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***************************************************************** April 2016
Der Lacher des Winters

Neben viel bootsbauerischer Arbeit bringt jeder Winter auch ein paar hübsche Anekdoten aus dem Pausenraum. Die lustigste berichtete Christopher aus einem Internetforum für Motorradbastler - dort stellte jemand folgende, offenbar ernst gemeinte Frage: Er solle eine Schraube mit 115 Newtonmeter anziehen, doch sein Drehmomentschlüssel reiche nur bis 100 Nm. Ob er sich behelfen könne, indem er die Schraube zunächst mit 100 anziehe, um sie dann noch einmal mit 15 nachzuziehen.

Einem, der mit so wenig Sachverstand seine Maschine repariert, möchte man auf keinen Fall auf kurviger Strecke begegnen. Doch im Forum fand sich ein Spaßvogel, der ihm die einzig passende Antwort gab:
 


********************************************************************** "Natürlich geht das! Wenn du ein 8er Loch bohren willst und hast keinen 8er Bohrer, dann nimmste ja auch erst den 5er und bohrst dann mit dem 3er nach. Oder - besser noch: Du nimmst zweimal den 4er, dann brauchste nicht umspannen."

Ich habe nur noch ein albernes Gedicht hinzuzufügen:
Mein Bruder Bruce
macht alles aus Spruce
Sein Chef, der Herr Schugalla
schwärt nur noch auf Kambala
Bei Miek (hier ist beim mündlichen Vortrag eine Geste erforderlich, mit der der Vortragende auf sich selbst weist)
gibt's Teak.

Bericht aus dem Winterlager

Februar 2016
Saisonplanung, oder: Wie kommt der Berg zum Propheten?

Letztens telefonierte ich nach langer Zeit mal wieder mit einer guten Freundin aus der Großstadt. Natürlich kamen wir auf Segelpläne für die kommende Saison zu sprechen, und in diesem Zusammenhang erkundigte sie sich, ob ich zwischen Bootsübergaben, Reparaturen und Büroarbeit überhaupt angemessen oft selbst zum Segeln käme. Damit zeigte ich mich soweit ganz zufrieden, könne ich doch jetzt eine Menge neue Häfen und Ankerbuchten erkunden, die für einen Wochenendtörn zu weit seien, an denen ich aber in früheren großen Sommerreisen schleunigst vorbeigesegelt sei, um erstmal ordentlich Strecke zu machen.  Trotzdem, so berichtete ich, bleibe es mein und Paulas erklärtes Ziel, mal wieder eine große Schwedenreise zu unternehmen. Als ich mich selbständig machte, hatte ich zunächst darauf spekuliert, mir irgendwann mal eine Vertretung leisten zu können für die Zeit, die ich unterwegs wäre. Inzwischen bin ich davon ab: Der direkte Kontakt zu den Chartergästen ist mir sehr wichtig, im unternehmerischen Interesse der Kundenbindung und auch ganz persönlich. Meine wundervollen Boote in fremde Hände zu geben, ist eine Tätigkeit, die das jeweilige Boot und ich gemeinsam erledigen - da lasse ich mir ja schon ungern von meinem Freund Björn reinquatschen, nachdem er die Gäste vom Hotel abgeholt hat und von seiner "Jane" aus über die Kante gucken und der Einweisung lauschen kann. Ein Mitarbeiter? Nicht bei mir. Nicht dafür.

In besagtem Telefonat brachte ich also das Problem der Schwedenreise so auf den Punkt: Wie kommt der Berg zum Propheten? Meine Gesprächspartnerin protestierte: "Aber Schweden kommt doch nicht zu Dir!" Natürlich tut es das nicht, nachdem der Granit Hunderttausende von Jahren Wind, Welle und Eiszeiten standgehalten hat. Schweden ist aber nicht der metaphorische Berg - meine Aufgabe besteht ja darin, jedes Wochenende dort zu sein, wo meine Boote sind. Und wenn Paula und ich nach Schweden wollen, ist das überhaupt kein Problem, solange wir die Anderen mitnehmen.

Für mich sind das: Vier Wochen segeln ohne Wenn und Aber. Eine Dienstreise zwar, die einen anderen Charakter haben wird, als wenn wir allein unterwegs wären und von einer Sekunde zur nächsten unabgesprochen unsere Pläne ändern könnten. Doch wir freuen uns trotzdem darauf, denn unsere Begleitung ist handverlesen. Salty, Marthachen, Oli und Frau Dr. Frieda sind mit dabei. Eine Hinwegcrew aus erprobten Stammgästen, mit denen ich unabhängig vom finanziellen Aspekt gerne ein bisschen Zeit verbringen würde. Einen Vorgeschmack bot unser Vorbereitungstreffen im Januar in Hamburg - ein bisschen Vortrag über den langen Hinweg und das wundervolle, stressige, höchst anspruchsvolle Segeln zwischen den Schären nebst Anlegen am Felsen, darüber hinaus aber auch Rahmen zum Kennenlernen, für Gespräche, und dafür, bereits im Vorfeld ein bisschen Gruppengefühl aufkommen zu lassen. Ist gelungen, scheint mir, und das, ohne dass ich viel dazu beitragen musste. Folkebootsegler sind ein bisschen anders als der Durchschnitt. Unkompliziert und selbständig. Im Juli haben wir vierzehn Tage Zeit, die Strecke nach Göteborg zurückzulegen, ohne Einzelne vollends zu überfordern, möglichst viel Zeit in den Schären zu verbringen und das Leben zu genießen.

Dann tauschen die Gäste das Folke gegen die Kiel-Göteborg-Fähre und reist ab. Statt ihrer reist eine geschlossene Gruppe recht junger Leute an, die neben ambitionierten Plänen und guter Laune eine Wagenladung Musikinstrumente mitzubringen versprochen hat. Wollte ich nicht neue Herausforderungen? Nach Schweden und zurück segeln kann jeder - aber unterwegs Musik zu machen ist dann schon etwas Besonderes. Vielleicht sind wir statt fünf Booten sogar sechs, wenn nämlich Björn den Götakanal bleiben lässt und sich einfach uns anschließt.

Nautisches Lexikon: Enttäuschungslack
Erste deckende Schicht farbigen Lackes (in der Regel wird das die zweite Schicht Primer sein), nachdem eine größere strakende Fläche bearbeitet wurde. Nehmen wir an, Du hast an Deinem Laufdeck Stellen ausgebessert, ein Stück neues Sperrholz eingesetzt, oder das ganze Deck gespachtelt, weil es bisher eine Kraterlandschaft war. Dann hast Du geschliffen, geschliffen, geschliffen, bis alles eben und bündig und wunderschön aussah. Es waren keine Unebenheiten mehr zu erkennen, keine Versätzte, und zu fühlen waren sie auch nicht. Du warst Dir sicher: Jetzt ist es perfekt! Doch als der weiße Anstrich deckte, waren die Unzulänglichkeiten Deiner Arbeit so unübersehbar, dass Du noch einmal nacharbeiten musstest. Ob dieser Perspektive machtest Du ein langes Gesicht. Das ist der Enttäuschungslack.

Es gibt übrigens einen Weg, zumindest die Enttäuschung zu vermeiden: Arbeitet so gewissenhaft Ihr könnt und erwartet einfach nicht zu viel! Das Deck war vorher eine Kraterlandschaft und ist jetzt im Großen und Ganzen eben? Vorher regnete es ein, und jetzt sagt der Gießkannentest, es sei trocken? Das ist doch toll! Das ist doch das, was Ihr wolltet! Das perfekte Deck steht erst für über-übernächsten Winter auf der Liste, oder?

Nautisches Lexikon: Schiff und Boot
Schiff oder Boot? Wie lassen sie sich unterscheiden?
Eine immer wieder gestellte Frage, die schwer zu beantworten ist, weil in der zivilen Seefahrt beide historisch entstandenen Begriffe nicht eindeutig abgegrenzt sind. Im Alltagssprachgebrauch wird oft davon ausgegangen, ein Schiff sei größer als ein Boot, wobei wohl niemand je einen Schwellenwert etwas in der Länge oder der Verdrängung formuliert hat. Diesem Definitionsproblem geht der Eintrag zu "Schiff" im deutschsprachigen Wikipedia prompt auf den Leim: "Ein Schiff, in einer kleineren Form auch 'Boot' genannt, ist ein Wasserfahrzeug, das nach dem archimedischen Prinzip schwimmt." Der Eintrag zum Begriff "Boot" hilft auch nur ein kleines Stück weiter: "Als Boot wird im allgemeinen Sprachgebrauch ein kleines Wasserfahrzeug bezeichnet, welches in der Regel nicht eingedeckt ist. Der Ausdruck hat seine Wurzeln in der mittelniederdeutschen bōt, ggf. auch dem mittelenglischen oder altenglischen bot und bedeutet ursprünglich 'ausgehauener Stamm'. Als Synonym gilt 'kleines Schiff'. Tatsächlich werden auch Fahrzeuge als Boote bezeichnet, die dieser Beschreibung nicht entsprechen." Chaos also, aber wie wäre es hiermit: Ein Schiff schwimmt nach dem Archimedischen Prinzip, ein Boot auch. Das Schiff verfügt über einen eigenen, von Muskelkraft unabhängigen Antrieb, das können Segel sein, eine Dampfmaschine oder ein Verbrennungsmotor, oder eine Kombination daraus. Ein Boot kann ebenfalls einen solchen Antrieb besitzen, muss es aber nicht. Hier hätten wir dann eine Überschneidung von Schiffen, die Boote sind, Booten, die keine Schiffe sind und so weiter.

In einigen Fällen wird es nie zu hitzigen Diskussionen kommen: Kreuzfahrer, Containerdampfer und Tanker sind zweifellos Schiffe. Ruderboote und Jollen sind Boote. In der Marine ist der Fall auch über diesen kleinesten gemeinsamen Nenner hinaus eindeutig: Ob ein Wasserfahrzeug ein Schiff oder ein Boot ist, ergibt sich aus dem Dienstgrad des Kapitäns. Da gelten dann aber extrem große Einheiten als Boot, kleinere als Schiff.
Die Berufsbezeichnung desjenigen, der Schiffe/Boote baut und repariert, richtet sich nach dem Baumaterial: Der Schiffbauer verarbeitet Stahl, der Bootsbauer Holz. Da aber die Begriffe Schiff und Boot älter sind als das erste Stahlschiff, hilft diese Konvention letztlich auch nicht weiter. Auch mit dem Kriterium "Kajütaufbau oder offen", auf das Wikipedia anspielt, ist es schwierig, ebenso wie mit einem - naheliegenden - Versuch, es an der Unterscheidung Berufs-/Sportschiffahrt festzumachen. Hier sorgt höchstens der Ausdruck "Yacht" für Klarheit. Manch ein stolzer Eigner bezeichnet aber seine Yacht als "Schiff", und manch ein sprachlich beflissener Pedant rümpft über diese Angeberei die Nase. Wobei sprachliche Beflissenheit durchaus zu synonymem Gebrauch führen kann, um die ständige Wiederholung ein und desselben Ausdrucks in einem Text zu vermeiden - das haben wir ja wohl alle schon in der Grundschule verinnerlicht.

Es gibt das Kajütboot, das Lotsenboot, das Sportboot (als juristischer Fachausdruck), das Minensuchboot. Das Binnenschiff, das Kriegsschiff (als Oberbegriff für jede Menge Boote und Schiffe), das Stahlschiff (als das man auch einen 15er Jollenkreuzer oder einen sechs Meter kurzen Spitzgatter bezeichnen müsste, denn 'Stahlboot' ist ein völlig ungebräuchlicher Ausdruck). Und zwischen all dem Durcheinander gibt es dann auch noch das Folkeboot.

Fazit: Schiff und Boot sind beinahe Synonyme, aber eben nur fast. Der Rest ist ein leichtes Unbehagen für alle, die klare Verhältnisse zu schätzen wissen. Und wie bezeichnen wir nun unser Wasserfahrzeug?

Ich zum Beispiel nenne meine alten Damen (auch eine Möglichkeit!) gerne Schiffchen - in der Verkleinerungsform steckt zumindest die Einsicht, dass ein Folkeboot kein vollwertiges Schiff wäre, sofern die Größe das Unterscheidungskriterium wäre. Eine niedliche Ansprache, derer ich mich auch gerne bediene und mich damit in sympathischer Gesellschaft weiß, lautet: "Dampfer". Die historisch sehr kurze Zeit der Dampfschiffahrt ist längst vorbei, der Ausdruck ist damit irgendwie verfügbar geworden, und es kann nicht ganz falsch sein, ihn in Anbetracht des historischen wie des heutigen Gebrauchs als "Wasserfahrzeug mit oder ohne Segel, in jedem Fall mit Maschinenantrieb" zu definieren.

Zu den locker-flockig von Landratten ins Spiel gebrachten Bezeichnungen gehört "Kahn". Das geht nun gar nicht! Ich sehe unmittelbar ein, dass es sich hier um einen (allerdings billigen und zum Scheitern verurteilten) Versuch handelt, durch flapsigen Sprachgebrauch sich zum Insider zu stilisieren. Ein Kahn ist nun wirklich eindeutig definiert: Es handelt sich um ein dem Lastentransport (!) dienendes Boot (!!) ohneeigenen Antrieb (hier wollen wir die Segelkähne unterschlagen), er muss gestakt, gerudert, getreidelt oder geschleppt werden. Selbst der Duden weiß, dass das Wort umgangssprachlich oft abwertend benutzt wird. Wer Paula beleidigt, indem er ihr unterstellt, ohne Schlepphilfe nicht vom Fleck zu kommen, keine gemütliche Kajüte zu besitzen und dem Lastentransport zu dienen, hat wohl noch nicht ausreichend auf dieser Internetseite geschmökert. Und hat bei ihr an Bord nichts verloren.


Dezember 2015

Weihnachten mit den Booten - das Fest der Liebe! Ein Traum! Ich hätte allerdings nichts dagegen gehabt, mit den Holzarbeiten inzwischen fertig zu sein. Martha hat das anders entschieden und wollte hier noch und da noch etwas gemacht haben. Ich habe noch nie so viel neues Holz angeschleppt und verbaut, wie dieses Jahr. Es ist aber doch auch ganz schön, mal nicht nur auszubessern, sondern richtig ranzugehen. Es kommt wohl noch so weit, dass ich mich wie ein Bootsbauer fühle. Oder um es mit Thorsten Legat, Ex-Fußballprofi und selbsternanntem "Instinkttrainer" des FC Remscheid, zu sagen: Meine Aufgabe ist jetzt hier richtungswegend  Schmuckkästchen


Ende Oktober 2015
Wer immer schon wissen wollte, wie lange es dauert, fünf Folkeboot-Masten zu legen, kann jetzt eine Antwort bekommen: Es dauert einen ganzen Tag. Zunächst will die Aktion gut vorbereitet sein: Bäume abschlagen. Mastmanschetten aufschrauben und hochkrempeln. Achterstagen, Fallen, Dirken und Stromkabel vom Boot lösen und am Mast anbinden. Das Tape von den Ringsplinten pulen und am Vorstagspanner die Kontermuttern lösen. Boote zum Mastenkran verholen und dort ins Päckchen legen. Gerade als Frieda als Letzte dort eintraf, gesellte sich Björn als Helfer zu uns, und wir konnten loslegen.
Was nun noch zu tun blieb, war Serienproduktion: Heißstropp anbinden, Wanten und Vorstag lösen, Mast anheben, auf dem Mastenwagen wieder ablegen, Windex abmontieren und den Mast an Land zu den bereitstehenden Böcken transportieren. Boot vorziehen, nächstes Boot in Position bringen. Und alles wieder von vorn. Zum Schluss mussten die Boote noch verholt werden - Paula in ihre Box, ihre Schwestern drumherum.  Björn und ich waren uns einig: Das klappte vorzüglich und hat richtig Laune gemacht. Als ich dann aber mit meinem Blumensträußchen ankam, war es wirklich schwer zu entscheiden: "Woher kommt denn nun der olle Wind?"

Inzwischen sind alle Boote unter Dach. Salty und Paula habe ich schon ein bisschen auseinandergepult, damit die anstehenden Arbeiten in Gang kommen. Mehr dazu später.






Mitte Oktober 2015
Die Saison

Der Hafen leert sich. Wacker halten wir durch. „Martha“ hat im Laufe der Woche noch Kundschaft, Paula und ich warten auf passendes Wetter wenigstens für eine nachmittägliche Spaßrunde. Letztes Jahr war im Oktober T-Shirt-Wetter. Dieses Jahr ist es kalt. Seit Tagen oder Wochen pustet es aus Nordost, die Boote, ihrer Wellenbrecher an den äußeren Stegen beraubt, schaukeln und rollen und zappeln. Es plätschert, dass ich zum Telefonieren an Land gehen muss, wenn ich einen Ton verstehen will.

Und - in acht Jahren noch nie vorgekommen, kaum für möglich gehalten: Abends läuft unter Deck die Heizung! Doch die seltsame und nicht gerade tolle Wetterlage hat ein Gutes: Wenn wir schon nicht mehr segeln, so fühlt es sich jedenfalls auch im Hafen sagenhaft maritim an. Und dafür lohnt es sich schon, weiterhin hier zu bleiben. Wie war sie denn, die Saison? Sie war so:

Viele Sturmtiefs. Kühle gefühlte Durchschnittstemperatur. Und doch wundervoll. Paula und ich knackten wieder die magische Tausendmeilengrenze - erneut gebe ich zu Protokoll, dass es mir nicht um die zurückgelegte Strecke an sich geht, aber wir überlegten uns gut, wann wir segeln und wann nicht, mussten zwar das eine oder andere Mal auf dem Rückweg reichlich motoren, durften aber doch den weitaus größten Teil unserer Zeit auf See genießen. Wir tickten nicht weniger als sechs neue Häfen: Mommark, Haderslev, Aabanraa, Dyreborg, Sottrupskov und Mjels Vig - die beiden Letztgenannten bei unserem (voraussichtlichen) Absegeltörn.  Ansonsten lautete das Motto: Folkeboot als Gruppenreise. Nicht immer war das dienstlich - ich habe auch eine Woche mit meinem härtesten Konkurrenten Mike verbracht, das war sozusagen eine schwimmende WG. Mal hat er gekocht, mal ich, gesegelt sind wir auch, einschließlich einer spektakulären Kreuz durch den Svendborg Sund, von der die Leute dort wahrscheinlich heute noch reden. Und so richtig hat es keiner begriffen, dass wir zu zweit mit zwei Booten unterwegs waren - dass ich, als Mike ablegte, auf dem Steg blieb, hat den hilfsbereiten jungen Mann von gegenüber ziemlich irritiert. Dass er anschließend mir beim Ablegen gerne helfen sollte, musste ich ihm dreimal erklären. "Warum sollen wir denn mit nur einem Boot fahren, wenn doch jeder eins hat?" fragte ich.

Mjels Vig ist einer der beiden Häfen in dem Terrain, das man gemeinhin als Dyvig bezeichnet. Im Sommer ständig überfüllt, und da ankere ich dann lieber in der kleinen Bucht zwischen beiden „Vigs“. Klasse Hafen aber. Sottrupskov ist der kleine Steg am Nordausgang des Als Sunds. Absolut zu empfehlen, vor allem im Herbst bei Windstille und Morgennebel. Es gibt einen Nachbau des in der Nähe ausgegrabenen und heute in Schleswig ausgestellten „Nydambootes“ zu bestaunen, eines eisenzeitlichen Ruderbootes, und ein wunderbarer Wanderweg führt am Steilufer entlang, halb durch den Wald, zum Schloss Sandbjerg.

Der frühe Teil der Saison stand im Zeichen von Gruppenreisen. Mal gehörten außer Paula alle meine Charterboote zu unserer Gruppe, mal war es mein härtester Konkurrent Mike mit oder ohne Familie. Gerne wären wir auch mit Björn und „Jane“ auf Törn gegangen, lauerten geradezu darauf, nachdem es in den letzten Jahren so nett war, doch daraus wurde nichts. Denn „Jane“ hatte eine Saison zum Vergessen. Sie kam gerade so nach Maasholm, aber nichtmal bis Schleimünde. Ich durfte aber mal mitsegeln, ein Feierabendründchen Richtung Lindaunis und zurück, und stellte fest, dass ich keine Wenden fahren kann, wenn die Pinne so kurz ist. „Janes“ Pinne ragt nämlich nicht ins Cockpit, Rudergehen mit dem Rücken ist also unmöglich, und wie Björn damit klarkommt, ist mir ein Rätsel.

Auf „Jane“ gab es ansonsten Schürfwunden (ein Block riss aus dem Mast, über den das Großfall umgelenkt ist), nochmal Schürfwunden (längere Geschichte eines misslungenen Anlegers, aufgestoppt wurde an der Kaimauer), ein gerissenes Liektau (nebst Segelbergen mit Rohrzange) und ein zertretenes Flurbrett (während eines Streits mit Björns segelunkundigem Bruder, der sich eines Manövers verweigerte: „Nicht in diesem Ton!!“). Es gab aber auch wunderbare Abende im Cockpit oder am Grillplatz, in deren Verlauf wir „Janes“ nächsten Wellnessaufenthalt in der Bootswerft Grödersby planten, diesmal hoffentlich detailgetreu genug, damit alles, und und wirklich alles, zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt werden kann. Und das Boot wurde auf seinen kurzen Ausflügen auf Herz und Nieren getestet, was der Vollständigkeit unserer Liste nur förderlich sein kann.

Auf Paula gab es eine weitere Neuerung: Geduld in einer neuen Dimension. Wir kehren zurück von unserem Herbsttörn. Von Mjels Vig aus sind wir nach Schleimünde gesaust, wacker in die Schlei gekreuzt. Der Wind schläft allmählich ein, als wir in Kappeln auf die Brücke warten. Trotzdem mache ich nach der Durchfahrt den Motor wieder aus. Keine Lust auf Getucker. Wir erreichen den Museumshafen. An „Amazone“ vorbei geht es noch, trotz der Abdeckung von Milchpulverfabrik und Bäumen. Zweihundert Meter voraus kräuselt sich weiterhin das Wasser, da müssen wir hin. Doch neben „Arny Maud“ bleiben wir stehen, treiben mit 0,2 kn quer. Ich „wrigge“ mit der Pinne. Es grenzt an Zauberei: Jetzt fahren wir die 0,2 kn wieder voraus! Ich bin kurz davor, trotzdem den Motor zu starten, wie ich einem spöttelnden Entgegenkommer gestehe, doch endlich füllen sich Paulas Segel wieder mit merklichem Wind. Wir segeln bis zum Liegeplatz. Eineinhalb Stunden für zwei Meilen - alle Achtung!

Jetzt, während ich schreibe, ist es unfassbar mild, staubtrocken und bläst wie der Teufel aus Ost. Das sind wir gar nicht mehr gewöhnt - in den letzten zwei Wochen war es tagsüber sonnig und warm, abends und nachts bitterkalt und vor allem pitschepatschefeucht, und morgens kam prächtiger Nebel auf. Wind war so wenig, dass das unablässige Gepuste des Sommers längst vergessen ist. Lange Unterhose und drei Schichten Pullis waren zu bestimmten Tageszeiten unvermeidlich, zwischendurch hingegen schweißtreibend. Das ist wohl eine neue Wetterlage jetzt. Paula lernt unterdessen, aus eigener Kraft mein Smartphone zu laden. Martha kann das inzwischen auch, und sie hat einen neuen Cockpitboden. Ihr und Frieda habe ich hübsche Kästchen aus Mahagoni-Sperrholz gebastelt, hinter denen sich ihre Bordelektrik versteckt. Während Salty unterwegs ist, nimmt Oliese schon das Material in Augenschein, das ich ihr in den nächsten Tagen einbauen möchte. Wonach klingt das? Richtig: Nach einem fließenden Übergang zur Winterarbeit.

Dreamteam

Unser Dreamteam am Kran - Achim, der souveräne Hafenmeister, sowie seine beiden Gehilfen. Nennen wir sie Jürgen und Uwe. Sie könnten auch „Stooooooppppp!“ und „Hängt supeeeeeeer!!“ heißen, doch das wäre zu plakativ. Gestern Überstunden, heute Überstunden - sie sind weit über den Zeitplan hinaus, trotz diverser Eigner mit schlechter Vorbereitung und/oder kindischem Gequengel (entschuldigt, liebe Kinder: Kindische Erwachsene quengeln schlimmer, als Ihr es jemals könntet. Selbst wenn Ihr, wie Franzi gestern, für Stunden auf einer Insel ohne Kekse und iPod gefangen seid).

Es geht darum, einen Mast zu legen. Achim sitzt stoisch auf dem Kran. Jürgen hält den Mast, damit er nicht kappheister geht. Der Eigner löst Steuerbordwanten, Achterstag und Vorstag. Währenddessen macht Uwe sich zur Beschleunigung des Ganzen daran, das Backbordoberwant auch schon zu lösen. „Lass das noch fest!“ protestiert Jürgen und klammert sich fester an den Mast. Uwe dreht am Spannschrauber. Jürgen: „LASS DAS FEST!“ Uwe fummelt am Ringsplint. Jürgen: „Lass das fest! Wir haben Wind von der Seite! Da ist Druck drauf! Lass das fest!“ Uwe winkt ab und fummelt weiter.

Wie in Zeitlupe löst Jürgen sich von seiner Position, nähert sich Uwe und tritt ihn in den Hintern. „Du sollst das fest lassen!“ Dann hält er wieder den Mast fest. Der Eigner schweigt. Achim schweigt. Uwe hört auf zu fummeln. Zieht den Spannschrauber zwei Windungen an. „Tritt du mich noch einmal in den Arsch“, droht er. Als der Mast am Kran hängt und es darauf ankommt, alle Drahtseile frei zu bekommen, erklingt Achims Stimme über den Lautsprecher: „Warum habt Ihr es eigentlich alle auf meine Waage abgesehen? Steht da mit drei Mann, und Keiner sieht, dass das Oberwant an der Waage hängt.“

Als der Mast zur Erleichterung des weiterhin schweigenden Eigners an Bord liegt, bleibt unklar, ob der gelungene Ausgang des Manövers Jürgens oder Uwes heldenhaftes Verdienst war. Mein Urteil lautet: Unentschieden. Oder vielleicht sollten die beiden nach drei Jahren des Konkurrenzkampfes mal endlich mal ihre Kompetenzen klären.


Bootsmarkt

Zwar bin ich aktuell keineswegs auf der Suche nach einem Boot, ich habe ja beileibe genug davon. Aber dennoch verfolge ich hin und wieder die aktuellen Angebote bei ebay, FKY und DFV. Dabei sind absolute Lacherfolge: Ungekrönte Königin des Sommers ist „Lovis“, ein Folkeboot mit - prust! - Galionsfigur!!! Völlig absurd. Unbeschreiblich. Muss man gesehen haben! Das Erschreckende ist: Anscheinend wurde das Boot inzwischen tatsächlich gekauft - obwohl es, von der zweifelhaften Zierde auf dem Vorschiff abgesehen, wirklich abgerockt aussah.

Platz zwei in der Hitliste absoluter No-gos geht an ein Boot, das mit einer Auswahl nichtssagender Urlaubsfotos beworben wurde. Schon auf dem Avatar sah man einen Macker, der sich lässig im Cockpit ausstreckte, die Pinne in der Hand, und im weiteren Verlauf des Durchklickens entdeckte man Absurditäten wie drei leere Bierflaschen vor geklinkerten Planken. Von aussagekräftigen Aufnahmen in Bezug auf den Zustand des Bootes keine Spur. So etwas kann, darf, sollte man nicht kaufen.

Ich weiß von Leuten, die ihren Schrott mit fehlenden Planken nun endlich verkaufen wollen, ihn aber nirgendwo inserieren. Von Leuten, die ihr geliebtes Boot inserieren, es aber bei aufkeimendem Interesse doch nicht herausrücken. Der Bootsmarkt ist aus den Fugen geraten, jedenfalls der Folke-Bootsmarkt: In Zeiten allgemein sinkender Preise bekam man vor Kurzem für ein gut gepflegtes Holzfolke kaum mehr als sechs- bis achttausend Euro. Nun hat man die Wahl zwischen 2.700 („Lovis“), 12.000 („Svea“), 25.000 oder auch 38.000 Euro. Gebrochene Spanten haben sie alle.

Symptomatisch für diesen Irrsinn ist für meine Begriffe „Lara“: 14.500 Euro soll man dafür bezahlen. Der „gepflegte Zustand“ wird dadurch illustriert, dass das Deck gerade neu lackiert worden sei, der Rumpf vor drei Jahren, der Mast 2010 komplett abgezogen „und von einer Fachwerft neu aufgebaut“ wurde. Gleichzeitig habe die selbe Werft die Fußreling „in Teak neu ausgeführt.“ Leute, das ist mein täglich Brot und überhaupt nichts Besonderes bei einem fünfundvierzig Jahre alten Boot! „Lara“ kann aber noch mehr: Zu ihrer Ausstattung gehören neben dem Üblichen ein Haufen unnütze Segel - Genua, Spinnaker und Gennaker - sowie eine unter Deck verbaute Rollfock; außerdem eine Selbststeueranlage sowie - halt Dich gut fest!! - ein in die Backskiste eingebauter Kühlschrank!

Arme „Lara“ - was sie jetzt braucht, ist ein Käufer, der bereit ist, für all diesen Mist ein Heidengeld zu bezahlen, nur um ihn anschließend wegzuschmeißen und wieder ein richtiges Folkeboot aus ihr zu machen. So jemand dürfte kaum zu finden sein - wahrscheinlicher findet sich ein Naivling, der das Boot in kürzester Zeit verwahrlosen lässt. Leute - ein Folkeboot ist keine Hallberg Rassy, und es sollte auch niemals zu einer gemacht werden!

Den Absurditäts-Contest im Herbst gewann eindeutig ein namenloses Folkeboot, das man bei Ebay für 8.300 Euro sofort kaufen oder bei einem Mindestgebot von 5.500 Euro ersteigern konnte. Mir wurde der entsprechende Link unter der Überschrift „Der Brüller auf Ebay“ gesendet. Die Annonce beschrieb den Zustand des Bootes als „noch nicht segelfertig.“ Im Text las sich das so, als hätte da jemand einen Haufen heruntergekommener alter Boote erworben, sich beim Restaurieren gnadenlos übernommen und dann das Zeitliche gesegnet, so dass jetzt ein anderer Jemand versuchen musste, all den Schrott zu Geld zu machen. Mast und Motor gab's nicht mehr, Segel auch nicht, es blieb also kaum mehr als ein Rumpf, und der hatte es in sich: Von außen nach innen komplett verpilzt, selbst auf den niedrig aufgelösten Fotos war auf einen Blick ersichtlich, dass dieses Debakel nicht zu retten war.

Nun gibt es für eine Tonne Stahl sicher noch dreihundert Euro beim Schrotthändler, und der ganze Rest macht sich im Februar gut auf der Koppel beim Biikebrennen. Das ist aber zum Einen ein trauriges Schicksal für ein einst stolzes Boot, zum Anderen möchte man für dieses Resultat nicht erst mehrere Tausend Euro ausgeben. Immerhin hat es meinem Glauben an den Verstand der Menschen erheblichen Auftrieb gegeben, dass auf dieses Angebot nicht geboten wurde.

Wo ich schon beim Schwadronieren bin, erlaube ich mir noch einen Blick auf den Markt aktueller Neubauten. Die sind - von oben betrachtet - dreieckig, hinten offen und haben aus konstruktiven Gründen zwei unabhängige Ruderanlagen. Der Rudergänger klammert sich jämmerlich an ein lederummanteltes Steuerrad von gigantischen Ausmaßen, und ihm steht zu diesem Zweck nicht einmal ein halber Meter zur Verfügung. Der Rest der Crew von sechst bis acht Kerlen kauert in einem Cockpit, das bei nicht unter vierzig Fuß Gesamtlänge kleiner ist als meines. Vor ihnen jedoch thront der Salon: Ein Saal mit der Wohnfläche eines durchschnittlichen Zweipersonenhaushalts. Wenn ich ein solches Boot (!) von Weitem betrachte, kann ich das Bild beim besten Willen nicht stimmig finden. Dabei bin ich durchaus der Meinung, dass deswegen so viele verschiedene Boote existieren, weil es so unterschiedliche Arten zu segeln, so unterschiedlich Bedürfnisse gibt. Aber jetzt konvergiert alles in eine Richtung, wo man sagen möchte: „Ihr wollt doch gar nicht segeln!“

Die Nachfolgegeneration heutiger Boote wird ein Segelsimulator sein, ein riesiger Flachbildschirm mit Ostseewellen und Kartenplotter, dazu ein Gebläse für die Illusion von Wind und gelegentlich einer Kanne Wasser ins Gesicht („oh Mist, wir haben die Sprayhood vergessen“). Im Menü kann man vorab Revier und Jahreszeit wählen (das Programm ist an die Klimaanlage und die Raumbeleuchtung gekoppelt) und zwischen Fahrtensegeln und Regatta entscheiden. Für den absoluten Thrill kann man „Starkwind“ und „Sturm“ als Optionen anklicken. Auf dem zweiten Level sind dann auch Einhand-Non-Stop-Weltumseglungen mit oder gegen die vorherrschende Windrichtungen möglich. Wer auf dem Wasser außergewöhnliches leisten und in die Zeitung kommen möchte, muss ja ohnehin entweder im Grundschulalter sein oder mindestens zum Mond segeln. Angeblich wurde inzwischen auf dem Mars Wasser entdeckt - da sollten dreieckige, überbreite Boote schonmal ihren Liegeplatz reservieren. Für den ultimativen Thrill.

Das alles war übrigens gar nicht meine Idee, es gibt nämlich noch mehr Leute, die langsam in das Alter kommen, wo sie mit dem meisten neumodischen Krams nix mehr anfangen können. Bestimmt wird es in absehbarer Zeit zu haben sein - für sicherlich weniger als den für „Lara“ aufgerufenen Preis.

Anfang Oktober 2015
Huiuiui, es wird ernst!

Eine ruhige Nacht in Schleimünde. Der ohnehin schwache Wind, der mich gezwungen hat, hierher zurückzukehren, anstatt mit eineinhalb Knoten auf der Ostsee herumzudümpeln, ist vollends eingeschlafen. Der Sonnenuntergang wäre meines Geburtstags auch dann würdig gewesen, wenn ich mir aus diesem Ereignis mehr machen würde. In dem kleinen Hafen wird man bei frischem Wind bunt durchgeschüttelt, fast egal, aus welcher Richtung er kommt, aber nun sprach alles für ungestörten Schlaf.

Kaum gab ich mich nach der abendlichen Lektüre meinen Träumen hin, schon weckte mich ein Rauschen wie von ruppigen Böen. Seine Ursache war aber kein Wind, sondern ein gewaltiger Schwell, der in den Hafen lief, Paula zum Zappeln brachte und den Cockpittisch leerfegte. Sofort war ich an Deck, um nach dem Rechten zu sehen. Ein Glas war zu Bruch gegangen, etwas unerfreulich, aber dann beruhigte sich die Lage wieder, und ich kehrte zurück in die Koje, zunächst kopfschüttelnd den Fischer verfluchend, der mit solcher Fahrt seinem Fang entgegenstrebte. Vielleicht, dachte ich, war es aber auch der Retter aus Maasholm in einem Einsatz, bei dem es um Leben, Tod und Minuten ging.

Wir hatten Glück, wie sich am Morgen herausstellte: Ziemlich weit innen liegend an dem kleinen Steg, vernünftig angebunden und gut abgefendert, war Paula gegen den Schwell besser gewappnet als die anderen Yachten im für die Jahreszeit erstaunlich vollen Hafen. Die waren nämlich sämtlich mit dem Bug gegen die Pier gekracht. Poller waren herausgerissen, Stegplanken beschädigt, Bugkörbe verbogen. Es war kein schöner Anblick. Tatsächlich hatte „Nis Randers“ dieses Debakel verursacht, wie man mir berichtete.

Die Erfahrungen dieses Jahres haben mich schon beschließen lassen, die „Giftbude“ zu meiden - der Laden hat Ruhetag, wann immer man es nicht braucht, und wenn geöffnet ist, gibt es Buletten vom Galloway, sauteuer und nicht der Bringer. Ich habe auch eingesehen, dass man hier bei mehr als zwei Beaufort nicht übernachten kann. Und nun weiß ich auch, dass man selbst in einer ruhigen Nacht beim Festmachen die DGzRS bedenken muss. Die Station ist nunmal in Maasholm, und wer draußen in Seenot gerät, wird mit Recht erwarten, dass auf dem Retter der Hebel auf den Tisch gelegt wird, anstatt übertriebene Rücksicht auf ein paar Hafenlieger zu nehmen, die ihre Leinen nicht dimensionieren können - wobei mir hier auch andere Meinungen zu Ohren gekommen sind, denen zu Folge auch ein Seenotrettungskreuzer im Einsatz Sog und Wellenschlag im Hafen zu vermeiden habe.

Wohin aber wollte die „Nis Randers“ so eilig in jener Nacht? In Schleimünde berichtete jemand, vor oder in Port Olpenitz habe eine Yacht gebrannt. Laut Lokalpresse handelte es sich um eine Segelyacht mit Außenborder, die nach dem Feuer auf Tiefe ging, während DgzRS, Wasserschutz und Feuerwehr vergeblich nach schwimmenden Überlebenden suchte. Schnell gelangte man zu der Einschätzung, das Boot sei absichtlich in Brand gesetzt und dann verlassen worden. Es wurde ein Fall für die Kripo, die zunächst alle Yachthäfen der Umgebung abtelefonierte auf der Suche nach einem vermissten Boot. Denn es gab keine Hinweise auf den Eigner des Havaristen.

Dabei blieb es sechs Tage, bis sich die Eigner der „Bellevue“, aufgeschreckt von Anrufen, in deren Verlauf Liegeplatznachbarn sich erkundigten, wo denn ihr Boot geblieben sei, in die WSG begaben. Das Boot war weg. Geklaut. Einfach so. Mitten in einer Marina, in der zwar nicht Jeder Jeden kennt, aber man doch die meisten Gesichter schon einmal gesehen hat und von Fremden zu unterscheiden weiß. In der aber an einem Montag im Herbst ohnehin nicht mehr Viele anzutreffen sind. Die „Bellevue“ ist - oder war - keine Segelyacht mit Außenborder, sondern eine Motoryacht. Im Widerspruch zu ihrem Namen in meinen Augen kein schöner Anblick, aber das ist Geschmackssache und in diesem Fall egal.

Ob sie nun trotz widersprechender Presseberichte das Schiff ist, dass da ausgebrannt und gesunken ist, wird erst feststehen, wenn das Wrack gefunden ist. So oder so sind dramatische Dinge geschehen. Jemand hat eine beunruhigende Wunde geschlagen in unsere kleine, heile Welt, in der bisher die Unzuverlässigkeit der Brücke in Lindaunis das größte anzunehmende Ärgernis darstellte.

In Sönderborg liegt übrigens seit Wochen ein herrenloses Folkeboot am Fischersteg nördlich der Brücke. Ich wurde bereits per Mail gefragt, ob ich ein solches vermisse, und als ich neulich selbst dort vorbeikam, lag es immer noch da. Immerhin weder verbrannt noch gesunken, aber auch das ist eine merkwürdige Geschichte: Wer lässt sein Boot an einem solchen Ort kommentarlos zurück? Oder wer klaut ein Folkeboot? Wer klaut überhaupt irgendein Boot, ohne des ernsthaften Versuch zu unternehmen, es zu Geld zu machen? Bindet es irgendwo an oder legt Feuer?

September 2015

Neulich am Steg...

Der Bootsbaumeister meines Vertrauens scheint sich jedes Mal zu freuen, wenn er mich sieht. Könnte daran liegen, dass wir den gleichen Humor teilen. Neulich fragte er: „Warum gibt es an der Schlei keine Haie?“ Auf die naheliegende Antwort kam ich am frühen Morgen nicht, aber sie versetzte mich in schallendes Gelächter: „Bei uns gibt es ein Haithabu.“ Am gleichen Tag musste ich noch einmal schallend lachen. Ein Boot wurde gekrant, und als es sich aus dem Wasser hob, sah ich auf der abgewandten Seite ein seltsames Bändsel herunterhängen. Ich sah nach - und fand, am Rädchen der Logge baumelnd, ein kleines Plastikboot.

August 2015
Neulich am Steg...

Ich drehe eine Runde durch den Hafen. An der Grillhütte treffe ich Onna, Miri und Papa Gerald, die sich nicht entscheiden können, ob sie heute Abend grillen oder nicht. Außerdem Jürgen, den Vorsitzenden der WSG, und ein Vereinsmitglied, das ihn offenbar bei der Planung unterstützt: Es geht um die nächste Baustufe der Hütte. Seit Kurzem ist sie zwecks Schutz vor Wind, Regen und Sicht an zwei Seiten mit Brettern vernagelt, doch aus optischen Gründe sollen da noch Fenster hinein.

Gerald geht weg, um die Vorräte an Bord zu überprüfen. Die beiden Männer stehen vor der Bretterwand. Onna fragt: „Was macht ihr da?“ „Tja“, murmelt Jürgen, „wir gucken uns mal das schöne Holz an.“ Beinahe überflüssigerweise fügt er hinzu: „Und überlegen, wie wir da Löcher rein machen.“

Onna ist empört. Sie verschränkt die Arme vor der Brust und erklärt in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet: „Das darf man nicht!“ Etwas kleinlauter schiebt sie die Frage hinterher: „Darf man das?“

„Najaaaa Äheeeem Neeee. Das darf nicht jeder“, antwortet Jürgen. Onna ist jetzt hochinteressiert: „Darfst du das denn? Wer darf das denn? Warum darfst du das, und ich nich?“ Wie erklärt man einer Achtjährigen und einer Fünfjährigen den Begriff des Vereinsvorsitzenden? Ich versuche es mal mit klaren Verhältnissen: „Wenn einem das alles hier gehört, dann zum Beispiel darf man das.“

Sofort wenden sich die Mädchen an Jürgen: „Gehört dir das alles hier?“ In ihren Augen sehe ich die Aufregung aufblitzen, den Mann getroffen zu haben, der im ganzen Hafen das Sagen hat. Doch Jürgen winkt ab: „Nein, gehören tut mir das nicht.“ „Aber er ist der Vereinsvorsitzende“, bringe ich das schwierige Wort ins Spiel, das die beiden auch prompt nicht so richtig verstehen. Also erkläre ich: „Das ist so ähnlich wie ein Präsident.“ Das hat Onna schonmal gehört. Präsident - das geht so in Richtung König.

„Der König! Der König!“, ruft sie aufgeregt und huldigt ihm mit gekonnten Ballettschritten. Jürgen macht ein Gesicht, als könne er sich widerwilligst, und nur weil es zwei ganz entzückende Kinder sind, mit seiner Rolle abfinden: Heute spielt er also den König. Unterdessen kommt Onna eine ganz andere Frage in den Sinn: „Kannst Du Ballett tanzen?“ Amüsiert schüttelt Jürgen den Kopf. „Und der da?“ - Miri zeigt auf seinen Begleiter - „Kann der Ballett tanzen?“

Jürgen lacht. „Nee, der kann überhaupt nicht tanzen. Aber manchmal - da gibt er den Schwan.“

Juli 2015
Paula saust durch die Nacht

Die erste Nachtfahrt seit drei Jahren - ich bin mehr als zufrieden. Es ist halbwegs mild, nach einem köstlichen Abendessen haben wir unter Segeln abgelegt und sind aus der Schlei gekreuzt - es ist absolut perfekt. Als Vorwand für dieses Vergnügen dient uns die samstägliche Flaute sowie eine lockere Verabredung auf Lyø mit den Kollegen von der "Jacaranda". Tatsächlich habe ich lange auf eine Gelegenheit gelauert, mal wieder den Kleinen Belt für uns allein zu haben und nach Lichtern und Leuchtfeuern zu navigieren, anstatt nach dem immer Gleichen, das es Woche für Woche hier bei Tage zu sehen gibt.

Die „leuchtenden Nächte“, in denen ein orangener und ein hellblauer Streifen die Position der Sonne anzeigen, sind fast vorbei, es wird zwischenzeitig fast völlig dunkel. Die Bewölkung lockert auf, gibt den Blick frei für Sterne und Fast-Neumond-Sichel. Nur eine Sorge treibt mich um: Wir sind zu schnell! In diesem Tempo von fünfeinhalb Knoten erreichen wir unser Ziel um kurz nach drei, und ich würde doch gerne die Umgebung besser als nur schemenhaft erkennen, wenn ich uns vor dem vollen Inselhafen ein Ankerplätzchen suche.

Vor Skjoldnæs passiert Zweierlei: Der Wind lässt nach und reicht nur noch für vier Knoten - das ersehnte perfekte Timing ist damit gewährleistet. Aber gleichzeitig piept es, und kurz danach fällt das GPS aus. Später wird sich bestätigen, was ich gleich vermute: Die Bordbatterie ist altersschwach, und die Posis ziehen so viel Strom, dass die Elektronik sich diskret und höflich, aber insgeheim genervt zurückzieht. Zum Glück kenne ich mich aus. Die grüne Tonne - die grüne Tonne - vor Lyø ist unbefeuert, und genaues Koppeln nicht möglich, denn ich weiß ja auch nicht, wie schnell wir sind. Ich rechne mit vier Knoten, erhalte eine ungefähre Zeit, wann wir die Tonne in Reichweite der Taschenlampe haben müssten. Und finde ihren Reflektorstreifen fast auf Anhieb. Kurz danach geht zwar noch lange nicht die Sonne auf, aber es wird hell.

Den schönen Westwind am Sonntag lassen wir aus. Ausschlafen und Landgang mit der „Jacaranda“-Crew und ihren niederländischen Freunden sind dringender. Wir machen Geo-Cachen - die postmoderne Form der Schatzsuche führt uns zur Kirche, zur Mühle und zum Klokkesteen, wo ich beschämend lange nicht mehr war. Letztes Mal stand hier noch eine Allee, jetzt sind davon noch drei gerupfte Eichen übrig, deren Stämme teilweise komplett hohl sind.

Am Montag verbringe ich fast den ganzen Vormittag mit Abwasch, Brötchenkaufen und anderen Dingen. Erst um elf, fast als Letzte (naja, „Jacaranda“ ist noch später dran) legen wir ab. Wir sollen nach Middelfart. Denke ich. Bis der Wind nach drei Meilen einschläft. 3-4 war angekündigt. Jetzt ist plötzlich selbst die Helnæs Bugt ein ambitioniertes Ziel. Als Mike von der „Jacaranda“ sich erkundigt, ob bei uns noch Wind sei, läuft der Motor - ich habe keine Lust, den Tag in einem beständigen Flautenloch zu verbringen, und hoffe auf eine Brise irgendwo eine oder zwei Meilen voraus. Wir tuckern eine knappe Stunde. Dann kräuselt es sich. Kurze Nachricht an Mike. Die wollen nur nach Agersø, das habe ich fast schon in Sicht und ziehe es auch in Erwägung - naiv, wie ich bin. Die folgenden Stunden vergehen wie im Flug. Es pustet uns mit 5 Beaufort entgegen, die Welle ist wie immer hier bei solchen Bedingungen ein Kracher und gewiss nicht unser Freund, aber Paula ist bisher noch immer als Siegerin aus diesem Duell hervorgegangen. Middelfart? Schade, dass wir nicht noch weiter sausen. Im Fænøsund fällt der Anker. Wir liegen in der Strömung, der Wind schläft ein, und ein lauschiger Sommerabend beginnt.

Als ich aufwache, erwartet mich ein herrlicher, sonniger Morgen. Nach dem Aufklaren gönnen wir uns, da wir selten genug in diese ausgesucht hübsche Gegend kommen, die kleine Spaßrunde um Fænø. Die angenehme Morgenbrise lässt uns im Stich, so dass sich der Rückweg durch Snævringen unerwartet in die Länge zieht. Der Ausflug lohnt dennoch - wie abends schon läuft hier Mutter-und-Kind-Schwimmschule für kleine Schweinswale. Muss man gesehen haben!

Weiter südlich ist es dann auch weitgehend Essig mit dem guten Segelwind, aber es fallen zwei Dinge auf: Hin und wieder nehmen wir in einer kurzlebigen Bö tüchtig Fahrt auf. Und über uns teilt sich der Himmel. Im Osten ist er strahlend blau und wolkenlos, im Westen von einem hübschen Geklecker kleiner Cumuluswolken verziert. Dort unter Land wird fleißig gesegelt, auf unserer Seite des Geschehens sind wir hingegen beinahe die Einzigen, die nicht motoren. Es ist einen Versuch wert... Und tatsächlich - ein bisschen Anluven beschert uns kaum eine Kabellänge weiter westlich einen feinen Wind, der uns mit fünf Knoten an der Westseite von Brandsø vorbeibringt. Ich sage mir: Man muss dort segeln, wo der Wind ist!

Das wird im Aarøsund allerdings ein bemerkenswert schwieriges Unterfangen. Gleichzeitig bin ich selten so kurzweilig mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von unter zwei Knoten vorangekommen. Hier hat jedes Wölkchen ein eigenes Windfeld. Wir kreuzen mit fünf oder sechs Schiffen durch dieses Chaos, alle in Hörweite, jedes mit seinem eigenen kleinen Wind. Es läuft ein Strom von einem Knoten mit, so kann man nicht komplett verhungern - ansonsten gibt es kaum eine Chance, die nächste Bö, Flaute oder Winddrehung vorherzusehen. Die Holländer versuchen es mit langen Schlägen von Ufer zu Ufer. Das geht nicht gut, allzuoft fahren sie nach der Wende den gleichen Kurs wieder zurück, und sie geraten auch immer wieder aus der hilfreichen Strömung. Eine norwegische Yacht saust mit einer Brise, die ihnen allein zugute kommt, zwischen allen anderen hindurch. Später segeln sie sich aber auch in eine hartnäckige Flaute südlich von Aarø und fallen erstmal weit zurück.

Paula und ich halten uns in der Mitte, und nach einer Weile finde ich eine Art von Zugang zu den ungewöhnlichen Bedingungen. Es ist großartig: Schoten auf, Schoten dicht, Wende, gleich noch eine, dann wieder geduldiges Treiben auf das nächste Gekräusel - wer genervt den Diesel anwirft, hat eine Lehrstunde versäumt. Schließlich und endlich fangen wir uns einen stetigen Wind, der uns ans Ziel zu bringen verspricht. Er entwickelt sich zu einer strammen fünf, und wir können gerade so den benötigten Kurs laufen. Zwei, drei Holeschläge in der Genner Bugt, dann fällt der Anker. Kopfschüttelnd freue ich mich über sooooo viele Überraschungen an nun einem einzigen Tag.

Als wir morgens weiterreisen, ist meine erste Sorge, dass der kurze Weg nach Sønderborg sich endlos hinziehen könnte. Zwar ist für Belte und Sund 4-5 strichweise 6 vorhergesagt, in der schematischen Darstellung hat DMI für unsere Ecke aber nur 2-3 ausgewiesen, und das ist ein Wind, den es eigentlich nie gibt: Entweder ist es wesentlich mehr oder beinahe Flaute. Andererseits müsste ich allmählich begriffen haben, dass wir immer auf dem Strich mit der 6 unterwegs sind. Ganz so dicke kommt es allerdings nicht. Rauschefahrt mit ausgebaumter Fock steht diesmal auf dem Programm. Sønderborg Yachthafen ist nicht meine erste Wahl, aber wir sind wieder mit "Jacaranda" verabredet. Trotz frischem Wind von der Seite liefern wir kein Hafenkino - wie doll der Wind durch den Mastenwald heult und pfeift, habe ich zum Glück erst danach wahrgenommen.

Für den Donnerstag - wir sollen alle zurück in die Schlei - ist schwach umlaufend angesagt. In den Details streiten WetterOnline, Windfinder, DMI und DWD. Den Ausschlag gibt schließlich Niklas: Der Sechsjährige wird unterwegs quengeln, wenn es ihm zu lange dauert, also beschließen wir den frühen Aufbruch notfalls auch ohne Wind, weil es einige Stunden quengelfreies Dümpeln gewährleistet. Mike ist schon in Aktion, als Paula mein Kaffeewasser erhitzt. Immerhin sind wir schon seeklar, als er „Jacaranda“ aus der Box zieht, am Dalben festbindet und das Groß setzt. Zu lustig: „Jacaranda“ segelt sofort munter los - zurück in ihre Box. Prustend frage ich: „Hast du noch was vergessen?“ bevor ich gerne Leinen halte und abstoße, damit der zweite Versuch in Richtung Hafenausfahrt geht. „Paula“ macht keinen derartigen Blödsinn. Wir setzten Segel und verlassen den Hafen.

Dreieinhalb, dann sogar vier Knoten - läuft doch. Mike dreht noch eine Runde, um sich neben uns zu legen und „Geht doch“ zu rufen. Allerdings muss „Paula“, ohne dass ich viel dazu beitrüge, gleich mal unter Beweis stellen, dass sie im Zweifelsfall das entscheidende Zehntelknötchen schneller fährt. Klönschnack ist also nicht, aber auf „Jacaranda“ schlafen ja auch noch welche. Der wolkige Himmel sieht so kurz nach Sonnenaufgang phantastisch aus, und „Paula“ hält mich auf Trab: Fockausbaumer hierhin und dorthin, Trimm, Halse, Deckschrubben. Wir segeln mit drei oder vier Knoten, dümpeln mit einem oder zwei - nicht berauschend, aber sehr angenehm meditativ. Immerhin fünfzehn Meilen schaffen wir auf diese Weise, der Rest wird motort, inklusive Punktlandung an der Brücke.

Paula saust durch die Nacht (schon wieder)

Weil es letzte Woche so schön war, verfolgen wir erneut den gleichen Plan: Warten auf vernünftigen Wind (diesmal pustet es über Tag wie blöde, abends nimmt es ab) und dann sehen, wie weit wir kommen. Auf der Ostsee scheint es diesmal so, als hätte es keinen Sinn - die alte Welle ist beträchtlich, wir stampfen uns fest. Nach einigen Versuchen auf verschiedenen Kursen läuft es doch. Vor allem passt der Seegang jetzt zum Wind, der zugelegt hat. An der Ostseite von Als sausen wir dann mit den gewohnten fünfeinhalb Knoten vorbei. Berauscht, beschwingt, beflügelt, lasse ich mich auch davon nicht irritieren, dass die Bordbatterie trotz zwei Litern Destillierten Wassers weiterhin schwächelt, und zweifele nicht daran, dass wir unser ambitioniertes Ziel erreichen werden.

Gerade neulich hat wieder jemand vom Haderslev Fjord geschwärmt, ach wie schön das dort sei, nur schade, dass man dort nicht segeln könne. Ich habe beschlossen, leere Stellen auf meiner persönlichen Seekarte zu schließen, und nach Haderslev müssen wir ganz unbedingt. Segelnd oder motorend. Kurz vor sieben an einem wunderbar sonnigen Morgen - die Müdigkeit ist längst Tatendrang gewichen, die ungewohnte Julikälte wird toleriert - erreichen wir die Einfahrt in den Fjord. Das Fahrwasser wirkt auf Anhieb so, als könne man hier problemlos kreuzen, jedenfalls früh morgens bei wenig Gegenverkehr: Die Rinne ist breit genug für „Paula“, die Betonnung dicht und übersichtlich. Außerdem haben wir Südsüdwest, also nicht genau gegenan. Wir versuchen unser Glück.

Der Haderslev Fjord erinnert stark an die heimische Missunde Enge. Nur dass dieser schönste Teil der Schlei nicht mal eine Meile lang ist - hier erwarten uns siebeneinhalb Seemeilen flussähnlicher, höchst pittoresker Landschaft. Der Fjord wird von einem Fluss gespeist, gegenlaufende Strömung kann also nicht überraschen. Trotzdem kommen wir langsam aber sicher voran. Es ist nach zehn, als wir unter Segeln in Hadersev anlegen. Fast vier Stunden für unter acht Meilen sind amtlich, aber es war eine kurzweilige Fahrt mit Hunderten von Wenden, an die ich mich lange und gerne erinnern werde. Müdigkeit, Regen, kein Wind: Also schlafen, essen, schlafen. Und so weiter bis Montag Morgen um neun.

Dann unternehme ich frisch und ausgeruht einen Landgang. Die Altstadt von Haderslev ist, nunja, kein absolutes Muss, aber sehenswert. Außer Historischem schlägt mir die Mischung aus Boom und Verfall entgegen, die so typisch für die heutige dänische Provinz ist. Ein großes Plus von Haderslev ist gleichzeitig der Grund, warum ich noch nie hier war: Es liegt abseits der gängigen Routen. In Haderslev erweckt nichts den Anschein, es könne hier jemals richtig voll werden. Meine gute Meinung nimmt aber bei der Rückgabe der Chipkarte für die Stromsäule Schaden. Ich erhalte eine Quittung, die im Wesentlichen das für den nächsten Tag noch zu zahlende Hafengeld ausweist. Der Beschilderung entnehme ich, dass ich diesen Gutschein in irgendeiner Gaststätte, alternativ im Hafenbüro von Aarøsund, gegen Bares eintauschen darf. Hätte ich mal besser die Karte fürs nächste Mal behalten.

Vorm Wind bei West durch den Haderslev Fjord zu segeln, ist beinahe nerviger als gegenan. Abdeckung und Düsen, ruppige Böen und unvermittelte Winddreher kenne ich aus der Schlei zur Genüge. Die Erfahrung erleichtert die Sache, fördert aber keineswegs die Begeisterung. Vor allem zerbreche ich mir den Kopf, welche Windrichtung wir denn nun tatsächlich haben - West ist super, Südwest geht gar nicht. Freude macht mir hingegen, dass mir ein Katamaran entgenkreuzt. Ein Mann grüßt, ein Mädchen von höchstens zwölf Jahren geht Ruder, sie wirken sehr eingespielt. Zumindest müssen sie sich über die Wassertiefe keine Sorgen machen.

Südlich von Aarøsund haben wir dann einen wunderbaren Westwind, vier mit fünfer Böen, dazu kaum nennenswerten Seegang. Eine bestens ausgetrimmte „Paula“ rennt dem Aabenraa Fjord entgegen. Drei, vier Holeschläge sind von nöten, dann können wir kurz vor achtzehn Uhr eine weitere leere Stelle der persönlichen Seekarte mit Einträgen füllen. Wir legen unter Motor an, und zwar im Südhafen anstelle der Marine. „Paula“ hat das entschieden, beim Segelbergen hielt sie beständig den entsprechenden Kurs. Verdammt, da hätten wir auch hineinkreuzen können, und dann nervt mich der Getreidespeicher mit Lärm und Staub, der meine neuerdings dem Heuschnupfen verfallene Nase zum Laufen bringt. Aber ohne ihn gesehen zu haben, bin ich überzeugt, der Yachthafen wäre die Hölle gewesen. „Paula“ irrt nicht. Oder sie weiß, was ich möchte: Schraddeliges Industrieambiente war immer schon mein Favorit.

Aabenraa überzeugt mich nicht, einschließlich des kleinen Seefahrtsmuseums - alles ganz okay, aber nicht der Kracher. „Paulas“ Liegeplatzwahl beschert uns beiden eine abendliche Cockpit-Party: Da um uns herum niemand ist, können wir bis spät in die Nacht Musik hören und Wein trinken. Die Quittung gibt's morgens, als ich mich unausgeschlafen und lustlos aus der Koje quäle. Wir segeln noch einen Schlag nach Norden bis Aarøsund, dann von dort zurück nach Arnis. Die ganz sensationellen Überraschungen bleiben aus. Die Details sind unvergesslich: In Aabenraa gelingt das Ablegen unter Segeln ohne jegliche Improvisation, das Schiffchen tut genau, wie ich vorhergesehen habe. In Aarøsund stupse ich „Paula“ bei Sonnenaufgang aus der Box, ziehe in der leichten Morgenbrise die Segel hoch. Majestätisch gleitet sie aus dem Hafen. Im Sund kräuselt es sich ein wenig, die Wolken und ihr Spiegelbild sind eine farbenfrohe Pracht. Ab der Steilküste rasen wir mit sechs Knoten auf den Als Fjord zu. Mal wieder der Als Fjord - zum vierten Mal dieses Jahr fahre ich hier rein, immer nur von Norden.

Die Brücke in Sønderborg wird eine Punktlandung - in der Abdeckung des neuen Universitätsgebäudes lasse ich den Motor runter, um ihn pünktlich zur Brückenöffnung in der gewohnten Weise zu starten. Doch - noch nie dagewesen, verdammich! - er startet nicht. Dann unter Segeln durch die Brücke? Nicht in Sønderborg, wo Nachzüglern wie uns unmissverständlich der Laden dicht gemacht wird. Ich lege am Fischersteg an und sehe nach dem Außenborder. Ein paar Minuten Ruhe, Vollgas und kein Choke wirken Wunder - er startet souverän. Ich bin mehr als zufrieden mit der bisherigen Saison. Könnte daran liegen, dass wir in den Wochen mit drei, vier Starkwindtagen planmäßig zu Hause geblieben sind. Wann immer wir unterwegs waren, war es brilliant.

Juni 2016

Folkeboot-Segeln als Gruppenreise: Flottillentörns mit Begleitung
Ein neues Konzept: Folkebootsegeln als Gruppenreise, Dänische Südsee für vier Crews mit geringer Segelerfahrung. Zweimal fand es dieses Jahr statt, unter gegensätzlichen Voraussetzungen. Starkwind-Training (oder "Hardcore Sailing", wie eine Teilnehmerin hinterher schrieb) Mitte Juni, vierzehn Tage später dann ein traumhafter Sommertörn. Lest mehr über zwei großartige Reisen.

Flottillentörn 1 - 13.-19. Juni
Flottillentörn 2 - 27. Juni-3. Juli

Mai 2015
Folkeboot-Treffen 2015 - Ziel verpasst und doch übertroffen
Das Alter der teilnehmenden Schiffe addierte sich zwar "nur" auf 809 Jahre statt der erhofften 999, nachdem bei ruppigen Böen und vormittäglichen Schauern diverse Crews per Auto anreisten. Aber in Wirklichkeit war dieser Aufhänger der Veranstaltung pure Nebensache. Wer nicht da war, hat etwas verpasst!
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Mai 2015
Pfingsten

Kalt? Feucht? Pustig? Nun stellt Euch mal nicht so an - wegen diesem Klima ist das doch bei uns so schon grün!

Das Pfingstwochenende hatte ich mir definitiv anders vorgestellt: Mit Füße hochlegen und einer Runde Segeln mit Paula. Gerne hätte ich auch noch Blaubär beim Maststellen geholfen und den Kaffee auf Pondus in wirklicher Ruhe genossen. Es wurden wunderbare Tage mit Salty daraus...

Der Spaß begann Freitagabend mit einer kleinen Regatta. Martha wurde von der Vorhut ihrer Gäste von Schleswig nach Borgwedel überführt, wo die Kids ein Jollen-Training erwartete. Mit Salty und Sabine aus dem Hafen trat ich an gegen Vater und Sohn. Wie mogelten doppelt, segelten los, während die Anderen Marthas Motor nicht hochbekamen und den Trimm notgedrungen vernachlässigten. Dann ließen wir auch noch eine Tonne aus, deren Rundung wir vorher vereinbart hatten. Protest!!! Den Vater nahmen wir anschließend mit zurück nach Schleswig, damit er den Rest der Familie vom Bahnhof abholen konnte. Wir saßen zunächst auf Schiet, segelten uns heldenhaft frei und kreuzten wacker gegen den einschlafenden Westwind an, aber die Nachhut erreichte den geparkten PKW als Erste - wir setzten Papa in Fahrdorf ab und segelten Salty zu zweit durch die Dämmerung.

Am Samstag kamen zahlende Gäste mit immenser Erfahrung auf dicken Dickschiffen und Jollen, allerdings nur auf Bodensee und Mittelmeer. Die Schlei, die im "Yacht"-Artikel so hübsch beschrieben wurde, wirkte beim Blick in die Karte bedrohlich untief, und der Langkieler wirkte im ersten Moment unfassbar träge. Damit zu segeln trauten sie sich mal so überhaupt gar nicht zu.

Ich leistete ihnen also zwei Tage lang Gesellschaft, in deren Verlauf wir von Schleswig zur Giftbude und zurück nach Arnis segelten und keine Herausforderung ausließen. Unter Vollzeug durch die Brücke? Allen Anderen davonsegeln? Trotz Hochbetrieb ein enges Fahrwasser aufkreuzen? Salty spielte wunderbar mit, und mir blieb sogar noch Zeit für die Freunde: Winke-winke für die Lovis, Kaffee und Kuchen auf der durstig Wasser machenden Pondus, Würfelspiel auf Frieda, Begutachtung von Marthas Lackschäden, Klönschnack mit den diversen Schleswigern.
Salty und ich mussten all unser Können aufbieten, aber dann waren die Schwaben vom wilden Norden überzeugt. Und Paula bildete in all dem Chaos den ruhenden Pol, auf den ich mich zurückziehen konnte, wenn es mir zu viel wurde. Nun wird es aber höchste Zeit, dass auch sie sich wieder in den Ostseewellen austoben darf!

April 2015
Ansegeln
Der Überführungstörn - Salty und Oliese leisteten immer noch Paula Gesellschaft, mussten aber endlich mal nach Schleswig, und es stand auch eine Crew bereit, um mit beiden gleichzeitig loszusegeln - begann warm und sonnig bei einem schwachbrüstigen Nordost. Auf der Großen Breite verwöhnte er uns, dann schlief er ganz ein. Doch auf den letzten zwei Meilen wehte es uns mit W5 entgegen. Sportliches Kreuzen mit zwei Booten überforderte nach dem einschläfernden Gedümpel von vorher zwar meinen Rudergänger ein wenig ("Abfallen! Äh, nein, das andere Abfallehn. Naja, zu spät.), aber als wir dann in den Hafen gesegelt waren und festgemacht hatten, gab es nur noch strahlende Gesichter zu sehen. Gelungener Auftakt!


Neulich am Steg: Narziss und Graugans

Es begann recht unspektakulär damit, dass Jan ein Kundenschiff von gut fünfzig Fuß zu Wasser brachte, und dass dann der Motor nicht startete. Der Zossen nahm die ganze Kranpier ein, lag also gehörig im Weg und musste verholt werden. Also vergaß ich für den Moment die lange Liste dessen, was ich zu erledigen hatte, erinnerte mich meiner Pfadfindertugenden und sprang an Bord. Am Kopf von Steg 3 war Platz für unseren Schützling, dort lag nur "Service", eine ziemlich abgerockte Barkasse, die sie in Karschau nicht mehr haben wollten, so dass sie in Arnis vorübergehend eine Bleibe fand. Wir verholten zunächst von Pfahl zu Pfahl, später half der Wind, und endlich erreichten wir unser Ziel. "Ach du scheiße", sagte Jan, als er auf den Steg kletterte und sich zischend und fauchend ein Gänsepaar vor ihm aufplusterte. Die beiden waren mir schon die ganze Zeit aufgefallen, aber jetzt sah ich auch gleich den Grund ihrer Aufregung: Die Vorleine von "Service" war zu einem auf dem Steg liegenden Knäuel aufgeschossen, und die Vögel hatten das wohl für ein taugliches Nest gehalten - Fertigbauweise sozusagen. Geschützt von dickem Tauwerk lag dort auf dem Steg ein schönes Ei. Und sie ließen keinen Zweifel daran, dass wir dem nicht zu nahe kommen sollten. Sie tolerierten unser Machen und Tun unter der Bedingung eines ausreichend großen Bogens um das seltsame Nest.
Und mehr noch: Sie kamen offenbar bald zu dem Schluss, dass wir Menschen es gar nicht auf ihren Nachwuchs abgesehen hatten, und wandten sich wieder ihrer vorigen Tätigkeit zu: Schimpfend, zeternd, "hetzend" standen sie vor einem Fenster der "Service". Was gab es dort zu sehen? Nicht nur spiegelte das Fenster, sondern an einer Wand im Salon befand sich direkt davor tatsächlich ein Spiegel - und die Gänse verteidigten ihr Nest mit allen verfügbaren Drohgebärden gegen die hundsgemeinen Artgenossen, die sie dort zu erkennen glaubten.

Jan meinte, Graugänse brüteten zwanzig Tage. Diese allerdings schienen jung und unerfahren - sie brüteteten überhaupt nicht, sondern legten sich, ermattet von ihrem harten Kampf, bald in respektvollem Abstand zum Nest zu einer Mittagsruhe in die Sonne.

Stilgerecht: Frachttransport unter Segeln

Wie transportiert man ein Paket von 8,50m Länge von Stralsund an die Schlei? Ein Satz Fußrelings und Scheuerleisten, aus einem Stück gefertig von der Bootswerft Schaich, trafen gestern nachmittag in Kappeln ein - an Bord der "Petrine", einem See-Ewer von 1909. Für die letzte Meile bis Arnis übernahm Salty die Lieferung - sie wird die Teile im nächsten Winter montiert bekommen.

Das Anlegen am Seitenschwert des "Großen" bereitete Schwierigkeiten, wie sie typisch sind für Kappeln in der Heringssaison: Es war unmöglich, sich der Stadtpier zu nähern, ohne zumindest eine Angelschnur aufzusammeln. Ein paar Haken in den Festmachern, ein zappelnder Fisch im Cockpit, ein pöbelnder Angler, der nicht einsah, dass sein Angelteich in erster Linie ein Hafen ist - es ging einigermaßen glimpflich aus. Salty dankt der "Petrine" und der Werft, die diesen ungewöhnlichen Transport möglich machten.

Stand der Dinge

Wir liegen im Päckchen: Paula, Oliese, Salty sowie Snugga - vier Holzboote in drei Boxen, direkt an der Kranpier, von Jeder und Jedem sofort zu sehen, wie sie hingebungsvoll lackiert in der Sonne leuchten und glänzen. Drei Folkeboote und ein Knarrboot. Snugga gehört nicht mir, sondern Frank, und war schon im Winterlager unsere unkomplizierteste Nachbarin. Frank und ich haben heute ihren Mast gesetzt, wobei ich gelernt habe, dass das norwegische Knarrboot kurze Zeit nach dem Folke zur Welt kam: Ein bisschen schlanker und länger, damit auch in der Regel schneller (Paula ist letzte Saison einem weggesegelt), aber viele Details kamen mir beim Verholen ausgesprochen vertraut vor.

Das Päckchenliegen hat einen Grund und einen Vorteil. Der Grund besteht darin, dass Frank die Pinne vergessen hatte und Niels, der sie zum Kranen in den Hafen brachte, sie ohne Antrieb und Steuerung nicht allzuweit herumfahren konnte. Da war der Platz - Saltys ehemalige Box - gerade frei, weil meine drei Boote sich erwartungsvoll am Mastenkran tummelten, und ich habe dann beschlossen, dass wir gerne zusammenrücken. Der Vorteil besteht darin, dass ich von Boot zu Boot übersteigen kann, ohne den Umweg über den Steg zu nehmen. So kann Paula die Schäkel und den Akkuschrauber betreuen, Oliese das Tauwerk, Salty das Takelgarn, und trotz aller Störungen schaffe ich doch zumindest ein Minimum. Schrauben und Segel muss ich dann aber doch aus dem Auto holen, und auf dem langen Weg zum Parkplatz vergisst sich leicht der Anlass des Weges.

Nachteil des ungleichen Päckchens: Allein heute, bevor Frank eintraf, musste ich dreimal erklären, dass es keinen Flottenzuwachs gegeben hat, sondern dass Snugga jemand anderem gehört. Lässt sich aber verschmerzen.

Resultat von drei Tagen, an denen ich nicht geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe: Die Drei sind im Prinzip segelklar, der Frühjahrsputz steht noch aus. Salty und Oli müssen ja auch noch nach Schleswig überführt werden, aber jetzt ist erstmal Starkwind aus Südwest, da haben wir also ohnehin noch ein bisschen Zeit. Und Salty soll vorher noch ihre künftigen Scheuerleisten und Fußrelings in Kappeln abholen, die kommen aber auch erst morgen an. Paulas Motor zickt übel herum, die Drehzahl variiert zwischen Vollgas und Beinahe-Ausgehen, ohne dass jemand am Gasgriff dreht. An Zündkerze und Benzinfilter liegt es nicht, die sind neu. Ich warte jetzt mal darauf, dass eine zauberhafte Fee den Vergaser reinigt, und wenn das nicht geschieht, müssen wir eben segeln.

In Schleswig, ach ach, warten ja auch Frieda und Martha auf mich und darauf, dass ich die Tauchpumpen aus ihren endlich trockenen Bilgen entferne. Sie sind wunderbar: Nach anfänglicher Katastrophenstimmung entschlossen sie sich dann doch zu schwimmen. Martha benötigte kaum zwei Minuten bis die Flutbretter aufschwammen - gerade erst hatte ich sie in Position gelegt. Nach einer Nacht in den Gurten sah das schon erheblich besser aus, und wir konnten zum Liegeplatz verholen. Überrascht war ich nicht: Eine Halle mit großer Fensterfront, dazu ein trocken-warmer März, der dazu verleitete, die Nachmittagssonne durch offene Tore hereinzulassen, so dass sie auf mein wehrloses Schiffchen brannte. Doch wenn es zwischen sämtlichen Planken gleichmäßig hindurchplätschert, besteht kein Anlass zu Panik, sondern Geduld.


1. April 2015
Zu Wasser!
Oliese war die Erste, morgens kurz nach acht, noch bevor die ruppigen Böen einsetzten. Ich hatte mich schon halb damit abgefunden, die ganze Aktion sturmbedingt absagen zu müssen, aber es hat dann doch relativ reibungslos geklappt: Oliese, Paula und Salty schwimmen wieder. Einträchtig liegen sie nebeneinander und geben ein wirklich gelungenes Bild ab. Und ich darf endlich die dunkle Werfthalle gegen die frische Hafenluft eintauschen. Glühende Wangen und Bettschwere -  ein sehr angenehmes Gefühl. 

März 2015
Neulich am Steg im Pausenraum...


Naiv, dumm oder lustig? Meine Lieblingsanekdote aus dem Pausenraum in der Bootswerft Grödersby: Es ist schon etliche Jahre her, da stellte ihr Erzähler ein schönes Holzboot mit sanierungsbedürftigem Rumpf bei einem Freund unter in der Absicht, es zu reparieren, wenn Zeit dafür wäre. Bald sah er ein, dass es daran - der nötigen Zeit - hapern würde, und bot das gute Stück zum Verkauf an. Schnell meldete sich ein Interessent, der ohne Zögern das Boot kaufte.

Er überhörte und übersah wohl geflissentlich die Tatsache, dass es sich eher um ein Bastelobjekt handelte, und beschloss, das Unterwasserschiff an Ort und Stelle schnell mal mit GFK überzulaminieren.  Zwar war da wenig bootsbauerische Erfahrung vorhanden, doch das sei kein Problem: "Bei mir ist so: Ich bin technisch sehr versiert", bekundete der Mann selbstbewusst. Der Besitzer der Halle sah mitten in der Nacht, dass noch Licht brannte. Besorgt sah er nach dem Rechten - und fand den Bootskäufer auf dem Trailer sitzend, von Kopf bis Fuß mit Epoxi bekleckert und mit beiden Händen eine Glasfasermatte in Position haltend. Das konnte nicht verhindern, dass eine andere Matte ins Rutschen kam, wie ein Streifen Tapete von der Beplankung glitt und dem hilflosen Männchen ins Genick klatschte.

Die Laminieraktion kam dann doch noch zu einem Ende, und es wurde Zeit für den Transport ins Heim des neuen Eigners. Dem Verkäufer stand dafür ein enges Zeitfenster zur Verfügung: Die Frau des Käufers wollte das Boot ausdrücklich nicht haben, war jedoch für ein paar Tage verreist, und in dieser Phase musste das gute Stück in jenen Vorgarten im Raum Itzehoe gebracht werden. Unser Held hatte bewährte Ideen auf Lager, wie mit einfachen und kostengünstigen Mitteln Boot und Ballast zuverlässig von den jeweiligen Trailern gehievt werden konnten, doch er kam nicht dazu, sie zu äußern. Er sei technisch sehr versiert, behauptete der Kunde weiterhin. Und ja: Einen Kettenzug besitze er auch, es müsse keiner mitgebracht werden.

Als sein Boot im Vorgarten eintraf, befand er sich gerade im Baumarkt, um Teile für eine Hebekonstruktion zu besorgen. Der Lieferant und sein Helfer nutzten die Zeit, das ganze herumliegende Brennholz aus der Einfahrt zu schaffen, um so immerhin aufs Grundstück zu gelangen. Schließlich war alles so weit fertig vorbereitet, nur der Kettenzug noch nicht gefunden. Der Helfer warf einen Blick durchs Fenster und schüttelte erstaunt den Kopf: "Jetzt sucht er in der Wohnstube!"

Letzten Endes wurde dann doch der wohlweißlich mitgebrachte Kettenzug benutzt - wenn sich einer als "technisch sehr versiert" bezeichnet, schrillen bei einem Praktiker sämtliche Alarmglocken. Schließlich lag die Lieferung auf dem Rasen. Zwei Jahre später kam der Vorbesitzer zufällig noch einmal an dem Grundstück vorbei - Boot und Ballast lagen noch dort, wie sie damals abgeladen wurden, nur waren sie inzwischen ein wenig zugewachsen. Inzwischen sind weitere Jahre vergangen, und in der Frühstückspause war sich ein Kunde, der aus dem Raum Itzehoe kommt, absolut sicher, das Boot und das Grundstück zu kennen. Er konnte genau die Anordnung von Haus, Garage und zugewucherten Bootsteilen beschreiben.

Was soll man zu solchem Unfug sagen? Wir stellten uns die Reaktion der Ehefrau vor, die von ihrer Reise zurückkehrte und das Boot im Vorgarten sah, dessen Erwerb sie - aus berechtigten Gründen, wie wir jetzt wissen - entschieden abgelehnt hatte. Wir waren uns einig: Bestimmt hatte sie ihren Gatten sofort hinausgeworfen, nicht ohne ihm hinterherzuschreien:

"Und nimm deinen Scheiß-Kettenzug mit!"

Das allerdings ist Spekulation...



Im Winterquartier (immer noch)


Der ganz normale Wahnsinn: Draußen zehn Grad, in der Halle fröstelig. Morgens bin ich gedanklich die Schlei auf und ab gesegelt und habe dennoch den Weg zum Klo gefunden. Dann die letzte Schicht Klarlack auf Paula, Salty und drei Masten, nebenbei auch noch die beiden Unterwasserschiffe gemalt. Zwischendurch dachte ich, die ausgiebigen Kaffee- und Klönschnackpausen könnten sich rächen, aber um achtzehn Uhr war alles erledigt.

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Oktober 2014

Würdiger Saisonabschluss

Eben war ich traurig. Richtig traurig. Und das kam so:  Das trockene Wetter nutzend habe ich Salty komplett ausgeräumt: Segel, Ausrüstung, Kojen, Backskisten, alles. Nur noch den Mast legen, und das Winterlager kann kommen - sie freut sich wahnsinnig darauf. Der Plan war, heute Abend noch die letzte Fuhre nach Hause, d.h. in die Wohnung, zu bringen und dort zu schlafen. Morgen soll Schietwetter kommen, und die nächste Baustelle heißt Martha und erwartet mich in Schleswig. Es war noch Platz im Auto, also habe ich ganz pragmatisch damit begonnen, auch Paula leer zu räumen. Tunlichst nur die Sachen, die wir nach dem letzten Segeltag nicht mehr benötigen. Um dann ziemlich schnell und heftig zu merken..

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Tag am Meer

Samstag 3. Oktober 2014, sieben Uhr morgens: Der Wecker nervt. Ich brauche einen grummeligen Augenblick, bis mir klar wird, dass heute ein großartiger Tag wird, auf den ich mich freuen darf.  Bericht von einem gewöhnlichen Hafentag

Neulich am Steg...
Einem in der Nähe anlegenden Schiff die Vorleinen anzunehmen, ist mindestens eine freundliche Geste. Bei widrigen Bedingungen weit mehr als das. In der WSG läuft es eigentlich vorbildlich, beinahe immer steht jemand bereit. Neulich lief zuerst einer vorbei, dann ein zweiter und dritter - da hab ich doch mal was gesagt. Und zwar: "Genau! Haut alle ab! Bloß keine Leinen annehmen!" Die schienen aber nicht zu verstehen, was ich meine.  

Nun kommen Paula und ich ja dank passend belegter Achterleinen recht zuverlässig in unsere kleine Box. Letzte Woche verlief es mit dem letzten Schluck des einschlafenden Windes sanft und lautlos. Ich bin dann gleich rüber zu Friedas Chartergästen, die mich zu einem Bier einluden. Sie erkundigten sich nach unserem Liegeplatz, ich sagte nur: "Da drüben seht Ihr so ein Großsegel." Auf dem Rückweg zu Paula überlegte ich kurz, das so zu lassen fürs nächste Mal.

Dann erzählte mir jemand eine Begebenheit, bei der er beim Leinenannehmen staunen musste. Auf die Vorleine war ein Auge geknotet, es störte beim Belegen, also begann er den Palstek zu öffnen. Entsetzen an Bord: "Nicht! Das ist unser letzter!"




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