| Paulas Törnberichte | |
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Unter
erschwerten Bedingungen (Sommerreise Teil 1)
Eine Sturmbö mitten in der Nacht. Blitz und Donner. Ein
kurzer, kräftiger Schauer. Vor allem gewaltiger Wind - es
pfeift und heult und jault in den Riggs, die Boote schaukeln und
krängen, jeder im Hafen ist wach. Ich
schlüpfe in Gummistiefel
und Ölzeug. Falls es irgendwo kracht, sich ein Boot
losreißt, sich Masten verhaken - ich bin
einsatzbereit. Nach einer
Viertelstunde kommt alles zur Ruhe.
Außer mir.
Juni 2026
Es war der letzte Starkwind und der letzte Regen
für längere Zeit. Unsere Sommerreise beginnt
Samstag um zehn, routiniert und undramatisch: Ablegen, Segelsetzen, aus
der Schlei und
auf Nordkurs. In zwei Wochen ist Crewwechsel in Aalborg. Stabile
Hochdrucklage – das bedeutet nicht nur Trockenheit und Hitze:
Täglich lauert ein Flautenloch. Jede Brise ist wichtig. Jede
Meile zählt. Zuerst: Den Absprung schaffen. Möglichst
schnell den Bereich verlassen, wo wir jede Woche herumsegeln
könnten. Von Arnis aus nie ganz trivial –
bis Schleimünde vergehen mit Brücke und Abdeckung
zwei Stunden, dann kommt knapp zwanzig Meilen kein Hafen. Für
heute haben wir uns vorgenommen: Mjels Vig, wenn es durchgehend gut
läuft. Sonst Sottrupskov. Oder allermindestens
Sønderborg – dort würde ich gerne mal den
Segelklub nahe der Hochbrücke ausprobieren. Zunächst
geht es gut voran, dann wie zu befürchten: Am Leuchtturm
Falshöft
bleiben wir abrupt
stehen.
Das
gibt mir Gelegenheit, über die
bisherigen Ereignisse nachzudenken. Meine Gedanken zu sortieren. Ob ein
Gewitter in der Nacht vor der Abreise Unglück bedeutet? Ich
neige nicht zum Aberglauben. Mein Unglück trägt einen
anderen Namen. Es war eine grandiose, bombastische Ouvertüre -
aber ich mache keine Opernmusik. Die kleine Imogen packt mal zum
Zeitvertreib in der Flaute schüchtern ihre Ukulele aus, wenn
die anderen mit ihren Booten weit genug weg sind und nur ein bisschen
zuhören. Gestern Nachmittag…scheint jetzt lange
her..Gluthitze, ich hüpfe durch den Hafen,
schwitzend, fröhlich, voller
Vorfreude, endlich geht es los! Die Arbeit ist erledigt, die Boote sind
bereit. Die
Gäste treffen
ein - ich habe darum gebeten, um möglichst früh
loszukönnen, falls der Wind dies nahelegt. Eine neue
Konstellation, aber lauter
vertraute Gesichter, es ist wie ein Wiedersehen mit alten
Freunden. Angie und
Karsten begleiten mich wieder vier Wochen. Bruno und Bodo
wirken eingespielt. Arno habe ich jahrelang versucht,
zur Sommerreise zu überreden. Auf Frieda ist es kompliziert:
Gudrun hat die Reise gebucht, doch sie reist beruflich bedingt erst
zur zweiten Woche nach. Marko käme auch einhand zurecht, das
hat er
vor zwei Jahren bewiesen. Doch er hat kurzfristig eine
Mitseglerin gefunden. Lilli ist noch unterwegs. Wann wir denn ablegen,
fragt er. Samstag um neun. Er nickt.
„Lilli kommt gegen Mittag“,
erfahren wir abends beim Briefing. Und nein, sie „hat keinen
Proviant im Wagen. Wir gehen dann noch einkaufen.“ Ich gucke
wohl ziemlich verwundert. Gereizt fügt er hinzu:
„Ich bin nicht davon ausgegangen, dass Samstag schon ein
Segeltag ist.“ Ich
hätte das so gesagt. Vor drei
Wochen.
Ich lasse die Schultern hängen. Dann sage ich mir: Ein
harmloses Missverständnis. Ein müheloser
Kompromiss: Lilli beeilt sich – um Mitternacht ist sie am
Hafen. Auslaufen eine Stunde später, damit Zeit ist
für die Einkäufe. Es ist die
Art, wie er seinen Standpunkt vertritt. Sein Interesse über
das der Gruppe stellt – alle hier sind zum Segeln angereist,
nicht dazu, auf seinen Einkauf zu warten. Wie er den Sinn meiner
eigenen Worte verdreht und gegen mich verwendet. Meine Vorfreude ist
weg. Ich bin im
Krisenmodus. Schon vor dem Gewitter liege ich schlaflos in der Koje.
Jetzt frage ich mich, warum mich ein harmloses
Missverständnis so aufwühlt. Ich finde keine Antwort,
es bleibt ein Gefühl. Ich
war nicht klar.
Ich hätte
sagen müssen: „Nicht mein Problem - dann kommt ihr
eben nach.“ Das kam mir sofort in den Sinn. Ich wog es ab mit
der
Absicht, zu allen nett zu sein. Vielleicht würde Martin es mir
nachtragen, die ganzen zwei Wochen lang Ärger machen, wenn ich
jetzt
nicht nett zu ihm war. Ich ahne es noch nicht, aber der
schnell
gefundene Kompromiss bedeutet: Ich gebe die Initiative ab, bevor wir
überhaupt unterwegs sind. Von nun an ist es die Gruppe und
ich. Die Gruppe gegen mich. So wird es sich anfühlen, jeden
Tag ein bisschen mehr. Das ist nicht Markos Fehler, sondern meiner.
In viereinhalb Stunden treiben wir, geduldig auf
Wind wartend,
allmählich von Falshöft nach Kalkgrund. Dann kommt
die Abendbrise.
Eine gute Stunde später gehen wir in Sønderborg
durch die Klappbrücke. Ich finde, um 19 Uhr sei es Zeit
fürs Anlegen, doch Martha fährt unter der
Hochbrücke durch. Vielleicht sollten Bruno und
Bodo sich aufschreiben, wo wir hinsegeln. Sie können sich
selten das Tagesziel merken. Ich frage per
Funk in die Runde. Karsten findet:
„Es ist noch lange hell.“ Arno möchte
tausendmal lieber ins Grüne als in die Stadt. Ja! Wunderbar!
Die Gruppe
ist motiviert und begeistert! „Und was ist mit
Frieda?“ Marko meckert: „Die Mehrheit hat ja schon
entschieden.“
Die 27 Meilen von Arnis nach Sottrupskov sind
wir auch schon in fünf Stunden gesegelt, diesmal in zehn
– doch sind weg von der Schlei, wir sind unterwegs, das ist
das Wichtigste. Auch wenn es keiner der Gäste
erwähnt: Der Segeltag hat durchaus Spaß gemacht, und
es ist ja wirklich schön hier, halb im Wald in der
Nachbarschaft des Nydambootes. Sonntagmorgen mit dem ersten Wind geht
es weiter.
Marko hangelt Frieda aus ihrer Box und legt sie
an den leewärtigsten Pfahl der Reihe. Nicht einfach nur zum
Segelsetzen – Schritt für Schritt zeigt und
erklärt er es Lilli, damit sie diesen Job im Rest der Woche
übernehmen kann. Nein, das ist durchaus verständlich.
Sogar richtig, ja, es ist eine gute Gelegenheit dazu: Kaum Wind, das
Boot angebunden am Pfahl, alles ganz in Ruhe. Aber nicht nur ist es
unabgesprochen – es scheint Marko auch null zu interessieren,
dass wir alle am Steg eingesperrt sind und warten müssen.
Erwartet hatte ich eine eine Rolle als Zuschauer. Oder als Regisseur.
Jetzt stehe ich mit hängenden Schultern auf der
Bühne, in der Hauptrolle des tragischen Helden eines Dramas,
dessen Skript ich nicht kenne, und niemand soufliert mir meinen Text.
Ich
sage nichts. Ich will mich nicht immer so aufregen. Ich hasse es, durch
den Hafen zu brüllen.
Im Als Fjord entfaltet sich eine schöne
Brise. Ich konzentriere mich darauf, das Segeln zu genießen.
Auf allen Booten läuft es einwandfrei, das haben sie alle
drauf. Ich erwarte
auch beim An- und Ablegen keine Probleme – eigentlich kann
ich mich komplett entspannen. Mit fünf Knoten an der Stegs Vig
vorbei ist es kaum vorstellbar, dass nördlich von Als
komplette Flaute sein soll – doch ja, jetzt sehe ich es:
Voraus endet das
Gekräusel, spiegelglatte See. Es ist erst Mittag, das kurze
Stück bis Barsø schaffen wir noch mit knapp zwei
Knoten Fahrt – und
erreichen eine meiner Lieblingsinseln, noch dazu eine, wo man selten
hinkommt.
Der Minihafen ist recht ungewöhnlich:
Ruhig liegt man hier nur bei östlichem Wind. Ich kenne es
nicht anders als leer und super übersichtlich, und man kann
sich gut an die Pfähle legen, in Ruhe Achterleinen ausbringen
und sich vom Rückenwind in die Box treiben lassen. Diesmal
jedoch ist
die Hälfte der zehn Gästeplätze schon belegt
von Yachten, deren Hecks zwischen den Pfählen rausragen.
Irgendwo mittenmang ist eine Lücke, wo wir fünf
gerade noch so reinpassen, wenn sich jeweils zwei Boote eine Box
teilen. Es gibt aber absolut keinen Spielraum für irgendwelche
Manöver. Schon gar keinen, um überschüssige
Fahrt abzubauen. Ich erkläre per Funk, wie man hier sicher
reinkommt: Schön langsam mit der Fock zum Anfang des Steges
segeln, dann runter mit dem Tuch und mit
minimalem Restschwung zum Liegeplatz. Wir müssen die
Boote dann dicht an dicht ins Päckchen puzzeln
–
also bitte immer nur ein Boot zur Zeit!
Bruno und Bodo beschließen mich aus meiner Lethargie zu
reißen. Sie inszenieren ein schrilles Crescendo zum Abschluss
des ersten Aktes: Oliese ist halb in der Box,
als Martha in einer schönen Bö mit Vollzeug
angeknattert kommt. Im letzten Moment gehen die Segel runter. Martha
ist schnell. Vor ihr: Hecks. Boote. Sonst nichts. An Bord:
Staunende Blicke. Bei mir: Hängende Schultern. Gleich
kracht es.
Ha! Es gibt eine einzige Chance! „Fahr
zum Strand“, brülle ich, so laut ich kann. Perplexe
Blicke. Erneutes Brüllen, gestenreich und
unmissverständlich: „Da! Zum Strand!“
Martha dreht ab. Bleibt erstaunlich lange in Fahrt, bevor sie
festkommt. Sofort wird der Außenborder gestartet.
„Ruhe!“, schreie ich jetzt, „Motor
aus!“ Martha sitzt da ganz gut, solange Oli noch das gate
blockiert. Wow, was 'ne schrille Inszenierung... Immerhin - das
Beinahe-Debakel lässt sich gut als
willkommene Lektion darstellen: Festkommen ist immer eine bessere
Option als eine Kollision im Hafen. Und irgendwie kriegt man das Boot
schon wieder frei.
Montag erwartet DMI das Flautenloch ab
späten Vormittag im kompletten Kleinen Belt. Wir starten um
sechs, schleichen uns halb um die Insel, gehen auf Nordostkurs, warten
auf
Wind – plötzlich Rauschefahrt von über
fünf Knoten. Um zehn sind wir in Aarøsund. Der
Festlandhafen ist sowieso grässlich, und ein Blick in den
Inselhafen sagt mir, dass ich momentan absolut keinen Bock auf diese
Art von Marinas habe. Ich bin optimistisch, dass wir es vor der Flaute
noch nach Stevelt schaffen. Dort ist es viel schöner, und es
zwackt zumindest noch drei weitere Meilen ab vom Programm für
den - erneut flautigen - Dienstag.
Es läuft immer noch irre gut, wenn man bedenkt, dass
allmählich der Wind abflauen müsste. Wäre da
nicht mehr drin? Hejlsminde ist…naja…acht
Meilen noch, die werden wir wohl kaum schaffen.
Den ganzen Nachmittag werden wir
am Steg durchgeschüttelt von Nordwest fünf. Die
schöne Brise hält bis abends, bestimmt nicht nur hier
eingangs des Haderslev Fjords, sondern auch draußen auf dem
Belt. Wir könnten längst in Middelfart sein. Ich
lasse mal wieder die Schultern hängen und finde mich damit ab,
dass mein Job nicht einfacher wird. Nicht
nur die Gruppe enttäuscht mich - auch DMI taugt nicht
als verlässliches Skript.
Middelfart wird nun unser Ziel für
Dienstag. Wieder frühes Auslaufen. Wieder beginnt der Tag mit
schönstem Segeln und gutem Vorankommen. Wieder sind wir lange
unterwegs für eine relativ kurze Strecke. Denn an der
grünen
Tonne am Südeingang von Snævringen
ist Schluss mit Segelspaß: Die südgehende
Strömung macht sich ab hier
bemerkbar. Am Gekräusel zu beiden Seiten erkennbar,
überlagern sich zwei Windfelder und
löschen einander aus. Die Charterboote vertreiben nach
Süden. Hin und wieder zieht Gekräusel durch, mal
Westwind, mal Nordost, jedes Mal höchstens für eine
Minute. Ich wrigge Paula durch etliche Wenden. So halten wir
einigermaßen die Position – und uns bereit
für eine stetigere Brise, die uns nachhaltig voranbringt. Nach
55 Minuten an der Tonne nimmt Paula Fahrt auf in fast der richtigen
Richtung: Ums Kreuzen kommen wir nicht ganz herum. Auf dem Weg an
Fænø vorbei dreht der Wind und
schwächelt, die Strömung kentert. Martha holt auf,
die anderen drei bleiben weit zurück.
Im Kongebro Havn erwartet mich eine freudige
Überraschung: Letztes Jahr hatten die hier ein neues
Bezahlsystem mit LED-Displays im Stil klassischer
Rot-Grün-Schilder und einer Bezahlapp, die vorne und hinten
nicht funktionierte. Offenbar hatten nicht nur wir Probleme damit, und
vermutlich konnten viele Gastlieger schlicht überhaupt nicht
bezahlen. Jetzt ist wieder der alte Hafengeldautomat in Betrieb
– und die alten, mechanischen Schilder an den Boxen.
Den heutigen Segeltag fand ich
ausgesprochen gelungen. Wir haben den größten Teil
der Strecke zügig erledigt und uns dann ausgiebig und
erfolgreich an so etwas Spannendem und Anspruchsvollen wie der
Strömung im Snævringen abgearbeitet, bevor wir
wieder in einen Lieblingshafen reingesegelt sind. Auf ein begeistertes
Feedback der Gäste warte ich vergebens - „geiler
Segeltag“ käme keinem von denen über die
Lippen. Die sind alle zu ruhig und zu ernst: Kein Feedback, kein Humor,
kaum ein Lachen, erst recht keiner, der hier mal für Stimmung
sorgt. Immerhin wirkt das sehr harmonisch. Aus einem Guss
– die sind
sich alle einig hier. Schlecht für mich - ich habe viele
Störfaktoren und wenige Verbündete.
Ich versuche, mir das alles nicht zu sehr zu
Herzen zu nehmen. Bestimmt täusche ich mich. Garantiert tue
ich Einigen Unrecht. Sicher
übertreibe ich. Kleinigkeiten fügen sich zu einem
Gesamtbild, aber sehe ich das wahre Bild oder meine Phantasie? Ich kann
immer noch nicht benennen, was mich stört. Notgedrungen bleibt
es unausgesprochen. Und dadurch wird es schlimmer und schlimmer. Etwas
Neues schleicht sich in mein Gesamtbild: Kaum jemand möchte
meine Ratschläge, sie werden nicht befolgt oder pampig
zurückgewiesen. Das stimmt nicht, trifft längst nicht
auf alle zu, aber so kommt es bei mir an. Ich verkrieche mich. Frieda
und Salty sind noch gar nicht eingelaufen, da ist Paulas Kuchenbude
schon allseitig geschlossen, und ich hocke im Cockpit und will keinen
mehr sehen, die ganze Gruppe nicht, lasst mich einfach in Ruhe! Grillen
um sieben, ja, schöne Idee, macht doch. Macht
überhaupt, was ihr wollt – aber ohne mich!
Nach Endelave ist es ein
„längerer“ Schlag, erstmals seit dem
ersten Tag wieder über zwanzig Meilen. Es beginnt
frühmorgens träge und ohne Wind (dafür
mitlaufender Strömung, bevor sie kentert, aber eine Brise
aufkommt), geht im weiteren
Verlauf nicht ohne Flautenloch, beschert uns noch einen wunderbaren
Segelnachmittag – aber vor allem sind acht Stunden
Gluthitze und Knallsonne extrem ermüdend. Es war kein
„geiler
Segeltag“, niemand muss mir das erklären. Die
Prognose für den nächsten Tag: Flaute bis sechzehn
Uhr, danach eine prima Abendbrise. Das gibt uns Gelegenheit, zuerst die
Insel zu erkunden und danach vergnüglich in den Abend zu
segeln. Ausgiebiger
Landgang dürfte uns allen guttun. Ich finde, das ist bisher zu
kurz gekommen. Endelave ist beschaulich, aber durchaus sehenswert. Die
Brise ist
längst da, als wir auslaufen. In Wahrheit war den ganzen Tag
schöner Wind, aber nur um die Insel herum, nicht entlang der
Strecke.
Auch
die angeblich so stetige Abendbrise
lässt uns zwischendurch eine Stunde auf Wind warten.
Ruderwirkungslose Paula
dreht sich im Schneckentempo um 360 Grad, Salty treibt in der schwachen
Strömung
stoisch vorbei. Aus dem Nichts nehmen beide wieder Fahrt auf, zum
Sonnenuntergang
erreichen wir Norsminde. Ein neuer Hafen auch für mich, ein
paar Meilen südlich von Aarhus. Eine mitunter
kräftige Tide ist hier das große Thema,
ähnlich wie in Bisserup. Wir haben Glück: Eine
schwache mitlaufende Strömung bei einschlafendem Wind, der
gerade noch für Manövrierfähigkeit
ausreicht. Der Hafen ist kein absolutes Muss, aber sehr schön
gelegen und hübsch gestaltet. Arno ist munter
vorneweg
reingesegelt und hat die Strömung unterschätzt.
Rückwärts treibt Salty mit gesetzten Segeln
an die
Pfähle. Von Weitem sieht das extrem lustig aus.
Ach, fände Arnos es doch wenigstens auch ein bisschen
amüsant. Zuletzt liegt Salty mit Paula im Päckchen.
Ich möchte das nicht, brauche Abstand, aber es geht kaum
anders: Die beiden freien Boxen brauchen wir für Oli und
Martha. Und Marko braucht natürlich den
zweiten Stegkopf ganz für Frieda alleine.
Noch zwei Tage, dann geht die Hitzewelle mit
Blitz und Donner zu Ende. Sicher bekommen wir dann mehr Wind
– doch wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass
das eine gute Nachricht ist. Auf dem Weg zum Limfjord haben wir es nun
ein bisschen eilig. Nächster Halt: Grenaa. Das
angekündigte Flautenloch liegt heute zwischen Tunø
und Ebeltoft Vig. Wir passieren es, ohne unter drei Knoten
zu geraten – ich
atme auf. Ab Hjelm sollte es zügig laufen bei 4 Böen
5. Doch das Wetter ist nicht im Internet: In der
Realität treiben wir nur. Um sechzehn Uhr befrage ich
das Mobiltelefon, wann
wieder Wind kommt. DMI sagt nö: Jetzt noch für zwei
Stunden zwei Windstärken, das flaut es ab. Pfff. Wir treiben
weiter, oder ja, wir segeln ausgesprochen langsam nordwärts.
Nach einer Stunde gucke ich nochmal aufs Display. DMI ist zu neuen
Erkenntnissen gelangt: Angeblich pfeifen uns inzwischen sechser
Böen um die Ohren! Komisch nur, dass weit und breit
außer glatter See nichts zu sehen ist. Es kommt dann noch
eine schöne Brise auf, wenngleich weit entfernt von sechser
Böen, und sie bringt uns ans Ziel. Grenaa ist bei Weitem nicht
so voll, wie es vor Jahren um diese Zeit meistens war. Oli, Frieda und
Salty haben schon angelegt. Neben ihnen wäre Platz
für Martha und Paula. Doch ich habe eigene Pläne.
Paula segelt zielstrebig in die hinterste Ecke,
die wir finden können. Aus irgendeinem Grund folgt uns Salty.
Arno wartet geduldig ab, bis wir angelegt haben. Dann fragt er, ob da
noch Platz sei in der Box. Ich schüttele wortlos den Kopf und
baue die
Kuchenbude auf. Warum liegt Salty nicht einfach bei den anderen Booten?
Was mir verborgen bleibt, sondern sich erst in Gesprächen nach
der Reise offenbart: Wer hier mit wem nicht kann. Das Bild von der
harmonischen Gruppe bröckelt im falschen
Moment. Ich habe genug mit mir selbst zu tun. Ich gehe Marko aus dem
Weg - das klappt gut, und ich bezweifle, dass es ihm überhaupt
auffällt. Ich gehe Arno aus dem Weg - doch das scheitert an
seiner Anhänglichkeit. Ich gehe auch Bruno und Bodo aus dem
Weg - ich will zumindest nicht miterleben, wie die beiden
anlegen.
Mein letztes Lebenszeichen heute: Ich treffe
Karsten und Angie auf dem Weg zum Klo. Sie sind die einzigen beiden,
die ich noch ertrage. Mein Bindeglied zur Gruppe. Leider wissen sie das
bisher nicht. „Ich brauche ne Pause“, sage ich nur.
Und: „Morgen Auslaufen um elf, Ziel
Bønnerup.“ Es geht einmal ums Eck die
Küste entlang. Ein ausführliches Briefing ist
verzichtbar. Den Hafen kenne ich selbst nicht, er liegt an der
Nordseite von Djursland auf halber Strecke zwischen Grenaa und
dem Randers Fjord. Das ist praktisch, wenn der Wind nicht für
weiter reicht.
Auf okayes Segeln folgt geduldiges Treiben auf
den
letzten zwei Meilen. Insgesamt schon wieder fünf Stunden
unterwegs. Arno verliert die Geduld und motort. Die Anderen sind weit
zurück, was daran liegt, dass Paula kommentarlos schon um halb
elf ausgelaufen ist. Das Einlaufen ist ganz witzig mit dem
Riesenvorbecken und den Windrädern drumherum, der
große Sandstrand unverkennbar sehr populär. Den
Hafen finde ich grässlich. Ich kenne aber Menschen, die ihn
gerne anlaufen und sogar freiwillig eine zweite Nacht hier verbringen.
Paula liegt tunlichst auch heute separat. Eine
graue Wolke
hängt über der Szenerie. Erstes Donnergrollen, am
Strand entfaltet sich Aufbruchstimmung. Ich setze meine neue
Sonnenbrille auf. Ein Mädchen schüttelt sich den Sand
aus den Sandalen. Grinst. Freut sich. „Hey, du hast eine
schöne Sonnenbrille“, sagt sie, und dann:
„Mama, Mama, hast du die Sonnenbrille gesehen?“
Endlich reagiert mal jemand auf mich. Zeigt Regungen. Was habe ich das
vermisst! Bestens gelaunt gehe ich zur Außenmole in der
Hoffnung auf ein paar hübsche Fotos vom Einlaufen der anderen.
Der Fußweg ganz ums Hafenbecken zurück zum
Liegeplatz wäre weit.
Oliese nimmt mich ein Stück mit.
„Hab ich was falsch gemacht?“, will Karsten wissen.
Ich sehe durchaus, dass ich der Gruppe eine Erklärung schulde.
Aber es geht nicht – wie soll ich erklären, wie soll
ich in Worte fassen, was ich
selbst gerade erst in zaghaften Ansätzen beginne zu verstehen?
Stattdessen freue ich mich auf ein (im letzten
Jahr so bezeichnetes) Juwel: Auf die Kanalinsel im Randers Fjord. Den
Weg dorthin kann ich nicht genießen –
dafür sorgt mal wieder die Flaute. Immerhin bin ich im Kopf
wieder ein bisschen freier, und im Randers Fjord haben wir diesmal
passenden Wind. Ungestört auf einer Miniinsel zu sein,
draußen im Grünen, und barfuß mit der
Ukulele im Arm durch den Sand zu hopsen - das bringt mich auf andere
Gedanken. Auf einmal sind das alles wieder meine vertrauten,
lieben Chartergäste, die tolle Gruppe, auf die ich mich so
riesig gefreut habe. Wir haben großartige Abenteuer
erlebt, mit viel Geduld und Geschick spannende Aufgaben erledigt. Jetzt
sind wir zur Belohnung an einem der schönsten Orte weit und
breit. Und es kommt noch besser.
Es ist der Montag der zweiten Woche. Heute haben
wir Wind! Die ersten sechser Böen der Reise bringen uns
wirklich schnell nach Norden. Es ist Ölzeugwetter bei
wolkenlosem Himmel, dafür sorgt die Hoppelwelle - weiter
draußen auf dem Kattegat dürfte es böse
schaukeln, wir bleiben in Lee der Küste. Frieda und Oli segeln
voraus, Paula
wenige Minuten dahinter, Martha und Salty im Gefolge. Kurz nach
fünfzehn Uhr fädeln wir uns an der Hals Barre ins
Fahrwasser. Gegen Wind und Strömung ist es nicht mehr ganz so
zügig, aber hey! Bis kurz vorm Hafen Hals ist es ein Anleger!
Und bloß gut, dass wir keine Wind-gegen-Strom-Situation
vorfinden! Wir kreuzen an Hals vorbei, denn wir wollen nach Mou, drei
Meilen weiter. Den gemütlichen kleinen Vereinshafen habe ich
vor fünf Jahren für mich entdeckt. Die
ersten sechser Böen der Reise könnten allerdings die
von all der Flaute eingelullten Gäste enorm fordern.
Etwas anderes passiert. Es versetzt mich, kaum
habe ich
mich ein wenig erholt, in
erneute Krisenstimmung: Die Inszenierung holt aus zum
mitreißenden großen Finale, zum fulminanten
Fortissimo Forte. Niemand, auch der unbeteiligteste Beobachter, kann
sich diesem Spektakel entziehen. Und ich stehe immer noch auf der
Bühne und verstehe meine Rolle nicht. Es beginnt mit
einem Funkspruch: Karsten bittet, Paula
möge zuerst einlaufen und berichten, was uns beim
Anlegen erwartet.
Paula hält also auf die
Hafeneinfahrt zu. Auf Frieda werden die Segel geborgen und der Motor
gestartet. Dann haut Marko laut und selbstbewusst einen dissonanten
Akkord in die Tasten: Einige Meter vor
uns fährt Frieda einfach mal rein. Und natürlich
liegt sie dann genau da, wo Paulas Aufschießer
hätte enden sollen. Die Wende, die dadurch
nötig wird, ist unproblematisch. Oliese läuft mit
Motor ein und legt souverän an. Die Dissonanz dröhnt und grummelt weiter.
Das
Tempo steigert sich, die Streicher setzen ein. Salty fährt drei misslungene
Aufschießer: Sie steht im Wind, treibt hilflos, endlich
fällt sie ab. Druck in den Segeln, keine Ruderwirkung, sie
saust los, irgendwohin. Haarscharf an einer Yacht vorbei bekommt Arno
die Sache halbwegs unter Kontrolle, saust aus dem Hafen, wendet zu
einem neuen Versuch.
Einige Takte Pause. Man hört das Blut in
den Ohren pulsieren. Jetzt, fetzig und wild, die Streicher: Martha
rauscht ins Hafenbecken. Alles wartet auf meinen Gesang. Groß
runter, Martha verliert Tempo. Das Manöver wäre noch
zu retten: Durch entschlossenes Wriggen die Fahrt behalten geht aber
nur quer zum Wind, sich langsam der Pfahlreihe nähernd und zu
guter Letzt einen von ihnen erhaschen.
Doch nein: Bruno entscheidet
sich für den kürzestmöglichen Weg zum
nächstgelegenen Pfahl - und dreht Martha in den Wind. Sofort
bleibt sie stehen. Fünf Meter in Lee des Pfahls. Bodo wirft
die Vorleine. Sie fällt - wohin sonst? - ins Wasser. Kartens
Hechtsprung, beherzte Schwimmzüge, er hat die Leine. Und
muss einsehen, dass er schwimmend ein Boot nicht treideln kann, wenn es
gerade in einer kräftigen Bö in die entgegengesetzte
Richtung vertreibt.
Er klettert an Bord, Martha legt sich
gegenüber an die Pfähle. Es geht noch eine Weile bunt
durcheinander: Es wird der Beweis erbracht, dass Bodo und Bruno auch
mit Motor nicht
sicher anlegen können. Der geht vor Schreck aus und startet
nicht wieder. Für einen
flüchtigen Moment bin ich auf dem richtigen
Weg: „Ich hab keinen Bock mehr", rufe
ich, "ich spiele nicht mehr
mit!“ Martha irrt immer noch herum. Ich verlasse die Szene, lange
bevor der Vorhang fällt. Auf die Verbeugung und den Applaus
verzichte ich. Ich mag keine Opern. Diese besonders nicht, sie
deprimiert mich. Habe ich das schon erwähnt?
Mit dem nötigen Humor wäre
es
phantastisch, ein
großer Spaß. Im Nachhinein wird es mir klar: Die
Humorlosigkeit ist unser größtes Problem! Die
Gäste
lachen nie. Sie meinen die Show, die sie hier bieten, total ernst. Sie
nehmen sich
ernst - Angie ist die einzige mit Selbstironie. Arno wird hinterher
davon sprechen, er sei
„stolz“ auf sein Anlegen bei
„Extrembedingungen“.
Zehn lange Segeltage ohne Pause, jetzt sind wir
kurz vorm Ziel. Bei prächtigem Segelwetter machen wir
Hafentag. Abends wird wieder gegrillt. Ich versuche
es. Setze mich dazu. Es ist ein bisschen kühl und zugig
– wir ziehen um ins Clubhaus. Wir? Nein. Die Gäste.
„Seid nicht böse, aber ich geh‘
wieder“, verabschiede ich mich. Karsten bringt mir einen mit
Köstlichkeiten gefüllten Teller an Bord. Die gute
Seele…
Donnerstag und Freitag werden wir bei Starkwind
und Regen nicht mehr segeln. Den Mittwoch verbringen wir mit dem
restlichen Weg nach Aalborg, sechzehn Meilen entlang reizloser Ufer und
monströser Industrieanlagen, dann unter Motor durch die beiden
Brücken und rein in den Skudehavn. Marthas Motor ist kaputt.
Vor der ersten Brücke legt Paula an einem Steg an, Martha geht
längsseits. Darüber verpassen wir die
Brückenöffnung, die die anderen nehmen. Meine
Hoffnung, dass sie beim Anlegen den Schleppverband mitdenken und es mir
ausnahmsweise mal leicht machen, erfüllt sich nicht: Statt
gegen den Wind kontrolliert an die Pier zu tuckern, muss ich das
Päckchen in die legerwallerigste Ecke sacken lassen mit
minimalem Platz zum Drehen. Salty ist mehr als
großzügig eingeparkt, dadurch die Lücke,
die sie uns gelassen haben, kaum größer als eine
Bootslänge. Die Lücke ist rot markiert, ich muss also
erstmal
aufräumen – platzsparend passen wir nämlich
alle hin, ohne jemandes Stammplatz zu blockieren. Diese letzte
Herausforderung ist eine, der ich mich gewachsen
fühle.
"Heute durfte ich zweimal anlegen“, freue ich mich,
„einmal unter Segeln und einmal unter erschwerten
Bedingungen.“
weiter: Nordsee
zurück: Man
darf nicht nachlässig
werden

