marthas Crew sicher zusätzlich auf die Stimmung drücken, aber zumindest sorgt es dafür, dass Umkehren und Zurück nach Odden keine Option ist. Solange wir Netz haben, befrage ich alle fünf Minuten den Regenradar – das Wolkenband zieht zuverlässig hinter uns durch nach Nordosten.

Außer Odden ist der nächstgelegene Hafen Sejerø. Die Untiefentonne, die es auf dem Weg dorthin zu runden gilt, liegt in Sichtweite unseres Treffpunkts vor Weg T – bis dorthin ist es also in jedem Fall die gleiche Strecke. Meine Hoffnung lautet, dass es nach dem Abfallen und jenseits des Sjællands Rev ruhiger wird und besser läuft und sich Marthas Crew dann besser fühlt. Wir also dort am Treffpunkt nochmal sprechen und notfalls dann nach Sejerø gehen.

Gleichzeitig frage ich mich, was wir tun könnten. Oliese ist das einzige Boot, das ein Crewmitglied abgeben könnte. Aber Übersteigen bei einem guten Meter Welle? Keine Chance! Es bliebe nichts Anderes, als die Seenotrettung zu rufen. Ein bisschen hilflos fühlt man sich mit dieser Prognose schon...

Rolf ruft an. Sie haben das Handy gut verstaut und nicht gehört. Ist ja auch egal, war ja gut, dass ich mir zunächst Gedanken machen konnte. Ich gebe sie weiter mit der Bitte, sie per Funk zu verbreiten. Dann gehen wir auf Kurs zum Tiefwasserweg. Ich empfinde es wirklich ruhiger jetzt, kann aber nicht einschätzen, was eine Crew mit ohnehin grummelndem Magen aus dieser Achterbahnfahrt macht. Es ist ein phantastischer, um nicht zu sagen: geiler! Segeltag bisher – Auslaufen im Dunkeln, Mordsgehoppel, plötzlich irre Fahrt mit haufenweise Spritzwasser, nebenbei Sonnenaufgang und Durchfahrt durch das Riff, dann Rauschefahrt zum nächsten Abenteuer. Genießen kann ich es nicht, solange ich annehmen muss, dass die Charterer es nicht genießen können.

Paula erreicht als erste den Treffpunkt. Wir drehen bei und driften zurück. Treffen Martha. „Und – wie geht euch das?“ erkundige ich mich. Lächeln. Daumen hoch. „Viel besser!“ Ich nehme erleichtert die Fock über. Fahre eine Wende. Die drei Frachter sind durch, der Weg ist frei. Es wir Mittag, ohne dass der Wind einschläft. Er mäßigt sich auf drei bis vier Windstärken, schwächelt kurz, berappelt sich dann wieder – es ist ein wundervoller Segeltag, wenn man mal ganz ehrlich ist. Kurz vor Samsø tausche ich mich mit Daniel und Nicole schon wieder über den Feintrimm aus. Nach dem ganzen Halbwindgedödel, das ich einfach nicht kann, müssen wir jetzt aber wieder Höhe laufen. Paula fährt einen gehörigen Vorsprung heraus, was praktisch ist, weil wir ja ohnehin als Erste anlegen sollen wie üblich. Langør und der Fjord sind herausragend schön wie immer, wir finden zusammenhängende Plätze wie gewohnt, das Anlegen in der fiesen Strömung ist anspruchvoll, aber es klappt auch heute. Wir klaren die Boote auf. Und dann bestellen wir im Café kühles Bier für die nötige Bettschwere vor dem Mittagsschlaf.

Vor zwei Jahren war der Rückweg eine eher zähe Veranstaltung: Frühzeitig verließen wir die Schären, es folgten lange Tage bei viel zu wenig Wind, mit Ach und Krach erreichten wir rechtzeitig die Schlei. Diesmal kann die Rückweg-Gruppe sich über nichts beklagen: Wir Schären hintereinander, eine schöner als die vorige, und danach noch viele schöne Segeltage und manch lehrreiches, spannendes Abenteuer. Beim Betrachten der Fotos fällt auf, dass wir häufig gegen Sonnenuntergang das Ziel erreicht haben - dafür sind wir aber auch vielfach erst mittags losgefahren.

Der Schlag nach Korshavn ist auch noch einmal herausragend. Der Wetterbericht verspricht anfänglich Flaute und ab mittags schönen Wind. Wir verbringen also den Vormittag bei schönem Wind mit Müßiggang und segeln dann in die Flaute. Was nach einer grandiosen Niederlage und Fehleinschätzung klingen mag, ist ein wirklich kurzweiliges Unterfangen. Einmal sausen Paula und Oliese in voller Fahrt auf die stehenden Martha, Frieda und Salty zu, um kurz davor mit schlagenden Segeln ebenfalls stehen zu bleiben. Die drei wenden nach Backbord, Oli und wir nach Steuerbord. Schlechte Idee, Paula und ich brauchen eine Dreiviertelstunde, um aus der Flaute mit der Kreuzsee herauszufinden. Martha segelt munter Richtung Großer Belt, ohne allerdings Höhe zu laufen, was sich bitter rächt. Und so kämpfen wir uns langsam südwärts in den Abend hinein.

Wir hätten es nicht eilig, wenn nicht allmählich offenkundig wäre, dass Paula keinen Strom mehr hat. Die Funke steht seit gestern still, auf halber Strecke verabschiedet sich das GPS, der nächste Ausfall wird die Bilgepumpe sein – ich muss nun regelmäßig von Hand lenzen. In die Dunkelheit möchte ich so nicht geraten. Wir schaffen die Ansteuerung nach Korshavn zum Sonnenuntergang, und Frieda und Oli tun mir den Gefallen, uns nicht nur den Vortritt zu lassen, sondern beim Warten abwechselnd vor der untergehenden Sonne entlang zu segeln.

Dann gibt es zur Krönung der Reise Päckchenankern unterm Sternenhimmel. Danach Motorbootfahren bei schwachwindig gegenan in den Odense Fjord, im Zickzack zwischen Industrieanlagen, durch den Kanal und die Brücke bis in die Stadt. Ist kein Traum, aber mal ganz interessant. Abends gehen wir gemeinsam in ein trendiges Burgerrestaurant. Das ist ziemlich angemessen: Wir sind alle zu alt, um in dieser Art Gastronomie die Gegenwart und die Zukunft zu sehen. Aber jung genug, um neue Herausforderungen wie die zurückliegende Reise oder einen total abgefahrenen Burger mit wildem, unaussprechlichem Namen wertzuschätzen. Noch passender wäre vielleicht ein Döner gewesen. Einer wie die Reise: „Mit alles.“

weiter: "Wir hatten Zustände an Bord" - Ein wildes Abenteuer, Teil 3