Folkeboote im Winterlager nicolas thon: fotografie -schreiben - segeln
Paula
Salty
Martha
Frieda Oliese



Zerlegen und Zusammenpuzzeln - Winter 2025-26

Ihr habt es gemerkt: Letzten Winter gab es keine Berichterstattung. Mir fehlte die zündende Idee für ein fotografisches Motto. Die genau gleichen Bilder wie jedes Jahr zu knipsen und als Sensation zu posten, gefiel mir auch nicht. Einen trockenen Text ohne Illustration? Das war es auch nicht. Also haben die Boote und ich im Verborgenen gearbeitet. Immerhin darf ich jetzt sagen: Alle haben neue Kielbolzen aus Edelstahl!

Jetzt haben wir ganz viele neue, inspirierende Spielsachen - und ihr dürft es hier nachlesen.



Ich habe wieder eine Nähmaschine, das Kinder-Einstiegsmodell von brother. Und die Segelpersenninge - seinerzeit ohne Budget improvisiert - naja...abgesehen von Scheuerstellen, sind die Fockpersenninge zu kurz und die Großpersenninge zu weit: Bei Wind schlabbern sie nervig. Ich erwarte eine gemütliche Tätigkeit in Sörup an dunklen Winterabenden, während auf dem Big Screen im Hintergrund ein beschaulicher Film läuft. So einfach ist es dann nicht, ich verzichte auf den Film, bin aber begeistert von "Little Angel".

In eine ganz andere Richtung geht mein Vermerk aus dem März, im nächsten Winter alle Ruderblätter von Antifouling und Primer freizukratzen, um den Zustand des Holzes und der Leimfugen freizukratzen. Die Idee ist nicht völlig absurd, sondern kam für Olieses Ruder schon zu spät - wir mussten es während der Sommerreise provisorisch zusammenflicken. Neben einem neuen Ruder gibt es also diesmal gründliche Pflege für die anderen.


Winterarbeit früherer Jahre



Paula 

Eine Leimfuge in der Aufbaufront geht auf. Wieder einmal stellt sich die Frage: Nur den betroffenen Bereich ausleisten? Oder über die ganze Breite? Oder warten, bis das einfacher geht?


Keine solchen Zweifel gibt es beim Mast, der oben und unten Pflege braucht. Außerdem gibt es eine neue Batterie, das deutete sich bei den letzten Törns schon an. Ach, und der Flaggenstock...der dritte Bruch lässt sich nicht mehr so einfach kleben oder anschäften, fünf Lagen Gewebetape sind keine Dauerlösung. Warum nicht den Abschnitt von Saltys Fußreling rundhobeln? Die Länge ist ideal. Außerdem bastele ich uns Barberhauler - das wird ein seglerisches Experiment. Zunächst brauchen wir kleine Augbolzen kurz hinter den Wanten. Und weil ich schon dabei bin, gucke ich mal, wie dicht die Püttings noch sind, wie es dem Balkweger geht und auch der kleinen Fichtenleiste, die noch zur Verstärkung eingebaut ist. Die soll nämlich Augbolzen und Barberhauler halten und dem enormen Zug, der da bestimmt draufkommt, standhalten.  Die mache ich neu, aus Eiche aus einem Abschnitt von Olis Ruder. Das eigentliche Problem finde ich erst, als ich die dusselige Platte um das Pütting herum wieder anschraube: Eine Schraube fasst nicht. Warum? Weil sie nicht richtig eingedichtet war und seit Jahren Wasser ins Sperrholz eingedrungen ist. Schon ärgerlich: Die Platte hat fast keine Bewandnis - weder ist sie in der Lage, Riggrkräfte aufzunehmen mit ihren vier Schräubchen, noch trägt sie durch Dichtigkeit bei. Im Gegenteil hat sie diese jetzt sogar ruiniert. Es ist mit der kleinen Lösung getan: Ein 25mm-Proppen ersetzt alles Mulchige, darüber kommt ein Flicken Glasfasergewebe, dann kann der Barberhauler demnächst einziehen.

Paula achtet strikt darauf, dass ich mich auch meinen neuen Spielsachen ausreichend widme. Außer der Nähmaschine gibt es da ja auch eine Ukulele, die möchte, dass ich fleißig übe, anstatt mich täglich so sehr an den Booten zu verausgaben, dass ich abends zu keiner Regung mehr fähig bin. Unter Paulas und Ukuleles Aufsicht kriege ich das hin.




 

Salty
Wir wollen verschweigen, wie es zu dieser Kollision kam. Jedenfalls fehlt seitdem der Lack an Friedas Vorsteven. Und Saltys Fußreling ist an zwei Stellen weg. Die Stimmung auf beiden Booten war danach ein wenig getrübt. Ich persönlich fand, das Risiko segelt immer mit, sondern ich habe mich viel mehr darüber geärgert, dass die letzten Gäste im vorausgehenden Herbst nicht erwähnt haben, dass das Echolot nicht funktioniert. Vielleicht wussten sie gar nicht, was das ist. Im Frühjahr war es dann ein bisschen zu spät, einen neuen Schwinger einzubauen. Das passiert jetzt. Und weil der Schwinger mitten in einem der letzten noch nicht bearbeiteten Plankenrisse steckt, werden wir den gleich ausleisten. 

Vorgenommen habe ich mir auch eine Fleißarbeit, die in aller Zukunft das Schleifen und Lackieren erleichtern wird: Backskisten und Hauptschott sind aus Nut-und-Feder-Brettern mit markanter Fase. Sieht hübsch aus, ist aber fast unmöglich anzuschleifen. Viel lieber hätte ich eine durchgehende glatte Fläche. Also bekommt das Hauptschott eine entsprechende zweite Lage. Bei den Backskisten weiß ich noch nicht: Dünnes Sperrholz rauf? Oder die Fasen auffräsen und ausleisten? Oder womöglich die Fasen raushobeln, um ein bisschen Gewicht zu sparen? Wahrscheinlich wäre das am elegantesten. 

Saltys Plankenrisse hat ja mal jemand mit Gummi verfüllt - das hat erstaunlich lange gehalten, ist aber der Grunddafür, sie jetzt nach und nach mit dünnen Lärchenstreifen auszuleisten. Ich finde mitten im Riss noch eine Bastelei von bemerkenswerter Stümperhaftigkeit. Ob da mal ein Astloch war, lässt sich nicht mehr sagen. Jedenfalls kam dann eine Art Proppen hin. Nun hat nicht jeder einen 50mm-Forstnerbohrer liegen und auch gleich noch einen entsprechenden Zapfenschneider. Besser wäre sowieso ein Spund gewesen, wie ich ihn jetzt anfertige.

Für den Proppen wurde Sperrholz genommen (!) und so eine Lochsäge aus dem Baumarkt. Mit dem gleichen Werkzeug wurde sicher auch das Loch in die Planke gebohrt. Problem ist, dass der Proppen dann nicht passt (!!), sondern er wurde mit Gummi eingeklebt. Ebenfalls mit Gumme wurde das Loch gefüllt, das der Zentrierbohrer hinterlassen hat (!!!).




Selbst der unambitionierteste Heimwerker würde ein altes Möbelstück so nicht reparieren - warum soll es an der Außenhaut eines Bootes im Unterwasserbereich gut genug sein? Immerhin, das Laschbrett an der Innenseite hat für Dichtigkeit gesorgt.





Mit der Fußreling fange ich an. Ich habe nämlich ein passendes Stück Teakleiste noch liegen. Für die zwei Schäftungen mache ich mir eine Keillade und eine Schablone. Die Leiste ist dann auf der Tischkreissäge schnell fertig, an Bord helfen Schablone und scharfes Stecheisen. Später muss noch ein Speigatt rein, zunächst zwinge ich die Leiste in Position, passe sie ein und bohre vor. Salty findet das Ergebnis wirklich gelungen, und die Arbeit hat Spaß gemacht. Das soll aber keine Aufforderung sein, ihr auch künftig beherzt in die Seite zu fahren.

Der Hecklichtkasten hat dabei auch gelitten, er lässt sich aber weitgehend wieder zusammenkleben. Ein neuer Deckel ist in fünf Minuten fertig. Inzwischen habe ich beschlossen, die Backskisten komplett neu zu bauen. Sperrholz gibt es fürs Hauptschott.  Das wird dadurch auch wieder mehr Festigkeit bekommen.




Die Backskisten: Holz ist da, es kann losgehen - 15x140 mm Khaya. Die erste Entscheidung, die es zu treffen galt: Lässt sich damit ein weiteres Upgrade verknüpfen? Größer zum Beispiel? Zehn oder fünfzehn Zentimeter größer würde die Backskiste an den nächsten Spant anbinden. Doch nein - für so wenig zusätzlichen Stauraum (und es passt ja alles Nötige rein) wäre das ein ungerechtfertigter Aufwand: Neue Deckel, neue Schwalbennester, neue Einlegeböden (und der backbordseitige ist ja gerade erst neu. Wir wollen aber auf jeden Fall etwas machen, das seit zwölf Jahren auf der Liste steht: Eine Grabenleiste, die beim Öffnen Regenwasser aufnimmt, das bisher in die Backskiste läuft. Warum die nie vorhanden war, weiß ich nicht - jetzt puzzeln wir welche hin.

Zweite Entscheidung: Wie verbinde ich die Bretter miteinander? Am einfachsten scheint mir eine lose Feder. Oh, vielleicht muss ich das erklären...ihr kennt ja Nut-und-Feder-Bretter aus dem Baumarkt. Die sind industriell gefertigt - nuten ist einfach, eine Feder anfräsen ein Riesenaufwand, wenn das teure Werkzeug fehlt. Bei einer losen Feder wird, nein, die Feder durchaus fest mit beiden Hölzern verklebt, sie ist nur vor der Montage lose. Beide Bretter werden genutet, dazu gibt es...hm...eine flache Leiste, die in die Nuten reinpasst. Gegenüber der Baumarktvariante ist das viel einfacher, außerdem geht nichts von der Materialbreite flöten, ich brauche nur zusätzlich ein flacheres Stück Holz. Gegenüber einer stumpfen Verleimung ist dies aber viel solider: Mehr Klebefläche und Steifheit.

Nächste Entscheidung: Wie verbinde ich Innen- und Rückseite? (Eine Kiste hat vier Seiten. Eine Backskiste aber nur zwei, denn Hauptschott und Außenhaut bilden die restlichen Seiten, die sind aber schon vorhanden). Verlockend, aber auch am aufwändigsten wäre die klassische Pilzleiste. Auch das muss ich erklären.... Alternative ist eine zweigeteilte Quasi-Pilzleiste, bei der der äußere Teil das Hirnholz der Seiten abdeckelt und der innere Teil für die Stabilität sorgt. Und dann gibt es noch Thorkild Linds Bauweise: nur eine Vierkantleiste zur Verbindung, der Radius kommt direkt an die Seiten. Diese Variante hat sich bei Oli und Frieda ausgezeichnet bewährt. So sollen wir das wohl machen.

Dann also los: Nuten. Federn einpassen. Arbeitsplatte klebe- und kleckergeschützt mit Folie abdecken. Zwingen, Niederhalter und Zulagen bereitlegen. 380 Gramm Epoxi anrühren. So wie es ist, in die Nuten und auf die Federn. Angedickt und eingefärbt in die Nuten. Zusammenstecken, Zwingen anziehen, Überschüsse wegspachteln - und Feierabend machen. Es war ein langer, produktiver Tag, denn Friedas neue Ruderbank hat vorher die gleichen Arbeitsgänge durchlaufen. Und ich muss gleich noch zum Baumarkt und später Lack und neues Harz bestellen, damit wir nächste Woche weiterhin arbeiten können.

Nach vier Tagen (in denen ich auch Friedas Ruderbank und Olis Fußreling erledigt habe), sind Saltys neue Backskisten einmal trocken verschraubt und eingepasst, danach komplett verleimt, und müssen nur noch geschliffen werden. Die Grabenleisten sind auch fertig, ebenso ein hübscher neuer Boden für die Steuerbord-Backskiste. Hat Spaß gemacht. Und abgesehen vom künftigeren erleichtertem Anschliff fürs Lackieren: Leichter, schlichter und tausendmal stabliler als die alten sind die neuen Backskisten auch. Puh - in den zwölf Jahren, die ich Salty kenne, habe ich sie ziemlich umgebaut. Und ich fürchte, ich bin damit noch nicht zuende.

Als nächstes steht an: Das Hauptschott mit der gleichen Problematik wie bei den Backskisten. Wir beginnen mit der Demontage von Echolot und Kompass sowie den Zierleisten, die das Kajütdach abschließen. Dann sitzen da noch diese Füllstücke - sie sorgen dafür, dass die Oberkante des Hauptschotts sanft gerundet ins Cockpitsüll einläuft. Es kaum mehr als eine Zierde, Martha hat das nicht, sondern einen stumpfen Übergang. Ich will das aber so lassen. Beziehungsweise wiederherstellen, denn erstmal wird die Arbeit viel einfacher, indem ich die Füllstücke wegnehme. Später wird es ein Arbeitsgang mehr. Den hintersten Streifen Glasfasergewebe des Aufbaudachs fiedele ich auch noch weg.

Inzwischen erweist es sich als richtig, diese Baustelle anzugehen: Reichlich Nässe, weiches Holz und lose Bronzeschrauben in diesen Eckchen! Die Bronzeschrauben, die die Leisten von Dach und Schott mit den Stichbalken verbinden, liegen frei. Sie lassen sich erschreckend leicht rausdrehen, ich ersetze sie durch längere, dickere Niroschrauben. Mit dem Verspachteln von Schrauben, Löchern und Unebenheiten beginnt eine lange Reihe von Arbeitsgängen: Pappmodell. Sperrholz einpassen. Kleckergeschützt abkleben. Einkleben. Ich möchte Schrauben vermeiden (die ich hinterher entfernen und die Löcher verpfropfen müsste). Mit Zwingen werde ich nur punktuell etwas. Zum Glück habe ich vier Teleskopstützen, mit denen ich mit Hilfe von Reitbalken und Cockpitrückseite sanften Druck aufs Sperrholz geben kann (tunlichst ohne das ganze Hauptschott nach vorne zu drücken!). Ich brauche alle vier auf jeder Seite, also vergehen zwei Tage damit, jeweils eine Seite zu verkleben.

Folie, Tape und Harzüberschüsse entfernen. Anfertigen der Füllstücke. Wie kriege ich die am besten fest? Die Klebeflächen sind nicht eben groß, und sie sollen ja nicht gleich abreißen, sobald sich jemand drauf abstützt. Lose Federn wären auch hier cool, aber ich wüsste nicht, wie ich hier saubere Nuten hinkriegen soll. Schrauben hätten wenig zu beißen - und jede Schraube wäre ein Fremdkörper in dem bisschen Holz. In der Kiste mit den Proppenfinde ich ein letztes Stück Dübelstange, es reicht gerade, um die Füllstücke mit dem Cockpitsüll und dem Hauptschott zu verdübeln. Diese Lösung gefällt mir ausgezeichnet.

Bis zur so neu entstandenen Hinterkante des Aufbaudaches kommt nun erstmal frische Glasfaser rauf. Die wird dann geschliffen, gespachtelt und nochmal geschliffen, bevor neue Zierleisten das Ganze abschließen. Die Zierleisten sind am unwichtigsten, machen aber wegen der diversen Radien die meiste Arbeit. Bisher waren es auf jeder Seite zwei Teile: Das eine formverleimt ans Füllstück, das andere formverleimt an die Decksbuch des Kajütdachs angepasst. Nichts fluchtete, nichts war bündig - aus das erhöht den Aufwand beim Lackieren. Ich baue sie jetzt aus einem Stück. Oder naja, jedenfalls ohne Lamellen und Formverleimung. Aus einem Stück würde neben viel Verschnitt (der sich anderweitig verwenden lässt) drei Zentimeter Materialstärke bedeuten. Sowas habe ich nicht, also klebe ich zwei und einen aufeinander. Baue Schablonen. Alles kommt zum Einsatz: Stichsäge, Bündigfräser, Geradschleifer und auch der umgearbeitete Simshobel mit rundem Boden, um die Unterseite konkav aushobeln zu können. Ich weiß nicht, ob beim Segeln irgendjemand einen Unterschied bemerken wird. Womöglich wird sogar bemängelt, dass die schönen Schattenfugen weg sind. Ich bin aber sehr zufrieden mit dem, was in zehn oder elf halben Arbeitstagen hier entstanden ist.

Sollte ich mir noch die Zeit nehmen, etwas mit den Schwalbennestern unter Deck anzustellen? Erstmal vielleicht die dringenden Sachen an den anderen Booten und den ganzen Masten....und die Aktion Ruderblätter. Saltys Ruder - Ausbauen, Kratzen, Schleifen. Was kommt zu Vorschein? Das ganze Ruder wurde aus einem Stück gefertig - keine Leimfugen, die aufgehen könnten. Das ist schonmal gut. Zusätzlich ist der Zusammenhalt durch zwei Metallstäbe gesichert - weder rosten die, noch sind sie magnetisch, also ziemlich sicher aus Edelstahl. Die von außen aufgebrachten Holzleisten erscheinen mir somit genauso überflüssig wie die von mir angedachten eingefrästen Bandeisen. Ich lasse beides einfach weg. Dass etliche Trocknungsrisse mit sowas wie Sikaflex verfüllt sind, halte ich für kein gutes Vorgehen, es ist aber nicht mehr zu ändern.

Also gleich die erste Schicht Primer rauf? Halt - es gibt noch mehr zu sehen. Vor allem im unteren Teil ist das Ruder außergewöhnlich nass. Der Grund dafür ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, zumindest muss das aber erstmal ein bisschen trocknen. Dann sind da an vier Stellen Spunde eingesetzt, und die sind aus Sperrholz! Wie kommt man auf die Idee, Eiche mit Sperrholz auszuspunden? Ich meine, Eichen leisten bekommt man zur Not bei Tischler um die Ecke, wasserfest verleimtes Sperrholz eher nicht. Ah, ich sehe schon - das bekommt man aber bei Bauhaus. Oder es lag noch rum. Von außen betrachtet sieht es nicht nach akutem Handlungsbedarf aus, aber wenn ich nun schon die ganze Farbe runtergekratzt habe, mache ich natürlich mal so ein Stückchen auf. Geht erstaunlich einfach, und es steckt jede Menge Wasser drin. Also gut so, da jetzt beizugehen, irgendwann in den nächsten Jahren wäre das Sperrholz delaminiert.

Es gibt aber auch ein Problem an der Vorderkante. Schwach erinnere mich, vor Jahren einmal einen Spund eingebaut zu haben, und der klebt auch weiterhin super. Gemacht habe ich das, weil im Bereich Wasserlinie ein Unsinnsspund mit viel zu steilen Schmiegen - ich will sie nicht Schäftungen nennen - vorhanden war. Damals löste sich die untere Pseudoschäftung. Die obere war zwar nicht gut gemacht, hielt aber. Und es war wohl so, dass mir ein bisschen die Zeit davonlief und ich tunlichst nur den Unterwasserbereich bearbeiten wollte, um den langwierig vielschichtigen Klarlackaufbau zu vermeiden. Das ging auch gut, und mit den Jahren habe ich es schlicht vergessen.

Nun ist aber die obere Pseudoschäftung fällig. Und gleich darüber sitzt das obere Ruderlager, seit Jahren chronisch umgeben von schwarzem Holz. Das ist Nässe, keine Fäulnis, aber jedenfalls nicht gut. Bei näherer Betrachtung finde ich einen Bereich mit Holz, dessen Faserrichtung rechtwinklig zur eigentlichen liegt. Sperrholz? Furnier? Es lässt sich wirklich nicht beurteilen, aber ich finde, der Kram muss weg. Ich habe jetzt die Wahl zwischen einer "Spundtreppe" von drei Spunden übereinander - oder einem beherzten Schnitt, der Platz schafft für einen einzigen großen Spund. Material dafür wäre ausnahmsweise vor Ort vorhanden. Und in der Regel befürworte ich gründliche Lösungen anstelle von Kleinkram. Doch nein. Dem würde mein eigener Spund zum Opfer fallen, und der ist so gut gelungen und soll bleiben. Außerdem will ich nicht radikal alle Bezugspunkte wegsägen und nachher die Position des Ruderlagers womöglich nicht wiederfinden. Oder den Arbeitsbereich immer größer und größer machen: Das Ruder ist ja profiliert. Die Außenfläche ist nicht parallel zur Profilsehne oder eine gedachten Bezugsebene genau in der Mitte des Ruders. Irgendwelche Winkel lassen sich kaum bestimmen. Egal wie ich es mache: Wenn ich rechtwinklig zur Oberfläche säge, säge ich keine Parallele zur Vorderkante, sondern unten fällt weniger Holz weg als oben. Einen dazu passenden Spund anzufertigen, würde mich wahnsinnig machen. Nein - da arbeite ich lieber in kleinen Schritten, die ich trotz des gleichen Problems mit einem breiten Stecheisen ausreichend gut beiarbeiten kann.

Es wird also tatsächlich die Spundtreppe - wenn sich die nicht bewährt, kann ich nächstes Mal immer noch eine Wahnsinns-Fräsapparatur schaffen, die dann tatsächlich die Rudermitte als Bezugsebene hat und ringsum kein Chaos stiftet, sondern rechte Winkel und Parallelen fräst und sonst nichts. Wir sind hier kein Profibetrieb mit allen Maschinen, die man für fünfstellige Summern erwerben kann. Ich bin nicht sicher, ob ich davor dann nicht scheue und lieber ein komplett neues Ruder baue - das mit parallelen Außenkanten beginnt, die jeden Schnitt einfacher machen, und nach sieben halben Arbeitstagen bereit ist zum Grundieren.








Oliese


Ich mache ja gerne mal etwas neues. Und ich habe noch nie ein Ruder gebaut. Die provisorische Reparatur hat schonmal prima die zweite Saisonhälfte gehalten, also sollte das gut gelingen. 

Außerdem geht es um einen ernsthaften Versuch, eine kleine Leckage zu beseitigen: Einen neuen Vorstevenbolzen habe ich damals ohne Baumwolle eingesetzt, und er sitzt nicht stramm genug, um ohne sie dicht abzuschließen. Mit der Baumwolle schon in der Band werde ich auch gleich die Vorstevensponung neu kalfaten - nachverschraubt ist sie, das Kalfat könnte noch alt sein.  Dass die Bilgepumpe so häufig läuft, liegt aber hauptsächlich daran, dass der Schwimmerschalter schlecht positioniert ist: Die Pumpe fördert jeweils nur einen kleinen Schluck Wasser. Viel schöner wäre, sie würde seltener anspringen.

Also Kalfaten. Erstmal die Naht sauberkratzen, auffiedeln (mit Multimaster und grobem Handschleifpapier) und trockenfönen. Dann die Spielsachen bereitlegen: Fäustel, Kalfateisen und Baumwolle. Kalfateisen brauche ich zwei: Ein dünnes zum Reinlegen, ein dickeres zum Stauchen. Kalfaten mit Baumwolle ist eine uralte, supercoole Technik. Zuletzt kommt noch Gummi drüber. Das dient aber hier nicht zum abdichten, sondern sorgt nur dafür, dass die Baumwolle nicht wieder rausflutscht.

Ich habe mich ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt, als ich am Vortag behaupte, Kalfaten mache sogar manchmal Spaß. Jetzt sitze ich unter Olieses Vorsteven und habe keine Lust. Zum Glück bin ich nach einer Weile in einem gewissen Flow. Die zweite Seite verschiebe ich auf den nächsten Tag - langwierige Fleißarbeiten muss man in handhabbare Brocken unterteilen.


Wenn es diesen Winter ein unumgängliches, unaufschiebbares Projekt gibt, ist das wohl Olis Ruder (wobei die Reparatur ja hervorragend funktioniert hat, aber das rohe Holz der Aufdopplung ist in drei Monaten unter Wasser nicht besser geworden. Die ganzen Seepocken sitzen noch drauf und stinken algig-fischig-eklig. Zum Glück hat Niels die bestellten Eichenbretter gerade angeliefert. Mit jedem Sägeschnitt wird der Haufen handlicher, schnell kann man erkennen, was daraus entstehen soll. Drei Bretter zu einem Stück verkleben; den Kopf so gestalten, dass der Pinnenbeschlag passt; die Vorderkante ausrunden; die Form aussägen; das Ruder profilieren - das stelle ich mir alles nicht allzu schwierig vor. Mir graut aber vor der Aufgabe, die Bohrungen für die Ruderlager vom alten aufs neue Ruder zu übertragen - hier gibt es so gut wie keine Toleranz.

Aber ha! Ich baue erstmal ein Modell: Sperrholz mit Knaggen, die die drei Beschläge in Position halten. Ich hänge es Oli ans Heck - und stelle fest: Nur das untere Ruderlager liegt auf. Das ist nicht gut. Aber ich kann ja die Knaggen lösen und ein paar Milimeter versetzen, bis alle drei Ruderlager gut positioniert sind. Nun bin ich zufrieden, vor allem damit, dass sich diese Positionen mittels der Knaggen gut am neuen Ruder anreißen lassen. Ich muss genau gerade bohren und in keiner Richtung schräg - dafür gibt es eine Bohrführung, die ich mal gekauft und bisher selten benutzt habe. Sie bewährt sich jetzt. Ich drehe die Ruderlager provisorisch in die so entstandenen Löcher und winke Andreas und Andreas herbei. Zu dritt hängen wir das neue Ruder (bzw. seinen vorderen Teil) probeweise ein. Zunächst passt das obere Ruderlager nicht, aber der Teil am Boot lässt sich noch eine halbe Umdrehung dichter an den Heckspiegel drehen - das ist sowieso besser, denn bisher hing es ein bisschen frei in der Luft. Nun liegt es auch hier sauber an. Andreas bohrt noch eine Fase an, damit der Zapfen williger in sein Loch rutscht - schon ist alles toll: Das Ruder geht gut rein und raus, und es bewegt sich auch nach links und rechts. Der schwierigste Teil ist bewältigt, der Rest eine Frage von wenigen Tagen.

Die Kontur ist gesägt, jetzt das Profil: Erstmal zeichne ich Linien auf den Rohling, strahlenförmig vom Fuß ausgehend und auf den Kopf zulaufend, dabei im Idealfall tangential zur Achterkante des Ruders. Ganz lässt sich das nicht machen, denn entlang dieser Linien säge ich mit der kleinen Handkreissäge, und die kann keine Radien, also knicken die Linien ab. Ich markiere die Linien mit 0, .25, .50., .75 und 1,00. Entscheidend sind diese Schnittiefen in Zentimetern, denn letztlich sind es Tiefenlienien. Dann hobele ich sie einfach weg. Also: Ich hobele die Eiche weg, bis die Schnitte verschwinden. Das Profil kann dann gar nicht anders, als von der vorderen zur hinteren Kante gleichmäßig abzufallen.

Damit das Ruder auch noch zusammenhält, wenn die Verleimung in irgendeiner Zukunft einmal aufgibt, fräse ich noch auf jeder Seite zwei Stück Bandstahl ein und bohre alles vor. Der Rest ist Schleifen und Lackieren.









Frieda

"Dein wievielter Ballast ist das?", fragt Ulf. Lächelnd antworte ich: "Mein letzter!" Und das meine ich ernst: Nie wieder möchte ich Tage damit verbringen, Pallhölzer an Bord zu schleppen und mit Hammer und Hydraulik Bolzenreste aus Holz und Ballast zu entfernen. Oder im an Kettenzügen schwankenden Boot sitzen und auf Anweisungen warten, während unter mir Niels versucht, die neuen Kielbolzen zum Fluchten zu bringen. 

Frieda ist traumatisiert, doch sie bleibt tapfer, ihrer Retterin Martha für ewig dankbar, sowieso geduldig, und sie weiß kleine Aufmerksamkeiten zu schätzen. Also widme ich mich ihrem Backskistendeckel: Furnieren ist nicht einfach, man kann Fehler machen, und dann wirft man entweder alles in den Müll und wandert aus auf die Bahamas - oder man bessert nach. Ich bessere nach, ein Fall für die Oberfräse. Beim Bündigfräsen, so fluffig, wie das klappt, bekomme ich richtig gute Laune.

Das war letztes Jahr, und nach mühsamem Beginn war die ganze Aktion doch sehr erfolgreich. Ein paar Restarbeiten sind nachgeblieben: Beim Einbau der neuen Bolzen erwies das Unterteil einer Bodenwrange als doch nicht mehr so stabil - das kommt jetzt neu. Und die meisten Bodenwrangen sind noch durch die original Stahlnägel mit der Außenhaut verbunden. Da werden wir "Rauchende Colts" spielen, indem ich neue Schrauben setze und die Nähel dann aus dem nassen, matschigen Holz bohre.

Es sind eine Menge Arbeitsgänge: Erstmal die Nägel freikratzen und immer zwischen zwei von ihnen neue Schrauben setzen. Dann für den weiteren Verlauf die Spielsachen bereitlegen, wie Bohrmaschine, Flex, selbstgebaute Lochsäge (Stück Stahlrohr, zwei Kerben reingeflext, fertig), ein Durchschlag (um die ausgebohrten Nägel aus dem Röhrchen zu treiben), Zange (um im Idealfall den Nagel zuletzt aus dem Loch zu ziehen, ohne dass er das Röhrchen verstopft - aber das klappt nur selten). Und eine Bohrbrille für den Anfang.

Als alle Nägel raus sind (stattliche Ausbeute) und alle nicht mehr ganz so gut aussehen wie vor einundfünfzig Jahren, müssen die Löcher wieder zu. Erstmal mit Epoxi und Abschnitten von einer Dübelstange. Im nächsten Schritt forstnere ich die alle wieder auf, denn nach außen hin wollen wir natürlich vernünftige Querholzdübel aus Lärche in die Lärchenplanken kleben. Wir brauchen also gut 100 Proppen. Die neuen Schrauben werden verspachtelt. Wenn alle Proppen drin sind und das Harz ausreagiert ist, müssen sie noch beigestochen werden. Und dann ist es im Wesentlichen fertig.

Zwischendurch fällt mir das Cockpitsüll ein: Da sitzen seit ewig zwei Schlüssellochbeschläge.  Wofür die mal gut waren, weiß ich noch nicht. Vor Jahren haben es mir Chartergäste verraten - die trafen jemanden, der Frieda von früher her kannte und wusste, was es mit den Beschlägen auf sich hatte. Ich hab's wieder vergessen. Inzwischen stören sie, nochzumal ich dahinter nicht lackieren kann.

Zweimal habe ich die kleine Makita-Oberfräse schon an Bord, Fräser in der Hand, bereit zum Fräsen. Zweimal packe ich sie wieder weg. Das Ding ist nicht meine Maschine: Keine Bremse, im Notfall mühsam zu betätigender Mini-Kippschalter, miseables Futter - mir ist da beim Fräsen schonmal der Fräser rausgerutscht. Das kompakte Gehäuse und die kleine Auflagefläche sind zwar der Clou, aber die Maschine ist sehr hoch im Vergleich zur Auflage - man darf nur unten an dem kleinen Tischchen schieben, auf keinen Fall oben am Gehäuse, sonst kippelt sie und fräst nur Mist.

Auf einer waagerechten Fläche mag das gehen. Das Süll ist aber nunmal senkrecht - die Schwerkraft hilft nicht mit, sondern ich muss die Maschine erstmal halten, bevor ich sie anfangen kann, sie zu schieben. Ich weiß, dass andere Leute (Andreas zum Beispiel) sehr gerne mit dieser Maschine arbeiten. Mir ist das zu heikel. Die alten Löcher kriege ich auch weggeforstnert. Und statt die Spunde bündig zu fräsen, hobele ich sie. Von Hand dauert kaum Länger, als erst eine Fräslade zu bauen bzw. die Maschine akurat einzustellen. Es ist aber kontrollierter.

Beim Demontieren der zu lackierenden Kleinteile fiel mein Blick eher desinteressiert auf Friedas Ruderbank. Sperrholz mit Teak-Außenlage - pflegeleicht unlackiert. Aber oh! Die diversen Umrisse abgestellter heißer Töpfe und Pfannen sind seit Jahren unschön, aber die sind es nicht, was mein Auge irrirtiert. Sondern die Tatsache, dass sich hier und da die Außenlage verabschiedet! Wenn eine Sperrholzruderbank SO aussieht, würde sie noch etliche Jahre durchhalten, aber so eine Optik ist nicht unser Anspruch. Wir bauen das neu!

Teak? Zu teuer. Künftig muss ich eben auch Friedas Ruderbank jährlich lackieren. Sperrholz? Warum verwenden eigentlich immer alle für so etwas Sperrholz? Sogar ich, als ich vor Jahren bei Saltys neuer Ducht dem Trend folgte. Ich weiß gar nicht, ob hochwertiges, wasserfest verleimtes Sperrholz erheblich preisgünstiger ist als Vollholz. Zumindest lassen sich fast beliebige Maße aus einem Stück bauen, aber Sperrholz hat zwei wesentliche Nachteile: Erstens müssen die Schnittkanten mit Umleimern verdeckt oder sonstwie versiegelt werden, und Umleimer lassen sich nicht in beliebigen Radien anfertigen. Und zweitens müsste man wegen der kreuzweisen Verleimung längliche Sperrholzstücke (wie eine Ruderbank) in doppelter Materialstärke bauen, um die gleiche Bruchlast zu erreichen.

Wir wählen also Mahagoni Vollholz und die gleiche Verleimung wie bei Saltys Backskisten mit loser Feder. Hier geht das schneller, denn das Lamello-Standardmaß trifft genau die Mitte der Materialstärke. Ich kann also den Lamellofräser verwenden und kenne dadurch auch die Stärke der zu sägenden Feder: Vier Millimeter. Das passt alles auf Anhieb zusammen. Was ich noch nicht kenne, ist der Bedarf an Harz. Ich rühre fünfzig...nein: sechzig Gramm an. Dann wiege ich nochmal sechzig...*pütscher* *klecker* *träum* ...scheiße, siebzig, nein achtzig aus. Und später nochmal vierzig, angedickt mit Baumwollflocken und eingefärbt inzwischen auch mit Braun statt dem anfänglichen komischen Grünton, der neulich im Baumarkt als einziger im Regal war und in der LED-Beleuchtung so schön rötlich wirkte. Die Menge reicht so gerade eben und eben. Natürlich quaddelt beim Anziehen der Zwingen ein großer Teil wieder raus, doch wenn es anders wäre, bekäme ich schlechte Laune und müsste womöglich neues Holz bestellen.

Marthas Ruderbank ist zufällig wegen des Anschliffs vor Ort, obwohl ihr Boot in der anderen Halle steht - steht Modell für das, was ich vorhabe: Marthas Ruderbank ist nämlich die beste! Sie ist an den Rändern breit und bequem und in der Mitte schön schmal, damit die Knie und Unterschenkel Platz haben. Ich reiße das so an, säge es aus, fräse die vordere Kante rund. Ein bisschen Handschliff, dann ist eigentlich bereit zur Anprobe. Frieda ist sehr zufrieden.

Sie wartet dann lange auf das neue Bodenwrangen-Unterteil, während ich mich mit Olies Ruder und Saltys Cockpit befasse. Endlich ist es so weit: Ein schönes Stück Eiche liegt auf der Werkbank, darauf die alte Wrange. Zum Anreißen der Kontur ist die noch gut genug. Aussägen - fast fertig. Die Schmiegen sind mini in diesem Bereich, was es nicht einfacher macht - mit dem Stecheisen kann ich schlecht fast nichts abtragen. Kriminell ist wie immer die Bohrung für den Kielbolzen. Misslich ist vor allem, dass der natürlich bleibt, wo er ist - ich habe ihn ja letztes Jahr erst einbetoniert - und ich die neue Wrange drumherum bauen muss. Um die Flanken zur Außenhaut hin anpassen zu können, wäre es hilfreich, wenn die Bohrung in der Mitte zuverlässig stimmte.

Tut sie natürlich nicht, es geht aber nur Milimeter, das lässt sich mit der Reibahle korrigieren. Alles andere lässt sich auch korrigieren, indem ich gefühlte fünfundzwanzig mal an Bord steige, die Bodenwrange auf den Bolzen stülpe, runterdrücke - und anschließend an der Werkbank wieder die dreckigen Stellen hobele. Irgendwann zwischendurch muss ich eine falsche Bezugsfläche gewählt haben, und das gelieferte Holz ist zehn Milimeter dicker - die neue Wrange kommt unklar mit dem davor sitzenden Spant. Den fälze ich also aus. Zum Feierabend sind wir kurz vorm Ziel - doch während ich anderswo Span für Span abgetrennt habe, sind an einer Stelle zehn Milimeter Luft zur Außenhaut. Es liegen genug Eichenabschnitte herum, ich klebe einfach ein Stück an und mache das Licht aus.

Am nächsten Morgen hobele ich das bei, und die Wrange passt. Schwungvoll werfe ich Friedas Ruder auf die Werkbank und kratze das Antifouling ab. Nach dem Schleifen zeigt sich: Dieses Ruder und alle seine Leimfugen sehen nach fünfzig Jahren noch ziemlich gut aus. Hier und da wurde schon ausgeleistet, es könnte sein, dass ich das gemacht habe - und an zwei Stellen war da wohl zu wenig Harz in der Fuge. Das werde ich nochmal nacharbeiten. Ansonsten...stört mich der Rost an mehreren Stellen der Hinterkante. Ich befürchte, da gehen Rundeisen quer durch die Mitte des Ruderblatts. Sowas ist ja an sich schön, um zu verhindern, dass es auseinanderfällt, wenn der Leim nicht mehr hält. Aber beim Rosten würden sie früher oder später alles auseinandersprengen - Rost hat ein wesentlich größeres Volumen als Stahl, das schrieb ich vielleicht schon.  
Doch nein, in akribischer Kleinarbeit stoße ich auf etwas anderes: Jedes Brett wurde durch die Leimfuge hindurch mit dem Nachbarbrett vernagelt, jeweils oben und unten kurz bevor es ausläuft. Das ist natürlich auch super: Wenn die Fuge weder oben noch unten auseinanderklaffen kann, wird sich das Ruder insgesamt niemals in seine Einzelteile zerlegen. Leider sind es Stahlnägel von der Art, wie ich sie vor wenigen Wochen aus dem Rumpf ausgebohrt habe. Hier wollen wir die auch nicht haben. Zwei davon bohre ich aus, ein dritter lässt sich mit der Zange ziehen. Im unteren Bereich finde ich einige solche Stellen vorläufig absolut unbedenklich und rühre sie nicht an. Außerdem finde ich einen Kupfernagel - warum haben die nicht überall Kupfernägel verwendet, dann müsste ich jetzt gar nichts tun?!?

Und ich drehe eine schöne Bronzeschraube heraus. Sie bringt mich auf die Idee, all diese Übergänge mit langen, dicken Edelstahlschrauben zu verschrauben - und den außen angeschraubten Bandstahl wegzulassen. Ein bisschen Dübelstange für die Löcher, einige Spündchen zur Wiederherstellung der Kontur, dann ist die Inspektion beendet und ich bin mir sicher, dieses Ruder wird einige Jahrzehnte problemlos durchhalten. Allenfalls muss ich die Hinterkante nochmal freikratzen, wenn ein verbliebener Nagel künftig Ärger macht.





Martha


Marthas technisches Logbuch hat die ganze Saison über keine neuen Einträge. Das heißt natürlich nicht, dass gar nichts zu machen ist. Es wird sich aber größtenteils um Kleinigkeiten handeln.  


Da ist zum Beispiel eine offene Leimfuge am Heckspiegel. Beim Zusammenpacken des Werkzeugs stelle ich mir das so elegant vor: Anschlagleiste ran, Lamellofräse rauf, fertig ist die Fuge von exakt vier Millimetern Breite. Vor Ort das lange Gesicht: Ruderlager und Lenzpumpenauslässe sind der Fräse im Weg. Zwei parallele Schnitte mit dem Multimaster sorgen für fast das gleiche Ergebnis. Ich muss nur noch den Hauch Mahagoni, der zwischen den Schnitten stehengeblieben ist, rausoperieren. Die Lamellofräse hätte ihn einfach ausgeräumt, jetzt prokele ich mit dem Messer und schubbere mit dem Stecheisen. Dauert länger. Aber bei Weitem nicht so lange wie die Demontage von Pumpenauslässen und Ruderlager.

Jetzt ist eine offene Schäftung im Schergang an der Reihe. Die übliche Methode - kleines Loch bohren und mit der Spritze Epoxi injizieren - habe ich schon vor Jahren schon versucht. Das Problem ist, dass man von außen die Schäftung nicht sauber und trocken genug bekommt, ohne ein bis zwei Nieten zu kappen. Hier oben möchte ich das vermeiden, denn ich kriege keine neuen Nieten gesetzt - innen ist der Balkweger davor.

Ich probiere also, die Stelle mit einem Spund zu deckeln, ohne die Nietreihe anzutasten. Wenn es gut läuft, kriege ich unterhalb und vor dem Spund genügend Harz in die Schäftung, damit das auch dort dauerhaft dicht wird. Erstmal eine Schablone. Dann wieder Handarbeit - mit dem Stecheisen. Der Spund lässt sich anhand der Schablone mit der Japansäge gut anfertigen. Einkleben, aushärten lassen, Überschüsse wegstemmen - und das Ergebnis kritisch beäugen. Hm.

Marthas Ruder - ein Desaster? Auf den ersten Blick vielleicht, aber nein. Es ist nass. Die Feuchtigkeit verschwindet aber schnell, nach kurzem Fönen fangen abstehende Fasern und Späne schon an zu glühen. Ich habe dieses Ruder vor Jahren schon gründlich aufgearbeitet. Da fehlte mir noch Erfahrung - auch die Erfahrung, besser nicht zu hören auf Ratschläge von Leuten, die nur so tun als seien sie kompetent. Ich würde das heute also anders machen, aber es hält alles noch. Die Mahagonispunde im Bereich des mittleren Ruderlagers sind Vollholz, kein Sperrholz wie bei Salty, und sie sind auch nicht weich oder gammelig. Ich fräse sie trotzdem weg und ersetze sie durch Eiche. Vorher schraube ich aber das Ruderlager raus.

Auf diese gute Idee bin ich damals wohl nicht gekommen - mit dem Resultat, dass das Gewinde angefräst wurde. Nun rostet es. Das ist wohl hier die eigentliche Baustelle: Ruderlager gründlich entrosten und später mit Baumwolle so eindichten, dass künftig nicht mehr all diese Nässe ins Holz eindringen kann. Ansonsten ein bisschen Bandstahl einfräsen, falls in Zukunft eine Leimung aufgibt, sowie hier und da ein bisschen ausleisten. Dann ist recht wenig Aufwand für ein paar Jahrzehnte zusätzliche Lebensdauer dieses Ruders, finde ich...

...bis ich den befürchteten rostenden Querbolzen entdecke. Der sollte mal für Zusammenhalt sorgen - jetzt sprengt er den ganzen Kram langsam, aber unaufhaltsam auseinander. Lässt er sich ausbohren, wie ich das mit Dutzenden von Stevenbolzen gemacht habe? Statt solcher Endoskopie öffne ich die Bauchdecke. Bolzen geht leicht raus, jetzt muss die Lücke geschlossen werden, und zwar so, dass das Holz wieder zusammenhält. Eine schmale Leiste quer zu all dem Hirnholz ist nicht die Lösung. Ich möchte nicht schon wieder so ins Detail gehen, aber es werden viele Arbeitsschritte, die mit der Oberfräse aber gut von der Hand gehen: Schmal und tief fräsen, Holz trockenfönen, Leiste einkleben. Breiter und weniger tief fräsen, nochmal trockenfönen, Brettchen in Faserrichtung einkleben. Nochmal breiter und flacher fräsen, weitere Brettchen einkleben. Oberfläche wieder herstellen. Diverse Trocknungsrisse sind verschwunden, alles sieht gut aus. Zur Sicherheit fräse ich noch zwei Bandeisen ein. Ich möchte, dass das Ruder als ein Teil zusammenhält, selbst wenn aus irgendeinem Grund alle Verklebungen nicht halten.

Eine Woche bis Weihnachten. Ich fege die letzten Hobelspäne zusammen. Die Masten sind in Arbeit, sie werden immer gründlich begutachtet und hier und da ausgebessert. Parallel dazu schleife ich alles an, was ab den Feiertagen geimpt, grundiert oder vorlackiert werden soll. Damit beginnt der Marathon der Lackierarbeiten - es wartet auch noch ein ganzer Raum voller Kleinteile. Anders als in den letzten Jahren ist im Januar nicht noch eben schnell ein Ballast zu montieren. Sondern wir sind gut in der Zeit.

22. Dezember: Andere legen inzwischen die Füße hoch und schnuppern den Duft von Tannenharz, Bienenwachskerzen und frischen Keksen. Ich bin kein Christ und habe keine Familie. Urlaubsreif fühle ich mich auch nicht. Die drei Gründe, Weihnachten in irgendeiner Form zu zelebrieren, entfallen also, und der Einkauf für die nächsten fünf Tage ist bereits stressfrei erledigt. Bei uns duftet es dezent nach Imp. Die Masten sind bereit zum Lackieren, die kleinen Reparaturen gingen schnell. Schleifen und noch ein bisschen dies und das steht auf dem Programm, während ich im Lackierraum mit dem Lackieren der Kleinteile angefangen habe. Ich hoffe, das Meiste in wenigen ganzen Tagen zu erledigen, wenn ich mal nicht täglich in der Halle die Dinge voranbringen muss. Aber neue Sachen wie Friedas Ducht und Saltys Backskisten brauchen erheblich Zeit: Acht Schichten Außenseite, sechs Schichten Innenseite - das sind schonmal zwei Wochen bis zum Zwischenschliff.

Doch weil ich Lust dazu habe, es mir nicht aus dem Kopf geht, ich mich auf das Ergebnis freue, und weil Salty nächstes Jahr in der anderen Halle stehen wird, wo ich keine Werkstatt habe und selbst kleine Ausbesserungen damit verbunden sind, Berge von Werkzeug ins Auto zu packen, nach drei Minuten Fahrt wieder auszuladen und mühsam in die Halle zu tragen....langer Rede kurzer Sinn: Es gibt zum Abschluss der Holzarbeiten noch ein Weihnachtsgeschenk. Für wen? Für mich? Für Salty? Am meisten davon profitieren werden sicher ihre Gäste. Aber es freut uns ja, wenn die sich freuen.

Falls sie es überhaupt registrieren. Ich möchte einen kleinen Exkurs einschieben und den Unterschied zwischen Feedback und Verbesserungsvorschlägen erläutern. Auf Feedback - falls etwas unpraktisch ist oder nicht funktioniert - bin ich angewiesen, weil ich selbst selten mit den Charterbooten segele und noch seltener auf ihnen übernachte. Auf Verbesserungsvorschläge - also konkrete Anweisungen, wie es zu gestalten sei, gerne eingeleitet mit Sätzen, die mit "du musst mal..." anfangen, und im weiteren Verlauf so klingen, als wolle ein Laie mir meine Arbeit erklären - reagiere ich allergisch. Ich weiß, dazwischen ist ein feiner Grat, der sich vorwiegend im Kopf abspielt. Aber aus dem, was ich Feedback nenne, geht häufig hervor, dass es sich um einen Bedienungsfehler handelt - der sich leicht beheben lässt. Oder tatsächlich um einen Defekt. Oder eine Sache, die bisher unpraktisch ist und die ich verbessern sollte. Leider findet bisweilen jeder etwas anderes unpraktisch, und der Nächste lobt es in den höchsten Tönen. Ich habe mir angewöhnt, erst zu reagieren, wenn zumindest drei Gäste sich ähnlich äußern.

Aber am Herzen liegt mir etwas, wozu sich noch nie niemand nicht geäußert hat: Saltys Schwalbennester über den Kojen. Ich finde sie im Vergleich zu ihren Schwestern nicht hoch genug, nicht tief genug, und die Schlingerleisten sind zu flach (so dass allerhand im leichtesten Seegang rauskullert). Mittelgroße, feste Sachen lassen sich prima stauen, gehäufte Kleinigkeiten besser sind. Umbauen (tiefer / höher) lassen sich die Schwalbennester nicht, sonst fühlt sich in der Koje niemand mehr wohl, und wenn ich die Schlingerleisten erhöhe, wird der Spalt zum Deck so mini, dass man da gar nichts mehr reinbekommt.  

Also ist meine Idee, Fächer mit verschließbaren Klappen einzubauen: Eines an der Steuerbordseite, wo ich Dinge wie Toilettenpapier und eine Reserve an Mülltüten und Spülschwämmen diskret unterbringe. Zwei an Backbord für eure persönlichen Sachen. Und weil ich gerade so schön in Schwung bin und genügend Holz herumliegt, mache ich mich eifrig an die Arbeit! Ein "Gewürzregal", wie ihre Schwestern es überm Kocher haben, bekommt Salty auch. Da liegt künftig der Herdanzünder drin, aber auch euer Salz und Pfeffer und Klönkassn. Ist es nicht toll?

Für Holzbooteigner und Bootsbauinteressierte möchte ich noch Bezugsquellen nennen. Ob man nur ein Boot hat oder nur fünf - wir können keine Bohlen vom Holzgroßhändler verarbeiten. Einen kompetenten Tischler um die Ecke hat nicht jeder. Baumärkte sind absolut keine gute Adresse für Bootsbauholz (vor ein paar Jahren gab es dort mitunter noch Mahagoni- und sogar Teakleisten. Vorbei). Was also tun? Das meiste Holz bekomme ich von Niels. Ich will ihn aber nicht überbeanspruchen - er lagert den Kram nicht primär für mich, muss oft im der herbstlichen Dunkelheit nach passenden Stücken suchen, die dann noch besäumen und hobeln auf die von mir angegebene Dicke, so dass ein guter Teil in die Späne geht. Die Zeit, die er damit zubringt, stellt er mir in Rechnung. Also bestelle ich manchmal auch woanders:

Dübelstangen habe ich dieses Jahr erstmals bei holzpunk.de erworden. Kann ich empfehlen!

Bootsbausperrholz und Mahagonibretter habe ich von bootsholz.de erworben.

Zum Vergleich habe ich einen Teil bei Bauhaus bestellt. Das ist vielleicht die einzige Baumarktkette, die Bootsbauer als Zielgruppe im Blick hat, zumindest war das vor Jahren so. Fazit: Bauhaus liefert schneller. Aber: Per Spedition statt Paketdienst. Der Fahrer hat erstmal die Einfahrt zugestellt, gerade als mein Vermieter dringend losmusste, und er war nicht kompromissbereit, sondern stoisch in seinem Tun. Zuletzt hatte ich neben einer fast lächerlichen Menge Holz eine Einwegpalette vor der Haustür. Die Lieferung hätte auch in den Arm gepasst, doch er weigerte sich, sie wieder mitzunehmen. Das war ein wenig ärgerlich, die Palette steht immer noch rum, und ich muss sie erst zersägen, sonst nimmt der Recyclinghof sie vielleicht nicht an. Doch wesentlicher: Das Holz von bootsholz.de ist bei ähnlichem Preis von erheblich besserer Qualität! Bei Bauhaus: Risse, Lunker, Sägekinken. 

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So, nun wisst ihr alles. Ich werde jetzt nur noch schleifen, lackieren, Ukulele spielen und vielleicht doch noch ein paar Tage nach Dänemark fahren. Und dann wieder schön segeln.